Donnerstag, 14. Dezember 2017
Benutzername
Passwort
Registrieren
Passwort vergessen?

Home
e-journal
Der Aktuelle Fall
CME online
News
Gesundheitspolitik
Fachgesellschaften
Therapiealgorithmen
Videos
Veranstaltungen
Broschüren
Zentren


Suche
Archiv
Buchbestellung
Newsletter
Probe-Abo
Impressum


journalmed.de


Anzeige:
 
 
Anzeige:
 
 

JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
Zurück
Zurück
E-Mail
Email
Drucken
Drucken
Zum Bewerten bitte anmelden!
31. Mai 2017

Supportive Misteltherapie verbessert Schlaf und lindert Fatigue

Interview mit Dr. med. Petra Voiß, Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, Kliniken Essen-Mitte.

Die Misteltherapie wird als komplementärmedizinische und supportive Maßnahme bei Patienten mit verschiedenen soliden Tumorerkrankungen ergänzend zu einer onkologischen Therapie eingesetzt. Frau Dr. Petra Voiß, Kliniken Essen-Mitte, setzt die anthroposophische Misteltherapie häufig bei Patientinnen mit gynäkoonkologischen Erkrankungen ein und hat gute Erfahrungen gemacht, insbesondere bei der Linderung tumorbedingter Schlafstörungen und Fatigue, wie sie in einem Interview mit JOURNAL ONKOLOGIE berichtete.
Dr. Petra Voiß, Essen
Petra Voiß
JOURNAL ONKOLOGIE: Frau Dr. Voiß, bei welchen Indikationen setzen Sie die Misteltherapie als supportive Maßnahme ein und wo eher nicht?

Voiss: Wir setzen eine Misteltherapie supportiv ein bei gynäkoonkologischen Patientinnen und teilweise auch bei Patienten mit gastrointestinalen Tumoren. Wir wenden die Misteltherapie nicht an bei Patienten mit hämatoonkologischen Erkrankungen, weil die Datenlage meiner Ansicht nach dafür nicht ausreichend ist. Eine gewisse Vorsicht ist bei Hirntumoren geboten, weil eine Misteltherapie perifokale Ödeme begünstigen kann. Es ist keine absolute Kontraindikation, aber bei Patienten mit Hirnmetastasen oder cerebralem Primärtumor ist eine vorsichtige Herangehensweise empfehlenswert, das heißt, mit einer niedrigen Dosierung beginnen und genau beobachten, wie der Patient die Therapie verträgt.

JOURNAL ONKOLOGIE: Welche Erfahrungen konnten Sie bisher mit der Misteltherapie sammeln?

Voiss: Wir sehen teils beeindruckende Verbesserungen der Schlafqualität. Die Patienten berichten, dass sie tiefer schlafen und nachts weniger häufig wach werden. Wir beobachten oft auch eine Verbesserung von Fatigue, teilweise auch eine Appetitsteigerung und eine verringerte Infektanfälligkeit. In Studien wurden auch Schmerzen unter Misteltherapie gelindert. Das ist jedoch schwer zu differenzieren, da die Patienten ja eine Schmerzmedikation erhalten. Schmerzen können natürlich auch zu einer Beeinträchtigung des Schlafes beitragen. Schlafstörungen führen zu einer Herunterregulation der spezifischen, erworbenen Abwehr und einer Hochregulation der angeborenen, unspezifischen Abwehr mit einem Anstieg zellulärer und genomischer Inflammationsmarker und einer Reduktion antiviraler Parameter. Insofern ist es mir ein besonderes Anliegen, bei unseren Patienten auf Schlafstörungen zu achten. Ich bin eine Anhängerin der Mind-Body-Medizin (MBM): durch Entspannungstraining und Stressbewältigungsstrategien können Insomnien, wenn sie stressinduziert sind, wirksam behandelt werden. Allerdings dauert es oft mehrere Wochen, bis ein Erfolg für die Patienten spürbar ist. Mit der Misteltherapie erreicht man häufig schon eine viel schnellere Verbesserung des Schlafs. Deshalb finde ich es sinnvoll, mit der ­Misteltherapie zu beginnen und begleitend die MBM einzusetzen.

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie wird die Misteltherapie von den Patienten angenommen?

Voiss: Das kommt auf die Situation an: Patienten in der kurativen Situation müssen meist die Kosten selber tragen. Chronisch kranke Patienten in metastasierter Situation bekommen die Kosten in der Regel von den Krankenkassen erstattet. Insgesamt ist das Interesse an einer komplementären Misteltherapie in palliativer Situation und bei stark eingeschränkter Lebensqualität größer.

JOURNAL ONKOLOGIE: Es gibt sehr viele verschiedene Mistelpräparate, welche setzen Sie ein?

Voiss: Wir setzen Mistelpräparate verschiedener Firmen ein, denn nicht jede Firma bietet jeden Wirtsbaum an. Wir setzen ein: Abnobaviscum, hier gibt es verschiedene Wirtsbäume, Iscucin® (Wala), Helixor®, Iscador® und Bremistal® (Mundipharma). Die beiden letzteren Präparate bieten jeweils 3 verschiedene Wirtsbäume an. Die Präparate und den Wirtsbaum wählen wir nach Tumor-entität, Geschlecht des Patienten sowie weiteren Kriterien aus.

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie wird der Bezug zwischen Wirtsbaum und Tumorerkrankung hergestellt?

Voiss: In einer Studie von Tröger et al. bei Patienten mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom wurde Iscador® des Wirtsbaumes Quercus-Eiche eingesetzt [1]. Es gab zwar einige Kritikpunkte an dieser Studie – zum Teil berechtigt – trotzdem war das Ergebnis sehr gut. Die Studie wurde abgebrochen, weil die Patienten in der Mistelgruppe ein deutlich besseres Überleben aufwiesen. Deshalb würde ich einen Pankreaskarzinom-Patienten in der Regel mit einem Mistelpräparat von der Eiche behandeln. Eichenmistel würde man auch eher bei einem Mann einsetzen, während man eine Mistel des Wirtsbaumes Apfel eher einer Frau geben würde. Es gibt noch mehr Kriterien, die bei einer anthroposophischen Herangehensweise berücksichtigt werden. Mein Eindruck ist, dass durch eine spezifische Wirtsbaumauswahl die Misteltherapie optimiert werden kann.

JOURNAL ONKOLOGIE: Gibt es für die richtige Auswahl der Wirtsbäume einen Leitfaden?

Voiss: Empfehlungen zur Auswahl des Wirtsbaumes werden von den oben genannten Firmen gegeben. Auch werden Schulungen zu Misteltherapie angeboten. Die Anwendung ist bei der anthroposophischen Mistel sehr viel komplexer als bei der phytotherapeutischen, z.B. bei Lektinol®, das auf Lektin normiert ist. Phytotherapeutische Mistelpräparate werden auch nur 3 Monate lang gegeben, in gleichbleibender Dosierung, während bei anthroposophischer Mistel die Dosis verändert wird. Wir haben uns mehr mit der anthroposophischen Misteltherapie befasst, weil viele der Studien mit anthroposophischen Präparaten durchgeführt worden sind.

JOURNAL ONKOLOGIE: Wovon hängt die Wirkung des Mistelpräparats in Abhängigkeit vom Wirtsbaum ab?

Voiss: Die wirksamen Inhaltsstoffe der Mistel sind hauptsächlich Mistellektine und Viscotoxine, daneben noch Flavonoide, Terpenoide, Alkaloide und Amine. Vor allem scheinen aber Mistellektine und Viscotoxine wichtig zu sein. Je nachdem, auf welchem Wirtsbaum die Mistel wächst, ist der Gehalt an dem einen oder anderen Wirkstoff höher oder niedriger. Beispielsweise sind bei dem Wirtsbaum Pinie weniger Lektine und Viscotoxine in der Mistel enthalten, während bei der Esche der Gehalt sehr hoch ist. Johannes Wilkens beschreibt 13 Wirtsbäume der Mistel [2].

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie wirken Mistellektine und Viscotoxine?

Voiss: Lektine und Viscotoxine töten in vitro die Tumorzellen ab und stimulieren die Immunzellen in vitro und in vivo. Präklinische Studien weisen auch auf eine antiangiogene Wirkung hin. In dem Cochrane-Review von Markus Horneber zeigte sich auch eine Evidenz in Bezug auf die Verbesserung der Lebensqualität unter Chemotherapie bei Brustkrebspatientinnen [3]. In Bezug auf das Überleben war die Datenlage weniger schlüssig. Aber es gibt keine Studie, in der Patienten unter Misteltherapie eine kürzere Überlebenszeit aufwiesen. Einen Hinweis auf eine lebensverlängernde Wirkung gab es unter anderem in der Pankreaskarzinom-Studie von Tröger et al., wo es unter Misteltherapie bei Patienten mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom zu einer Überlebenszeitverlängerung von 2 Monaten kam. Allerdings lag in dieser Studie, die in Serbien durchgeführt wurde, nicht von allen Patienten eine Biopsie vor.

JOURNAL ONKOLOGIE: Mit welchen Neben- oder Wechselwirkungen ist zu rechnen? Worauf muss bei gleichzeitiger Chemo- oder Strahlentherapie geachtet werden?

Voiss: Hautrötung ist eine typische Nebenwirkung der Misteltherapie. Es kann auch eine knotige Verhärtung an der Einstichstelle oder eine allergische Reaktionen auftreten. Hautrötungen um die Einstichstelle von bis zu 5 cm sind erwünscht. Ist die Hautrötung größer als 5 cm oder treten Kopf- und Gliederschmerzen auf, dann ist die Dosierung zu hoch und man muss um einen Dosisschritt reduzieren. Ist die Hautrötung geringer, kann die Dosis erhöht werden. Es kommt aber auch darauf an, wie der Patient sich fühlt. Berichten die Patienten, dass sie sich fitter fühlen und besser schlafen, dann behalte ich die Dosis bei, auch wenn keine oder nur eine geringe Hautrötung auftritt.
Eine Kollegin aus der Strahlentherapie hat einmal eine erhöhte Hauttoxi-zität unter gleichzeitiger Mistel- und Strahlentherapie beobachtet. Das kann vorkommen, ist aber selten. Ich würde unter Chemo- und Strahlentherapie eher nicht so zügig hochdosieren und bei einer niedrigen Dosierung bleiben, da Mistel auch Fieber induzieren kann. Auch sollte man die Misteltherapie unter Fieber pausieren und sie bei Patienten mit manifester Hyperthyreose nicht einsetzen. Besonders achtsam muss man mit der Misteltherapie bei Patienten mit einer aktiven Autoimmunerkrankung sein. Bei Patienten mit Hirnmetastasen besteht ein etwas erhöhtes Risiko für perifokale Ödeme. Schwangerschaft oder Allergie gegen Mistelbestandteile sind eine Kontraindikation.
Das Thema pharmakokinetische Interaktionen zwischen Phytotherapeutika und onkologischen Medikamenten ist im Rahmen des Projektes KOKON, dem Kompetenznetz für Komplementärmedizin in der Onkologie, bearbeitet worden. Zu 5 Phytotherapeutika, darunter auch die Mistel, wurden Interaktionen mit in der Onkologie häufig verwendeten Medikamenten recherchiert. Es wurde eine Interaktionsmatrix entwickelt, die bald publiziert werden wird.

JOURNAL ONKOLOGIE: Wie lange kann bzw. sollte eine Misteltherapie durchgeführt werden?

Voiss: Bei der phytotherapeutischen Misteltherapie, die auf Lektin standardisiert ist, wird geraten, nach 3 Monaten zu pausieren. Bei den anthroposophischen Präparaten kann die Misteltherapie über mehrere Jahre verabreicht werden. Ich empfehle den Patienten, wenn sie sich fit fühlen, auch einen Auslassversuch. Wichtig ist es, die Dosierung nach einer mehr als 4-wöchigen Pause zu reduzieren. Bei schlechter Lebensqualität empfehle ich eine dreimal wöchentliche subkutane Injektion, bei guter Lebensqualität reicht oft eine ein- bis zweimal wöchentliche Applikation aus.

JOURNAL ONKOLOGIE: Welche Empfehlungen gibt es für die Mis­teltherapie in Leitlinien?

Voiss: In der aktuellen AGO-Leitlinie* wird Misteltherapie zur Reduktion therapieassoziierter Nebenwirkungen mit einer +/- Empfehlung bewertet.

Vielen Dank für das Gespräch!

* www.med4u.org/11732
Literatur:
1. Tröger W et al. Eur J Cancer 2013; 49:3788-97.
2. Wilkens J. Differenzierte Anwendung der Mistel nach Wirtsbäumen. Sonntag Verlag in MVS Medizinverlage, Stuttgart 2006.
3. Horneber M. Cochrane Database of Systematic Reviews 2008, Issue 2.
Zurück
Zurück
E-Mail
Email
Drucken
Drucken
Zum Bewerten bitte anmelden!
Anzeige:
Zur Fachinformation
 
Anzeige:
 
 
 
 
Themen
NET
CUP
CML
Nutzen Sie auch die Inhalte von journalmed.de, um sich zu Informieren.
Mediadaten
Hilfe
Copyright © 2014 rs media GmbH. All rights reserved.
Kontakt
Datenschutz
AGB
Fakten über Krebs
 
ASH 2017