Primäre und sekundäre Immundefekte
Das menschliche Immunsystem ist ein hochkomplexer Verteidigungsmechanismus, der gezielt Krankheitserreger wie Viren und Bakterien erkennt und bekämpft. Dieses System kann an verschiedenen Stellen gestört sein. Liegt ein solcher Defekt vor, spricht man von einem Immundefekt. Betroffene weisen eine Immunschwäche auf, das heißt, sie sind anfälliger für Infektionskrankheiten und leiden häufig an wiederkehrenden Infektionen, die länger und schwerer verlaufen als bei gesunden Menschen. Während primäre Immundefekte angeborene, seltene Erkrankungen darstellen, entwickeln sich sekundäre Immundefekte im Laufe des Lebens und sind besonders relevant im onkologischen und hämatologischen Kontext. Sie entstehen als Folge von Grunderkrankungen oder therapeutischen Interventionen und betreffen eine deutlich größere Patientenpopulation mit erheblicher klinischer Relevanz [1-3].
Was ist ein Immundefekt?
Ein Immundefekt ist eine Störung oder ein Defekt im Immunsystem, die zu einer erhöhten Infektionsanfälligkeit führt. Die Ursachen für einen Immundefekt sind sehr unterschiedlich. Grundlegend wird jedoch zwischen primären und sekundären Immundefekten unterschieden [2, 3].
Primäre Immundefekte (auch primäre Immunstörungen, primäre Immundefizienz) sind vererbbar und somit angeboren. Sie umfassen mehr als 340 seltene Erkrankungen mit genetischer Ursache, bei denen ein Teil des körpereigenen Immunsystems fehlt oder eine Fehlfunktion aufweist. Die wichtigsten Kategorien umfassen Antikörpermangel, kombinierte T- und B-Zell-Defekte, Störungen der Immunregulation, Defekte der Phagozytenzahl und Komplementdefekte [2].
Sekundäre Immundefekte (SID) entstehen als Folge verschiedener Grunderkrankungen oder therapeutischer Interventionen und sind nicht angeboren. Besonders in der Onkologie spielen sie eine zentrale Rolle, da sowohl die malignen Erkrankungen selbst als auch deren Behandlung das Immunsystem erheblich beeinträchtigen können [3-5].
Sekundäre Immundefekte: Pathophysiologie und klinische Relevanz
Epidemiologie und Prävalenz
Die Häufigkeit und Ausprägung sekundärer Immundefekte variiert erheblich je nach zugrundeliegender Erkrankung, angewandter Therapie und Krankheitsstadium [6].
Bei chronischer lymphatischer Leukämie (CLL) und multiplem Myelom (MM) als den häufigsten hämatologischen Erkrankungen mit ausgeprägter Immunsuppression zeigt sich eine besonders hohe Prävalenz sekundärer Immundefekte. Die Hypogammaglobulinämie tritt bei etwa 25% der neu diagnostizierten CLL-Patient:innen und bei etwa 80-90% der MM-Patient:innen zum Zeitpunkt der Erstdiagnose auf, was die erhebliche klinische Relevanz dieser Komplikation unterstreicht. Die systematische Erfassung immunologischer Parameter in klinischen Studien ist jedoch oft unzureichend, was zu einer wahrscheinlichen Unterschätzung der tatsächlichen Prävalenz führt [7-9].
Mechanismen therapieassoziierter Immundefekte
Die Pathophysiologie sekundärer Immundefekte bei hämatologischen Malignomen umfasst verschiedene therapieinduzierte Mechanismen, die zu einer Beeinträchtigung der Immunfunktion führen [4, 10]:
Therapieinduzierte Mechanismen:
Anti-CD20-Antikörper: Führen zu einer langanhaltenden B-Zell-Depletion, weshalb mindestens 9 Monate bis zur Vakzinierung gewartet werden sollte.
BTK-Inhibitoren: Ibrutinib hemmt irreversibel die Bruton-Tyrosinkinase (BTK) und damit den BTK-vermittelten B-Zellrezeptor-Signalweg, was die B-Zell-Funktion beeinträchtigt.
CAR-T-Zell-Therapie: CD19-gerichtete CAR-T-Zellen führen zu Zytopenien und B-Zell-Aplasie, da CD19 sowohl auf malignen als auch auf physiologischen B-Zellen exprimiert wird.
Proteasom-Inhibitoren: Können Neutropenie induzieren, die Anzahl von T-Zellen, NK-Zellen und dendritischen Zellen reduzieren sowie deren Funktion und Zytokinproduktion beeinträchtigen.
Die Kenntnis dieser therapiespezifischen Mechanismen ist essenziell für eine individuelle Risikoabschätzung und die Entwicklung gezielter Monitoring-Strategien. Das Immundefekt-Risiko variiert erheblich in Abhängigkeit von der eingesetzten Therapiekombination, der Behandlungsdauer und individuellen Patientenfaktoren wie Alter, Komorbidität und Krankheitsstadium [4, 10].
Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass bereits bei Therapiebeginn ein risikobasiertes Monitoring etabliert werden sollte. Bei Hochrisiko-Therapien wie Anti-CD20-Kombinationen oder CAR-T-Zell-Therapie sind engmaschige Kontrollen der Immunglobulin-Spiegel und der Lymphozyten-Subpopulationen erforderlich, um frühzeitig interventionspflichtige Immundefekte zu identifizieren [4, 10]. Dies ermöglicht eine proaktive Betreuung und kann das Auftreten schwerer Infektionskomplikationen reduzieren.
Diagnostik sekundärer Immundefekte
Die Diagnostik sekundärer Immundefekte basiert auf einer systematischen Untersuchung des Immunstatus und folgt den aktuellen Onkopedia-Leitlinien [4]. Die Basisdiagnostik umfasst die Bestimmung des Blutbildes, eine spezifische Immundiagnostik zur Erfassung des Immunstatus sowie gegebenenfalls molekulargenetische Analysen [3-5].
Screening-Empfehlungen für die Praxis
Ein systematisches Screening auf sekundäre Immundefekte sollte bei Risikopatient:innen regelmäßig durchgeführt werden. Zentrale Parameter umfassen die IgG-Spiegelbestimmung sowie die Untersuchung funktioneller Antikörperantworten. Referenzwerte für Immunglobuline variieren laborabhängig und sollten altersadaptiert interpretiert werden. Klinisch relevante Grenzwerte für eine Substitutionsindikation liegen bei IgG < 4,0 g/l bei rezidivierenden Infektionen. Die Diagnostik sollte individuell an das Risikoprofil der Patient:innen angepasst und regelmäßig wiederholt werden, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen [5, 11].
Die Diagnostik erfolgt stufenweise:
Basisdiagnostik: Blutbild, Immunglobulin-Bestimmung (IgG, IgA, IgM)
Erweiterte Diagnostik: Lymphozyten-Subpopulationen, IgG-Subklassen, funktionelle Tests
Spezialdiagnostik: Impfantwort-Testung (Pneumokokken-, Tetanus-Antikörper), molekulargenetische Analysen bei Verdacht auf primäre Immundefekte
Klinische Relevanz der Immunstatus-Monitoring-Protokolle
Ein strukturiertes Monitoring ist essenziell für die optimale Patientenversorgung. Die Überwachungsparameter umfassen [4, 5, 12, 13]:
Labormonitoring:
Regelmäßige IgG-Bestimmung zur Überwachung der Hypogammaglobulinämie
Lymphozyten-Subpopulationen bei T-Zell-suppressiven Therapien
Funktionelle Antikörpertests bei klinischer Indikation
Klinisches Monitoring:
Dokumentation von Infektionshäufigkeit, -schwere und -lokalisation
Bewertung der Lebensqualität mittels validierter Patient-Reported Outcomes (PROs)
Erfassung der Therapieadhärenz und Behandlungszufriedenheit
Systematische Dokumentation von Nebenwirkungen der Substitutionstherapie
Therapeutische Optionen: Immunglobulin-Substitution
Stellenwert der Immunglobulin-Substitution
Die Immunglobulin-Substitutionstherapie stellt die wichtigste therapeutische Maßnahme bei sekundären Immundefekten mit Hypogammaglobulinämie dar. Dabei stehen verschiedene Applikationsformen zur Verfügung: die intravenöse (IVIG) sowie subkutane (SCIG) Gabe [4, 11, 14].
Indikationen für eine Substitutionstherapie:
IgG < 4,0 g/l mit rezidivierenden bakteriellen Infektionen
Schwere oder lebensbedrohliche Infektionen unabhängig vom IgG-Spiegel
Funktioneller Antikörpermangel trotz normaler IgG-Werte
Moderne Applikationsformen
SCIG ermöglichen eine effiziente und patientenfreundliche Immunglobulin-Substitution [13]. Aktuelle Studien zeigen eine vergleichbare Wirksamkeit zur intravenösen Gabe bei verbesserter Lebensqualität und geringeren systemischen Nebenwirkungen [11, 13, 15, 16].
Die Vorteile der subkutanen Applikation umfassen:
Verbesserte Pharmakokinetik: Stabilere IgG-Spiegel durch kontinuierliche Zufuhr
Erhöhte Patientenautonomie: Möglichkeit der häuslichen Selbstapplikation
Bessere Verträglichkeit: Reduzierte systemische Nebenwirkungen
Praktische Vorteile: Flexible Dosierung
Evidenz zur Wirksamkeit und Verträglichkeit
Real-World-Daten bestätigen die Langzeitwirksamkeit und gute Verträglichkeit von SCIG bei Immundefekten. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit von 2025 dokumentierte in Real-World-Studien sowohl eine konsistente Verbesserung der IgG-Spiegel als auch eine Reduktion der Infektionsraten unter SCIG-Behandlung. Gleichzeitig bewerteten 78,8% der Patient:innen bei Berücksichtigung aller Aspekte von Infektionen, Nebenwirkungen und der Möglichkeit der Heiminfusion die Auswirkungen von SCIG auf ihre Gesundheit als deutlich oder etwas besser im Vergleich zur intravenösen Therapie [13].
Versorgungspraxis und Patientenmanagement
Ambulante versus häusliche Therapie
Die moderne Versorgung sekundärer Immundefekte umfasst sowohl ambulante als auch häusliche Behandlungskonzepte. Strukturierte Schulungsprogramme ermöglichen es Patient:innen, die subkutane Immunglobulin-Substitution selbstständig durchzuführen, wobei die Heimselbsttherapie entsprechende Schulungen voraussetzt. Dies führt zu einer erheblichen Verbesserung der Lebensqualität und reduziert die Belastung des Gesundheitssystems [13, 15, 16].
Vorteile der häuslichen SCIG-Therapie:
Reduktion der Krankenhausaufenthalte
Verbesserte Lebensqualität durch erhöhte Flexibilität
Geringere Infektionsrisiken durch Vermeidung nosokomialer Exposition
Kostenreduktion gegenüber IVIG
Monitoring und Nachsorge
Ein systematisches Monitoring umfasst regelmäßige Kontrollen der IgG-Spiegel, Infektionsraten und patientenberichteter Endpunkte [4, 2-14]. Die Dosisanpassung erfolgt individuell basierend auf klinischen Parametern und Laborwerten [4, 14]. Die Ziel-IgG-Spiegel werden individuell festgelegt, um angemessenen Schutz vor Infektionen zu gewährleisten [4, 14, 17].
Infektionsprophylaxe und supportive Maßnahmen
Impfstrategien
Patient:innen mit sekundären Immundefekten benötigen spezielle Impfstrategien entsprechend den STIKO- und Onkopedia-Empfehlungen [4, 11]. Die eingeschränkte Immunantwort erfordert eine individuelle Planung und häufig verstärkte Impfschemata [11].
Empfohlene Impfungen:
Influenza: Jährlich, bei Patient:innen > 60 Jahre quadrivalenter Hochdosisimpfstoff
Pneumokokken: PCV13 gefolgt von PPSV23 nach 8 Wochen, Auffrischung alle 6 Jahre
SARS-CoV-2: Grundimmunisierung plus regelmäßige Auffrischungen
Haemophilus influenzae Typ B: Bei schwerer Immundefizienz
Meningokokken: ACWY und B-Komponente
Kontraindikationen:
Lebendimpfstoffe sind bei schwerer Immundefizienz kontraindiziert
Für Varizella-Zoster wird ausschließlich der rekombinante (Totimpfstoff) verwendet, nicht der Lebendimpfstoff
Antimikrobielle Prophylaxe
Die antimikrobielle Prophylaxe spielt eine wichtige Rolle in der Betreuung von Patient:innen mit sekundären Immundefekten. Die Indikationsstellung erfolgt individuell basierend auf dem Immunstatus, der Grunderkrankung und der Infektionsanamnese [11].
Indikationen für antimikrobielle Prophylaxe:
Rezidivierende schwere bakterielle Infektionen trotz IgG-Substitution
Schwere Neutropenie (< 500/μl) über längere Zeiträume
Spezifische Risikosituationen (z.B. nach Splenektomie)
Prophylaxe-Optionen:
Antibakteriell: Cotrimoxazol, Azithromycin bei rezidivierenden Atemwegsinfektionen
Antiviral: Aciclovir/Valaciclovir bei HSV/VZV-Reaktivierungsrisiko
Antimykotisch: Fluconazol bei erhöhtem Candidose-Risiko
Mikrobiom und Ernährung
Ein ganzheitlicher Ansatz berücksichtigt auch die Rolle des Mikrobioms und der Ernährung bei der Immunrekonstitution. Das intestinale Mikrobiom moduliert systemische Immunreaktionen und beeinflusst maßgeblich die Mikroumgebung von Tumoren [16].
Mikrobiom-modulierende Ansätze:
Restriktive Antibiotika-Anwendung
Probiotika zur Stabilisierung
Präbiotika zur Förderung
Ernährungsoptimierung
Mikrobiom-Monitoring
Die Wirksamkeit und Verträglichkeit der prophylaktischen und unterstützenden Maßnahmen sollten regelmäßig überwacht und individuell angepasst werden, um einen optimalen Infektionsschutz und Therapieerfolg zu gewährleisten.
Fazit
Sekundäre Immundefekte sind eine häufige Komplikation bei onkologischen und hämatologischen Erkrankungen, die mehr als 6% der Erwachsenen betrifft. Eine frühzeitige Diagnostik mit systematischem Immunmonitoring und evidenzbasierte Therapieentscheidungen sind entscheidend für den Behandlungserfolg. Die Immunglobulin-Substitutionstherapie stellt die wichtigste therapeutische Maßnahme bei Hypogammaglobulinämie dar, wobei moderne subkutane Applikationsformen eine patientenorientierte Behandlung mit verbesserter Lebensqualität ermöglichen. Ein multidisziplinärer Ansatz mit strukturierten Impfstrategien, antimikrobieller Prophylaxe und Beachtung von Kontraindikationen für Lebendimpfstoffe optimiert die Langzeitprognose der Patient:innen.
Quelle:Takeda
Literatur:
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