Dienstag, 19. März 2019
Navigation öffnen

Medizin

03. August 2018 Vorsorgliche Schädelbestrahlung auch beim nichtkleinzelligen Lungenkrebs?

Lungenkarzinome neigen zur Metastasierung in das Gehirn – und das Auftreten von Hirnmetastasen verschlechtert meistens die Lebensqualität der Patienten massiv. Bei kleinzelligem Lungenkrebs, bei dem das Risiko der Metastasierung besonders hoch ist, gilt die vorsorgliche Bestrahlung des Schädels, um Hirnmetastasen vorzubeugen, als Therapiestandard. „Neue Daten weisen nun darauf, dass die vorbeugende Schädelbestrahlung auch bei nichtkleinzelligem Lungenkrebs eine sinnvolle Maßnahme darstellen könnte“, so Frau Univ.-Prof. Dr. med. Stephanie Combs, Direktorin der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie am Klinikum r. d. Isar der TU München.
Jedes Jahr erkranken in Deutschland über 50.000 Menschen (ca. 34.000 Männer und ca. 20.000 Frauen) an Lungenkrebs (1), mit ca. 75% ist das sogenannte nichtkleinzellige Bronchialkarzinom (NSCLC – „Non Small Cell Lung Carcinoma“) am häufigsten 1). Das seltenere kleinzellige gilt als gefährlicher, da es schneller Metastasen bildet. Da es typischerweise in das Gehirn metastasieren kann, wird zusätzlich zur eigentlichen Tumortherapie eine vorsorgliche (prophylaktische) Bestrahlung des Schädels (PCI/ „prophylactic cranial irradiation“) empfohlen. In frühen Stadien des kleinzelligen Lungenkrebses reduziert eine PCI das Auftreten von Hirnmetastasen ca. um 50% und verlängert das Gesamtüberleben (2, 3).

Das Auftreten von Hirnmetastasen verschlechtert auch die Lebensqualität der Patienten massiv, da sie die funktionellen Bereiche im Hirn und auch Nerven beeinträchtigen. Typischerweise kommt es zu starken Kopfschmerzen, auch zu Schwindel und Übelkeit aufgrund des erhöhten Hirndrucks, häufig sind auch Krampfanfälle, sensorische Störungen (z.B. das sehen von Doppelbildern), Sprachstörungen, manchmal kann es sogar zur Halbseitenlähmung oder psychischen Störungen bis hin zu einer Wesensveränderung kommen.

Die Frage ist daher, ob auch Patienten mit nichtkleinzelligem Lungenkrebs von der vorsorglichen Hirnbestrahlung profitieren – immerhin entwickelt auch jeder dritte Patient im NSCLC-Stadium III binnen zwei Jahren Hirnmetastasen (4).

Eine aktuelle Studie aus den Niederlanden und Belgien (5) untersuchte die prophylaktische Schädelbestrahlung (PCI) bei NSCLC-Patienten in Stadium III bei kurativem Therapieansatz hinsichtlich des Auftretens symptomatischer Hirnmetastasen sowie des Gesamtüberlebens: 175 Patienten wurden nach Abschluss einer multimodalen Therapie (Chemostrahlentherapie +/- Operation) 1:1 randomisiert und erhielten entweder eine PCI oder wurden nur beobachtet (Kontrollgruppe). Studienendpunkt war primär das Auftreten von symptomatischen Hirnmetastasen innerhalb von zwei Jahren. Bei Hirndruck-Symptomatik wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Krampfanfällen, kognitiven oder affektiven Auffälligkeiten wurde mittels CT oder MRT nach Hirnmetastasen gesucht. In der Nachbeobachtungszeit von median 48,5 Monaten traten in der PCI-Gruppe bei 7% (6/86) symptomatische Hirnmetastasen auf – in der Beobachtungsgruppe dagegen bei 27% (24/88). Das Gesamtüberleben war in den Gruppen nicht signifikant unterschiedlich. Gegenüber Patienten ohne Bestrahlung war die Lebensqualität in der PCI-Gruppe in den ersten drei Monaten nach der Bestrahlung niedriger, danach war sie in beiden Gruppen ähnlich. In der PCI-Gruppe hatten mehr Patienten niedriggradige Gedächtnisstörungen (26/86 gegenüber 7/88) und Aufmerksamkeitsstörungen (16/86 gegenüber 3/88). Zusammenfassend reduzierte eine prophylaktische Schädelbestrahlung bei NSCLC-Patienten in Stadium III nach kurativem Therapieansatz das Auftreten symptomatischer Hirnmetastasen von 27% auf 7% – um den „Preis“ kognitiver Beeinträchtigungen (Grad I-II) wie Gedächtnisstörungen bei jedem dritten Patienten (ohne Bestrahlung traten diese Beschwerden nur bei knapp 5% auf) sowie Aufmerksamkeitsstörungen bei fast jedem fünften Patienten (3% in der Kontrollgruppe).

Vieles deutet also auch auf einen Nutzen der prophylaktischen Schädelbestrahlung (PCI) beim NSCLC. Was aber auch erwähnt werden muss: Das Gesamtüberleben konnte die PCI nicht beeinflussen; einen Rückfall (Rezidive) erlitten in den zwei Jahren fast genauso viele Patienten nach PCI (67%) wie in der Kontrollgruppe (72%). DEGRO-Pressesprecherin, Univ.-Prof. Dr. med. Stephanie Combs, Direktorin der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie am Klinikum rechts der Isar der TU München, erläutert: „Rezidive können gerade beim nichtkleinzelligem Lungenkrebs auch außerhalb des Gehirns auftreten und zum Fortschreiten der Krebserkrankung führen. Das kann die PCI nicht verhindern, sie kann aber nach jetziger Datenlage für viele Patienten eine sinnvolle und wirksame Maßnahme darstellen, um die Lebensqualität zu erhalten.“

„Eine Schädelbestrahlung kann Hirnmetastasen vorbeugen bzw. das Auftreten zeitlich hinausschieben“, so Prof. Dr. med. Wilfried Budach, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Düsseldorf und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO). „Allerdings kann die Bestrahlung mit neurokognitiven Nebenwirkungen (z. B. Konzentrationsstörungen, Störungen der Merkfähigkeit, Abgeschlagenheit) einhergehen und beim NSCLC konnte bislang keine Verlängerung der Überlebenszeit durch die vorsorgliche Bestrahlung belegt werden.“

Die DEGRO rät dazu, die PCI bei kleinzelligem Lungenkrebs weiterhin als Therapiestandard durchzuführen, da sie hier auch mit einem Überlebensvorteil einhergeht und der Nutzen die Risiken überwiegt. Beim nichtkleinzelligem Lungenkrebs empfiehlt sie ein individualisiertes Vorgehen, da das Nutzen-Risiko-Profil nicht so deutlich ist. „Hirnmetastasen können die Lebensqualität der Patienten drastisch verschlechtern und das ist individuell gegen das Risiko möglicher Nebenwirkungen abzuwägen. Der Patient sollte in diese Entscheidung eingebunden werden. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Datenlage können wir keine klare Empfehlung für die PCI bei NSCLC geben“, so der DEGRO-Präsident. „Die DEGRO arbeitet in Zusammenarbeit mit europäischen und internationalen Studiengruppen daran, die Evidenzlage zur Strahlentherapie in dieser klinischen Situation weiter zu festigen.“

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e. V.

Literatur:

1. Daten des Robert-Koch-Instituts, abrufbar unter https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/ki.../kid_2017_c33_c34_lunge.pdf?__blob=publicationFile
2. Aupérin A, Arriagada R, Pignon JP et al. Prophylactic cranial irradiation for patients with small-cell lung cancer in complete remission. N Engl J Med 1999; 341: 476-84
3. Le Péchoux C, Dunant A, Senan S et al. Standard-dose versus higher-dose prophylactic cranial irradiation (PCI) in patients with limited-stage small-cell lung cancer in complete remission after chemotherapy and thoracic radiotherapy (PCI 99-01, EORTC 22003-08004, RTOG 0212, and IFCT 99-01): A randomised clinical trial. Lancet Oncol 2009; 10:467-74
4. Sun DS, Hu LK, Cai Y et al. A systematic review of risk factors for brain metastases and value of prophylactic cranial irradiation in non-small cell lung cancer. Asian Pac J Cancer Prev 2014; 15:1233-39
5. De Ruysscher D, Dingemans AC, Praag J et al. Prophylactic Cranial Irradiation Versus Observation in Radically Treated Stage III Non-Small-Cell Lung Cancer: A Randomized Phase III NVALT-11/DLCRG-02 Study. J Clin Oncol 2018 May 22:JCO2017775817. doi: 10.1200/JCO.2017.77.5817. Epub ahead of print)


Das könnte Sie auch interessieren

Kostenlose Kosmetikseminare “look good feel better“ für Krebspatientinnen

Kostenlose Kosmetikseminare “look good feel better“ für Krebspatientinnen
© Carolin Lauer (carolinlauer.de)

Ganz unverhofft trifft die damals 30jährige Cristina aus Hannover die Diagnose Krebs. Erst dachte sie an einen schlechten Scherz, als sie den Anruf von ihrem Arzt erhielt und dann zog ihr die Nachricht den Boden unter den Füßen weg. Mit der Chemotherapie kamen der Verlust der Haare, Augenbrauen und Wimpern und damit auch teilweise unangenehme Situationen: „Selbst als ich noch Stoppeln auf dem Kopf hatte, haben mich sofort alle angestarrt. Teilweise getuschelt oder den...

Krebstherapie gestern, heute, morgen: Entwicklungen in der Onkologie

Krebs gilt heute als Volkskrankheit: Bei Frauen stieg die Zahl der jährlich auftretenden Neuerkrankungen seit 1980 um 35 Prozent, bei Männern sogar um 80 Prozent an. Dass die krebsbedingte Sterberate dennoch im gleichen Zeitraum zurückging, ist u. a. Verdienst der modernen Forschung: In allen Bereichen der Krebsmedizin – von der Grundlagenforschung bis hin zur strukturierten Nachsorge der Patienten – haben sich enorme Erfolge eingestellt. Dies war jedoch ein weiter...

Fortschritte durch hoch spezialisierte Medikamente

Analysenroboter, Hochleistungs-Computer, modernste Labore, Kreativität und enorme Forschungsgelder - es müssen viele Faktoren zusammenkommen, damit ein neues Medikament auf den Markt kommen kann. Die Suche nach neuen Wirkstoffen setzt bei der Krankheit an: Gibt es bestimmte Botenstoffe, Enzyme oder Hormone, die zum Beispiel bei einem bestimmten Tumor das Krebswachstum antreiben? Oder spielen bestimmte Strukturen auf der Zelloberfläche eine Rolle, sogenannte Rezeptoren,...

Junge Menschen vor Gebärmutterhalskrebs und anderen Krebsarten schützen

Junge Menschen vor Gebärmutterhalskrebs und anderen Krebsarten schützen
© Jochen Schönfeld / Fotolia.com

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat die Impfempfehlungen zur HPV-Impfung erweitert. Während es die offizielle Empfehlung für Mädchen bereits seit dem Jahr 2007 gibt, empfiehlt sie die HPV-Impfung seit diesem Jahr auch für Jungen. Um auf die Wichtigkeit der HPV-Impfung hinzuweisen, hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Informationsmaterialien entwickelt, die derzeit an die ärztlichen Praxen versendet werden und darüber...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Vorsorgliche Schädelbestrahlung auch beim nichtkleinzelligen Lungenkrebs?"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.