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Medizin
11. August 2017

Kautabak „Naswar“: Krebsrisiko mehr als 20-fach erhöht

In Pakistan, Afghanistan und anderen zentralasiatischen Ländern ist Naswar der Renner. Vor allem der Preis ist unschlagbar: Ein Päckchen mit der grünen Paste kostet nur einen Bruchteil des Preises für eine Packung Zigaretten. Entsprechend populär ist das Gemisch aus Tabakblättern, Asche, Löschkalk und verschiedenen Aromastoffen bei der Bevölkerung. Doch die billige Nikotinquelle birgt Gefahren, wie BIPS-Wissenschaftler im Rahmen einer Studie in Pakistan nachweisen konnten. So ist das Risiko für Mundhöhlenkarzinome bei Naswar-Konsumenten im Vergleich zu Nicht-Konsumenten mehr als 20-fach erhöht.
Während der Konsum von Kau- oder auch Schnupftabak vor dem 2. Weltkrieg in westlichen Ländern noch weit verbreitet war – gerade in den USA gehörte ein Spucknapf zur Grundausstattung einer jeden Bar – ist in Europäer der Gerbauch wohl eher exotisch. Schaut man aber über den europäischen Tellerrand, ist „Kautabak“ in all seinen Darreichungsformen keineswegs verschwunden. In Zentralasien etwa sind rauchfreie Tabakprodukte wie das in Indien verbreitete „Gutka“ oder das in Pakistan und Afghanistan beliebte „Naswar“ omnipräsent. „Viele Studien zu den gesundheitlichen Auswirkungen dieser Tabakprodukte wurden in Indien durchgeführt und konzentrierten sich daher auch auf die dort konsumierten Formen“, sagt Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am BIPS. „Zwar hat die Internationale Krebsforschungsagentur IARC rauchfreien Tabak insgesamt als krebserregend eingestuft, zu dem in Pakistan weit verbreiteten Naswar gibt es aber kaum Daten. Genau an diesem noch unklaren Punkt wollten wir ansetzen. Naswar ist in Pakistan erheblich billiger als eine Packung Zigaretten und wird deshalb immer beliebter – auch in anderen Ländern Asiens. Zugleich hat Pakistan eine der höchsten Häufigkeiten von Mundhöhlenkarzinomen weltweit. Der Zusammenhang mit Naswar ist naheliegend, wir wollten ihn aber nachweisen und quantifizieren.“

Bei rauchlosen Tabakprodukten werden die Wirkstoffe nicht eigeatmet, sondern direkt mit der Mundhöhlen- oder Nasenschleimhaut durch Auflegen, Kauen oder Schnupfen in Kontakt gebracht, wo das Nikotin über die Schleimhaut absorbiert wird. So auch bei Naswar. Das Gemisch aus Tabakblättern, Asche, Löschkalk und verschiedenen Aromastoffen wird als grünes Pulver oder Paste verkauft, zumeist in die Wangentasche des Mundes gelegt und für längere Zeit dort aufbewahrt.

Die BIPS-Studie wurde zwischen September 2014 und Mai 2015 in der ländlich geprägten Khyber Pakhtunkhwa Provinz an der Grenze zu Afghanistan durchgeführt. Dabei handelte es sich um eine Fall-Kontroll-Studie, in der eine Stichprobe an Mundhöhlenkrebs erkrankter Personen (Fall) mit einer Stichprobe gesunder Personen (Kontrolle) verglichen wurde. Die umfangreichen Befragungen vor Ort in zwei großen Städten führte ein Team unter Anleitung des vom DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) geförderten Wissenschaftlers Zohaib Khan durch, der selbst aus Pakistan stammt und entsprechend mit Sprache und Kultur dort vertraut ist.

„Die Forschungen vor Ort wurden durch den schrecklichen Terroranschlag in Peschawar im Dezember 2014 überschattet, bei dem fast 150 Menschen – vor allem Kinder – in einer Schule getötet wurden“, sagt Hajo Zeeb. „Peschawar City wurde komplett abgeriegelt. Die angespannte Lage führte dazu, dass viele Krebspatientinnen und –patienten nicht mehr in die Krankenhäuser kommen konnten. Auf schreckliche Weise zeigte sich hier, welch massive Auswirkungen der Terror auch auf die Gesundheitsversorgung einer ganzen Region haben kann.“

Hohes Krebsrisiko durch Naswar-Konsum

„Die Ergebnisse unserer Studie sind deutlich. Im Vergleich zu Personen, die noch nie Naswar konsumierten, haben Personen, die zum Zeitpunkt der Studie oder in der Vergangenheit Naswar konsumierten, ein mehr als 20-fach erhöhtes Risiko, Mundhöhlenkarzinome zu entwickeln“, sagt Hajo Zeeb. „Natürlich haben wir auch andere Risikofaktoren untersucht. Alkoholkonsum etwa hatte kein höheres Risiko zur Folge, während das Rauchen von Tabak das Risiko für Mundhöhlenkrebs ‚nur‘ verdoppelte. Naswar-Konsum stellte jedoch alle Risikofaktoren in den Schatten. Etwa 70% aller Fälle von Mundhöhlenkrebs in der Studienregion ließen sich auf Naswar zurückführen.“

Warum ist das Risiko bei Naswar im Vergleich etwa zum schwedischen Snus so massiv erhöht? „Hier spielen sicher mehrere Faktoren eine Rolle“, vermutet Hajo Zeeb. „Zum einen hat Naswar einen relativ hohen Anteil schädlicher, tabakspezifischer Nitrosamine verbunden mit einem hohen Nikotingehalt. Viel suchtförderndes Nikotin lässt Konsumenten also häufiger zu einem schädlichen Produkt greifen. Zum anderen bewirkt der hinzugesetzte Löschkalk einen Anstieg des pH-Wertes ins alkalische Milieu, was Freisetzung und Aufnahme des Nikotins fördert. Der alkalische pH-Wert schädigt aber auch die Schleimhaut, bewirkt also Läsionen im Gewebe, die immer auch ein Risikofaktor für Krebs sind. In Snus ist Kalk nicht enthalten.“ Zudem enthält auch die hinzugesetzte Asche Schwermetalle, welche die Toxizität von Naswar erhöhen.

Weitere Studien und politische Konsequenzen

Die vorhandenen Studiendaten erlauben weitere Auswertungen, etwa zu Mundhygiene, Naswar und Mundhöhlenkrebs. Aus den Ergebnissen der Studie haben sich aber auch schon erste Konsequenzen ergeben, denn die Provinzregierung in der Studienregion in Pakistan hat ihre Tabakkontrollpolitik erstmalig auch auf rauchfreien Tabak ausgedehnt. Das Studienteam um Zohaib Khan und Hajo Zeeb plant derzeit weitere kooperative Forschungen dazu, wie die Tabakkontrolle in Pakistan besser unterstützt und umgesetzt werden kann.

Quelle: Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS

Literatur:

Steffen Dreger, Syed Majid Hussain Shah et al.
Oral cancer via the bargain bin: The risk of oral cancer associated with a smokeless tobacco product (Naswar)
PLoS One. 2017 Jul 10;12(7):e0180445. doi: 10.1371/journal.pone.0180445.
http://journals.plos.org/plosone/article/related?id=10.1371/journal.pone.0180445


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