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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
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06. Juli 2015

Therapie der akuten lymphatischen Leukämie

N. Gökbuget, Universitätsklinikum, Medizinische Klinik II, Goethe Universität Frankfurt.

Die Behandlung der akuten lymphatischen Leukämie (ALL) des Erwachsenen erfolgt seit über 25 Jahren in Deutschland im Kontext einer multizentrischen Studiengruppe (GMALL). In konsekutiven Studien wurden im Hinblick auf Charakterisierung und Therapieoptimierung wesentliche Fortschritte gemacht. 90% der erwachsenen ALL-Patienten unter 55-65 Jahren und 80% der älteren Patienten erreichen nach Induktionstherapie eine komplette Remission. Die Heilungschancen bei Erwachsenen konnten von unter 10% auf über 50% erhöht werden. Wesentlich für die Verbesserung der Therapieergebnisse war eine Optimierung der intensiven Chemotherapie und Supportivbehandlung, die Integration der Stammzelltransplantation (SZT) in die Erstlinienbehandlung, der Einsatz zielgerichteter Substanzen sowie eine verbesserte Risikostratifikation unter Berücksichtigung des Verlaufs der minimalen Resterkrankung (MRD). Neue vielversprechende Ansätze ergeben sich auf dem Gebiet der Immuntherapie und anderer zielgerichteter Therapien.

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Epidemiologie

Die Inzidenz der ALL liegt bei 1,1/100.000 im Jahr. Man findet eine leichte Prädominanz des männlichen Geschlechts (1,4:1,0). Der Häufigkeitsgipfel liegt im Kindesalter unter 5 Jahren. Im höheren Alter, über 60-70 Jahren steigt die Inzidenz leicht an.

 

Klinik

Die ALL ist eine maligne Erkrankung lymphatischer Vorläuferzellen. Durch die Expansion des leukämischen Zellklons (lymphatische Blasten) kommt es zur Verdrängung der Blutbildung im Knochenmark mit nachfolgender Insuffizienz der Hämatopoese. Damit einher gehen häufig relativ akut auftretende konstitutionelle Symptome (z.B. verschlechtertes Allgemeinbefinden). Dazu kommen Symptome der Knochenmarkinsuffizienz, wie Thrombopenie (z.B. Petechien), Neutropenie (z.B. Infekte) und Anämie (z.B. Blässe, Müdigkeit). Vergrößerungen von Lymphknoten sind bei etwa der Hälfte der Patienten zu finden. Weitere Symptome können durch den Befall verschiedener Organe verursacht werden (z.B. Zentrales Nervensystem, Haut, Hoden, Knochen).

 

Diagnostik

Zunächst wird im Allgemeinen ein Differentialblutbild angefertigt. Etwa die Hälfte der Patienten weist eine Leukozytose > 10.000/µl auf; häufig finden sich auch mäßige Anämie und Thrombopenie. Mehr als 90% der Patienten zeigen Blasten im peripheren Blut. Eine Knochenmarkpunktion ist zur Bestätigung oder zum Ausschluss einer akuten Leukämie obligatorisch.

Vor Therapiebeginn sind in der hämatologischen Spezialklinik weitere umfassende diagnostische Maßnahmen erforderlich (Tab. 1). Dazu gehören u.a. auch die Erfassung von Komorbiditäten, umfangreiche Laboruntersuchungen sowie die Bildgebung zur Beurteilung von Organbefällen und Lymphomen.

Tab. 1: Hämatologische Spezialdiagnostik bei ALL.
Tab. 1: Hämatologische Spezialdiagnostik bei ALL.

 

Ganz essentiell ist die hämatologische Spezialdiagnostik, die der raschen und verlässlichen diagnostischen Charakterisierung dient, und möglichst in einem spezialisierten Referenzlabor erfolgen sollte. Zusätzlich ist die Asservierung von Biomaterial für künftige Untersuchungen dringend zu empfehlen.

Unter Berücksichtigung der Befunde erfolgt die Klassifikation in immunologische Subgruppen, die mit spezifischen molekularen Aberrationen assoziiert sind (Tab. 2). Am häufigsten sind Leukämien der B-Zell-Reihe (75%), die als B-Vorläufer (pro-B, common-, prä-B) oder reifzellige B-ALL klassifiziert werden. 25% der Fälle gehören zur T-Zell-Reihe mit den Differenzierungsstufen „early“, thymische und „mature“ T-ALL. Etwa 4% der Patienten weisen eine reife B-ALL auf, die biologisch dem Burkitt-Lymphom entspricht. Die Abgrenzung der ALL vom lymphoblastischen Lymphom (LBL) erfolgt anhand des Knochenmarkbefalls. Bei einem Knochenmarkbefall < 25% spricht man von einem LBL, bei einem Infiltrationsgrad > 25% von einer ALL.

Tab. 2: Klassifikation der ALL nach der aktuellen Empfehlung der GMALL-Studiengruppe. SR=Standardrisiko; HR=Hochrisiko; n.a.=nicht anwendbar.
Tab. 2: Klassifikation der ALL nach der aktuellen Empfehlung der GMALL-Studiengruppe. SR=Standardrisiko; HR=Hochrisiko; n.a.=nicht anwendbar.

 

Die zytologische Remissionsbestimmung erfolgt durch Auszählung leukämischer Blasten in einem Knochenmarkausstrich. Liegt der im Ausstrich ausgezählte Blastenanteil unter 5% spricht man von einer kompletten Remission (CR). Die Bestimmung der minimalen Resterkrankung (MRD) erlaubt bei Patienten in CR eine genauere Messung des Therapieansprechens bis zu einer Nachweisgrenze von 0,01%. Dafür stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung (1). Die quantitative PCR von individuellen T-Zell-Rezeptor- oder Immunglobulin-Rearrangements ist am besten standardisiert und anwendbar. Basierend auf dem Ergebnis der MRD-Bestimmung kann eine molekulare Remissionsbestimmung erfolgen (2). Mehrere Studien haben gezeigt, dass Patienten, die keine molekulare Remission erreichen oder zu einem späteren Zeitpunkt ein molekulares Rezidiv entwickeln, ein hohes Rückfallrisiko haben (3). Wichtig ist, dass die Etablierung spezifischer Marker für die MRD-Bestimmung nur mit Leukämie-haltigem Material, meistens Knochenmark, vom Zeitpunkt der Erstdiagnose möglich ist.

Ein wesentliches Ergebnis der diagnostischen Charakterisierung ist auch die Identifikation von Prognosefaktoren. Die Standard-Prognosefaktoren sind bei der ALL seit vielen Jahren etabliert und bei Erstdiagnose bekannt (4, 5) (Tab. 3). In den vergangenen Jahren wurden immer wieder neue, ungünstige Prognosefaktoren berichtet. Ein Beispiel ist die Mutation des sog. Ikaros-Gens (6) oder die sog. BCR-ABL-Like ALL (7, 8). Die prognostische Bedeutung neuer Faktoren hängt jedoch stark von der applizierten Therapie ab und publizierte Prognosefaktoren dürfen nicht einfach übernommen werden.

Tab. 3: Ungünstige Prognosefaktoren bei ALL. CR=Komplette Remission.
Tab. 3: Ungünstige Prognosefaktoren bei ALL. CR=Komplette Remission

 

Prognostisch besonders relevant ist das individuelle Ansprechen der Patienten auf die Therapie. Wenn nach Phase I der Induktionstherapie keine hämatologische Remission erreicht wird, muss eine Hochrisiko-Konstellation konstatiert werden. Dies gilt in gleicher Weise, wenn nach der ersten Konsolidationstherapie keine molekulare Remission erreicht wird. Die zeitnahe Messung der MRD ist daher für die Therapiesteuerung bei ALL unverzichtbar.

 

Therapie der ALL

Das Überleben von erwachsenen ALL-Patienten zeigt eine große Schwankungsbreite von 30-60% für Patienten mit Hochrisiko(HR)-Merkmalen, 50-60% für die Philadelphia-Chromosom-positive (Ph+) ALL, 60-70% für Patienten mit Standardrisiko(SR)-ALL und 80% für die reife B-ALL. Innerhalb jeder Subgruppe kann nochmals anhand von Alter und individuellem Verlauf der MRD differenziert werden.

Standard in der Behandlung ist eine zyklische Kombinationschemotherapie (Abb. 1). Dabei werden die besten Ergebnisse mit intensiven Chemotherapieprotokollen erreicht, die auf pädiatrischen Therapiekonzepten aufbauen aber für Erwachsene adaptiert sind. Dazu gehören auch die aktuellen Protokolle der GMALL. Parallel zu der systemischen Chemotherapie erfolgt eine Prophylaxe von ZNS-Rezidiven und, soweit verfügbar, die Gabe von zielgerichteten Substanzen. Übersichten zum Management der ALL des Erwachsenen finden sich in der Leitlinie der Fachgesellschaft (www.onkopedia.de) und in einer umfassenden Übersicht der European Working Group for Adult ALL (EWALL) (9).

Abb. 1: Schematischer Ablauf der Therapie bei ALL. *Bei MRD+ ggf. zielgerichtete Therapie vor Stammzelltransplantation. K1=Konsolidationstherapie; HDMTX=Hochdosis-Methotrexat; ASP=Asparaginase; AC=Cytarabin; HDAC=Hochdosis-Cytarabin; CY=Cyclophosphamid; HR=Hochrisiko; VHR=Höchstrisiko; i.th.=intrathekale Therapie; MRD=minimale Resterkrankung, SZ=Stammzellen, Ph+=Philadelphia-Chromosom-positiv.
Abb. 1: Schematischer Ablauf der Therapie bei ALL. *Bei MRD+ ggf. zielgerichtete Therapie vor Stammzelltransplantation. K1=Konsolidationstherapie; HDMTX=Hochdosis-Methotrexat; ASP=Asparaginase; AC=Cytarabin; HDAC=Hochdosis-Cytarabin; CY=Cyclophosphamid; HR=Hochrisiko; VHR=Höchstrisiko; i.th.=intrathekale Therapie; MRD=minimale Resterkrankung, SZ=Stammzellen, Ph+=Philadelphia-Chromosom-positiv.

 

Induktionstherapie

Ziel der 6-7-wöchigen Induktionstherapie, die in 2 Phasen appliziert wird, ist zunächst das Erreichen einer CR. Nach jeder Phase muss obligatorisch eine Remissionsevaluierung erfolgen. Die krankheits- oder therapieassoziierte Frühmortalität liegt bei etwa 5%, wobei als Todesurache am häufigsten Infektionen beobachtet werden. Eine optimale Supportivtherapie einschließlich Prophylaxe und früher Therapie von Infektionen ist daher integraler Bestandteil der ALL-Therapie.

 

Konsolidationstherapie

Trotz Erreichens einer CR muss die Therapie zeitnah fortgeführt werden. In etwa 40% der Fälle ist noch eine MRD über 0,01% messbar (10). Durch die zyklische Gabe wechselnder Zytostatika-Kombinationen soll die Resistenzentwicklung vermindert werden. Wichtige Bestandteile sind hier Blöcke mit Hochdosis-Methotrexat, das als 24-Stunden-Infusion appliziert wird, wiederholte Gaben von Asparaginase und eine Wiederholung der Induktionstherapie (Reinduktion).

 

Erhaltungstherapie

Eine niedrig dosierte, ambulante Erhaltungstherapie mit einer Kombination von Methotrexat und 6-Mercaptopurin wird bis zu einer Gesamtherapiedauer von 2,5 Jahren eingesetzt. In der Vergangenheit wurde in pädiatrischen Studien immer wieder gezeigt, dass die vollständige Durchführung der Erhaltungstherapie, die individuell an das Blutbild angepasst wird, prognostisch relevant ist.

 

ZNS-Prophylaxe

Alle Patienten erhalten eine spezielle Prophylaxe gegen ZNS-Rezidive, da die systemische ALL-Therapie nur zum Teil ZNS-gängig ist. In den GMALL-Empfehlungen setzt sie sich aus intrathekaler Therapie, systemischer Therapie mit ZNS-aktiven Substanzen und einer prophylaktischen Schädelbestrahlung (24 Gy) zusammen.

 

Stammzelltransplantation (SZT)

Die SZT ist die intensivste verfügbare Therapieform, da sie eine intensive Bestrahlungs- und Chemotherapie (Konditionierung) mit den immunologischen Effekten der nachfolgenden Stammzellgabe kombiniert. Etwa zwei Drittel der Transplantationen erfolgen heute mit Stammzellen von Fremdspendern. Die Indikation für die SZT wird im Allgemeinen risikoadaptiert gestellt. Wegen der damit verbundenen Mortalität und Morbidität wird sie denjenigen Patienten angeboten, die mit konventioneller Therapie ein höheres Rezidivrisiko haben. Die SZT sollte nach Erreichen einer CR und einer möglichst guten molekularen Remission nach Induktion und erster Konsolidation durchgeführt werden. Auch im Hinblick auf die Konditionierungstherapie gibt es etablierte Standards, wobei bei der ALL die Kombination von Zytostatika (Cyclophosphamid, VP16) mit Ganzkörper-Bestrahlung die günstigsten Ergebnisse bringt.

 

Individualisierte und zielgerichtete neue Therapieansätze bei ALL

Die ALL ist eine biologisch sehr diverse Erkrankung und mit individualisierten Therapiekonzepten wird der Versuch unternommen dieser Diversität Rechnung zu tragen.

 

Risikoadaptierte Therapie

Bei jüngeren Patienten wird in den GMALL-Empfehlungen derzeit eine risikoadaptierte Therapiestrategie verfolgt. Die in Tabelle 3 genannten Risikofaktoren führen zur Definition einer SR- und einer HR-Gruppe. Bei HR-Patienten wird die SZT geplant, während bei SR-Patienten die Chemotherapie fortgesetzt wird. Auch Patienten mit molekularem Therapieversagen werden der HR-Gruppe zugeordnet. Durch experimentelle Therapieansätze wird versucht, das Niveau der MRD vor SZT zu senken und ein zytologisches Rezidiv zu verhindern (Abb. 1).

 

Zielgerichtete Therapien

Zielgerichtete Substanzen haben in der Therapie der ALL einen immer größeren Stellenwert, da eine weitere Intensivierung der Chemotherapie an Grenzen stößt. Besonders interessant ist hierbei der Einsatz von Antikörpertherapien. Etwa 50% der Fälle von B-Vorläufer-ALL exprimieren CD20. Der Einsatz von Rituximab in Kombination mit Chemotherapie hat zu einer Verbesserung der Heilungschancen beigetragen.

Über 95% der Fälle von B-Vorläufer-ALL sind CD19-positiv. Für diese Patientengruppe wurden verschiedene zielgerichtete Therapien entwickelt. Der bispezifische Antikörper Blinatumomab verfügt über eine gegen CD19 gerichtete Domäne und eine CD3-Domäne, die zytotoxische T-Zellen mit den Leukämiezellen in engen Kontakt bringt und so deren Abtötung auslöst. Sowohl bei Patienten mit persistierender MRD (11) als auch rezidivierter ALL wurden gute Ansprechraten gezeigt (12). In den USA hat diese Therapieform bereits eine Zulassung erhalten.

Eine weitere experimentelle Option besteht in der Gabe von genetisch modifizierten spezifisch gegen CD19 gerichteten T-Zellen. Die T-Zellen werden dem Patienten durch Apherese entnommen und in vitro modifiziert. Sie exprimieren dann einen CD19-Rezeptor sowie kostimulatorische Domänen. Nach einer immunsuppressiven Therapie werden diese sog. Chimeric Antigen-Receptor modified (CAR) T-Zellen dem Patienten infundiert. An bisher kleinen Patientenserien wurden ebenfalls vielversprechende Ansprechraten beobachtet (13).

Ein anderes Prinzip der Antikörpertherapie wird mit dem CD22-Antikörper Inotuzumab verfolgt. Über 90% der B-Vorläufer-Zellen sind CD22-positiv. Hier ist der Antikörper mit einem Zytotoxin, Calicheamicin, konjugiert. In ersten klinischen Studien wurden CR-Raten über 50% berichtet (14). Das Purinanalog Nelarabin ist eine Substanz, die spezifisch zytotoxisch auf T-Zellen wirkt. Bei rezidivierter T-ALL wurden in 40% der Fälle komplette Remissionen erzielt (15). Schließlich werden zunehmend kleine Subgruppen der ALL identifiziert, die spezifische molekulare Aberrationen aufweisen und möglicherweise auf Therapien mit Kinaseinhibitoren ansprechen (16). Eine Darstellung ausgewählter neuer Daten zu den genannten Therapieprinzipien vom letzten Kongress der American Society for Hematology (ASH) findet sich in Tabelle 4.

Neue Substanzen kommen v.a. im Rezidiv zum Einsatz. Die Integration in die Erstlinientherapie ist von größtem Interesse, kann aber nur im Kontext von Therapieoptimierungsstudien erfolgen.

 

Therapie der Ph/BCR-ABL positiven (Ph+) ALL

Das Prinzip der zielgerichteten Therapie wurde auch erfolgreich bei der Ph+ ALL eingesetzt (21). Die leukämischen Blasten weisen eine Translokation t(9;22), das sog. Philadelphia-Chromosom (Ph), auf, das zu einer erhöhten Tyrosinkinase(TK)-Aktivität führt. Durch den Einsatz von TK-Inhibitoren, insbesondere Imatinib, hat sich die Prognose deutlich verbessert. Bei jüngeren Patienten wird Imatinib in Kombination mit intensiver Chemotherapie eingesetzt. Dabei werden CR-Raten von über 90% erreicht. Auch der Anteil der Patienten, die einer SZT zugeführt werden, konnte deutlich erhöht werden. Daten zur Gabe von Imatinib nach SZT sind ebenfalls vielversprechend (22). Die Heilungschancen der Ph+ ALL haben sich von früher unter 20% auf über 50% verbessert.

Bei älteren Patienten wurde bisher vorwiegend eine Induktionstherapie mit Imatinib als Monotherapie eingesetzt. Diese häufig ambulant durchführbare Therapie erzielt eine CR-Rate von 90%. Inzwischen werden TK-Inhibitoren der zweiten Generation (Dasatinib, Nilotinib) bei älteren Patienten mit einer mäßig intensiven Chemotherapie in der Induktion kombiniert.

Derzeit werden verschiedene Möglichkeiten zur weiteren Therapieoptimierung geprüft. Dazu gehört die Reduzierung der Chemotherapieintensität bei jüngeren Patienten und die Prüfung von TK-Inhibitoren der 2. Generation z.B. Dasatinib oder Nilotinib in Kombination mit solchen Chemotherapien. Für Patienten mit der Resistenz-induzierenden T315I-Mutation steht als Inhibitor der 3. Generation Ponatinib zur Verfügung. Für Nilotinib wurden beim ASH-Kongress Daten einer europäischen, prospektiven Studie bei älteren Patienten mit Ph+ ALL vorgestellt (Tab. 4).

Tab. 4: Ausgewählte neue Daten zu zielgerichteten Therapien der ALL vom ASH 2014.
Tab. 4: Ausgewählte neue Daten zu zielgerichteten Therapien der ALL vom ASH 2014.

 

Altersadaptierte Therapie

Die Prognose der ALL korreliert stark mit dem Alter. Die Verschlechterung der Prognose mit zunehmendem Alter beginnt bereits in pädiatrischen Patientenkohorten, in denen Jugendliche ungünstigere Heilungschancen haben, und setzt sich im Erwachsenenalter fort (23). Dies ist auf die mit zunehmendem Alter schlechtere Verträglichkeit der Chemotherapie, auf Komorbiditäten und die Zunahme ungünstiger Prognosefaktoren zurückzuführen.

Erwachsene ab 18 Jahren können sehr erfolgreich nach den aktuellen Protokollen für die ALL des Erwachsenen behandelt werden, die auf pädiatrischen Protokollen aufbauen und für Erwachsene optimiert wurden.

Bei älteren Patienten, über 55-65 Jahren, nehmen die Remissionsraten v.a. wegen der erhöhten Frühmortalität ab und liegen bei 60-80%. Die GMALL-Studiengruppe hat ein altersadaptiertes Protokoll entwickelt. Bei über 250 Patienten mit einem medianen Alter von 66 Jahren wurde eine Remissionsrate von 76% berichtet (24). Wichtigste Risikofaktoren waren der Allgemeinzustand, der MRD-Verlauf sowie das Ausmaß von Komorbiditäten. Es gibt keine Rationale dafür, ohne detaillierte Diagnostik und Prüfung der Therapieoptionen ältere Patienten einer Palliativtherapie zuzuführen, zumal weder gezeigt werden konnte, dass dies mit einer besseren Lebensqualität noch mit einer verringerten Frühmortalität verbunden ist (23).

 

Subgruppenadaptierte Therapiekonzepte

 

Therapie der reifzelligen B-ALL

Die reifzellige B-ALL ist durch eine rasche Progredienz und häufig große Tumormasse mit erhöhter Inzidenz von ZNS- (12%) und Organbefall (34%) charakterisiert (25). Die Therapieergebnisse wurden mit speziellen Therapieschemata mit rascher Abfolge kurzer, intensiver Chemotherapieblöcke deutlich verbessert; wesentliche Elemente sind dabei Hochdosis-Methotrexat und fraktioniertes Cyclophosphamid bzw. Ifosfamid in Kombination mit einem CD20-Antikörper (26). Die Therapiedauer beträgt nur 21 Wochen.

 

Rezidivtherapie

Publizierte Daten zum Gesamtüberleben nach rezidivierter ALL zeigen Heilungschancen unter 20% (27). Das Rezidiv einer ALL stellt daher einen medizinischen Notfall dar. Die Behandlung orientiert sich an zahlreichen Faktoren, wie Subtyp, Vorbehandlung, Verfügbarkeit therapeutischer Zielstrukturen, ist komplex und sollte unbedingt in spezialisierten Zentren unter Einbeziehung aktueller auch experimenteller Therapiekonzepte durchgeführt werden. Therapieziel ist das Erreichen einer kompletten, möglichst molekularen Remission mit nachfolgender SZT.

Noch erfolgversprechender ist die Erkennung von bevorstehenden Rezidiven durch konsequente MRD-Untersuchung bereits unter Erstlinientherapie. Die Behandlung von Patienten mit molekularem Therapieversagen oder molekularem Rezidiv ist sinnvoll, da so ggf. die Entwicklung zytologischer Rezidive verhindert werden kann. Auch in dieser Situation ist besonders der Einsatz zielgerichteter Substanzen vielversprechend.

 

Verlaufskontrollen

Etwa ein Drittel der Rezidive treten nach Therapieende bis zu 5 Jahren nach Erstdiagnose auf. Spätere Rezidive sind selten. Weitere regelmäßige Blutbild- und Knochenmarkkontrollen einschließlich MRD-Kontrollen sind daher erforderlich.

Die Verbesserung der Überlebens-chancen hat erfreulicherweise dazu geführt, dass immer mehr ehemalige Patienten in der Nachsorge auch haus-ärztlich betreut werden. Bei der Nachsorge sollte ein spezielles Augenmerk auf mögliche Spätfolgen von Therapie und Erkrankung gelegt werden (28). Dazu gehören z.B. grauer Star, Infertilität, Knochennekrosen, Fatigue, Zweitmalignome, hormonelle Störungen oder psychische Erkrankungen. Die überwiegende Zahl der ALL-Patienten in Langzeitremission ist jedoch als geheilt anzusehen und leidet unter keinen Spätkomplikationen.

 

Klinische Studien und Expertennetzwerke

Für die ALL des Erwachsenen existiert weiterhin keine Standardbehandlung. Daher sollten möglichst alle Patienten im Rahmen von klinischen Studien oder prospektiven Registern behandelt werden. Informationen zu klinischen Studien, hämatologischen Zentren und Ansprechpartnern lassen sich über das Kompetenznetz Leukämie (www.kompetenznetz-leukaemie.de) auffinden.

Die Studien der GMALL-Studiengruppe wurden von der Deutschen Krebshilfe und der Deutschen José-Carreras-Leukämiestiftung finanziell unterstützt.

 

Zusammenfassung

Die Therapie der ALL des Erwachsenen ist komplex, da sie sich risikoadaptiert und individualisiert sowohl an biologischen Merkmalen als auch am individuellen Therapieansprechen orientiert. Die umfassende diagnostische Charakterisierung sowie die Behandlung in einem hämatologischen Spezialzentrum gehört zum Standard im Management von erwachsenen ALL-Patienten.

Aktuelle Erfahrungen zeigen, dass eine Intensivierung der Chemotherapie auch bei erwachsenen ALL-Patienten möglich ist. Zusätzlich kann die Therapieintensitiät einschließlich der SZT-Indikation basierend auf der Messung der MRD individuell gesteuert werden. Zielgerichtete Therapien stehen in zunehmendem Umfang zur Verfügung und haben in Subgruppen der ALL bereits zu einer deutlichen Verbesserung des Überlebens beigetragen. Mit modernen, intensiven kombinierten Therapiekonzepten konnten die Heilungschancen von erwachsenen ALL-Patienten je nach Altersgruppe auf 50-70% verbessert werden. Die Prognose von Rezidivpatienten ist weiterhin ungünstig. Eine Verbesserung der Therapieergebnisse kann nur durch rationale Therapieansätze unter Einsatz neuer Substanzen erreicht werden. Es gibt keine Standardtherapie für die ALL. Alle Patienten sollten im Rahmen von Registern oder Studien behandelt und dokumentiert werden.

 

Dr. Nicola Gökbuget

 

Dr. Nicola Gökbuget

Universitätsklinikum
Medizinische Klinik II, Goethe Universität
Theodor-Stern-Kai 7
60590 Frankfurt

Tel.: 069/6301-6365
Fax: 069/6301-7463
E-Mail: goekbuget@em.uni-frankfurt.de

 

 

 

 

 

 

 

 

ABSTRACT


N. Gökbuget, Universitätsklinikum, Medizinische Klinik II, Goethe Universität Frankfurt

Treatment of acute lymphoblastic leukemia (ALL) in adults is in Germany performed since more than 25 years in the context of a multicenter study group for adult ALL (GMALL). In consecutive trials considerable progress has been made with respect to characterisation and treatment optimisation. 90% of adult ALL patients below the age of 55-65 years and 80% of older patients achieve a complete remission after induction therapy. The chance of cure in adults was improved from less than 10% to more than 50%. Optimisation of intensive chemotherapy and supportive care, integration of stem cell transplantation (SCT) into first line therapy, application of targeted therapies and improved risk stratification under consideration of the course of minimal residual disease (MRD) have contributed essentially. New promising approaches arise from immunotherapy and other targeted therapies.



Keywords: acute lymphoblastic leukemia, ALL, chemotherapy, stem cell transplantation, prognostic factors, minimal residual disease

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur:

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