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Medizin
05. Mai 2021

ESMO Breast Cancer 2021: Brustkrebs – Personalisierung der Nachsorge

Da dank Früherkennung und Behandlung in den meisten europäischen Ländern mehr als 70% der Frauen mit Brustkrebs mind. 10 Jahre nach der Diagnose überleben (1), ist die Lebensqualität nach der Krebserkrankung zu einem wichtigen Aspekt der „Patientenreise“ geworden – ein Aspekt, der mit den derzeitigen Standards der Nachsorge vermutlich unzureichend berücksichtigt wird. Eine Studie, die auf dem ESMO Breast Cancer 2021 Virtual Congress vorgestellt wurde, hat gezeigt, dass sich die Überlebenden von Brustkrebs hinsichtlich der Belastung durch Symptome, die sie nach dem Ende der Behandlung erleben, stark unterscheiden. SIe zeigt den ungedeckten Bedarf an maßgeschneiderten Ansätzen für die Nachsorge auf (2).
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Die Hauptautorin Kelly de Ligt, Niederländisches Krebsinstitut, Amsterdam: "Die Nachsorgeprogramme sind in jedem Land anders. In den Niederlanden zum Beispiel haben Überlebende von Brustkrebs einen jährlichen Besuch bei ihrem behandelnden Arzt für eine Nachbeobachtungszeit von 5 Jahren, bzw. 10 Jahren, wenn sie jung sind. Frühere Studien hatten Nebenwirkungen, die nach dem Ende der Behandlung auftraten, als unabhängige Punkte bewertet, aber in der Realität erleben Überlebende meist mehrere Symptome, die sich addieren und ihr tägliches Leben stark belasten können. Wir wollten die Gesamtbelastung ihrer gesundheitsbezogenen Lebensqualität messen und sehen, ob sich irgendwelche Muster abzeichnen, die uns besser darüber informieren, welche Personen ein aktives Symptommanagement benötigen."

Aus dem niederländischen Krebsregister, das umfassende Informationen über Diagnose und Behandlung aller Krebspatienten in den Niederlanden enthält, wurden Frauen, die mit oder ohne adjuvante Behandlung für Brustkrebs der Stadien I bis III operativ behandelt worden waren, zwischen einem und 5 Jahren nach der Diagnose ausgewählt. Insgesamt wurden 404 teilnehmende Überlebende zu ihrer erlebten Belastung durch Müdigkeit, Übelkeit, Schmerzen, Kurzatmigkeit, Schlaflosigkeit, Appetit, Verstopfung, Durchfall sowie emotionale und kognitive Symptome befragt.

Geringe, mittlere und hohe Symptombelastung

Die Analyse ihrer Antworten ermöglichte die Identifizierung von 3 Hauptuntergruppen von Brustkrebs-Überlebenden, die jeweils eine geringe, mittlere und hohe Symptombelastung aufweisen. "In der Gruppe mit geringer Belastung, zu der fast ein Drittel der Patientinnen gehörte, waren die Frauen weniger betroffen als im Durchschnitt einer repräsentativen Stichprobe von 1.300 Frauen der Allgemeinbevölkerung in den Niederlanden, die den gleichen Fragebogen ausgefüllt hatten", führte de Ligt aus. "Ich war angenehm überrascht, dass es so vielen Überlebenden genauso gut oder sogar besser ging als der niederländischen Durchschnittsfrau." Weitere 55% der Studienteilnehmer wurden in die Untergruppe mit mittlerer Belastung eingestuft, die ähnliche Ergebnisse wie die Allgemeinbevölkerung hatte, obwohl ihre Werte für Müdigkeit, Schlaflosigkeit und kognitive Symptome etwas schlechter waren.

Hohe Belastung: bei allen Symptomen schlechtere Werte als die Allgemeinbevölkerung

In der Untergruppe mit hoher Belastung zeigte sich de Ligt dagegen alarmiert über die beobachteten Ergebnisse: "Dies war die kleinste Gruppe, nur 15% unserer Population, aber dennoch hatte eine von 6 Frauen in unserer Studie bei allen Symptomen schlechtere Werte als die Allgemeinbevölkerung - und die Unterschiede, die zwischen 15 und 20 Prozentpunkten lagen, waren groß genug, um nicht nur als statistisch signifikant, sondern auch als klinisch relevant zu gelten", erklärte sie. Laut de Ligt bestätigen diese Ergebnisse die Notwendigkeit von personalisierten Ansätzen für die Nachsorge von Krebspatienten, von denen einige auch noch 5 Jahre nach der Diagnose besondere Aufmerksamkeit benötigen.

Die Studienergebnisse zeigten außerdem, dass Patienten mit Komorbiditäten wie Herzerkrankungen und Diabetes eher eine hohe Symptombelastung aufwiesen. "Diese Assoziation war in unserer Analyse so stark, dass wir nicht in der Lage waren, den Grad der von den Patienten angegebenen Symptombelastung mit der Art der Therapie, die sie erhalten hatten, zu verknüpfen. Da wir in der Studie jedoch die Symptombelastung und die Komorbiditäten gleichzeitig gemessen haben, können wir aus diesen Ergebnissen allein keine Schlüsse ziehen", so de Ligt weiter. "Zukünftige Forschungen sollten versuchen, die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Patientinnen durch Patient Reported Outcome Measures (PROMs) vor Beginn der Behandlung von Brustkrebs und danach zu messen, damit wir den Effekt der Therapie messen können."

Nadia Harbeck, LMU Universitätsklinikum München, Deutschland, die nicht an der Studie beteiligt war, kommentiert: "Als Klinikerin war ich überrascht, dass die Analyse keine Assoziationen zwischen den Behandlungen, die die Patientinnen erhalten hatten, und der belastungsbezogenen Untergruppe, zu der sie gehörten, aufzeigte. Denn ich würde denken, dass jede Therapie, die wir verabreichen – zum Beispiel nur eine Operation plus Strahlentherapie im Vergleich zu einer umfangreichen systemischen Behandlung sowohl vor als auch nach der OP – einen Einfluss auf die Symptombelastung hat, die die Patientinnen während des 5-jährigen Nachbeobachtungszeitraums erfahren. Das Sammeln von Daten einer größeren Gruppe von Frauen könnte uns helfen, mehr Erkenntnisse zu gewinnen, und es wäre interessant, diese Studie in anderen Ländern zu reproduzieren, um festzustellen, ob es auch kulturelle und soziale Faktoren gibt, die die Antworten der Patienten beeinflussen. Meiner Erfahrung nach könnten einige Patientinnen auf die vierteljährlichen Besuche bei ihrem ambulanten Arzt, die in Deutschland zum Standardprotokoll der Nachsorge gehören, verzichten, während andere diese regelmäßige Interaktion mit einem Arzt benötigen. Es ist anfangs nicht immer leicht, zwischen ihnen zu unterscheiden, denn wenn ich meine Patienten direkt nach der Behandlung sehe, sind sie so sehr damit beschäftigt, in ihr normales Leben zurückzukehren, dass ein Großteil der körperlichen und emotionalen Belastung, die sie empfinden, noch nicht da ist oder verdrängt wird. Außerdem sind manche Patienten nicht von Natur aus kommunikativ, was ihre persönlichen Erfahrungen mit der Krankheit angeht. Diese neuen Daten zeigen, dass wir, wenn wir die Bedürfnisse der Frauen in dieser Hinsicht in den verschiedenen Stadien ihrer Nachsorge gezielt erfassen würden, die Betreuung nicht nur an ihr Rezidivrisiko, sondern auch an ihren körperlichen und seelischen Zustand im Laufe der Zeit anpassen könnten. Die Gynäkologen, Hausärzte und Krankenschwestern, die uns bei der Nachsorge unterstützen, sollten für diese Erkenntnisse sensibilisiert werden."

Nur 25% der Rezidive bei geplanten Nachsorgeterminen entdeckt

Die wichtige Rolle der ambulanten Leistungserbringer in der Nachsorge von Brustkrebspatientinnen wird durch eine andere Studie bestätigt, die ergab, dass unter 621 Brustkrebspatientinnen, die zwischen 2003 und 2013 am Universitätskrankenhaus Oulu in Finnland behandelt wurden, nur eine Minderheit (25%) der Rezidive bei den vorgeplanten Kontrollbesuchen entdeckt wurde (3) Mehr als die Hälfte der 95 Fälle eines Rezidivs wurden als Folge davon identifiziert, dass die Patientinnen ihren Arzt wegen eines neu aufgetretenen Symptoms, meist Schmerzen, kontaktierten.  "Es ist wichtig, die Botschaft an die Patientinnen zu verstärken, dass sie, wenn sie etwas Ungewöhnliches fühlen, dies unverzüglich einem Arzt gegenüber erwähnen sollten, zusammen mit der Information, dass sie eine Brustkrebsüberlebende sind, um sicherzustellen, dass ein Zusammenhang mit dem Krebs nicht übersehen wird - vor allem, wenn seit der ersten Diagnose viel Zeit vergangen ist", betonte Harbeck. "Da die Krebstherapien effektiver geworden sind, hat sich das Muster der Metastasierung im Laufe der Jahre verändert und kann jedes Organ betreffen, so dass es nicht nur ein Hauptsymptom oder einen Körperbereich gibt, auf den man achten muss. Die Patienten müssen daher gut informiert sein und das Gefühl haben, dass sie sich bei Bedarf auch außerhalb der geplanten Sprechstunden an ihren Arzt wenden können."

Quelle: ESMO Breast Cancer 2021

Literatur:

(1) F. Cardoso, S. Kyriakides, S. Ohno et al. Early Breast Cancer: ESMO Clinical Practice Guidelines.
(2) Abstract 134P_PR ‘Towards tailored follow-up care for breast cancer survivors: cluster analyses based on symptom burden’ will be available as e-Poster from Wednesday 5 May at 09:00 CEST. Annals of Oncology, Volume 32, Supplement 2, May 2021
(3)  Abstract 140P ‘How breast cancer recurrences are found? - a real-world, prospective cohort study’ will be available as e-Poster from Wednesday 5 May at 09:00 CEST. Annals of Oncology, Volume 32, Supplement 2, May 2021


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