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JOURNAL ONKOLOGIE – NEWS
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04. Mai 2016

Highlights zur onkologischen Therapie und Supportivtherapie: Antiemese, leptomeningeale Metastasen und neuroendokrine Tumoren

Praxisrelevante Neuigkeiten zu einem zentralen Bestandteil der onkologischen Supportivtherapie, der Antiemese, erläuterte Prof. Petra Feyer, Berlin. Sie stellte die wichtigsten Neuerungen der gemeinsamen Antiemese-Leitlinien von MASCC und ESMO vor, die im März 2016 publiziert worden waren (1): Dazu gehört, dass die moderat emetogene Substanz Carboplatin eine Sonderstellung erhält und einer Dreifachantiemese unter Einschluss eines NK1-Rezeptorantagonisten bedarf. Eine leitliniengerechte Antiemese kann z.B. mit dem intravenösen NK1-Rezeptorantagonisten Fosaprepitant (IVEMEND®) in Kombination mit einem 5-HT3-Rezeptorantagonisten und Dexamethason erfolgen. An den Folgetagen ist dann keine weitere Antiemese mehr erforderlich. Ein Update zur Diagnostik und Therapie leptomeningealer Metastasen (LM) gab PD Dr. Agnieszka Korfel, Berlin.
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Die Diagnostik dieser seltenen, aber zumeist aggressiv verlaufenden und lebensbedrohlichen Komplikation fortgeschrittener solider oder hämatologischer Malignome erfolgt anhand der Klinik, eines kontrastmittelgestützten MRT und der Liquoruntersuchung. Ein neu entwickelter diagnostischer Index soll zukünftig die Diagnose im klinischen Alltag erleichtern. Die Behandlung von LM stützt sich auf intrathekale Therapie – von Vorteil kann hier ein Zytostatikum mit langer Halbwertszeit wie das liposomale Cytarabin (DepoCyte®) sein –, systemische Therapie mit vorzugsweise liquorgängigen Zytostatika und ggf. eine lokale Bestrahlung. Einen aktuellen Überblick über die Behandlung von neuroendokrinen Neoplasien (NEN) des Gastrointestinaltraktes und der Lunge gab Prof. Dr. Thomas Knösel, München. Diese seltenen Erkrankungen werden anhand ihrer Morphologie, Histologie und durch Bestimmung der Wachstumsfraktion klassifiziert. Gut differenzierte Tumoren mit moderatem Ki-67-Proliferationsindex profitieren meist nicht von einer aggressiven platinbasierten Chemotherapie, sondern von zielgerichteten Therapien wie einer mTOR–Inhibition, etwa mit Everolimus (Afinitor®). Während Everolimus bei NEN des Gastrointestinaltraktes zu den Standardtherapien gehört, zeigen aktuelle Studiendaten erstmals auch eine Wirksamkeit bei gut differenzierten NEN der Lunge.

Antiemese im klinischen Alltag häufig suboptimal

Chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen (CINV) wird durch die Stimulation peripherer und zentraler Signalwege ausgelöst. „Dass eine antiemetische Kombinationstherapie, die sowohl die durch Serotonin in der akuten Phase als auch die durch Substanz P in der verzögerten Phase vermittelten Prozesse blockiert, sinnvoll ist, liegt auf der Hand“, erklärte Feyer. „Die Theorie ist also bekannt, jedoch stellt sich dann die Frage: Warum läuft es in der Praxis nicht?“ Insbesondere das Auftreten von verzögerter CINV (24-120 h nach Chemotherapie) werde häufig unterschätzt. So erwarteten in einer Studie Pflegekräfte und Ärzte, dass bei Nicht-Cisplatin-haltiger hoch emetogener Chemotherapie (HEC) das Erbrechen in der verzögerten Phase mit Granisetron und Dexamethason bei 91% der Patienten zu verhindern sei. Tatsächlich war dies aber nur bei 60% der Patienten der Fall. Auch bei moderat emetogener Chemotherapie (MEC) wurde die durch Granisetron plus Dexamethason erzielte Kontrolle überschätzt und verzögert auftretendes Erbrechen unterschätzt (2). Zu den ärztlichen Vorbehalten, die eine ausreichende Antiemese verhindern können, zählt u.a. die Sorge um mögliche Nebenwirkungen der Antiemetika. Diese sei aber unbegründet, so Feyer. „Potenzielle Nebenwirkungen können kein Grund sein, die Antiemese zu unterlassen“. Die typischen Symptome Kopfschmerzen und Obstipation seien selten und nur leicht ausgeprägt und außerdem gut zu kontrollieren. Die Patienten selbst möchten oft möglichst wenige verschiedene Medikamente einnehmen und nicht zur Last fallen (3). Studienergebnisse zeigen jedoch, dass Patienten, die eine an den Leitlinien internationaler Fachgesellschaften orientierte antiemetische Prophylaxe erhalten, signifikant besser vor CINV geschützt sind (4, 5).

MASCC-Leitlinien 2016 erhöhen Stellenwert der Dreifachantiemese mit NK1-RA

Evidenzbasierte Leitlinien wie die der Multinational Association of Supportive Care in Cancer (MASCC) unterliegen einem kontinuierlichen Aktualisierungsprozess. Im März 2016 hat die MASCC ein Update ihrer in Zusammenarbeit mit der European Society for Medical Oncology (ESMO) erstellten Antiemese-Leitlinien veröffentlicht. „Expertengruppen zu 10 verschiedenen Teilgebieten der Antiemese haben die verfügbare Literatur gescreent und schließlich Schlüsselempfehlungen erarbeitet, wobei der Konsensprozess nicht immer einfach war“, berichtete Feyer, die als Vorsitzende des Arbeitskreises „Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation und Sozialmedizin“ (ASORS) innerhalb der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) selbst an der Antiemese-Leitlinien-Konferenz von MASCC und ESMO in Kopenhagen teilgenommen hatte. Eine wesentliche Änderung in den neuen Leitlinien ist die Empfehlung der Dreifachantiemese unter Einschluss eines NK1-Rezeptorantagonisten (NK1-RA) nicht nur bei HEC, sondern auch an Tag 1 einer Chemotherapie mit dem moderat emetogenen Carboplatin, das damit eine Sonderstellung innerhalb der MEC erhält. „Eine solche Zwischenstufe stellten früher Anthrazyklin/Cyclophosphamid (AC)-basierte Chemotherapien dar. Jetzt wird die AC-Chemotherapie bei Mammakarzinompatientinnen eindeutig als HEC klassifiziert. Sie bedürfen damit natürlich an Tag 1 einer Dreifachantiemese“, erklärte Feyer.

Die Empfehlungen zur Prävention der verzögerten CINV seien allerdings etwas unübersichtlich: Wurde an Tag 1 einer HEC der intravenöse NK1-RA Fosaprepitant zusammen mit einem 5-HT3-RA und Dexamethason oder Netupitant/Palonosetron (NEPA) und Dexamethason verabreicht, so muss an den Tagen 2 bis 4 nur noch das Kortikosteroid gegeben werden. Bei Verwendung von oralem Aprepitant plus 5-HT3-RA und Dexamethason gibt man an den Tagen 2 und 3 Aprepitant dazu. Bei AC-basierter HEC und bei Carboplatin empfehlen die MASCC-Leitlinien bei Verwendung einer Dreifachantiemese mit Fosaprepitant oder NEPA an Tag 1 keine weitere Prophylaxe in der verzögerten Phase. Bei Verwendung von Aprepitant sollte bei AC-Chemotherapie Aprepitant (Tag 2-3) oder Dexamethason (Tag 2-4) eingesetzt werden, bei Carboplatin nur Aprepitant (Tag 2-3). „Die Empfehlung keiner weiteren Prophylaxe an den Folgetagen möchte ich persönlich aber mit einem Fragezeichen versehen“, kommentierte Feyer die neuen Leitlinien. Eine Dreifachantiemese mit dem NK1-RA Aprepitant (Emend®) wird von den neuen MASCC/ESMO Leitlinien für die Prävention der akuten CINV bei Cisplatin-basierten Mehrtageschemotherapien und bei Hochdosischemotherapien vor einer Stammzelltransplantation empfohlen. Desweiteren empfehlen MASCC/ESMO die Dreifachantiemese mit Aprepitant bei Kindern, die eine HEC erhalten. Ist Dexamethason kontraindiziert, sollen Ondansetron oder Granisetron plus Aprepitant gegeben werden.

Studien belegen Vorteil für Antiemese mit NK1-RA bei Carboplatin

Als Rationale für die Leitlinienänderung bei Carboplatin-haltigen Regimen diente eine Reihe von Studien, die einen klinischen Vorteil von mindestens 10% für die Dreifachantiemese mit einem NK1-RA bei Carboplatin-haltiger Chemotherapie gezeigt hatten. Bei der Änderung der Leitlinie noch nicht berücksichtigt wurden jedoch die Ergebnisse einer weiteren, im Januar 2016 publizierten Arbeit, die signifikante Vorteile für die Dreifachantiemese mit Fosaprepitant bei MEC (53% Carboplatin-basiert) zeigte (6): Der Unterschied beim kompletten Ansprechen betrug in der verzögerten Phase und im gesamten Risikozeitraum über 10% (jeweils p<0,001). Signifikant mehr mit der Dreifachantiemese behandelte Patienten verspürten keine oder nur eine minimale Beeinträchtigung ihres Alltags durch CINV (p=0,043). Auch die Übelkeit war signifikant reduziert (p=0,026) „Zusammenfassend kann man sagen, dass die Lebensqualität im Fosaprepitant-Arm deutlich besser war. Dies ist sicherlich auch auf die bessere Kontrolle der Übelkeit zurückzuführen, die oft als deutlich quälender empfunden wird als das Erbrechen“, kommentierte Feyer.

Nicht nur Behandler und Ärzte profitieren von einer leitliniengerechten, evidenzbasierten onkologischen Versorgung. Pharmaökonomische Studien haben mittlerweile gezeigt, dass eine effektive Antiemese kosteneffizient ist und Folgekosten vermindert (7). „Eine leitliniengerechte und damit evidenzbasierte Antiemese verhindert nicht nur Therapieverminderungen und erhöht Zufriedenheit und Vertrauen der Patienten. Sie ist auch kostengünstiger als die Folgen einer unterlassenen Antiemese zu tragen“, fasste Feyer zusammen.

Leptomeningeale Metastasen - diagnostische und therapeutische Herausforderung

Leptomeningeale Metastasen (LM) sind die Folge einer metastatischen Ausbreitung von Tumorzellen im Subarachnoidalraum und treten oft assoziiert mit einer Hirnmetastasierung auf, erklärte PD Dr. Agnieszka Korfel, Berlin. Diese seltenen Erkrankungen werden insbesondere bei Patienten mit fortgeschrittenem malignem Melanom, Lungenkarzinom und Mammakarzinom diagnostiziert, ferner bei bis zu 5% der Patienten mit malignen Lymphomen und, noch seltener, mit akuten Leukämien. Wie Korfel betonte, geht eine Meningeosis für Patienten zumeist mit einer schlechten Prognose und damit einer sehr begrenzten Überlebenszeit einher, assoziiert mit einer eingeschränkten Lebensqualität. Das mediane Überleben von Meningeosis-Patienten mit soliden Tumoren betrage nur wenige Monate, etwas länger bei hämatologischen Neoplasien. Das primäre Ziel einer LM-Therapie bestehe darin, das Leben der Patienten zu verlängern – allerdings nur in Kombination mit einer guten Lebensqualität.

Diagnostik ruht auf mehreren Säulen

Als wesentliche Säulen der LM-Diagnostik bezeichnete Korfel die Klinik, die Liquoruntersuchung/Durchflusszytometrie sowie das MRT. Die Diagnose sollte möglichst schnell gestellt werden, um fixierte neurologische Ausfälle zu vermeiden. Klinisch kann sich eine Meningeosis durch eine Vielzahl von Symptomen und Zeichen manifestieren, wie Kopfschmerzen, Wesensänderungen, Übelkeit, Hirnnervenausfälle (Doppelbilder, Hörminderung, Gesichtslähmung, usw.), polyradikuläre Symptome und Rückenschmerzen, doch können diese Symptome auch bei soliden ZNS-Metastasen oder auch anderen Erkrankungen wie z.B. infektiösen oder chemischen Meningitiden, granulomatösen Erkrankungen oder subarachnoidalen Blutungen auftreten. Spezifische Symptome, die eine Differenzierung zwischen LM und diesen Erkrankungen erlauben, gebe es nicht. Besteht ein Verdacht auf eine Meningeosis, sollte eine Liquorpunktion erfolgen und der Liquor rasch (innerhalb von maximal 2 Stunden) zytologisch analysiert werden. Finden sich Tumorzellen im Liquor, ist die Diagnose von LM gesichert, doch gelingt der Nachweis nicht immer. Da es verschiedene Formen des meningealen Befalls gibt – diffus fluide, adhärent und solide –, haben Patienten mit LM nicht notwendigerweise Tumorzellen im Liquor. „Die Liquorzytologie ist immer noch der Standard, aber leider ein schlechter“, konstatierte Korfel. Die Sensitivität betrage nur 50-60 %, könne aber durch eine zweite Punktion auf bis zu 80% gesteigert werden. Auch die Sensitivität eines MRT mit Kontrastmittel sei zumindest bei Lymphom-bedingten LM begrenzt und liege nur bei 40 %, bei Patienten mit soliden Tumoren und Meningeosis sei sie dagegen doppelt so hoch. Wichtig sei, dass das MRT immer vor der Lumbalpunktion erfolge, da ansonsten die Ergebnisse verfälscht werden könnten.
Um die Diagnose von LM im klinischen Alltag zu erleichtern, haben europäische Wissenschaftler im September 2015 im Rahmen einer Experten Paneldiskussion in Frankfurt einen diagnostischen Index erarbeitet, bei dem für die Parameter Klinik, MRT und Liquor Punkte vergeben werden. Aus der Gesamtpunktzahl ergibt sich die Wahrscheinlichkeit für das Vorliegen einer Meningeosis mit entsprechenden therapeutischen Konsequenzen. Wie Korfel, die selbst an der Paneldiskussion beteiligt war, berichtete, ist eine Publikation zum diagnostischen Index in Vorbereitung.

Therapie: Kombination aus systemischer und intrathekaler Behandlung ideal

Bei der Therapie von Patienten mit LM kommt es laut Korfel entscheidend darauf an, alle Kompartimente des Organismus zu berücksichtigen, den systemischen Befall ebenso wie den ZNS Befall, letzteren wiederum differenziert in parenchymatösen und meningealen Befall. Korfel: „Therapien, die alle Kompartimente erfassen, haben einen hohen Stellenwert, denn nur solche können sich lebensverlängernd auswirken. Das meningeale Kompartiment ist nur ein Teil des Ganzen“.

Bei soliden Tumoren solle eine systemische Chemotherapie erwogen werden, wobei allerdings nur wenige Zytostatika wie Hochdosis Methotrexat (HDMTX), Hochdosis Cytarabin (HDAraC), Ifosfamid, Temozolomid, Thiotepa oder Etoposid überhaupt in der Lage seien, aus dem Blut in Liquor und Gehirnparenchym zu penetrieren. Bei Vorliegen eines leptomeningealen Bulks mit Druck-/Verdrängungssymptomatik sollte eine fokale Strahlentherapie bedacht werden. Die systemische Therapie kann durch eine intrathekale Therapie ergänzt werden, entweder klassisch mittels eines lumbalen Zugangs oder alternativ mittels eines ventrikulären Zugangs. Bei der intrathekalen Therapie haben sich laut Korfel Zytostatika mit einer langen Halbwertszeit wie liposomales Cytarabin (DepoCyte®) bewährt, weil diese in der Lage sind, Regionen des leptomeningealen Kompartimentes zu erreichen, die kurz wirksamen Wirkstoffen wegen LM-bedingter Liquorzirkulationsstörungen nicht zugänglich sind. Zudem brauche liposomales Cytarabin nur alle zwei Wochen injiziert zu werden, was für die Patienten eine deutliche Entlastung und einen Gewinn an Lebensqualität bedeute. Korfel wies darauf hin, dass die intrathekale Therapie allein eine rein symptomatische palliative Behandlung darstelle ohne Wirksamkeitsunterschiede zwischen einzelnen Substanzen. Allein für liposomales Cytarabin habe sich in einer kleinen randomisierten Studie bei Patienten mit Meningeosis lymphatica ein besseres Ansprechen und ein Trend hin zu einem längeren Überleben gezeigt (8).

Bei hämatologischen Neoplasien, vor allem Lymphomen, empfiehlt die Expertin eine intensive systemische ZNS-gängige Chemotherapie (idealerweise unter Einschluss einer Hochdosischemotherapie mit Stammzelltransplantation), ergänzt durch eine intrathekale Therapie. Korfel: „Eine solche Behandlung ist aus meiner Sicht der Standard, denn damit können fast 50% der Patienten in eine Langzeitremission kommen (9).

Korfel betonte zum Abschluss ihres Vortrags, wie wichtig es sei, klinische Daten zu LM zu generieren, mit dem Ziel, diese seltenen Erkrankungen besser zu verstehen und besser behandeln zu können. In Deutschland können aktuell Patienten in z.T. prospektive Register aufgenommen werden. An Korfels Klinik, der Medizinischen Klinik m. S. Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie der Universitätsmedizin Berlin der Charité Berlin, besteht ein prospektives Register für Patienten mit indolenten oder aggressiven Non-Hodgkin-Lymphomen und ZNS-Befall bei Erstdiagnose oder im Rezidiv. 170 Patienten aus Deutschland, der Schweiz und Israel wurden bereits erfasst. Die bisher vorliegenden Daten belegen, dass ein meningealer Gehirnbefall mit einer wesentlich schlechteren Prognose einhergeht als ein rein parenchymatöser. Weitere klinische Register existieren an der Frauenklinik des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf zum Mammakarzinom mit ZNS-Befall (Prof. Volkmar Müller) sowie an der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums Marburg zur Meningeosis neoplastica (Prof. Herwig Strik).

Neuroendokrine Neoplasien: Therapie wird immer tumorspezifischer

Der Vortrag von Prof. Dr. Thomas Knösel, München, widmete sich vor allem den neuroendokrinen Tumoren (NET) des gastroenteropankreatischen Systems und der Lunge. Dabei ging es vor allem um die Bedeutung prädiktiver molekularer Untersuchungen für die Therapie dieser Tumoren. Hierzu waren bei der 13. Jahrestagung der European Neuroendocrine Tumor Society (ENETS), die im März in Barcelona stattgefunden hatte, neue Daten präsentiert worden, die Knösel nun den Fachjournalisten vorstellte. Dabei fokussierte Knösel vor allem auf die Bedeutung einer exakten Klassifizierung von NET des Gastrointestinaltraktes und der Lunge sowie neue Behandlungsmöglichkeiten gut differenzierter Lungen-NET mit dem m-TOR-Inhibitor Everolimus.

Neuroendokrine Tumoren sind eine seltene Entität, die aus dem diffusen neuroendokrinen System entstehen und eine Herausforderung für alle beteiligten Fachdisziplinen darstellen. Sie wurden erstmals 1907 von dem Münchener Pathologen Siegfried Oberndorfer beschrieben, der diese Tumoren, die sich morphologisch von klassischen Karzinomen unterschieden, als “Carcinoide”, also karzinom-ähnliche Tumoren, bezeichnete.

Morphologie und Wachstumsfraktion entscheidend für Klassifikation der NET

Heutzutage werden neuroendokrine Tumoren aufgrund von bildgebenden Verfahren, histologischen und immunhistologischen sowie molekularpathologischen Befunden klassifiziert. Gastroenteropankreatische neuroendokrine Tumoren (GEP-NET), die sich bevorzugt in Bauchspeicheldrüse, Ileum und Rektum entwickeln, werden nach der Klassifikation von WHO/ENETS aus dem Jahr 2010 in drei Subgruppen unterteilt:
•    NET G1: gut differenzierte neuroendokrine Tumoren (Ki-67 ≤ 2% oder Mitosen < 2/10 HPF (high power field; histologische Hotspotfelder)),
•    NET G2: gut differenzierte neuroendokrine Tumoren (Ki-67 3-20% oder Mitosen 2-20/10 HPF) und
•    NEC G3: schlecht differenzierte neuroendokrine Karzinome (Ki-67 > 20% oder Mitosen > 20/10 HPF).
 „Mit der neuen Klassifikation ist die Einordnung der GEP-NET deutlich leichter geworden als in früheren Jahren, da man nur zwei Parameter – die Anzahl der Mitosen und den Ki-67-Index –  für die Klassifizierung berücksichtigen muss“, betonte der Münchener Pathologe. Im Rahmen der täglichen pathologischen Begutachtung und der Betreuung der Patienten in den interdisziplinären Tumorboards im zertifizierten ENETS-Center der LMU München habe sich allerdings gezeigt, dass die Gruppe der neuroendokrinen G3-Tumoren heterogener sei als ursprünglich angenommen. So gebe es gut differenzierte Tumoren mit einem Ki-67-Index von 21-40%, die zwar formal den NEC G3 zugeordnet werden, sich von diesen klassischen Karzinomen mit hohem Proliferationsindex (Ki-67 70-90%) jedoch morphologisch und klinisch deutlich unterscheiden. „Dies hat auch Konsequenzen für die Therapie“, betonte Knösel, denn die sogenannten NET G3-Tumoren sprechen im Gegensatz zu den Karzinomen schlecht auf eine Chemotherapie mit Cisplatin an. Stattdessen profitierten Patienten mit NET G3-Tumoren ebenso wie die Patienten mit NET G1- und G2-Tumoren von anderen Therapieverfahren wie etwa Somatostatin-Analoga, insbesondere aber von mTOR-Inhibitoren wie Everolimus (Afinitor®). Everolimus gehört bei pankreatischen neuroendokrinen Tumoren zur Standardtherapie. Nun gibt es erstmals gute Hinweise darauf, dass auch Patienten mit Lungen und gastrointestinalen-NET von der Substanz profitieren.

Lungen-NET werden, analog zu den GEP-NET, charakteristischerweise in drei Gruppen eingeteilt:

•    gut differenzierte Tumoren (typische Karzinoide (NET G1, Ki-67 bis 5%),
•    gut differenzierte Tumoren (atypische Karzinoide (NET G2, Ki-67 bis 20%) und
•    gering differenzierte neuroendokrine Karzinome (Kleinzeller/Großzeller; NEC G3; Ki-67 ab 40%).
„Möglicherweise gibt es auch bei den Lungen-NET einen NET G3, doch ist er bislang noch nicht näher beschrieben worden“, erklärte Knösel. Analog zu den GEP-NET gelte auch für die Lungen-NET, dass die gut differenzierten Tumoren, die im Vergleich zu den echten Karzinomen eine vergleichsweise gute Prognose haben, kaum von einer aggressiven platinbasierten Chemotherapie profitieren. Deshalb sei es im Sinne einer „zielgerichteten, personalisierten und tumorbezogenen Therapie“ sehr bedeutsam, die Tumoren anhand ihres Differenzierungsstatus, ihrer Mitoserate und ihres Ki-67-Status exakt zu graduieren und Patienten mit differenzierten NET erfolgversprechenderen Therapien zuzuführen.

Lungen-NET: Besseres PFS unter einer Therapie mit Everolimus

Seit Februar 2016 ist der m-TOR-Inhibitor Everolimus in den USA zur Behandlung von NET G1 und NET G2 der Lunge zugelassen, die EU-Zulassung für diese Indikation wird im Sommer dieses Jahres erwartet. Auf dem diesjährigen ENETS-Kongress wurden aktuelle Studiendaten vorgestellt, die die Bedeutung des m-TOR-Inhibitors für Patienten mit fortgeschrittenen, gut differenzierten, nicht funktionalen NET der Lunge unterstreichen. In der doppelblinden, prospektiven und Plazebo-kontrollierten Phase-III-Studie RADIANT-4 war die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Everolimus bei 302 Patienten mit fortgeschrittenen, gut differenzierten, nicht funktionell aktiven neuroendokrinen Tumoren des Gastrointestinaltrakts und der Lunge untersucht worden. Primärer Endpunkt war das progressionsfreie Überleben (PFS). In der untersuchten Gesamtpopulation hatten Patienten unter Everolimus (n= 205) ein um 7,1 Monate längeres medianes PFS als Patienten unter Plazebo (n= 97), was fast einer Verdreifachung entspricht. In einer frühen Analyse bezüglich des Gesamtüberlebens ist ein positiver Trend zu erkennen, was jedoch zu einem späteren Zeitpunkt noch validiert werden muss.

Einer beim ENETS-Kongress vorgestellten Subgruppenanalyse zufolge, zeigten Studienteilnehmer mit Lungen-NET (n=90) unter einer Behandlung mit Everolimus (n=63) ein um 5,6 Monate längeres medianes PFS als Patienten unter einer Plazebomedikation (n=27) (10)  – ein klinisch relevantes Ergebnis. Das Risiko für Progress oder Tod war unter Everolimus um 50% geringer als unter Plazebo. Everolimus ist damit die erste systemische zielgerichtete Therapie, die bei Patienten mit gut differenzierten Lungen-NET Wirksamkeit zeigt. Knösel: „Wir haben damit eine neue Behandlungsoption für Patienten mit typischen und atypischen Karzinoiden, deren Wirksamkeit im Rahmen einer Phase-III-Studie nachgewiesen wurde."

Knösels Resümé: „Wir werden bei NET der Lunge und des Gastrointestinaltraktes Therapeutika zukünftig immer stärker an der Biologie des Tumors ausrichten. Aus diesem Grunde wird die gute Zusammenarbeit zwischen Pathologen und Klinikern für zukünftige Therapieentscheidungen immer bedeutsamer.“
Mascha Pömmerl, Feldkirchen-Westerham, Dr. Claudia Schöllmann, Grasbrunn
Quelle: Fachpresse-Workshop der POMME-med GmbH am 13. April 2016 in München; Gemeinsame Sponsoren: MSD SHARP & DOHME GmbH, Mundipharma GmbH & Co. KG, Novartis Pharma GmbH
Literatur:
(1) http://www.mascc.org/antiemetic-guidelines
(2) Majem M, Moreno ME, Calvo N, et al. Perception of healthcare providers versus patient reported incidence of chemotherapy-induced nausea and vomiting after the addition of NK-1 receptor antagonists. Support Care Cancer 2011;19:1983-90
(3) Salsman JM, Grunberg SM, Beaumont JL, et al. Communicating about chemotherapy-induced nausea and vomiting: a comparison of patient and provider perspectives. J Natl Compr Canc Netw 2012;10:149-157
(4) Aapro M, Molassiotis A, Dicato M, et al. The effect of guideline-consistent antiemetic therapy on chemotherapy-induced nausea and vomiting (CINV): the Pan European Emesis Registry (PEER). Ann Oncol 2012;23:1986-1992
(5) Gilmore JW, Peacock NW, Gu A, et al. Antiemetic guideline consistency and incidence of chemotherapy-induced nausea and vomiting in US community oncology practice: INSPIRE Study. J Oncol Pract 2014;10:68-74
(6) Weinstein C, Jordan K, Green SA et al. Single-dose fosaprepitant for the prevention of chemotherapy-induced nausea and vomiting associated with moderately emetogenic chemotherapy: results of a randomized, double-blind phase III trial. Ann Oncol 2016;27:172-8
(7) Kurtin P, Stucky E. Standardize to excellence: improving the quality and safety of care with clinical pathways. Pediatr Clin North Am 2009;56:893-904
(8) Glantz MJ, LaFollette S, Jaeckle KA, et al. Randomized trial of a slow-release versus a standard formulation of cytarabine for the intrathecal treatment of lymphomatous meningitis. J Clin Oncol 1999;17:3110-6
(9) Korfel A, Elter T, Thiel E, et al. Phase II study of central nervous system (CNS)-directed chemotherapy including high-dose chemotherapy with autologous stem cell transplantation for CNS relapse of aggressive lymphomas. Haematologica 2013;98(3):364-70
(10) Fazio N, Delle Fave G, Tesselaar M et al. The efficacy and safety of everolimus in advanced, progressive, nonfunctional Neuroendocrine Tumors of the lung: a subgroup analysis of the phase 3 RADIANT-Study. Lancet 2016;387:968-77
 
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