Anämie (Blutarmut): Klinischer Befund mit vielfältigen Ursachen
Nina HaußerAnämie (Blutarmut) kann sich durch Müdigkeit, Schwindel, Blässe oder Kurzatmigkeit zeigen und ist meist Ausdruck einer zugrunde liegenden Ursache. Häufig steckt Eisenmangel dahinter, doch auch Blutverluste, Vitaminmängel, chronische Erkrankungen oder Störungen der Blutbildung kommen infrage. Entscheidend für Diagnostik und Therapie ist daher nicht allein der Hb-Wert, sondern die Einordnung der jeweiligen Form der Anämie.
Anämie auf einen Blick
Definition: Verminderte Hämoglobinkonzentration
Häufige Symptome: Müdigkeit, Schwindel, Blässe, Kurzatmigkeit
Häufige Ursachen: Eisenmangel, Blutverluste, Vitaminmängel, chronische Erkrankungen
Wichtig für die Diagnose: Hb-Wert allein reicht nicht, entscheidend ist die Ursache
Therapie: richtet sich nach Form und Auslöser der Anämie
Was ist eine Anämie (Blutarmut)?
Anämie, auch Blutarmut genannt, liegt vor, wenn die Hämoglobinkonzentration im Blut oder die Zahl der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) vermindert ist. Hämoglobin, der rote Blutfarbstoff der Erythrozyten, bindet Sauerstoff und transportiert ihn zu Organen und Geweben. Ist zu wenig Hämoglobin vorhanden, kann die Sauerstoffversorgung des Körpers eingeschränkt sein. Medizinisch handelt es sich dabei nicht um ein einheitliches Krankheitsbild, sondern um einen Befund, der weiter abgeklärt werden muss.
Wie häufig ist Anämie? Wer ist von Anämie betroffen?
Weltweit gehört Anämie zu den häufigsten Gesundheitsproblemen. Besonders betroffen sind Kinder unter 5 Jahren, menstruierende Jugendliche und Frauen sowie Schwangere und Frauen nach der Geburt. Nach WHO-Schätzungen litten 2019 rund 30% der nicht schwangeren Frauen und 37% der schwangeren Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren an Anämie; zudem waren weltweit 269 Millionen Kinder im Alter von 6 bis 59 Monaten betroffen. Die höchste Krankheitslast tragen vor allem die WHO-Regionen Afrika und Südostasien.
In Deutschland liegt die Prävalenz Schätzungen zufolge bei etwa 10%, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer und die Häufigkeit im höheren Lebensalter deutlich zunimmt.
Wie entsteht eine Anämie?
Anämie kann auf unterschiedliche Weise entstehen: wenn der Körper zu wenig rote Blutkörperchen oder Hämoglobin bildet, wenn Blut verloren geht oder wenn Erythrozyten vorzeitig abgebaut werden. Welche Ursache zugrunde liegt, ist für die weitere Diagnostik und Therapie entscheidend.
Verminderte Bildung roter Blutkörperchen
Eine häufige Ursache ist ein Mangel an Nährstoffen, die für die Blutbildung benötigt werden. Dazu zählen vor allem Eisen, aber auch Folsäure, Vitamin B12, Riboflavin und Vitamin A. Eisenmangel gilt weltweit als häufigste ernährungsbedingte Ursache einer Anämie. Auch Erkrankungen des Knochenmarks oder eine altersbedingt nachlassende Blutbildung können dazu führen, dass zu wenig rote Blutkörperchen nachgebildet werden.
Blutverlust
Anämie kann auch entstehen, wenn der Körper über längere Zeit oder akut Blut verliert. Dazu gehören starke Menstruationsblutungen ebenso wie Blutungen im Zusammenhang mit Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. In anderen Fällen bleiben Blutverluste zunächst unbemerkt, etwa bei chronischen inneren Blutungen oder parasitären Infektionen.
Chronische Erkrankungen, Entzündungen und Infektionen
Viele chronische Erkrankungen beeinträchtigen die Blutbildung oder den Eisenstoffwechsel und können so eine Anämie verursachen. Dazu zählen unter anderem Nierenerkrankungen, entzündliche Prozesse und chronische Infektionen. Je nach regionaler Krankheitslast spielen auch Malaria, Tuberkulose, HIV oder parasitäre Erkrankungen eine wichtige Rolle.
Verstärkter Abbau oder erbliche Ursachen
Bei hämolytischen Anämien werden rote Blutkörperchen schneller abgebaut, als der Körper sie ersetzen kann. Ursache können angeborene Fehlbildungen der Erythrozyten, Störungen des Hämoglobinstoffwechsels oder andere hereditäre Erkrankungen sein. In manchen Regionen zählen auch Hämoglobinopathien wie die α- und β-Thalassämie oder Sichelzellerkrankungen zu den häufigeren Ursachen einer Blutarmut. Seltene angeborene Formen wie die Fanconi-Anämie kommen ebenfalls infrage.
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Bestimmte Lebensphasen und Belastungen erhöhen das Risiko für eine Anämie zusätzlich. In der Schwangerschaft steigt das Blutvolumen deutlich an, während die Zahl der roten Blutkörperchen nicht im gleichen Maß zunimmt. Auch Frauen mit starker Regelblutung und ältere Menschen sind häufiger betroffen. Im höheren Lebensalter können eine verminderte Blutbildung, Begleiterkrankungen und ein beschleunigter Abbau roter Blutkörperchen zusammenwirken.
Nicht immer lässt sich die Ursache einer Anämie sofort eindeutig bestimmen. Umso wichtiger ist eine systematische Abklärung, da sich Behandlung und Prognose je nach Form der Blutarmut deutlich unterscheiden können.
Welche Symptome sind bei Anämie typisch?
Die Beschwerden bei einer Anämie sind häufig unspezifisch und entwickeln sich oft schleichend. Typisch sind vor allem Müdigkeit, verminderte Belastbarkeit, Blässe, Kopfschmerzen, Schwindel und Kurzatmigkeit – insbesondere bei körperlicher Anstrengung. Ursache ist die eingeschränkte Sauerstoffversorgung von Organen und Geweben, wenn zu wenig Hämoglobin oder rote Blutkörperchen vorhanden sind.
Häufige Symptome:
Müdigkeit und Schwächegefühl
verminderte körperliche Leistungsfähigkeit
Kopfschmerzen
Schwindel oder Benommenheit
kalte Hände und Füße
Kurzatmigkeit, besonders bei Belastung
Blässe von Haut und Schleimhäuten
Je nach Ausprägung und Ursache der Anämie können weitere Symptome auftreten. Dazu gehören Konzentrations- und Lernschwierigkeiten, Herzrasen, niedriger Blutdruck oder Ohnmachtsneigung. Gerade weil viele dieser Beschwerden auch bei anderen Erkrankungen vorkommen, ist eine medizinische Abklärung wichtig.
Bei ausgeprägter Blutarmut kann sich die Symptomatik verstärken. Möglich sind dann unter anderem eine schnelle Atmung, eine erhöhte Herzfrequenz, Brustschmerzen, Schwindel beim Aufstehen oder eine verstärkte Neigung zu Blutergüssen. Bei Kindern kann eine schwere Anämie zudem die kognitive und motorische Entwicklung beeinträchtigen.
Wie wird eine Anämie diagnostiziert?
Der Verdacht auf eine Anämie ergibt sich häufig aus Beschwerden wie Müdigkeit, Blässe oder verminderter Belastbarkeit. Sichern lässt sich die Diagnose jedoch nur durch eine gezielte medizinische Abklärung. Dabei geht es nicht nur darum, eine Blutarmut festzustellen, sondern auch ihre Ursache einzugrenzen.
Anamnese und körperliche Untersuchung
Am Beginn der Diagnostik stehen ein ausführliches ärztliches Gespräch und die körperliche Untersuchung. In der Anamnese wird unter anderem nach Ernährungsgewohnheiten, Alkoholkonsum, bestehenden oder früheren Erkrankungen, Medikamenten sowie möglichen Blutverlusten gefragt. Auch familiäre Belastungen können Hinweise auf bestimmte Anämieformen geben.
Blutbild und Laborwerte
Zentral für die Diagnose ist die Blutuntersuchung. Eine Anämie liegt vor, wenn die Hämoglobinkonzentration im Blut unter die alters-, geschlechts- und situationsabhängigen Normwerte fällt. Im Blutbild werden zudem die Zahl der roten Blutkörperchen, der Hämatokrit sowie Größe, Form und Farbe der Erythrozyten beurteilt. Diese Werte geben erste Hinweise darauf, welche Form der Anämie vorliegen könnte.
Weitere Untersuchungen zur Ursachensuche
Um die Ursache genauer einzugrenzen, können zusätzliche Laboruntersuchungen folgen. Dazu zählen etwa Eisenstatus, Vitamin-B12- und Folsäurewerte sowie Blutparameter, die auf Entzündungen, Nierenerkrankungen oder andere chronische Grunderkrankungen hinweisen. Besteht der Verdacht auf einen Eisenmangel, ohne dass sich dieser durch die Ernährung erklären lässt, muss auch an chronische Blutverluste oder eine gestörte Nährstoffaufnahme gedacht werden, etwa im Zusammenhang mit Darmerkrankungen.
Weiterführende Diagnostik bei unklarer Anämie
Bleibt die Ursache unklar oder ergeben sich Hinweise auf eine gestörte Blutbildung, können weiterführende Untersuchungen erforderlich sein. Dazu gehören je nach Befund Abklärungen möglicher Blutungsquellen oder – insbesondere bei älteren Menschen – Untersuchungen des Knochenmarks.
Wie wird eine Anämie behandelt?
Die Behandlung einer Anämie richtet sich immer nach ihrer Ursache. Während bei Mangelzuständen häufig Ernährungsmaßnahmen und die gezielte Gabe von Nährstoffen ausreichen, steht bei anderen Formen die Behandlung der Grunderkrankung im Vordergrund. In schweren Fällen können zusätzlich Medikamente, Bluttransfusionen oder spezialisierte Therapien notwendig werden.
Eisenmangelanämie
Die häufigste Form der Blutarmut wird in der Regel mit Eisenpräparaten und einer angepassten Ernährung behandelt. Empfohlen werden eisenreiche Lebensmittel wie mageres rotes Fleisch, Fisch, Geflügel, Hülsenfrüchte, angereichertes Getreide und dunkelgrünes Blattgemüse. Vitamin-C-reiche Lebensmittel können die Eisenaufnahme fördern, während Tee, Kaffee, Kakao oder kalziumreiche Lebensmittel sie hemmen können. Wichtig ist zudem, die Ursache des Eisenmangels zu klären, etwa bei chronischen Blutverlusten oder einer gestörten Eisenaufnahme.
Vitaminmangelanämien
Auch ein Mangel an Vitamin B12 oder Folsäure kann eine Anämie verursachen. Die Behandlung umfasst in diesen Fällen in der Regel Nahrungsergänzungsmittel sowie eine Anpassung der Ernährung. Bei einer Vitamin-B12-Mangelanämie sollte zusätzlich abgeklärt werden, ob eine Resorptionsstörung oder eine zugrunde liegende Erkrankung, etwa eine autoimmune Gastritis, vorliegt.
Blutverlust und erhöhter Bedarf
Wenn eine Anämie durch Blutverlust entsteht, muss die Blutungsquelle gefunden und behandelt werden. Das betrifft zum Beispiel starke Menstruationsblutungen, chronische innere Blutungen oder Blutverluste im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt. Auch in Phasen eines erhöhten Bedarfs, etwa in der Schwangerschaft, können Eisenpräparate sinnvoll sein, um einer Blutarmut vorzubeugen oder sie zu behandeln.
Anämie bei chronischen Erkrankungen
Bei Anämien infolge chronischer Erkrankungen konzentriert sich die Therapie auf die zugrunde liegende Krankheit. Dazu gehören etwa chronische Entzündungen, Nierenerkrankungen oder Tumorerkrankungen. Wenn die Beschwerden ausgeprägt sind, können zusätzlich Bluttransfusionen oder Medikamente eingesetzt werden, die die Bildung roter Blutkörperchen anregen, etwa Erythropoetin.
Spezielle und schwere Anämieformen
Seltenere oder schwerere Anämieformen erfordern häufig eine spezialisierte Behandlung. Bei Erkrankungen des Knochenmarks können je nach Ursache Medikamente, Chemotherapie oder eine Stammzelltransplantation infrage kommen. Hämolytische Anämien machen unter Umständen das Absetzen auslösender Medikamente, die Behandlung von Infektionen oder eine immunsuppressive Therapie erforderlich. Auch bei Sichelzellerkrankungen oder Thalassämien reichen die Maßnahmen von Schmerztherapie und Flüssigkeitsgabe über Folsäurepräparate bis hin zu Bluttransfusionen oder transplantationsmedizinischen Verfahren.
Wie lässt sich einer Anämie vorbeugen?
Nicht jede Form der Blutarmut lässt sich verhindern, viele Risiken können jedoch reduziert werden. Dazu gehören eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Eisen, Folsäure, Vitamin B12 und Vitamin A, gegebenenfalls Nahrungsergänzungsmittel nach ärztlicher Empfehlung sowie die Behandlung chronischer Erkrankungen und Infektionen. Auch starke Blutungen, etwa bei Menstruation oder nach der Geburt, sollten frühzeitig abgeklärt und behandelt werden. In Regionen mit hoher Krankheitslast spielen zudem die Vorbeugung und Therapie von Infektionen wie Malaria oder parasitären Erkrankungen eine wichtige Rolle.
Häufig gestellte Fragen zum Thema Anämie
Rund um das Thema Anämie stellen sich für Betroffene und Angehörige oft viele Fragen: zur Diagnose, zu Behandlungsmöglichkeiten, zu Nebenwirkungen oder zum Alltag mit der Erkrankung. In dieser Patient:innen-FAQ finden Sie Antworten auf die häufigsten Fragen.
Literatur:
- (1)
WHO: Anemia, abrufbar unter: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/anaemia
- (2)
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
- (3)
gesund.bund.de: Blutarmut (Anämie), abrufbar unter: https://gesund.bund.de/blutarmut-anaemie