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Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE
26. Juni 2017
Seite 2/2

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Besonders interessant und robust sind hingegen die Befunde, die die Daten zum Zusammenhang zwischen den traumatischen Erfahrungen des Bombenkrieges und heutigem Neurotizismus lieferten. Dafür haben die Wissenschaftler diejenigen rund 33.500 Personen im psychologischen Datensatz herausgefiltert, die in 89 deutschen Städten leben, um so die regionalen Neurotizismuswerte dieser Städte heute zu vergleichen. Zudem wurden mittels Krankenkassendaten regionale Prävalenzen psychischer Störungen wie Depressionserkrankungen untersucht. Die regionalen psychologischen Unterschiede wurden dann mit der Intensität der Bombardements dieser Städte (Anteil an zerstörtem Wohnraum und Kubikmeter an Trümmern in 1945) in Verbindung gestellt. Die Forscher hatten ursprünglich damit gerechnet, dass in den besonders zerstörten Städten die Menschen heute stärker zum Neurotizismus und klinisch-psychologischen Auffälligkeiten neigen. Epigenetische Forschung weist darauf hin, dass sich traumatische Erlebnisse tief festsetzen können und an nächste Generationen weitervererbt werden. Zudem sind bebombte Städte bis heute der Bedrohung Tausender noch aktiver Blindgänger ausgesetzt.

Zur Überraschung der Forscher zeigte sich jedoch, dass die schwerer zerstörten Städte heute eine bemerkenswerte psychologische Resilienz aufweisen. „Am Ende haben wir herausgefunden, dass die Bevölkerung in den Städten, die stark zerbombt wurden, heute im Schnitt weniger, und nicht mehr, neurotische Persönlichkeitsmerkmale aufweist als die Bevölkerung der Städte, die damals weniger zerstört wurden. Dies fand sich zum Bespiel in Bezug auf regionale Unterschiede in Persönlichkeitsmerkmalen wie trübsinnig, mürrisch und launenhaft“, erklärt Martin Obschonka. Ebenfalls eine bemerkenswerte Korrelation: Die Daten legen nahe, dass eine Region, die heute mit einer starken aktuellen Belastung konfrontiert ist (zum Beispiel starke wirtschaftliche Probleme in der Region und damit einhergehende Abwärtstrends in der regionalen Wirtschaftskraft), dann vor höheren Neurotizmuswerten (zum Beispiel Ängstlichkeit und Depressivität) und depressiven Erkrankungen besonders geschützt ist, wenn die Region eine stärkere Bebombung und Zerstörung im 2. Weltkrieg verkraften musste. „Es ist möglicherweise so, dass besonders traumatische Erfahrungen des Bombenkriegs die regionale Mentalität auf die Dauer widerstandsfähiger gemacht haben“, meint Michael Stützer, Koautor der Studie. Damit decken sich diese Befunde mit ähnlicher Forschung zu psychologischen Folgen des Terrorangriffs vom 11. November 2001. Auch dort fand man Hinweise auf deutliche psychologische Resilienz bei den New Yorkern in Folge der traumatischen Erfahrungen.

Die in der aktuellen Studie gefundenen Zusammenhänge bieten Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsarbeiten. Zum einen könnte die These überprüft werden, ob eine besonders große Zerstörung und damit einhergehend die größere Notwendigkeit zum Wiederaufbau, zum Anpacken und Zusammenhalten dazu führt, dass die Bevölkerung resilienter, also widerstandsfähiger gegen neurotische Persönlichkeitsausprägungen und depressive Erkrankungen wird. Auch könnte systematischer Zuzug in bestimmte Regionen die Ergebnisse miterklären, allerdings fanden die Autoren keine Hinweise dafür, dass Zuzug von Kriegsvertriebenen oder Gastarbeitern die Ergebnisse beeinflusst haben.

All dies könnten interessante Ansätze für weitere Forschungsprojekte zu historischen Traumata und langfristigen psychologischen Folgen sein, die diese Arbeit als Ausgangspunkt haben können.

Hier finden Sie ein englischsprachiges Video, das die Zusammenhänge der Studie erläutert: https://vimeo.com/220064195

Quelle: Universität des Saarlandes

Literatur:

Die Studie „Did Strategic Bombing in the Second World War lead to ‘German Angst’? A large-scale empirical test across 89 German cities“ ist am 19. Juni in der Fachzeitschrift “European Journal of Personality“ online erschienen. DOI: 10.1002/per.2104
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/per.2104/full

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