Mittwoch, 24. April 2019
Navigation öffnen
Anzeige:

Medizin

31. August 2018 EU-Zulassung für Tisagenlecleucel: CAR-T Zelltherapie für Kinder und junge Erwachsene mit r/r ALL und für Erwachsene mit r/r DLBCL

Die Europäische Kommission hat der patientenindividuellen CAR-T Zelltherapie mit Tisagenlecleucel (Kymriah®) die EU-Zulassung erteilt und folgt der Empfehlung des Ausschusses für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur EMA (1). Tisagenlecleucel ist die erste in Europa zugelassene CAR-T Zelltherapie für die Behandlung von Kindern, Jugendlichen und jungen erwachsenen Patienten im Alter bis zu 25 Jahren mit refraktärer oder rezidivierter (Rezidiv nach Transplantation oder zweites oder späteres Rezidiv) akuter lymphatischer B-Zell-Leukämie (ALL) und zur Behandlung von erwachsenen Patienten mit rezidiviertem oder refraktärem diffus großzelligen B-Zell-Lymphom (DLBCL) nach 2 oder mehr Linien einer systemischen Therapie.
Anzeige:
r/r ALL und r/r DLCBL sind aggressive und komplexe Erkrankungen des lymphatischen Systems, die unbehandelt schnell zum Tod führen und für die bisher nur limitierte Therapieoptionen zur Verfügung standen (2-5). Mit der EU-Zulassung von Tisagenlecleucel erweitert sich das therapeutische Spektrum für diese beiden Patientengruppen um ein effektives und innovatives Behandlungsverfahren.
Novartis wird Tisagenlecleucel in Deutschland schrittweise einführen - zunächst zur Behandlung der pädiatrischen ALL, anschließend zur Behandlung von DLBCL.

Ester Banque, General Manager, Germany, Novartis Oncology: „Es erfüllt uns mit Stolz und Ehrfurcht, Patienten in einer ausweglosen Situation eine Chance auf Leben zu geben und so die Geschichte der Krebstherapie entscheidend mit zu gestalten. Die Zulassung von Tisagenlecleucel ist ein Meilenstein in unserer Unternehmensgeschichte und die frühzeitige Investition in die CAR-T Zell-Forschung wird nun belohnt. In Kooperation mit unseren führenden deutschen Studienzentren ist es gelungen, diese Zulassung entscheidend voranzutreiben.“

CAR-T Zelltherapie: Umprogrammierte T-Zellen eliminieren Tumorzellen

Tisagenlecleucel ist eine CAR-T Zelltherapie, bei der dem Patienten T-Zellen durch Leukapherese entnommen und in vitro gentechnisch modifiziert werden (6,7). Für die Umprogrammierung der T-Zellen wird ein chimärer Antigen-Rezeptor (CAR) verwendet, der es den T-Zellen ermöglicht, Tumorzellen und Zellen mit einem spezifischen Oberflächenmarker zu erkennen und zu binden. Diese Bindung kann die CAR-T Zelle aktivieren und somit den Zelltod der Tumorzelle herbeiführen. Für jeden Patienten werden die CAR-T Zellen in einem aufwendigen Verfahren individuell hergestellt und vervielfältigt. Anschließend werden sie mittels einer einmaligen intravenösen Infusion zurück in den Blutkreislauf des Patienten infundiert, wo sie die Tumorzellen identifizieren und eliminieren können. Tisagenlecleucel nutzt die co-stimulatorische 4-1BB-Domäne als Teil des chimären Antigen-Rezeptors, um die Expansion und Persistenz der Zellen zu steigern. Die Herstellung erfolgt aktuell in Morris Plains (USA) und – hauptsächlich für klinische Studien – am Fraunhofer Institut (Leipzig).

ELIANA: Lang anhaltende Remissionsraten bei r/r B-Zell-ALL

Prof. Dr. Peter Bader, Hauptprüfer in der Zulassungsstudie ELIANA, stellvertretender Direktor und Leiter des Schwerpunktes Stammzelltransplantation und Immunologie der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Uniklinikum Frankfurt/Main, fasste im Rahmen einer Pressekonferenz die aktuellen Ergebnisse der ELIANA-Studie (8) zusammen. Insgesamt 75 Patienten mit r/r B-Zell-ALL erhielten eine einmalige Infusion mit Tisagenlecleucel. Die Gesamtansprechrate (ORR), definiert als komplette Remission (CR) und komplette Remission mit unvollständiger Wiederherstellung des hämatopoetischen Systems (CRi), betrug nach 3 Monaten (primärer Studienendpunkt) 81% (95%-KI: 71%-89%) (8). Insgesamt 60% der Patienten erreichten unter Tisagenlecleucel eine komplette Remission, weitere 21% eine CR mit unvollständiger Wiederherstellung des hämatopoetischen Systems, bei all diesen Patienten konnte zusätzlich keine minimale Resterkrankung (MRD) nachgewiesen werden (8). Das Gesamtüberleben (OS) lag nach 6 Monaten bei 90% (95%-KI: 81%-95%) und nach 12 Monaten bei 76% (95%-KI: 63%-86%) (8).

„Mit der CAR-T Zelltherapie wurde zum ersten Mal eine neue und eigene Qualität in der Behandlung von Patienten mit einer ALL eingeführt. Insofern ist es ein noch nie dagewesenes äußerst effektives Therapieprinzip. Man könnte also von der beginnenden Ära der CAR-T Zelltherapie sprechen. Den wahren Stellenwert der Therapie wird erst die Zukunft zeigen. Ich glaube, diese Therapieform wird für viele Patienten, die derzeit nicht erfolgreich behandelt werden können, eine große Chance darstellen, gesund zu werden“, so Bader.

JULIET: Durchbruch in der Behandlung von Patienten mit r/r DLBCL

Prof. Dr. Peter Borchmann, Oberarzt der Klinik I für Innere Medizin, Uniklinikum Köln, und Leiter der klinischen Prüfung in der JULIET-Studie, verwies auf den hohen Bedarf an neuen Therapieoptionen für Patienten mit r/r DLBCL, die bereits 2 oder mehr Therapielinien erhalten haben. Mit konventionellen Therapien erreichen nur 8% dieser Patienten eine CR (9), bei einem medianen OS von lediglich 4,4 Monaten (10). Neue Möglichkeiten zeigten die kürzlich vorgestellten Follow-up-Daten der JULIET-Studie auf: Von den 111 Patienten, die mit Tisagenlecleucel behandelt werden konnten, wurde eine Gesamtansprechrate von 52% (95%-KI: 41%-62%) erzielt, wobei 40% der Patienten eine CR und 12% der Patienten eine partielle Remission (PR) erreichten (11). Nach 12 Monaten betrug das OS 49% (95%-KI: 38,5%-59%) und das rezidivfreie Überleben bei Patienten in kompletter Remission 78,5% (11). Als prognostisch wichtiger Meilenstein können die Remissionsraten nach 3 Monaten angesehen werden: Von den Patienten, die nach 3 Monaten eine komplette oder partielle Remission erreicht hatten, waren 83% nach 12 Monaten weiterhin progressionsfrei. Von den Patienten, die initial eine partielle Remission aufwiesen, gingen im weiteren Studienverlauf 54% in eine komplette Remission über (11).

Günstiges Nutzen-Risiko-Profil in beiden Studien

Die CAR-T Zelltherapie mit Tisagenlecleucel zeigte in beiden Studien ein insgesamt günstiges Nutzen-Risiko-Profil (8,11). Nebenwirkungen traten meist innerhalb von 8 Wochen nach Infusion auf und waren behandelbar. Unerwünschte Ereignisse von besonderem Interesse waren unter anderem Zytokinsturm (Cytokin-Release Syndrom, CRS; ELIANA: 77%, JULIET: 58%) sowie neurologische Ereignisse (ELIANA: 40%; JULIET: 21%). Es traten keine auf Tisagenlecleucel zurückzuführenden Todesfälle auf (8,11).

Tisagenlecleucel im Behandlungsalltag

PD Dr. Udo Holtick, Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie, Uniklinikum Köln, wies darauf hin, dass die CAR-T Zelltherapie mit Tisagenlecleucel an ausgewiesenen Studienzentren erfolgen sollte. Der Prozess der patientenindividuellen CAR-T Zellherstellung ist sehr aufwendig und beinhaltet zahlreiche Schnittstellen, u.a. zwischen behandelnden Ärzten, Apotheken, Transfusionsmedizin der Klinik und der Einrichtung zur Bearbeitung menschlicher Zellen. Dies erfordert nicht nur eine sorgfältige Koordination des eingebundenen Personals, sondern auch detaillierte Schulungen aller verantwortlichen Personen. Nach den Worten von Holtick, Verantwortlicher für die Apheresen in der JULIET-Studie an der Uniklinik Köln, könne die Etablierung eines CAR-T Koordinators dazu beitragen, diese hohen Qualitätsansprüche zum Wohle der Patienten optimal zu meistern.

Eine für den Behandlungsalltag wichtige Besonderheit der CAR-T Zelltherapie mit Tisagenlecleucel ist die Möglichkeit, den optimalen Zeitpunkt für die Therapie wählen zu können: Bei Patienten, die potenziell für eine CAR-T Zelltherapie in Frage kommen, kann bereits zu einem frühen Zeitpunkt im Krankheitsverlauf die Entnahme der T-Zellen mittels Leukapherese und Kryokonservierung der T-Zellen erfolgen. Das Apharesat kann dann für bis zu 30 Monate bis zum Therapiestart kryokonserviert werden. Dies ermöglicht eine flexiblere Therapieinitiierung entsprechend der Blutwerte des Patienten und des Gesundheitszustandes - basierend auf der Entscheidung der behandelnden Ärzte, erklärte Holtick.

Fazit der Experten

Bei pädiatrischen und jungen erwachsenen Patienten mit r/r ALL sowie erwachsenen Patienten mit r/r DLBCL besteht ein hoher Bedarf an neuen Behandlungsmöglichkeiten. Für diese Patienten gibt es nun nach der EU-Zulassung der patientenindividuellen CAR-T Zelltherapie mit Tisagenlecleucel eine wertvolle Therapieoption, die eine therapeutische Innovation für diese prognostisch ungünstigen Erkrankungen darstellt.

Quelle: Novartis

Literatur:

(1) European Medicines Agency: Summary of opinion, 28 June.
(2) Reismüller B, Peters C, Dworzak MN et al. Outcome of children and adolescents with a second or third relapse of acute lymphoblastic leukemia (ALL): a population-based analysis of the Austrian ALL-BFM (Berlin-Frankfurt-Münster) study group. J Pediatr Hematol Oncol 2013;35(5):200-204.
(3) American Cancer Society. What is Acute Lymphocytic Leukemia? Online verfügbar unter https://www.cancer.org/content/dam/CRC/PDF/Public/8669.00.pdf. Letzter Zugriff am 19. Juli 2018.
(4) Fardell JE, Vetsch J, Trahair T et al. Health-related quality of life of children on treatment for acute lymphoblastic leukemia: A systematic review. Pediatr Blood Cancer 2017;64(9). doi:10.1002/pbc.26489.
(5) Chao MP. Treatment challenges in the management of relapsed or refractory non-hodgkins lymphoma –novel and emerging therapies. Cancer Manag Res 2013;5:251-269.
(6) Abken H. CAR-T-Zellen: Wie Designer-Immunzellen gegen den Krebs scharfgemacht werden können. Trillium Immunologie 2017;1(1):43-47.
(7) Tran E, Longo DL, Urba WJ. A Milestone for CAR T Cells. New Engl J Med 2017;377:2593-2596.
(8) Maude SL, Laetsch TW, Buechner J et al. Tisagenlecleucel in Children and Young Adults with B-Cell Lymphoblastic Leukemia. N Eng J Med 2018;378:439-448.
(9) Crump M, Neelapu SS, Farooq U et al. Outcomes in refractory diffuse large B-cell lymphoma: results from the international SCHOLAR-1 study. Blood 2017;130(16):1800-1808.
(10) Van den Neste E, Schmitz N, Mounier N et al. Outcome of patients with relapsed diffuse large B-cell lymphoma who fail second-line salvage regimens in the International CORAL study. Bone Marrow Transplant 2016;51(1):51-57.
(11) Borchmann  P et al. An Updated Analysis of JULIET, a Global Pivotal Phase 2 Trial of Tisagenlecleucel in Adult Patients With Relapsed or Refractory Diffuse Large B-Cell Lymphoma. EHA Learning Center. Borchmann P. Jun 16, 2018;214521.


Das könnte Sie auch interessieren

Startschuss für den Regensburger Leukämielauf 2017: Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer übernimmt Schirmherrschaft und die Kapelle Josef Menzl beginnt Training

Startschuss für den Regensburger Leukämielauf 2017: Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer übernimmt Schirmherrschaft und die Kapelle Josef Menzl beginnt Training
© ivanko80 / Fotolia.com

Vor der Kulisse des Alten Rathauses wurde gestern (26.06.) Bürgermeisterin Gertrud Maltz- Schwarzfischer das erste Laufshirt des Regensburger Leukämielaufes 2017 von Professor Dr. Reinhard Andreesen, Vorsitzender der Leukämiehilfe Ostbayern e.V., überreicht. Mit der Übergabe des Laufshirts an das Stadtoberhaupt startet traditionell der Countdown zum größten Benefizlauf in Ostbayern, der in diesem Jahr am 15. Oktober stattfindet.

Neue Perspektiven für Frauen mit Eierstockkrebs

In der medikamentösen Behandlung von Frauen mit fortgeschrittenem Eierstockkrebs wurde erstmals nach fast 15 Jahren ein Fortschritt erzielt: Das neue Medikament, ein sogenannter Angiogenesehemmer, greift den Tumor gezielt an und verzögert damit das Fortschreiten der Krebserkrankung. Für die betroffenen Frauen ist dies ein großer Vorteil: Die Therapie ermöglicht ihnen mehr Zeit, die sie – trotz der schweren Erkrankung – weitestgehend beschwerdefrei...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"EU-Zulassung für Tisagenlecleucel: CAR-T Zelltherapie für Kinder und junge Erwachsene mit r/r ALL und für Erwachsene mit r/r DLBCL"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.