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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
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07. Juli 2014

Musiktherapie bei Krebspatienten

E.-J. Lee, Psychosoziale Abteilung, Klinik für Tumorbiologie, Freiburg.

In der Onkologie wird die Musiktherapie in verschiedenen Formen angeboten, um Krebspatienten psychisch und physisch zu unterstützen. Die rezeptive Musiktherapie wird häufig zur Entspannung und Schmerzlinderung eingesetzt. In der aktiven Musiktherapie können Krebspatienten ihre krankheitsbezogenen Anliegen mit Musikelementen zum Ausdruck bringen und diese aufarbeiten. Darüber hinaus wird die funktionelle Musiktherapie angeboten, bei der die Krebspatienten die Gelegenheit bekommen, gezielt ihre Körper- und Hirnfunktionen zu verbessern. Das musiktherapeutische Verfahren ist ein unterstützender Therapieansatz im Rahmen der Psychoonkologie.

 

In unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen wurde bereits die Wirkung der Musik auf Menschen nachgewiesen. Die kognitiven und emotionalen Prozesse von Menschen können sowohl durch das Musikhören als auch durch das Musizieren beeinflusst werden (1). Musik wirkt direkt auf die subjektiven Gefühle von Menschen, sodass die emotionalen und körperlichen (vegetativen und endokrinen) Reaktionen verändert und das Verhalten in der emotionalen Situation reguliert werden kann (2).

Musik kann durch ihre auditiven Reize das Hirn aktivieren, was die Emotion hormonell beeinflussen kann. Bestimmte Musikstücke erzeugen visuelle Bilder, die bestimmte Emotionen hervorrufen. Manchmal übernimmt man auch die Stimmung der Musikstücke. Bestimmte Musikstücke sind mit individuellen Erinnerungen stark an die Vergangenheit verbunden. In dem Review von Juslin und Västfjäll (3) wurde die starke Verbindung zwischen dem Musikhören und menschlichen Emotionen festgestellt. Die während des Musikhörens erzeugten Emotionen werden durch unterschiedliche Wege induziert. Hinsichtlich der Abläufe, wie die Emotionen von Menschen durch das Musikhören erzeugt werden, unterscheiden Juslin und Västfjäll zwischen sechs Mechanismen. Dazu zählen Hirnreflexe (brain stem reflexes), evaluative Konditionierung (evaluative conditioning), emotionale Ansteckung (emotional contagion), visuelle Bilder (visual imagery), episodisches Gedächtnis (episodic memory), und musikalische Erwartung (musical expectancy).

Aus der therapeutischen Perspektive zeigen Koelsch et al. (4) auf, dass Musik bei psychischen Erkrankungen sowie affektiven Störungen positiv beeinflussen kann. Sie schlagen unterschiedliche soziale Fähigkeiten sowie sieben Funktionen ("Seven Cs") vor, die durch das gemeinsame Musizieren initiiert werden können. Dazu zählen soziale Kontakte, soziale Kognition, Kopathie (Empathie und Übereinstimmung mit Gefühlen von anderen), Kommunikation, Handlungskoordination, Kooperation, soziale Kohäsionen.

In den verschiedenen klinischen Bereichen wird die Wirkung der Musik auf den Menschen bereits entweder im Rahmen der Musiktherapie oder bei der Musikmedizin eingesetzt. Nach der Klassifikation therapeutischer Leistung in der medizinischen Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung wird die Musiktherapie neben anderen künstlerischen Therapien für Patienten mit dem Ziel verwendet, die Handlung des Patienten zu aktivieren, Kommunikation und Interaktionspotential zu fördern, Emotionen zu entlasten und zu stabilisieren, psychische und körperliche Spannungen zu reduzieren und Angst abzubauen (www.deutsche-rentenversicherung.de). Weiterhin wird die Musiktherapie auch zur Förderung des Selbstwertgefühls und der Überwindung sozialer Konflikte angeboten.

In der Musiktherapie gibt es zwei Ansätze. Einmal die rezeptive Musiktherapie (Patienten hören nur passiv zu) und darüber hinaus die aktive Musiktherapie (Patienten spielen selber mit). Rose et al. (5) fasste die musiktherapeutischen Anwendungen in der Onkologie zusammen. Unter rezeptiver Musiktherapie in der Onkologie versteht man die musiktherapeutische Entspannung (sowie Axiolytikum und Audioanalgesia), GIM (Guided Imagery in Music), regulative Musiktherapie. Die aktive Musiktherapie unterteilt sich in die produzierende und die reproduzierende Musiktherapie. Zur produzierenden Musiktherapie gehören die musiktherapeutische Improvisation, die Komposition, die funktionelle Musiktherapie, zur reproduzierenden Musiktherapie gehören das Singen und das Musizieren. Durch die methodische Möglichkeit der Hirnforschung wurde in letzter Zeit die funktionelle Musiktherapie weiter entwickelt. Die funktionelle Musiktherapie fördert die physischen und kognitiven Fähigkeiten und wird beispielsweise eingesetzt, um Motorik oder Konzentration des Patienten zu verbessern.

Die bisherigen Literaturübersichten belegen, dass die Musikintervention (sowohl Musiktherapie als auch Musikmedizin) im onkologischen Kontext dazu beitragen kann, Angst zu reduzieren, das Wohlbefinden zu verbessern, Schmerzen zu lindern und auch die Lebensqualität zu verbessern (6, 7). Die andere aktuelle Metaanalyse zeigt, dass die Musikintervention insbesondere für Erwachsene gegen Schmerzen, Angst, Depression und Erschöpfung signifikante positive Wirkung hat (8). In diesem Artikel werden die musiktherapeutischen Anwendungen im Rahmen der Psychoonkologie detailliert beleuchtet.

Aktive Musiktherapie als Unterstützung für Krankheitsverarbeitung


Das musiktherapeutische Verfahren in der Onkologie wird als ein unterstützender Therapieansatz im Rahmen der Psychoonkologie angeboten. Neben anderen künstlerischen Therapien liegt der Schwerpunkt der Musiktherapie auf der Krankheitsverarbeitung und der Verbesserung der Lebensqualität (5). Hierbei wird hauptsächlich der Umgang mit der Krankheitssituation, die veränderte Lebenssituation und auch die Rezidivangst und die potenzielle Möglichkeit von Metastasen thematisiert. In der rezeptiven Musiktherapie wie auch in der aktiven Musiktherapie können diese genannten Themen verarbeitet werden. Insbesondere in der aktiven Musiktherapie besteht die Möglichkeit, die Gefühle und die aktuelle Stimmung mit Musikelementen (Klänge, Töne, Rhythmus etc.) zum Ausdruck zu bringen. Durch musikalische Darstellungen begegnen die Patienten in musikalischen Ausdrucksformen sich selbst und setzen sich mit aktuellen krankheitsbezogenen Themen (auch aus dem Unbewusstsein) auseinander. Weiterhin können sie auf musikalischer Ebene mit anderen in Kontakt treten. Es handelt sich hierbei in erster Linie um die Selbstbeobachtung, die Selbstreflexion und die Selbstwahrnehmung. Auf Basis der während des Musikspiels entstandenen Phänomene wird versucht, den Zugang zu sich selbst zu finden, eigene Bedürfnisse zu spüren, die innere Welt zu beobachten. Jedoch spielt hierbei auch das Thema "Abgrenzung" eine Rolle. Folgende Ziele werden durch eine Form von aktiver Musiktherapie im Rahmen der Krankheitsverarbeitung eingesetzt, um die Patienten psychisch zu stabilisieren und neue Perspektiven für die zukünftige Lebenshaltung zu erreichen.

- Aktive Entspannung
- Steigerung des eigenen Aktivitätsniveaus
- Erfahrung der emotionalen Entlastung und Stabilisierung
- Wahrnehmung eigener Bedürfnisse
- Verbesserung der Befindlichkeit
- Wahrnehmung der eigenen Identität und des Lebensgefühls
- Erkennung der eigenen Ressourcen und Fähigkeiten.

Häufig befinden sich die Krebspatienten durch lange Krankheitsbehandlungen und durch die Erschöpfung in sozialer Isolation oder in Einsamkeit. Neben den oben genannten Zielen können in Form von aktiver Musiktherapie (insbesondere in einer Gruppentherapieform) zusätzlich die sozialen Kompetenzen des Patienten gefördert werden. In der krankheitsbezogenen Isolation und der sozialen Belastungssituation kann die aktive Musiktherapie ein Übungsfeld sein, um soziale Fähigkeiten schrittweise wieder bzw. neu herzustellen. Hierbei finden die "Seven Cs" von Koelsch ihre therapeutische Bedeutung.

Das Musikspiel in der Gruppe kann ein Gemeinschaftsgefühl, ein so genanntes "Wir-Gefühl" zwischen Patienten erzeugen (soziale Kohäsion). Die Patienten können dadurch die Erfahrung sammeln, miteinander und füreinander zu spielen (Kooperation). Sie erhalten auch die Gelegenheit, mit nonverbalen Ausdrucksweisen in Kontakt zu treten (sozialer Kontakt) und in musikalischer nonverbaler Form miteinander zu kommunizieren (Kommunikation). Das Erlebnis kann wiederum nach dem Musikspiel in die verbale Sprache übersetzt werden. Dadurch können die Patienten das zwischenmenschliche Kommunikations- und Verhaltensmuster im musikalischen Dialog erkennen (soziale Kognition) und versuchen, ihre Handlungen zu regulieren und damit erneut soziale Handlungsfähigkeit zu erlernen (Handlungskoordination). Im freien Musikspiel erleben Patienten, dass sie in die Gefühle anderer hineinspüren können und mit dem Gefühl von sich selbst und anderer in Einklang kommen können (Kopathie).

Musiktherapeutische Entspannung - rezeptive Musiktherapie


Die musiktherapeutische Entspannung wird zur Erfahrung des tiefen Entspannungszustandes und zur psychophysischen Regeneration für Krebspatienten angeboten. Neben anderen Entspannungstechniken wird musiktherapeutische Entspannung als eine Form der rezeptiven Musiktherapie verwendet, um Müdigkeit und Erschöpfung zu beseitigen. Weiterhin kann die musiktherapeutische Entspannung dahin führen, dass die Patienten mit ihren aktuellen Themen konfrontiert werden, da öfters in der Entspannungsphase die Selbstbegegnung stattfindet. Für manche musikpsychotherapeutischen Ansätze wird gerade die musiktherapeutische Entspannung gezielt eingesetzt, um einen anderen Bewusstseinszustand zu erleben.

Je nachdem, welches Ziel man durch das Musikhören bzw. die rezeptive Musiktherapie erreichen möchte, werden unterschiedliche Musikarten oder Klänge angeboten. Für die Erinnerung des früheren Wohlbefindens kann ein für Patienten vertrautes Musikstück eine Hilfe sein, um wieder Zugang zu sich zu finden und eigene Ressourcen zu (re-)aktivieren. In Zentraleuropa werden häufig archaisch anmutende Klänge für musiktherapeutische Entspannung eingesetzt, wobei oft Instrumente wie Monochord, Klangschale, Gong verwendet werden. Diese Instrumente erzeugen langliegende Töne sowie viele Obertöne, die nicht aus gewöhnlicher Melodie, Harmoniefolge oder Skalen entstehen, sondern willkürlich nach Zufallsprinzipien erzeugt werden. Aus musikpsychologischer Sicht beseitigen diese archaischen Klänge die biographisch verknüpften Erinnerungen aus früheren Vorerfahrungen über Musik und entfernen dementsprechend auch den damit verknüpften Gefühlszustand und die Musikpräferenz. Die Charakteristika wie zum Beispiel langliegende und sich immer wiederholende Klänge können aus musikpsychologischer Perspektive gezielt dazu beitragen, in kurzer Zeit den (tiefen) Entspannungszustand zu erreichen und können sogar zu einem veränderten Bewußtseinszustand führen. Aus solchen archaischen Klängen besteht die minimalisierte Musikstruktur, was für das europäische Ohr außergewöhnlich klingen kann. Gleichzeitig entstehen viele Obertöne, die das Füllegefühl im Raum und das schwebende Gefühl des Körpers vermitteln können. Dieses Phänomen beschreibt Zeuch (9) als Reizdeprivation und Reizüberflutung. Die divers erzeugten Obertöne, die schwer zuzuordnen sind, gehören zur Reizüberflutung und der Wegfall bzw. die Minimalisierung der gewöhnlichen Musikstruktur meinte er als Reizdeprivation. Weiterhin reduzieren solche archaischen Klänge die mit bestimmten Musikstücken erzeugbaren Erinnerungen und schaffen den gedanklichen Freiraum für den jetzigen Zustand. Die Klangmeditation ist ein Beispiel aus dem musiktherapeutischen Entspannungsangebot mit solchen archaischen Klängen. Rose und Weis (10) untersuchten die Wirkung der Klangmeditation im Rahmen der onkologischen Rehabilitation. Die Ergebnisse dieser klinischen Studie zeigen, dass die meisten Krebspatienten die Klänge der Klangmeditation (Gong, Klangschale, Monochord und Stimme) sehr angenehm und beruhigend empfunden haben.

Eine neurobiologische Studie über den Effekt des Instruments Monochord von Lee et al. (11) belegt, dass die Krebspatienten während der Chemotherapie durch das Hören der Monochordklänge ihre Angst reduzieren und sogar körperliche und psychische Befindlichkeiten verbessern konnten. Die Hirnbilder von Elektroenzephalografie (EEG)-Untersuchungen aus dieser Studie stellen dar, dass nach dem Zuhören der Monochordklänge die Beta-II-Wellen-Aktivität im mittleren Frontalbereich hoch signifikant reduziert und die hintere Theta-Wellen-Aktivität erhöht wurde. Diese veränderten Hirnwellenaktivitäten erschienen ähnlich nach der Übung der progressiven Muskelrelaxation nach Jakobson (PMR). Dieser Befund belegt, dass sich die Patienten nach dem Hören der Monochordklänge in einem Entspannungszustand befanden. Durch Beobachtungen unterschiedlicher Alpha-Wellen-Aktivitäten wurde vermutet, dass das Hören von Monochordklängen tiefere Entspannungszustände erzeugen könnte.

Sandler et al. (12) untersuchten den veränderten Bewusstseinszustand durch das Hören der Monochordklänge. Durch die Charakteristika der Monochordklänge wie "Monotonalität" und "Obertonreihe" kann es zu einem Trancezustand kommen. Im klinischen Alltag berichten viele Patienten nach der Klangmeditation häufig, dass sie ihre Körper anders wahrnehmen und sogar das Raum- und Zeitgefühl während der Entspannung verloren haben. Viele Patienten beschreiben dies wie folgt: "Die Klänge tragen mich fort und ich schwebe in der Luft", "Ich habe den Boden nicht mehr gespürt", "Ich war wo ganz anders unterwegs, aber weiß nicht mehr wo es war", "Die Zeit ist so schnell vergangen. Es kommt mir so kurz vor, wie lange ich hier lag". Die Krebspatienten erleben über den Entspannungszustand hinaus einen veränderten Bewusstseinszustand, wo sie ihre veränderte Wahrnehmung und weiterhin den tiefen Entspannungszustand erleben können.

In der palliativen Situation kann die Klangmeditation bzw. die rezeptive Musiktherapie gezielter für Schmerzlinderung und Angstreduktion eingesetzt werden (5). Das passive Zuhören der Klänge kann dabei helfen, den tiefen Entspannungszustand noch schneller zu erreichen. Deshalb kann das musiktherapeutische Entspannungsverfahren - so wie Klangmeditation dementsprechend für schwache Patienten bzw. Palliativpatienten - besser geeignet sein als andere bisher bekannte Entspannungstechniken, in denen die Patienten selbst aktiv mitmachen (11). Das Musikhören zur Schmerzlinderung in palliativen Situationen wurde in vielen Studien untersucht und das Cochrane-Review von Cepeda et al. (13) belegt, dass das Musikhören die Schmerzintensität und sogar die Notwendigkeit von Opiaten reduzieren kann.

Funktionelle Musiktherapie


Neben klassischer Musiktherapie, der sogenannten musikpsychotherapeutischen Unterstützung, wurden in den letzten Jahren unterschiedliche musiktherapeutische Methoden zur Förderung der Hirn- und Körperfunktionen konzipiert. Die funktionelle Musiktherapie wurde hauptsächlich in der Neurologie weiterentwickelt und wird heutzutage in unterschiedlichen klinischen Bereichen eingesetzt.

Hierbei werden hauptsächlich die körperlichen Funktionen und die Kognition gefördert. Zunehmend schildern viele Krebspatienten Fälle von kognitiven und körperlichen Einschränkungen durch Behandlungen sowie durch Bestrahlungen, Chemotherapie oder durch eine langzeitige Therapiedauer. Häufig auftretende Beschwerden sind neuromuskuläre Symptome (sowie Polyneuropathie), Funktionsstörungen (z.B. Bewegungseinschränkung der Arme bei Patientinnen mit Mammakarzinom) und kognitive Störungen (sowie Konzentrationsschwächen und Ausdauerstörungen).

Bis dato sind klinische Studien über das Thema „funktionelle Musiktherapie in der Onkologie“ sehr selten. Bisherige wissenschaftliche Ergebnisse über musiktherapeutische Ansätze in der Onkologie belegen, dass die Musiktherapie eine positive Wirkung auf die psychische Unterstützung und die Symptombehandlung (beispielsweise Reduktion der Nebenwirkung oder Schmerzlinderung) leisten kann. Die Studienergebnisse aus der Neurologie belegen die funktionellen Verbesserungen durch musiktherapeutische Behandlungen.

Die klinische Studie von Thaut et al. (14) beweist, dass die Methode der neurologischen Musiktherapie bei den Patienten mit Schädelhirntrauma die exekutiven Funktionen und den gesamten emotionalen Ausgleich verbessert und desweiteren sowohl depressive Symptome als auch Angst reduziert. Andere klinische Studien zeigen, dass Music-Supported Therapy (MST) zu einer Veränderung der Neuroplastizität vom Motorkortex führt, sodass die Patienten mit Schlaganfall ihre Motorik deutlich verbessern konnten (15). Die Studie von Amengual et al. (16) beweist, dass nach der MST bei Schlaganfallpatienten die Reaktion des Motorkortexes der geschädigten Hirnhälfte erhöht werden konnte. Weiterhin wurde die Verbindung zwischen den Veränderungen in der Darstellung von Motorkortex auf die geschädigte Hirnhälfte dargestellt und die Leistung der Diadochokinese-Bewegung mit geschädigter oberer Extremität verbessert.

Heute wird die Unterstützung der funktionellen Verbesserung mittels Musiktherapie zunehmend auch in der Onkologie eingesetzt. Im Rahmen der funktionellen Musiktherapie wird die Unterstützung je nach Förderungsziel mit unterschiedlichen Methoden angeboten. Sowohl die Arbeit am Rhythmus als auch das Musizieren mit verschiedenen Instrumenten fördert unterschiedliche Sinneswahrnehmungen und zwar neben visuellen und auditiven auch taktile Wahrnehmungen. Gleichzeitig fördert die motorische Umsetzung des Rhythmus die Grob- und Feinmotorik und durch akustische  und visuelle Wahrnehmung wird die kognitive Funktion sowie die Konzentrationsfähigkeit, die Ausdauer und die Auge-Hand-Koordination gefördert. Insbesondere die taktile Wahrnehmung auf der Handfläche wird durch das Spielen auf Instrumenten stimuliert, was sich in Bezug auf die Polyneuropathie als hilfreich erweisen kann.

Krebspatienten berichten, dass sie außerdem ihre Alltagsgedanken durch das konzentrierte Musizieren abschalten können. Dadurch können sie sich entspannen und ihre inneren Kräfte wieder herstellen. Dies gilt als aktive Entspannung. Wie Thaut et al. (14) bereits bewiesen haben, können Patienten auch in der funktionellen Musiktherapie die psychische Unterstützung holen. Neben der Verbesserung der Körperfunktionen als primäres Ziel wird gleichzeitig übermittelt, sich emotional zu entlasten, zu stabilisieren, sich selbst wahrzunehmen und auch die eigene Kraft zu spüren, was die ganzheitliche Therapie in der Onkologie gut unterstützt.

Zusammenfassung


Im psychoonkologischen Sinne werden musiktherapeutische Behandlungen in unterschiedlichen Formen für Krebspatienten eingesetzt. Hierbei werden das körperliche und seelische Befinden, akustische, visuelle und motorische Wahrnehmungen und das künstlerische Erleben zusammen integriert und in Einklang gebracht. Ahmadi (17) behauptet, dass verschiedene Musikarten in unterschiedlichen Krankheitssituationen für Krebspatienten ein hilfreiches Mittel für Coping sein können. Die Musik mit Naturgeräuschen kann das Gefühl vermitteln, ein Teil in der Gesamtheit der Natur zu sein. Die Entspannungsmusik kann die Verbindung zwischen Körper und Seele verstärken und die Verbindung zur inneren Welt herstellen. Religiöse Musik und aufmunternde Musik können dazu beitragen, innere Ausgeglichenheit zu finden. Außerdem kann Musik wie zum Beispiel "hard rock" oder "heavy metal" jungen Krebspatienten helfen, ihre Angst aus ihrer inneren Welt zum Ausdruck zu bringen und das Selbstbild zu rekonstruieren. Es ist wichtig, je nach Krankheitssituation individuell angepasste Musik anzubieten. Insbesondere Krebspatienten kann Musik dabei behilflich sein, für die durch die Krankheitssituation veränderte innere Welt ein neues Selbstbild und eine neue Identität zu entwickeln. Für die Krebspatienten können die unterschiedlichen musiktherapeutischen Ansätze eine Ergänzung für das psychoonkologische Konzept sein.


 

 

Dr. sc. hum. Eun-Jeong Lee
Dipl.-Musiktherapeutin, NMT

Klinik für Tumorbiologie an der Universität Freiburg
Psychosoziale Abteilung
Breisacher Str. 117
79106 Freiburg

Tel.: 0761/206 22 46
E-Mail: lee@tumorbio.uni-freiburg.de
www.tumorbiologie-freiburg.de



Abstract

E.-J. Lee, Department of Psychooncology, Tumorbiology Center Freiburg

Music therapy is a method for cancer patients to improve their physical state and to support their mental state. Receptive music therapy is often used to promote relaxation and reduce pain. In active music therapy, cancer patients can express and address their illness-related topic with musical elements. Finally, functional music therapy can offer patients the opportunity to improve their physical state. Music therapeutic treatment is a supporting therapy approach in psychooncology.

Keywords: Music therapy, psychooncology, cancer patients, mental support, physical improvement



Literaturhinweise:
(1) Pearce MT und Rohrmeier M. Music cognition and the cognitive sciences. Topics in Cognitive Science 2012; 4:468-484.
(2) Koelsch S. Brain correlates of music-evoked emotions. Nature Reviews Neuroscience 2014; 15:170-180.
(3) Juslin PN und Västfjäll D. Emotional responses to music: The need to consider underlying mechanisms. Behavioral and Brain Science 2008; 3:559-575.
(4) Koelsch S, Offermanns K, Franzke P. Music in the treatment of affective disorders: An exploratory investigation of a new method for music-therapeutic research. Music Perception 2010; 27(4):307-316.
(5) Rose JP, Brandt K, Weis J. Music therapy in oncology-concepts and review. Psychother Psychosom Med Psychol 2004; 54(12):457-70.
(6) Zhang JM, Wang P, Yao JX et al. Music interventions for psychological and physical outcomes in cancer: a systematic review and meta-analysis. Support Care Cancer 2012; 20(12):3043-53.
(7) Bradt J, Dileo C, Grocke D, Magill L. Music interventions for improving psychological and physical outcomes in cancer patients. Cochrane Database Syst Rev 2011; 10(8):CD006911.
(8) Tsai HF, Chen YR, Chung MH et al. Effectiveness of Music Intervention in Ameliorating Cancer Patients‘ Anxiety, Depression, Pain, and Fatigue: A Meta-analysis. Cancer Nurs 2014.
(9) Zeuch A. Schöpfer eigener Wirklichkeiten. Die Klangmeditation mit dem Monochord. Musik-, Tanz- und Kunsttherapie1999; 10(4):175-185.
(10) Rose JP und Weis J. Sound meditation in oncological rehabilitation - a pilot study of a receptive music therapy group using the monochord. Forsch Komplementmed 2008; 15(6):335-43.
(11) Lee EJ, Bhattacharya J, Sohn C, Verres R. Monochord sounds and progressive muscle relaxation reduce anxiety and improve relaxation during chemotherapy: a pilot EEG study. Complement Ther Med 2012; 20(6):409-16.
(12) Sandler H, Tamm S, Klapp B, Bösel R. Das Ganzkörper-Monochord. Wirkungen auf EEG und subjektives Erleben. Musik-, Tanz und Kunsttherapie 2008; 19(3):110-120.
(13) Cepeda MS, Carr DB, Lau J, Alvarez H. Music for pain relief. Cochrane Database Syst Rev 2006; 19(2):CD004843.
(14) Thaut MH, Gardiner JC, Holmberg D et al. Neurologic music therapy improves executive function and emotional adjustment in traumatic brain injury rehabilitation. Ann N Y Acad Sci 2009; 1169:406-16.
(15) Grau-Sánchez J, Amengual JL, Rojo N et al. Plasticity in the sensorimotor cortex induced by Music-supported therapy in stroke patients: a TMS study. Front Hum Neurosci 2013; 7:494.
(16) Amengual JL, Rojo N, Veciana de Las Heras M et al. Sensorimotor plasticity after music-supported therapy in chronic stroke patients revealed by transcranial magnetic stimulation. PLoS One 2013; 17;8(4):e61883.
(17) Ahmadi F. Music as a method of coping with cancer: A qualitative study among cancer patients in Sweden. Arts & Health 2013; 5(2):152-165.

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