Sonntag, 8. Dezember 2019
Navigation öffnen
Anzeige:

JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

15. November 2019 Kopf-Hals-Tumoren (SCCHN): Nivolumab – Chance auf Langzeitüberleben

Mit dem PD-1-Inhibitor Nivolumab (Opdivo®) konnte bei Patienten mit fortgeschrittenen plattenepithelialen Kopf-Hals-Tumoren (SCCHN; Squamous Cell Carcinoma of the Head and Neck) mehr als eine Verdopplung des 2-Jahres-Überlebens gegenüber einer Vergleichstherapie erreicht werden (1, 2). Diese Checkpoint-Blockade wirkte unabhängig vom PD-L1-Status und ermöglichte eine Stabilisierung der Lebensqualität sowie bei einem Teil der Patienten die Chance auf Langzeitüberleben. Nivolumab kann als Erstlinientherapie bereits direkt nach Versagen einer platinbasierten Radiochemotherapie eingesetzt werden (3).
An den prognostisch sehr ungünstigen Kopf-Hals-Tumoren erkrankten in Deutschland im Jahr 2014 insgesamt 16.330 Menschen neu (4). Davon wurde bei 9.130 Männern bzw. 3.700 Frauen ein Mundhöhlen- oder Pharynx-Karzinom und bei 2.980 Männern bzw. 520 Frauen ein Larynx-Karzinom diagnostiziert.

Seit April 2017 können auch SCCHN-Patienten mit Nivolumab und damit erstmals mit einer immunonkologischen Therapie behandelt werden (3). In dieser Indikation ist Nivolumab als Monotherapie zur Behandlung des rezidivierten oder metastasierten Plattenepithelkarzinoms des Kopf-Hals-Bereichs bei Erwachsenen mit einer Progression während oder nach einer platinbasierten Therapie zugelassen. Seit 2015 hat sich Nivolumab als erster zugelassener PD-1-Inhibitor bei verschiedenen Tumorentitäten als wirksame und sichere Therapieoption etabliert, u.a. beim fortgeschrittenen malignen Melanom, nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom, Nierenzellkarzinom und Urothelkarzinom (3). In Deutschland wurde Nivolumab indikationsübergreifend bereits zur Behandlung von mehr als 35.000 Patienten eingesetzt (4).


Hohe 2-Jahres-Überlebensrate

Die Zulassung zur Behandlung von SCCHN-Patienten basiert auf dem Überlebensvorteil von Nivolumab gegenüber einer Monotherapie mit Methotrexat, Docetaxel oder Cetuximab nach Wahl des Prüfarztes (Investigator’s Choice, IC), der in der Studie CheckMate 141 gezeigt wurde (1). In dieser weltweit durchgeführten Phase-III-Studie erhielten 240 Patienten Nivolumab 3 mg/kg Körpergewicht i.v. alle 2 Wochen und 121 Patienten IC bis zur Tumorprogression oder dem Eintritt nicht tolerierbarer Nebenwirkungen. Die signifikante Überlegenheit von Nivolumab beim primären Endpunkt Gesamtüberleben (OS) führte zur vorzeitigen Beendigung der Studie.

Die mehr als doppelt so hohe Überlebensrate hielt auch in der Auswertung nach einem Follow-up von mind. 24,2 Monaten weiter an: Die 2-Jahres-OS-Rate in der Gesamtpopulation betrug 16,9% (95%-KI: 12,4-22,0) unter Nivolumab vs. 6,0% (95%-KI: 2,7-11,3) im Vergleichsarm (2). Die Therapie mit Nivolumab ermöglichte somit einem Teil der SCCHN-Patienten erstmals ein Langzeitüberleben von über 2 Jahren.

Das Sterberisiko nach 2 Jahren war unter Nivolumab gegenüber der Vergleichstherapie um 32% verringert (HR=0,68; 95%-KI: 0,54-0,86) (2). In der Erstauswertung 2016 lag dieser Wert noch bei 29% (HR=0,71; 95%-KI: 0,55-0,90) (1) – das spricht für einen nachhaltigen Vorteil der immunonkologischen Therapie.

 
Abb. 1: CheckMate 141: Gesamtüberleben (OS) unter Nivolumab vs. Investigator‘s Choice (Methotrexat, Docetaxel oder Cetuximab) in Abhängigkeit vom PD-L1-TC (mod. nach (2)). TC=Tumorzellscore
Abb. 1: CheckMate 141: Gesamtüberleben (OS) unter Nivolumab vs. Investigator‘s Choice (Methotrexat, Docetaxel oder Cetuximab) in Abhängigkeit vom PD-L1-TC (mod. nach (2)). TC=Tumorzellscore


Unabhängig vom PD-L1-TC wirksam

Eine PD-L1-Testung ist vor der Gabe von Nivolumab nicht notwendig. In der Studie CheckMate 141 konnten die Patienten unabhängig vom PD-L1-Tumorzellscore (TC) profitieren (2, 5). Sowohl Patienten mit PD-L1-TC ≥ 1% (8,2 vs. 4,7 Monate; HR=0,55; 95%-KI: 0,39-0,78) als auch Patienten mit PD-L1-TC < 1% (6,5 vs. 5,5 Monate; HR=0,73; 95%-KI: 0,49-1,09) wiesen unter Nivolumab gegenüber IC ein längeres medianes OS auf. Jedoch haben die Patienten mit einer höheren PD-L1-Expression eine noch höhere Chance von der Therapie zu profitieren (2, 5) (Abb. 1).


Einsatz als Erstlinientherapie nach platinbasierter Therapie

SCCHN-Patienten in lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Stadien können von einem Einsatz von Nivolumab bereits in der Erstlinie direkt nach Versagen einer platinbasierten Radiochemotherapie profitieren (3). Auch in dieser Subgruppe erzielte Nivolumab in CheckMate 141 ein mehr als doppelt so langes medianes OS von 7,7 Monaten (95%-KI: 3,1-13,8) vs. 3,3 Monaten (95%-KI: -2,1-6,4) unter IC (Abb. 2) (5, 6).

Das Sterberisiko wurde in dieser Patientengruppe mit Nivolumab um 46% gegenüber IC verringert (HR=0,54; 95%-KI: 0,33-0,89). Das 2-Jahres-OS betrug in dieser Subgruppe 21,6% im Nivolumab-Arm und 3,8% unter IC. Die Patienten können somit von einem frühen Einsatz von Nivolumab profitieren.
 
Abb. 2: CheckMate 141: Vorteil im Gesamtüberleben (OS) unter Nivolumab beim Einsatz als Erstlinientherapie direkt nach Versagen einer platinbasierten Radio-chemotherapie im Vergleich zu Investigator‘s Choice (Methotrexat, Docetaxel oder Cetuximab) (mod. nach (5, 6)).
 Abb. 2: CheckMate 141: Vorteil im Gesamtüberleben (OS) unter Nivolumab beim Einsatz als Erstlinientherapie direkt nach Versagen einer platinbasierten Radio-chemotherapie im Vergleich zu Investigator‘s Choice (Methotrexat, Docetaxel oder Cetuximab) (mod. nach (5, 6)).


Stabile Lebensqualität

Auch bei der Lebensqualität, einem sekundären Endpunkt der Studie CheckMate 141, zeigte Nivolumab Vorteile gegenüber der Standardtherapie (1). Ein wichtiger Aspekt für die Patienten, denn Kopf-Hals-Tumoren beeinträchtigen das alltägliche Leben enorm, indem sie u.a. das Atmen, Schlucken, Essen und Trinken stark erschweren können (7, 8). In den Kategorien körperliche Funktion, soziale Funktion, Rollenfunktion, Schmerz und sensorische Probleme gaben die Patienten im Nivolumab-Arm eine stabile Lebensqualität an (1). Im Vergleichsarm hingegen zeigten die Patienten eine klinisch relevante Verschlechterung an.


Klinische Daten in der Praxis bestätigt

Real-World-Daten sind sehr wichtig, um Erfahrungen aus dem klinischen Alltag zu erfassen. Die prospektive, multizentrische, nicht interventionelle Studie HANNA (9) untersucht Effektivität und Sicherheit von Nivolumab beim SCCHN im klinischen Alltag. Bis September 2019 wurden 304 Patienten gemäß Zulassung in die Studie eingeschlossen. Es werden auch Patienten mit Hirnmetastasen, ältere Patienten und solche mit einem schlechteren Allgemeinzustand (ECOG-Performance-Status ≥ 2) sowie platinsensitive Patienten, die nicht Teil der Patientenpopulation der Studie CheckMate 141 waren, untersucht (10).

Die erste Auswertung der Studie HANNA ergab ein 6-Monats-OS von 67% (95%-KI: 0,59-0,75). Dieses Ergebnis bestätigt die Daten der Zulassungsstudie CheckMate 141 von 55,6% (95%-KI: 48,9-61,8) (11).

Auch im klinischen Alltag deutete sich unter Nivolumab nach einem minimalen Follow-up von 6 Monaten eine Stabilisierung der Lebensqualität in den meisten Kategorien ab (11) – diese Hinweise bestätigen somit die Erfahrungen aus der Studie CheckMate 141 (1).


Mit freundlicher Unterstützung der Bristol-Myers Squibb GmbH & Co. KGaA

Andrea Warpakowski

Literatur:

(1) Ferris RL et al. N Engl J Med 2016;375(19):1856-67.
(2) Ferris RL et al. Oral Oncol 2018;81:45-51.
(3) Fachinformation Opdivo®. Aktueller Stand.
(4) Krebs in Deutschland für 2013/2014. 11. Ausgabe. Robert Koch-Institut (Hrsg) und die Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. (Hrsg). Berlin, 2017.
(5) Bristol-Myers Squibb. Data on file, wird auf Anfrage gerne zur Verfügung gestellt.
(6) Gillison ML et al. Oncologist 2018;23(9):1079-82.
(7) Gritz ER et al. J Clin Oncol 1999;17(1):352-60.
(8) Curran D et al. J Clin Oncol 2007;25(16):2191-7.
(9) Welslau M et al. Oncol Res Treat 2018;-41(suppl 4):P935.
(10) von der Heyde E, DGHO 2019, Präsentation, V261.
(11) Dietz A et al. Laryngo-Rhino-Otologie 2019;98(S02):47-47 + Präsentation.


Das könnte Sie auch interessieren

Krebs und Sexualität - ein doppeltes Tabu

Krebs und Sexualität - ein doppeltes Tabu
© Expensive / fotolia.com

Eine Krebserkrankung hinterlässt Spuren, körperliche und seelische. Für Patientinnen ist es manchmal schwer, über ihre Empfindungen und Ängste zu sprechen. Umso belastender kann es sein, die mit der Krankheit häufig einhergehende Beeinträchtigung der Sexualität in Worte zu fassen. Der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums bietet Unterstützung an – auch bei Fragen, die viele als heikel empfinden.

Mit individuell zugeschnittenen Behandlungen länger überleben

Mit individuell zugeschnittenen Behandlungen länger überleben
© Sebastian Kaulitzki / Fotolia.com

Lange Zeit galt die Diagnose Lungenkrebs als sicheres Todesurteil. Dank neuer Diagnostik und personalisierter Behandlungsmethoden haben sich die Aussichten für Betroffene in den letzte fünf Jahren dramatisch verbessert, wie Experten auf dem Kongress der European Respiratory Society (ERS) in Mailand erklärten. Wichtig sei, stets einen Lungenfacharzt in die Behandlung mit einzubeziehen, betont die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Patienten...

Der lange Weg bis zur Zulassung eines Arzneimittels

Die Zulassung eines neuen Arzneimittels und die Erweiterung der Indikation eines bereits zugelassenen Arzneimittels sind streng geregelt. Die europäische oder deutsche Zulassungsbehörde fordert den Nachweis von Wirksamkeit und Unbedenklichkeit, wofür das Arzneimittel verschiedene Phasen der klinischen Prüfung durchlaufen muss. Wie die Arzneimittelprüfung durchzuführen ist, legt das Arzneimittelgesetz (AMG) von 1976 fest, das zuletzt durch die 15. Novelle von...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Kopf-Hals-Tumoren (SCCHN): Nivolumab – Chance auf Langzeitüberleben"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.