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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
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26. März 2014

Psychosoziale Unterstützung durch ambulante Krebsberatungsstellen

J. Weis, J. M. Giesler, Klinik für Tumorbiologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Psychosoziale Krebsberatungsstellen sind ambulante Einrichtungen, deren Aufgabe es ist, Tumorpatienten und deren Angehörige in allen Phasen einer Krebserkrankung durch Angebote der Information, Beratung und psychosozialen Betreuung zu unterstützen. Diese Angebote sind in der Regel niederschwellig, am individuellen Bedarf orientiert sowie kurzfristig und für die Ratsuchenden kostenfrei verfügbar. Psychosoziale Krebsberatungsstellen bilden damit eine wichtige Säule der psychosozialen Versorgung von Krebskranken, wie sie inzwischen auch der Nationale Krebsplan für Deutschland ausdrücklich als Ziel konzipiert (1, 2). Vor diesem Hintergrund zielt der vorliegende Beitrag darauf ab, den psychosozialen Unterstützungsbedarf von Tumorpatienten zu beschreiben und über das Leistungsspektrum ambulanter psychosozialer Krebsberatungsstellen zu informieren.

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Hintergrund

In ihrer jüngsten Veröffentlichung schätzen das Robert Koch Institut und die Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland die Zahl der im Jahr 2010 neu an Krebs erkrankten Personen in Deutschland auf rund 477.000 (3). Zugleich wird davon ausgegangen, dass Ende 2010 rund 1,4 Millionen Menschen in Deutschland lebten, bei denen in den fünf Jahren zuvor eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde. Für das Jahr 2014 wird mit rund 500.000 neu an Krebs erkrankenden Personen gerechnet. Im Vergleich zu den Daten für 2013 wird bis zum Jahr 2030 für Deutschland eine Steigerung der Zahl der jährlichen Krebsneuerkrankungen um 20 Prozent prognostiziert.

Für die Betroffenen bedeutet die Diagnose und Behandlung einer Krebserkrankung in der Regel einen massiven Einschnitt in ihre individuelle Lebenssituation, der vielfach mit einer ganzen Reihe weitreichender physischer, psychischer und sozialer Belastungen verbunden ist. Fortschritte in der Früherkennung, Diagnose und medizinischen Behandlung von Krebserkrankungen haben zwar zu einem Anstieg der Überlebensraten geführt und so dazu beigetragen, dass Krebs heute vielfach als eine chronische Erkrankung angesehen wird. Für die Betroffenen bedeutet dies aber häufig, dass die Lebensbedrohlichkeit der Erkrankung bestehen bleibt und sie über einen langen Zeitraum mit zahlreichen psychosozialen Folgeproblemen konfrontiert sind, die hohe Anforderungen an die individuelle Verarbeitung und Anpassung an die Erkrankung stellen.

Insgesamt haben die dargestellten Entwicklungen dazu geführt, dass die psychoonkologische Forschung seit einiger Zeit die spezifischen Beratungsanliegen und Unterstützungsbedürfnisse von Krebspatienten in der Nachsorgephase einschließlich der Langzeitüberlebenden und deren psychosoziale Situation zunehmend stärker in den Blick nimmt. Zusätzliche Bedeutung gewinnt diese Betrachtungsweise aufgrund der in den letzten Jahren im Gesundheitswesen zu beobachtenden strukturellen Veränderungen, die eine Verkürzung von stationären Verweildauern im Krankenhaus bewirkt haben. Für die psychosozialen Problemlagen bedeutet dies, dass sich Fragen zum individuellen Umgang und Leben mit der Krebserkrankung sowie den Folgen der Behandlung für die Betroffenen häufig erst nach dem Ende der medizinischen Therapie stellen. Hier kann die ambulante psychosoziale Krebsberatung eine wichtige Funktion als Anlaufstelle für die Patienten in der Schnittstelle zwischen Akutbehandlung, Rehabilitation und Nachsorge erfüllen.

Psychosozialer Betreuungsbedarf bei Tumorpatienten


Grundlage für die Bestimmung des psychosozialen Betreuungsbedarfs bildet das heute in der Psychoonkologie weithin akzeptierte Modell eines Belastungskontinuums, welches davon ausgeht, dass sich die erlebten Belastungen der Patienten auf einem Kontinuum abbilden lassen, welches von normalen Befürchtungen, Sorgen etc. auf der einen Seite bis hin zum Erleben hoher Belastung sowie zu ausgeprägten psychischen Störungen auf der anderen Seite reicht. Dieses Belastungserleben kann sich über die Zeit und im Verlauf der Erkrankung sowie der Behandlung verändern. Vor diesem Hintergrund lässt sich der Bedarf an psychosozialer Unterstützung von Tumorpatienten über verschiedene Zugangswege ermitteln. Für die Ermittlung des Betreuungsbedarfs über den Grad der psychischen Belastung oder der psychischen bzw. psychiatrischen Komorbidität bei Krebskranken stehen entsprechende diagnostische Instrumente wie Fragebogen oder Interview zur Verfügung. Darüber hinaus existieren Fragebogenverfahren, die die Informations-, Beratungs- und Unterstützungsbedürfnisse von Tumorpatienten direkt erfassen.

Studien zur psychiatrischen Komorbidität bei Tumorkranken belegen in ihrer Gesamtheit, dass zwischen 25 und 30 Prozent der Patienten stärkere psychische Beeinträchtigungen im Sinne einer ICD-Diagnose (Akute Belastungsreaktionen, Angst- und Panikstörungen, Depression usw.) zeigen (4-8). Darüber hinaus wird heute davon ausgegangen, dass in ca. 40-50% der Fälle die Belastungen von Tumorpatienten subsyndromaler Natur sind, d.h. unterhalb der Schwelle einer ICD-Diagnose angesiedelt sind (7, 9). Hierzu zählen situative Ängste, Angst vor dem Wiederauftreten bzw. Fortschreiten der Krebserkrankung, Selbstwertprobleme, Beeinträchtigungen des Körperbildes, Probleme mit dem Partner oder der Partnerin etc. Psychosoziale Belastungen zeigen sich jedoch nicht nur bei Tumorpatienten, sondern auch bei Partnern und anderen Angehörigen, die durch die veränderte Lebenssituation, die oft damit verbundenen Rollenveränderungen oder z.B. Sorgen um den Erkrankten sehr stark gefordert sind (10, 11).

Die Untersuchung psychosozialer Betreuungsbedürfnisse der Patienten (12) zeigt in Übereinstimmung mit Befunden zum Ausmaß subsyndromaler psychischer Beeinträchtigungen und Belastungen, dass die Patienten sich vor allem Unterstützung in Bezug auf die Krankheitsverarbeitung und die psychische Stabilisierung sowie Information zu Erkrankung und Behandlung wünschen (11, 13). Während der Akutbehandlung kann sich der Wunsch nach emotionaler Unterstützung dabei auch in unterschiedlichem Ausmaß auf die verschiedenen Personen des Behandlungsteams richten (6, 14).

Leistungsspektrum der ambulanten psychosozialen Krebsberatung

Vor dem Hintergrund der oben beschriebenen psychosozialen Belastungen fungieren ambulante psychosoziale Krebsberatungsstellen als wichtige Anlaufstelle für Tumorpatienten und ihre Angehörigen. In Deutschland stellen sie ein wichtiges Element der Versorgungskette dar. Sie stehen zu einem großen Teil in der Trägerschaft kirchlicher oder freier Wohlfahrtsverbände, sind jedoch hinsichtlich der Finanzierung ihrer Leistungen im System der Gesundheitsversorgung nicht fest verankert. Ihre Aufgaben und Leistungen umfassen psychologische sowie sozialrechtliche Beratungs- und Unterstützungsangebote für Patienten und Angehörige. Sie stehen den genannten Zielgruppen in jeder Phase der Erkrankung bei Bedarf als Anlaufstelle zur Verfügung und haben insbesondere nach Abschluss der Akutbehandlung eine Lotsen- und Vermittlungsfunktion, zumal sie in vielen Fällen in direkter Kooperation mit Akutkrankenhäusern oder onkologischen Schwerpunktpraxen tätig sind.

Im Einzelnen beinhalten die Leistungen ambulanter psychosozialer Krebsberatungsstellen die Bereitstellung und Vermittlung von Information und soziale oder sozialrechtliche sowie psychologische Beratung. Daneben können psychoedukative Interventionen wie das Erlernen von Entspannungstechniken oder von Formen der Stressbewältigung eingesetzt werden. Darüber hinaus sind bei Bedarf auch Krisenintervention oder fokussierte Kurzzeitpsychotherapie möglich. Die Beratung kann in unterschiedlicher Form, d.h. im Einzel-, Paar- oder Gruppensetting erfolgen. Aufgrund zum Teil komplexer Problemlagen bei den Ratsuchenden stellt im Einzelfall die Koordination von Hilfen verschiedener weiterer Einzelanbieter psychosozialer Leistungen eine weitere wichtige Aufgabe der psychosozialen Krebsberatung dar. Damit eng verknüpft ist deren Lotsenfunktion, die eine Vermittlung der Ratsuchenden an andere Einrichtungen oder Anbieter beinhaltet. Um diese erfüllen zu können, stellt die gute Vernetzung der Einrichtungen vor Ort eine unerlässliche Voraussetzung dar. Dies schließt Kooperationsbeziehungen mit Akut- und Rehabilitationskliniken, niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten etc. ein. Sofern die Beratung im Einzelfall einen eher sozialen bzw. sozialrechtlichen Schwerpunkt hat, stehen Fragen der sozialen Unterstützung, der gesellschaftlichen Teilhabe und der beruflichen (Re)Integration sowie das Erschließen und die Koordination von Versorgungsleistungen im Vordergrund. Unabhängig vom jeweiligen inhaltlichen Schwerpunkt bilden die sorgfältige Anamnese und Diagnostik der entsprechenden Problemlagen eine Grundvoraussetzung der Beratung.

Stand der Versorgung durch ambulante psychosoziale Krebsberatung

Bisher liegen nur vereinzelt Studien zur Ist-Analyse oder Bestandsaufnahme der psychosozialen Krebsberatung in Deutschland vor. Ebenso sind Fragen der Qualitätssicherung und Standards in den Einrichtungen der psychosozialen Krebsberatung noch nicht zufriedenstellend geklärt.

Eine erste im Auftrag der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation durchgeführte bundesweite Untersuchung des Instituts für Empirische Soziologie Nürnberg (15) analysierte das Leistungsangebot von Krebsberatungsstellen auf der Grundlage eines von verschiedenen Selbsthilfeorganisationen in Kooperation mit der Deutschen Krebsgesellschaft, der Deutschen Krebshilfe und dem Gesamtverband des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes entwickelten Anforderungsprofils. Dabei konnten die Angaben von 87 Krebsberatungsstellen einbezogen werden, die 48% von 181 angeschriebenen "Krebsberatungsstellen im weiteren Sinne" repräsentierten, d.h. auch solche Einrichtungen einschlossen, die in Bezug auf ihr Beratungsangebot entweder sehr stark spezialisiert waren oder als allgemeine Beratungsdienste neben Krebspatienten auch andere Zielgruppen versorgten. Die Untersuchung konnte einerseits zeigen, dass die Mehrzahl der Einrichtungen ein breites Angebot an Beratungsmöglichkeiten bereithält, andererseits wurden aber auch Defizite z.B. in Bezug auf Personalausstattung, Aspekte der internen Qualitätssicherung und Fortbildungsmöglichkeiten sowie eine wohnortnahe Versorgung deutlich (15). Selbst wenn der Zeitpunkt der Durchführung dieser Erhebung inzwischen schon etwas länger zurückliegt, kann angenommen werden, dass die hier angeführten Ergebnisse nach wie vor Gültigkeit besitzen. Darüber hinaus ist die schon für diese Untersuchung relevante Frage der Standards bzw. Kriterien einer qualitätsgesicherten psychosozialen Krebsberatung ("Anforderungsprofil") nach wie vor nicht abschließend geklärt.

Eine zweite, auf das Bundesland Sachsen beschränkte Studie zur dortigen Situation der psychosozialen Krebsberatung im Jahr 2008 legte ihrer Auswertung die inzwischen nicht mehr gültige S1-Leitlinie "Ambulante Psychosoziale Krebsberatungsstellen" der AWMF aus dem Jahr zugrunde (16). 25 der 30 in diesem Zeitraum dort verfügbaren Krebsberatungsstellen waren an Gesundheitsämtern angesiedelt. Das Beratungsangebot wurde zwar als geografisch flächendeckend, aber als wesentlichen Forderungen dieser Leitlinie nicht entsprechend eingeschätzt. Ausgehend von einer als wünschenswert angenommenen Relation von einer Vollzeitkraft auf 75.000 Einwohner wurde für Sachsen ein Stellendefizit von 23 Fachkräften konstatiert. Darüber hinaus werden unter anderem Einschränkungen hinsichtlich der personellen Ausstattung und der Qualifikationen (in 18 Einrichtungen nur 1 Mitarbeiter; geringer Anteil psychologischer Mitarbeiter, rund 44% der Mitarbeiter mit psychoonkologischer Weiterbildung) oder der Möglichkeiten einer psychologischen (im Unterschied zu einer sozialen/sozialrechtlichen) Beratung aufgezeigt. Auch für den Bereich der internen Qualitätssicherung wurde Optimierungsbedarf in Bezug auf einheitliche Leistungsdokumentation oder Supervision festgestellt. Des Weiteren registriert auch diese Studie regionale Unterschiede zuungunsten des ländlichen Raums und Einschränkungen in Bezug auf eine wohnortnahe Versorgung. Auch zeigte sich, dass ein größerer Teil der sächsischen Beratungsstellen (17 von 30) nicht nur Krebspatienten, sondern auch noch andere Klientengruppen zu betreuen hatte.

Wickert et al. berichten über eine jüngere Erhebung des Krebsinformationsdienstes in Heidelberg, der zufolge es im Jahr 2011 deutschlandweit 156 Krebsberatungsstellen gab (Außenstellen nicht eingerechnet) (17). Nach Einschätzung dieser Autoren erfüllten jedoch nur 67 davon zentrale Kriterien der zuvor bereits genannten (derzeit nicht mehr gültigen) S1-Leitlinie wie mindestens zweistündige Öffnungszeit an allen Werktagen, mindestens zwei Mitarbeiter mit verschiedener Grundqualifikation (z.B. Diplom in Sozialpädagogik/Sozialarbeit bzw. Psychologie), psychoonkologische Weiterbildung und Verfügbarkeit von Krisenintervention und psychoonkologischer Basisversorgung.

Zusammenfassend lässt sich bezüglich der Versorgungssituation im Bereich der ambulanten psychosozialen Krebsberatung somit zunächst festhalten, dass bestehende Einrichtungen der ambulanten psychosozialen Krebsberatung vielfach ein breites Spektrum von Beratungs- und Unterstützungsangeboten bereithalten. Gleichzeitig ist aber sehr deutlich, dass hier wesentlicher Verbesserungsbedarf hinsichtlich verschiedener Bereiche besteht. Dies betrifft vor allem den Zugang von Krebspatienten und Angehörigen zur ambulanten psychosozialen Krebsberatung, die wohnortnahe Versorgung unter Einschluss des ländlichen Raums, die personelle Ausstattung der Einrichtungen mit entsprechend qualifizierten Beratern und Maßnahmen der internen Qualitätssicherung.

Finanzierung

Wie bislang vorliegende Daten zeigen, ist eine verlässliche langfristige Finanzierung ambulanter psychosozialer Krebsberatungsstellen derzeit nicht gegeben. So hatte schon die Untersuchung von Wasilewski et al. gezeigt, dass Spenden sowie Zuschüsse von Landkreisen, Kommunen und Bundesländern neben Eigenmitteln der Träger wesentliche Quellen der Finanzierung dieser Einrichtungen darstellten (15). Trägermittel und Spenden deckten hierbei zusammen im Mittel gut die Hälfte des Finanzbedarfs ab. Die auf das Bundesland Sachsen beschränkte Studie von Singer et al. konnte ebenfalls das Vorherrschen eines Mischfinanzierungsmodus demonstrieren (16): 27 der in diese Studie einbezogenen 30 Einrichtungen finanzierten sich über drei oder vier Quellen, die Mittel des Landes, der Kommunen, kreisfreier Städte oder des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz umfassten. Das Ministerium stellte hierbei im Mittel 20 Prozent des Finanzbedarfs bereit. In eine vergleichbare Richtung weist auch die jüngste, von Kürschner & Rösler in diesem Zusammenhang vorgenommene Analyse der Finanzierung der psychosozialen Beratungsstellen von 15 Landeskrebsgesellschaften (LKG) im Jahr 2012 (18). Nach diesen Daten betrug der Anteil der Finanzierung der Beratungsangebote durch gemeinnützige Quellen wie Spenden, Erbschaften, Stiftungen und Fördervereine sowie die Deutsche Krebshilfe in allen 15 LKG mindestens 50 Prozent. Die Anzahl der Finanzquellen variiert zwischen den LKG wie auch der Anteil des durch sie abgedeckten Finanzbedarfs. So wurde z.B. die psychosoziale Beratung in 7 der 15 LKG aus 4 bis 7 Quellen finanziert. Zusammengenommen verdeutlichen die dargestellten Befunde die Notwendigkeit, die Finanzierung ambulanter psychosozialer Krebsberatungsstellen langfristig verlässlich zu gewährleisten.

Der DKH-Förderschwerpunkt: Perspektiven der Qualitätsentwicklung


Mit Blick auf die zuvor beschriebene Situation der ambulanten psychosozialen Krebsberatung in Deutschland hat die DKH im Jahr 2007 einen Förderschwerpunkt eingerichtet, der zum Ziel hat, eine langfristig wirksame Verbesserung der ambulanten psychosozialen Krebsberatung und ihrer finanziellen Grundlagen anzustoßen. Über die zeitlich begrenzte Förderung von initial 28 über ein Antrags- und Begutachtungsverfahren ausgewählten Krebsberatungsstellen wird dabei angestrebt, das Angebot und die Reichweite der psychosozialen Krebsberatung zu optimieren und zu erweitern und so ein Netzwerk qualitätsgesicherter Kompetenzberatungsstellen zu schaffen, die als Beispiele qualitativ hochwertiger psychosozialer Krebsberatungsstellen weiterwirken können. Die Erarbeitung von Qualitätskriterien sowie Standards der psychosozialen Krebsberatung soll zudem eine Basis für die Übernahme von Leistungen der ambulanten psychosozialen Krebsberatung in eine Regelfinanzierung schaffen.

Das Förderprogramm wird von einem Evaluationsprojekt begleitet. Seine vorrangigen Ziele bestehen in der Beschreibung der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität der Beratungsarbeit der geförderten Einrichtungen und der übergreifenden Entwicklung von Qualitätskriterien der psychosozialen Krebsberatung. Im Rahmen dieser Evaluation konnte ein Dokumentationssystem für die Leistungen der ambulanten psychosozialen Krebsberatung und die Merkmale ihrer Inanspruchnehmer entwickelt und erprobt werden, das im Jahr 2013 in den Einrichtungen in Form einer EDV-basierten Version implementiert wurde. Damit ist eine wichtige Voraussetzung qualitätsgesicherter Beratungsarbeit erfüllt. Zugleich konnte das Leistungsspektrum der Einrichtungen auf der Basis des zunächst in einer Papier-Version eingesetzten Systems mit mehr als 20.000 Beratungskontakten umfassend und differenziert erfasst werden. Eine zusätzliche Nutzerbefragung von zwischen September 2011 und Mai 2012 beratenen Klienten konnte zudem eine hohe Zufriedenheit mit dem Ergebnis der Beratung durch die Einrichtungen belegen (19). Mit Blick auf die Struktur- und Prozessqualität konnte unter anderem gezeigt werden, dass die geförderten Einrichtungen hier vergleichsweise gut aufgestellt sind (z.B. in Bezug auf Angebot, Personalausstattung oder Qualifikationen), wenngleich in Bezug auf Maßnahmen der internen Qualitätssicherung und der räumlichen Ausstattung bzw. Gestaltung punktuell Verbesserungsbedarf besteht (20). Im Projektverlauf konnten für die Einrichtungen dabei Verbesserungen in Merkmalen der Strukturqualität wie regelmäßige Supervision und standardisiertes Screening der Ratsuchenden auf psychische Belastung  konstatiert werden. Mit Blick auf die Finanzierungsgrundlagen bestätigte sich hierbei der weiter oben erwähnte Befund einer längerfristig vielfach nur wenig gesicherten Finanzierung, die aus mehreren Quellen bestritten werden muss. Die im Rahmen des Begleitprojekts begonnene Erarbeitung von Qualitätsmerkmalen wird gegenwärtig unter Nutzung von Konsensustechniken fortgeführt und voraussichtlich bis Ende 2015 abgeschlossen sein. In Verbindung mit einer ebenfalls geplanten bundesweiten Bestandsaufnahme aktuell verfügbarer Angebote der ambulanten psychosozialen Krebsberatung werden diese Schritte dazu beitragen, den begonnenen Prozess der Qualitätsentwicklung gezielt fortzusetzen und so eine Basis für die langfristige Sicherung der Finanzierung der ambulanten psychosozialen Krebsberatung zu schaffen.

Ausblick

Aufgrund der vielfach belegten psychosozialen Belastungen von Krebspatienten und ihren Angehörigen wird heute von einem spezifischen Bedarf an psychosozialer Beratung und Unterstützung der Betroffenen ausgegangen. Infolge der prognostizierten künftigen Entwicklung der Inzidenz von Krebserkrankungen im Erwachsenenalter sowie der projektierten Überlebenszeiten wird dieser Bedarf in den nächsten Jahren weiter zunehmen. Psychosoziale Krebsberatungsstellen stellen mit ihrem breiten Spektrum an Beratungsleistungen eine mögliche institutionelle Antwort auf den psychosozialen Unterstützungsbedarf an der Schnittstelle von stationärer und ambulanter Versorgung dar. Dennoch sind hier derzeit noch viele Probleme ungelöst. So wurde deutlich, dass das derzeit verfügbare Angebot an Einrichtungen vielfach unzureichend ist, z.B. in Bezug auf personelle Ausstattung oder Wohnortnähe. Ebenso ist eine Weiterentwicklung von Standards einer qualitätsgesicherten Beratung unerlässlich, um diese Einrichtungen besser im System der Gesundheitsversorgung zu verankern. Zugleich stellt die Weiterentwicklung von Standards eine wesentliche Voraussetzung für weitergehende Bemühungen zur Sicherung einer langfristig verlässlichen Finanzierung der ambulanten psychosozialen Krebsberatung dar. Die Leistungen der ambulanten psychosozialen Krebsberatung, ihr wahrgenommener Nutzen durch die Betroffenen sowie ihre verschiedenen Optimierungspotenziale wurden auch im Rahmen der Evaluation eines entsprechenden Förderschwerpunkts der DKH deutlich. Vor diesem Hintergrund kann davon ausgegangen werden, dass verstärkte Anstrengungen auf den genannten Arbeitsfeldern wesentlich dazu beitragen werden, dem im Nationalen Krebsplan für Deutschland formulierten Ziel 9 näherzukommen, das eine am individuellen Bedarf orientierte psychoonkologische Versorgung jedes Krebsbetroffenen in allen Phasen der Erkrankung vorsieht.


 

 

Prof. Dr. Joachim Weis

Klinik für Tumorbiologie
an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Psychosoziale Abteilung
Breisacher Str. 117
79106 Freiburg

Tel.: 0761/206 2220
Fax: 0761/206 2258
E-Mail: weis@tumorbio.uni-freiburg.de



Abstract

J. Weis, J. M. Giesler, Klinik für Tumorbiologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Psychosocial cancer counselling centres provide cancer patients and their families with informational and psychosocial support in the context of the diagnosis, treatment and survivorship of cancer. This article illustrates the psychosocial distress and psychiatric comorbidity as well as the information and support needs that frequently arise in the context of cancer. It also discusses the present state of psychosocial cancer counselling centres and future perspectives on their quality development that is essential, if cancer patients are to be provided with psychosocial support matching their individual need as envisioned by Goal 9 of the current National Cancer Plan for Germany. Thus, providing adequate funding of psychosocial cancer counselling also is to be considered a high priority.

Keywords: Psychosocial cancer counselling centres, psychosocial support



Literaturhinweise:
(1) Bundesministerium für Gesundheit: Nationaler Krebsplan. Handlungsfelder, Ziele und Umsetzungsempfehlungen. http://www.bmg.bund.de/fileadmin/dateien/Publikationen/Praevention/Broschueren/Broschuere_Nationaler_Krebsplan_-_Handlungsfelder__Ziele_und_Umsetzungsempfehlungen.pdf
(2) Herschbach P, Mandel T. Psychoonkologische Versorgung im Nationalen Krebsplan. Der Onkologe 2011;12:1107-1114.
(3) Robert Koch Institut, Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. Krebs in Deutschland 2009/2010. Gesundheitsberichtserstattung des Bundes. 9. 2013.
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(5) Singer S, Bringmann H, Hauss J, et al. Häufigkeiten psychischer Begleiterkrankungen und der Wunsch nach psychosozialer Unterstützung bei Tumorpatienten im Akutkrankenhaus [Prevalence of concomitant psychiatric disorders and the desire for psychosocial help in patients with malignant tumors in an acute hospital]. Dtsch Med Wochenschr 2007;132:2071-2076.
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(8) Vehling S, Koch U, Ladehoff N, et al. Prävalenz affektiver und Angststörungen bei Krebs: Systematischer Literaturreview und Metaanalyse [Prevalence of affective and anxiety disorders in cancer: systematic literature review and meta-analysis]. Psychother Psychosom Med Psychol 2012;62:249-258.
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(15) Wasilewski R. Erfassung des Leistungsangebots von Krebsberatungsstellen auf der Grundlage des Anforderungsprofils für Krebsberatungsstellen: Bedarf, Aufgaben, Finanzierung.  2000. Schriftenreihe des Instituts für empirische Soziologie: Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation.
(16) Singer S, Bretschneider N, Lehmann-Laue A, et al. Psychosoziale Krebsberatungsstellen - eine Analyse der Versorgungsrealität in Sachsen [Counselling centres for patients with cancer-analysis of service provision in Saxony]. Gesundheitswesen 2012;74:736-741.
(17) Wickert M, Lehmann-Laue A, Blettner G. Ambulante psychosoziale Krebsberatung in Deutschland - Geschichte und Versorgungssituation; in Weis J, Brähler E (eds): Psychoonkologie in Forschung und Praxis. Stuttgart, Schattauer, 2013, pp 67-78.
(18) Kürschner D, Rösler M. Finanzierung der Beratungsstellen der Landeskrebsgesellschaften. FORUM 2013;2:123-124.
(19) Ernst J, Eichhorn S, Kuhnt S, et al. Ambulante psychosoziale Krebsberatung - Ergebnisse einer nutzerbasierten Studie zu Beratungsanliegen und Zufriedenheit mit der Beratung. Eingereicht bei Psychother Psychosom Med Psychol.
(20) Eichhorn S, Kuhnt S, Giesler JM, et al. Struktur- und Prozessqualität in ambulanten psychosozialen Krebsberatungsstellen des Förderschwerpunktes "Psychosoziale Krebsberatung" der Deutschen Krebshilfe. (2013 zur Publikation in Das Gesundheitswesen angenommen).

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