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Medizin
01. Oktober 2014

ESMO 2014: Studie untersucht ungleichen Zugang zu neuen Krebsmedikamenten

Zwei neue Studien zeigen, dass der Zugang zu innovativen Krebsmedikamenten zwischen Kanada, Europa und den USA, aber auch innerhalb der EU sehr unterschiedlich ist, nicht zuletzt wegen stark ungleicher Zulassungsdauer. Das hat Auswirkung auf den Behandlungserfolg, die Lebensqualität und die Überlebensrate von Menschen mit Krebs. Onkologe Prof. Christoph Zielinski: "Es bedarf eines europaweit gleichen Zugangs zu diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen für Menschen mit Krebs. Sie haben ein Recht auf die zügige Zulassung innovativer Medikamente, und sie haben einen Anspruch darauf, dass diese Medikamente für sie leistbar sind. Europa muss auch zu einer Sozial- und Gesundheitsunion werden."

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Der Zugang zu potentiell lebensverlängernden Krebsmedikamenten ist in den Regionen der Welt sehr unterschiedlich. Das zeigen zwei neue Studien, die auf dem Europäischen Krebskongress ESMO in Madrid vorgestellt wurden. Um Ungleichheiten bei der Zulassungsdauer von Krebstherapien zu analysieren, haben Dr. Sunil Verma (Sunnybrook Odette Cancer Center, Toronto, Canada) und Dr. Nardin Samuel die Zulassungszeit für 41 Krebsmedikamente in Kanada, den USA und den EU-Ländern verglichen. Sie fanden heraus, dass die durchschnittliche Zulassungszeit bei der US-amerikanischen FDA sechs Monate kürzer war als in der EU (EMA) und 7,6 Monate kürzer als in Kanada. Das für Blutkrebs zugelassene Azactidin hatte die größte zeitliche Differenz:  Die EMA hat Azactidin um 10,3 Monate schneller zugelassen als Health Canada, aber 55,8 Monate nach der FDA.

Die schnellste Zulassungszeit unter den untersuchten Krebsmedikamenten hatte Cabazitaxel, das von der FDA für metastasierenden Prostatakrebs 17 Tage nach der Bewerbung des Herstellerunternehmens zugelassen wurde. In Kanada betrug die Zulassungszeit 11,63 Monate und in Europa 11,03 Monate. Lange dauernde Zulassungsprozesse, so die Studienautoren, haben Einfluss auf die Behandlung von Krebspatienten: "Es bedarf deshalb eines Dialogs zwischen der Industrie, den Zulassungsbehörden, Patientenorganisationen, Forschungsorganisationen und Krebsspezialisten, wie wir die Wartezeit bis zur Zulassung verkürzen können, und gleichzeitig die Sicherheit der zugelassenen Medikamente sicherstellen."

Mangelhafter Zugang zu Brustkrebsmedikamente in Osteuropa

In einer weiteren Studie hat Dr. Felipe Ades vom Institute Jules Bordet in Brüssel herausgefunden, dass Patientinnen in Osteuropa einen schlechteren Zugang zu Trastuzumab, einem Medikament gegen HER2 positiven Brustkrebs, hatten als Frauen in Westeuropa und den USA, wobei diese Unterschiede Auswirkungen auf die Überlebensrate haben können. HER2 positive Tumoren machen etwa 20% aller Fälle von Brustkrebs aus.

Die Forscher hatten zuvor gezeigt, dass Unterschiede bei den Gesundheitsausgaben zwischen einzelnen EU-Ländern existieren und dass diese Unterschiede in einem Zusammenhang mit unterschiedlichen Überlebensraten bei Krebs stehen. "Je höher die Ausgaben, desto weniger Patienten starben nach der Diagnose Krebs", sagt Dr. Ades. Nun haben die Forscher herausgefunden, dass Unterschiede im Einsatz innovativer und lebensrettender Medikamente eine der Ursachen für diese Diskrepanzen sein könnten. Nationale Registerdaten zeigen, dass in Osteuropa in den Jahren 2001 bis 2013 nicht ausreichend Trastuzumab eingekauft wurde. um alle Patienten zu behandeln, die davon profitieren könnten. "Unser Nachweis, dass Trastuzumab in Ländern mit höherer Brustkrebsüberlebensrate häufiger eingesetzt wird, unterstützt die Vorstellung, dass der Einsatz lebensrettender Medikamente einer der wichtigen Faktoren in der Verbesserung der Überlebensrate von Brustkrebs ist."

Onkologe Prof. Zielinski: Gleicher Zugang zu Krebsmedikamenten ist medizinische und ethische Notwendigkeit - Europa muss auch zu einer Sozial- und Gesundheitsunion werden

Aus onkologischer Sicht sei es eine medizinische und ethische Notwendigkeit, dass möglichst viele Patientinnen und Patienten in ganz Europa und weltweit von den Fortschritten der modernen Krebsmedizin profitieren, kommentiert Univ.-Prof. Dr. Christoph Zielinski, Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin I, MedUni/AKH Wien, Koordinator des Comprehensive Cancer Center (CCC): "Die beiden neuen Studien bestätigen, dass der Zugang zu einer optimalen Krebsbehandlung in der EU unterschiedlich ausgeprägt ist. Engpässe gibt es aber nicht nur bei Krebsmedikamenten im engeren Sinn, sondern auch bei den in der Behandlung des Tumorschmerzes unentbehrlichen Opioid-Schmerzmitteln. Das ergibt eine Bilanz, die nach einer Verbesserung verlangt."

Der zwischen den EU-Ländern bestehende ungleiche Zugang zu modernen Therapien und unterschiedlich lange Wartefristen bei der Zulassung bzw. der Kostenerstattung für neue Medikamente "haben Auswirkung auf den Behandlungserfolg, die Lebensqualität und die Überlebensrate von Menschen mit Krebs. Die Aufrechterhaltung dieser Situation ist weder medizinisch noch ethisch vertretbar", so Prof. Zielinski. "Es bedarf eines europaweit gleichen Zugangs zu diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen für Menschen mit Krebs. Sie haben ein Recht auf die zügige Zulassung innovativer Medikamente, und sie haben einen Anspruch darauf, dass diese Medikamente für sie leistbar sind. Europa muss auch zu einer Sozial- und Gesundheitsunion werden."

Quelle: ESMO Abstracts Samuel et al., Cross-comparison of cancer drug approvals among international regulatory bodies; Ades Moraes et al., Are life-saving anticancer drugs reaching all patients? Patterns and discrepancies of trastuzumab use in the European Union and the USA


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