Donnerstag, 23. Mai 2019
Navigation öffnen

Medizin

15. Mai 2019 Immunonkologie: Langzeitperspektiven für Melanom-Patienten

Etwa jedes 30.-40. Kind, das heute geboren wird, wird im Laufe seines Lebens ein malignes Melanom entwickeln. Früh erkannt, stehen die Überlebenschancen vergleichsweise gut, liegen jedoch bereits Metastasen vor, sinken die Überlebensraten massiv. Prof. Dr. Ralf Gutzmer, Hannover, stellte im Mai im Rahmen eines Symposiums auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin neue Therapieoptionen vor, die sich aus der Immuntherapie ergeben.
Anzeige:
Fachinformation
Kein Überlebensvorteil durch Chemotherapie-Eskalation

Die meisten Melanom-Patienten, so Gutzmer, suchen erst dann ärztliche Hilfe, wenn das Melanom bereits fortgeschritten ist. Aus diesem Grund stellen Fernmetastasen das größte Problem in der Behandlung des malignen Melanoms dar. Bis vor wenigen Jahren lag die onkologische Strategie in der Eskalation der Chemotherapie in Form einer 4-fach-Kombination, die zwar mit schweren Nebenwirkungen verbunden war, den Patienten jedoch keinen Überlebensvorteil gegenüber der milderen Mono-Chemotherapie brachte. Das Gesamtüberleben (OS) metastasierter Patienten lag bei 8-9 Monaten; bis auf wenige Einzelfälle waren alle Patienten innerhalb von 2-3 Jahren verstorben.

Spontan-Remissionen nach Infektionskrankheiten

Nachdem entdeckt wurde, dass einzelne Patienten nach Infektionskrankheiten oder einem Erysipel Spontan-Remissionen entwickelten, lag die Vermutung nahe, eine immunonkologische Therapie könne einen Durchbruch in der Behandlung erzielen. Zwar war die Deaktivierung des Immunsystems durch die Checkpoints bereits bekannt, doch erst James P. Allison, USA, und Tasuku Honjo, Japan, erkannten das Potential der therapeutischen Nutzung, wofür sie 2018 mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet wurden.

Deutliche Senkung der Mortalitätsraten unter Pembrolizumab

Am Beispiel des humanisierten monoklonalen Antikörpers Pembrolizumab erläuterte Gutzmer die Vorteile einer immunonkologischen Intervention beim malignen Melanom: In der Keynote-6-Studie, in der 76% der Probanden bereits metastasiert und Chemotherapie-naiv waren, waren unter Pembrolizumab nach 3 Jahren noch 51% am Leben, nach 4 Jahren noch 43% und nach 5 Jahren noch gut 40%. „Zum Vergleich: Unter der früheren Standard-Chemotherapie waren nach 3 Jahren nur noch etwa 5% der Patienten am Leben“, so Gutzmer. Nach 5 Jahren stellt sich unter Pembrolizumab allmählich ein Plateau ein, die Werte fallen nicht weiter ab.

„Unser Ziel ist es aber, möglichst 100% der Patienten das Überleben zu sichern“, sagte Gutzmer. „Der nächste Schritt sind daher die Kombinationen. Hierzu laufen aktuell einige Studien, Ergebnisse liegen aber noch nicht vor.“

Die Keynote-54-Studie untersuchte einen möglichen Überlebensvorteil für Stadium-III-Patienten, die nach Operation zunächst Tumor-frei waren, jedoch einem großen Risiko unterlagen, erneut zu metastasieren. Über ein Jahr wurde Pembrolizumab oder Placebo gegeben, jeder Arm umfasste gut 500 Patienten. Die Pembrolizumab-Gruppe zeigte einen deutlichen Überlebensvorteil gegenüber dem Placebo-Arm: Nach 18 Monaten hatten die Patienten im Pembrolizumab-Arm 43% weniger Rezidive entwickelt oder diese traten zumindest verzögert auf (HR=0,7). Außerdem gab es in dieser Gruppe nur halb so viele Fernmetastasen. Zur Überlebenszeit liegen noch keine Daten vor. Aufgrund dieser Studie erfolgte für Pembrolizumab Anfang dieses Jahres die Zulassung.

Mögliche Nebenwirkungen

„Trotz der vielversprechenden Ergebnisse, muss diese Therapie immer individuell abgewogen werden“, schränkte Gutzmer ein. Durch den massiven Eingriff in das Immunsystem des Patienten können schwere Nebenwirkungen auftreten: Dermatitiden oder Myelitiden, die zwar sehr selten auftreten, aber tödlich verlaufen können, oder auch Pankreatitis, die bei rund 1% der Patienten einen Diabetes nach sich zieht.

Intervalldosierung

Um die Lebensqualität der Patienten weiter zu verbessern, wird mittlerweile eine Verlängerung der Dosisintervalle angeboten: Statt alle 3 Wochen 200 mg über ein Jahr, können alternativ auch alle 6 Wochen 400 mg über ein Jahr verabreicht werden. Diese Dosierung ist zugelassen und wird auch so genutzt.

Fazit

Gutzmer fasste zusammen: Mit den immunokologischen Therapieoptionen haben sich die Überlebenschancen auch von Patienten mit metastasiertem malignen Melanom deutlich von ca. 5% auf ca. 40% verbessert. Der Erhalt der Lebensqualität liegt bei 80%. Die Immuntherapie stellt mittlerweile den Standard sowohl in der adjuvanten als auch in der palliativen Situation dar. Damit konnte nach über 20 Jahren endlich ein Durchbruch in der Melanom-Behandlung erzielt werden.

 

SM

Quelle: 47. MSD-Diskussion: „Immunonkologie – Langzeitperspektiven für Melanompatienten“, im Rahmen des 125. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin“, 05.05.2019, Wiesbaden; Veranstalter: MSD


Das könnte Sie auch interessieren

Klinische Studien in der Krebstherapie – Informationen für Patienten

Klinische Studien in der Krebstherapie – Informationen für Patienten
© Alexander Raths / Fotolia.com

Für Krebspatienten ist die Teilnahme an einer Studie mit der Chance verbunden, frühzeitig Zugang zu innovativen Behandlungsmethoden zu bekommen, die im klinischen Alltag nicht erhältlich sind. Neue Wirkstoffe bieten viele Chancen, können aber auch unbekannte Risiken und Nebenwirkungen mit sich bringen. Das ONKO-Internetportal erläutert, welche Arten von Studien es in der Krebstherapie gibt und was Patienten, die sich für eine Studienteilnahme interessieren,...

Als Krebspatient auf Reisen – hilfreiche Tipps

Als Krebspatient auf Reisen – hilfreiche Tipps
© Jenny Sturm / Fotolia.com

Ein Kurzurlaub in der Therapiepause – das hört sich für viele Betroffene verlockend an. Mal abschalten und die physischen und psychischen Belastungen der Erkrankung vorübergehend hinter sich lassen. Aber: Kann ich das als Krebspatient? Und worauf ist zu achten? Diese und weitere Fragen zum Thema „Reisen mit Krebs“ beantwortet der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums täglich von 08:00 Uhr bis 20:00 Uhr telefonisch unter 0800-420...

Diagnose Krebs: Wer hilft bei hoher psychischer Belastung?

Diagnose Krebs: Wer hilft bei hoher psychischer Belastung?
© Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum

„Sie haben Krebs“ – kaum ein Betroffener wird diesen Satz je vergessen. Von jetzt auf gleich gerät das Leben aus den Fugen. Fragen, Ängste, Traurigkeit, Wut – alles wirbelt durcheinander. Auch die Zeit der Behandlung bis hin zur Nachsorge bringt Belastungen mit sich, die Betroffene an ihre Grenzen bringen können. Nimmt die psychische Belastung überhand oder dauert sie lange an, kann psychotherapeutische Hilfe sinnvoll sein. Der...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Immunonkologie: Langzeitperspektiven für Melanom-Patienten"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.