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Medizin

19. Juni 2019 Personalisierte Medizin: Onkologische Forschung und Therapie weiterdenken

In der Onkologie setzt sich mehr und mehr der Gedanke durch, dass Krebs eine Erkrankung der Gene und weniger der betroffenen Organe ist. Diese Erkenntnis verändert die Forschung und wie Patienten zukünftig behandelt werden können. Moderne Krebstherapien verfolgen daher einen entitätsübergreifenden Behandlungsansatz. Sie richten sich gegen die individuellen Angriffspunkte der Erkrankung, die für die Entstehung und das Wachstum des Tumors verantwortlich sind, wie beispielsweise die Prüfsubstanz Entrectinib bei NTRK-Fusions-positiven Tumoren. Auf der Jahrestagung der American Society for Clinical Oncology (ASCO) wurden neue Erkenntnisse aus diesem Feld vorgestellt. Inwiefern sich die Krebstherapie durch dieses Umdenken verändert und welche Auswirkungen dies auf die Forschung hat, diskutierten Experten im Rahmen einer Veranstaltung der Roche Pharma.
Eine Krankheit, eine Behandlung – lange Zeit beherrschte dieser „one size fits all“-Gedanke die Onkologie. Heute wissen wir mehr als jemals zuvor darüber, wie Krebs entsteht und sich ausbreitet: Verantwortlich sind spezifische Veränderungen in unseren Genen. Diese können auch Auskunft geben, ob eine Therapie Erfolg haben wird. Daher werden Patienten mit malignen Erkrankungen heute mehr und mehr aufgrund der spezifischen genetischen Veränderungen ihres Tumors stratifiziert und im Sinne der Personalisierten Medizin behandelt.

Personalisierte Medizin überschreitet Entitätsgrenzen

„In Zukunft werden sich Therapien daher zunehmend auch an genomischen und weniger an anatomischen Gemeinsamkeiten orientieren. Für uns bedeutet das: Behandlung immer kleinerer und heterogenerer Subgruppen, differenziert anhand individueller genetischer Veränderungen. In diesen neuen Konzepten kann die Tumorlokalisation zum Teil nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Daher erwarten wir, dass Behandlungsstrategien, die Entitätsgrenzen überschreiten, zukünftig deutlich an Bedeutung gewinnen werden“, sagte Dr. Benedikt Westphalen, München, im Rahmen seines Vortrages. Die Prüfsubstanz Entrectinib ist ein solcher, neuer Therapieansatz für die Behandlung von Patienten mit NTRK-Fusions-positiven soliden Tumoren und ROS1-Fusions-positivem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC). NTRK-Fusionsgene sind als onkogene Treiber bekannt. Sie kommen insgesamt zwar sehr selten, dafür aber in vielen verschiedenen Tumorentitäten vor. Die Wirksamkeit von Entrectinib wurde in mehreren Basket-Studien (STARTRK-2, -1 und ALKA-372-001) untersucht. „Für Patienten mit NTRK-Fusions-positiven soliden Tumoren und ROS1-Fusions-positivem NSCLC ist Entrectinib ein vielversprechender Wirkansatz“, machte Westphalen anhand aktueller Daten zur Prüfsubstanz deutlich. So zeigte eine gepoolte Analyse der Basket-Studien, dass insbesondere auch Patienten mit ZNS-Metastasen von Entrectinib profitieren können. Zudem ging die Therapie mit Entrectinib mit einem sehr guten intrakraniellen Ansprechen bei den Patienten mit ZNS-Metastasen einher – bei Patienten mit NTRK-Fusionsgenen betrug die intrakranielle ORR 54,5% (95%-KI: 23,4-83,3%) und bei Patienten mit ROS1-Fusionsgenen 55% (95%-KI: 31,5-76,9%) (1). „Zusammen mit den bisherigen Daten zum Gesamtüberleben und den nun vorliegenden Daten zu Patienten mit Hirnmetastasen können wir sagen, dass Entrectinib die Prognose der Patienten verbessert – und zwar unabhängig vom ZNS-Status“, resümierte Westphalen. Darüber hinaus zeigen die ersten Daten der STARTRK-NG-Studie, dass Entrectinib auch für die Behandlung von Kindern mit NTRK-, ALK- und ROS1-Fusions-positiven soliden Tumoren eine effektive Option ist. Alle 11 Patienten mit einem der relevanten Fusionsgene – darunter auch 5 mit einem primären ZNS-Tumor – sprachen gut und schnell auf Entrectinib an (2).

Neue Therapieansätze erfordern neue Studiendesigns

„Der Wandel von einer tumor- zu einer biomarkerbasierten Krebstherapie bedeutet auch, dass sich die Studiendesigns ändern“, ergänzte Dr. Susanne Schach, Roche. „Und je geringer die Prävalenz einer Erkrankung ist, desto kleiner wird die potenzielle Studienpopulation“. Dies ist eine besondere Herausforderung, wenn ein neuer Wirkstoff in klinischen Studien untersucht werden soll. „Oft ist es nicht möglich, für diese wenigen Patienten randomisierte klinische Studien aufzusetzen. Hinzu kommen auch ethische Aspekte: Gerade bei zielgerichteten Therapieoptionen ist eine Kontrollgruppe aufgrund von Wirksamkeits- und Verträglichkeitsunterschieden nicht immer zu vertreten“, gab Schach zu
bedenken. Daher kommen bei seltenen und bisher untertherapierten Erkrankungen vermehrt einarmige Studien zum Einsatz. Mit einarmigen Basket-Studien kann die Evidenz für neue Therapieansätze bei kleinen Patientenpopulationen und unabhängig von der Tumorlokalisation gewonnen werden. Die Nutzung von Real-World-Daten (RWD) kann die Aussagekraft dieser Studien steigern, indem aus ihnen Vergleichsarme gebildet werden. Dabei ist es wichtig, dass die Daten transparent sind und zurückverfolgt werden können. „Die Basket-Studien zu Entrectinib zeigen, dass der Erfolg einer Therapie zukünftig immer öfter nicht an einer großen selektierten Gesamtheit gemessen werden kann, sondern individuell für einzelne Patienten besteht“, betonte Schach. „Das wird auch von verschiedenen Gesundheitsbehörden anerkannt.“ So erhielt Entrectinib für die Behandlung von erwachsenen und pädiatrischen Patienten mit NTRK-Fusions-positiven, lokal fortgeschrittenen oder metastasierten soliden Tumoren, die entweder nach vorangegangenen Therapien fortgeschritten sind oder keine akzeptablen Standardtherapien erhalten haben, von der European Medicines Agency (EMA) den Status „Priority Medicines“ (PRIME). Die US Food and Drug Administration (FDA) hat Entrectinib in dieser Indikation die „Breakthrough Therapy Designation“ (BTD) zuerkannt. Und die japanische Zulassungsbehörde Entrectinib den Sakigake-Status zugesprochen (3).

Quelle: Roche

Literatur:

(1) Siena S et al., J Clin Oncol 2019; 37: Abstract 3017.
(2) Robinson GW et al., J Clin Oncol 2019; 37: Abstract 10009.
(3) F. Hoffman La Roche Ltd. Data on file.


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