Studie: Psilocybin schützt Mäuse vor Chemotherapie-induzierter peripherer Neuropathie
Wiebke PfohlIn einer aktuellen präklinischen Studie verhinderte Psilocybin bei Mäusen mehrere CIPN-assoziierte Verhaltens- und Nervenveränderungen. Die Forschenden zeigen außerdem einen neuen Mechanismus gegen CIPN. Experten ordnen ein, inwiefern der Effekt auf Menschen übertragen werden kann.
Eine vorbeugende Behandlung mit Psilocybin könnte vor Chemotherapie-induzierter peripherer Neuropathie (CIPN) schützen. Das zeigt eine Studie an Mäusen, die kürzlich im Fachjournal Science erschienen ist [1]. Die Gabe von zwei Dosen Psilocybin vor der Chemotherapie verhinderte im Mausmodell, dass sich eine Schmerzüberempfindlichkeit entwickelte. Ihre Ergebnisse stützten die Forschenden mithilfe von Untersuchungen an Neuronen von menschlichen Spendern und Hautbiopsien von Patient:innen.
Was ist eine Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN)?
Die Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN) ist eine häufige Nebenwirkung einer Tumorbehandlung mit neurotoxischen Tumortherapeutika. Besonders assoziiert mit dem Auftreten einer CIPN sind Platin-Derivate, Taxane, Vincaalkaloide, Eribulin, Bortezomib und Thalidomid. Eine CIPN kann dosislimitierend und therapieverzögernd sein und kann die Lebensqualität der Betroffenen – auch über das Therapieende hinaus – erheblich einschränken. Eine Metaanalyse im Fachjournal PAIN von 2014 zeigte eine CIPN-Prävalenz von 68,1% im ersten Monat nach der Chemotherapie, 60% nach drei Monaten und 30% nach sechs Monaten.
Die Symptome einer CIPN sind vielfältig. So kann etwa die Schmerzempfindung verändert sein, sodass es etwa zu einer gesteigerten Empfindung von Schmerzreizen oder auch von üblicherweise nicht schmerzhaften Reizen kommt. Empfindungen können beeinträchtigt sein, etwa für Temperatur, Berührungen und Lagesinn. Es kann zu Missempfindungen wie Kribbeln und einem Stromgefühl kommen. Häufig treten auch Spontanschmerzen auf. Des Weiteren kann auch das motorische System beeinträchtigt sein. So kann es etwa zu Paresen und Atrophien oder Krämpfen kommen. Es treten häufig etwa auch Feinmotorikstörungen der Hände oder Gangstörungen mit einer Fallneigung auf. Selten treten auch Schädigungen des autonomen Nervensystems auf.
Eine kausale Therapie der CIPN gibt es noch nicht. Umso wichtiger sind präventive Maßnahmen und symptomatische Behandlungsansätze. In der S3-Leitlinie “Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen” finden sich Empfehlungen zur nicht-medikamentösen Prophylaxe und Therapie der CIPN. Zur medikamentösen Prophylaxe schreiben die Autor:innen: “Es besteht keine wirksame medikamentöse Prophylaxe der Chemotherapie-induzierten Polyneuropathie.”
Psilocybin schützte Mäuse vor mechanischer Hypersensitivität durch Chemotherapie
Die Autor:innen der aktuellen Studie vermuteten, dass Psilocybin vor Schäden durch Chemotherapie schützen könnte, da der Wirkstoff den Serotonin-2A-Rezeptor (5-HT2A) aktiviert. „Diese Rezeptoren stehen im Zusammenhang mit neuronaler Plastizität und der Regulation der Mitochondrien, was darauf hindeutet, dass Psilocybin das sensorische Nervensystem vor durch eine Chemotherapie verursachten Schädigungen schützen könnte“, schreiben die Forschenden in der Studie.
Bei einer zweimaligen Gabe von Psilocybin konnte einer Cisplatin-induzierten mechanischen Hypersensitivität bei den untersuchten Mäusen vorgebeugt werden (getestet mit von-Frey-Methode). Der Effekt hielt auch an, als die Forschenden die Mäuse sechs Zyklen von Cisplatin mit jeweils vorheriger Gabe von Psilocybin aussetzten. Der schützende Effekt zeigte sich auch für die Taxane Docetaxel und Paclitaxel. Psilocybin hatte in der Studie keinen Einfluss auf das Tumorwachstum oder die systemischen Zytokinwerte.
Effekt erfordert jedes Mal präventive Gabe von Psilocybin
Durchliefen Mäuse die zuvor Psilocybin erhalten hatten, einen weiteren Cisplatin-Zyklus ohne präventive Gabe von Psilocybin, entwickelten sie mechanische Hypersensitivität – vergleichbar mit der Gruppe, die nie Psilocybin erhalten hatten. Der schützende Effekt besteht also nur, wenn die Mäuse vor jeder Gabe Psilocybin erhalten, schlussfolgern die Forschenden.
Die Forschenden konnten außerdem zeigen, dass die präventive Gabe von Psilocybin die Kälte-Allodynie bei den Mäusen abschwächte und das Nestbauverhalten bewahrte, das bei chronischen Schmerzzuständen gestört ist.
Psilocybin: Welcher Mechanismus könnte hinter dem schützenden Effekt stecken?
Die Forschenden konnten außerdem zeigen, dass die Aktivierung des Serotonin-2A-Rezeptors notwendig für den schützenden Effekt ist. Die halluzinogenen Eigenschaften von Psilocybin waren aber nicht notwendig.
Psilocybin wirkte dabei auf zwei Arten, die sich gegenseitig ergänzen, schreiben die Autor:innen: „Peripher bewahrte es die Struktur und Energieversorgung distaler sensorischer Nervenenden, wodurch die Tastfunktion geschützt und die Dichte der Hautnervenfasern aufrechterhalten wurde; zentral normalisierte es die durch die Chemotherapie gestörte elektrische Aktivität der Großhirnrinde.“
Die Forschenden untersuchten humane periphere Nerven sowie sensorische Nerven aus Stammzellen und stellten fest, dass der Wirkstoff den aktiven Transport der Mitochondrien entlang der Axone aufrechterhielt. Dadurch können Neuronen Energie an weit entfernte Nervenenden transportieren. Bei einer Chemotherapie ohne Gabe von Psilocybin war dieser Prozess unterbrochen.
Was ist Psilocybin?
Psilocybin ist ein Alkaloid aus der Gruppe der Tryptamine. Es kommt in einigen Pilzen vor, die umgangssprachlich auch „magic mushrooms“ genannt werden. Psilocybin kann abhängig von der Dosis Rauschzustände, Halluzinationen, verzerrte Wahrnehmung sowie Gleichgewichts- und Wahrnehmungsstörungen auslösen. Psilocybin wird als neuartiger Wirkstoff für den möglichen Einsatz bei bestimmten neuropsychiatrischen Störungen untersucht, etwa bei Angststörungen, Suchterkrankungen und Clusterkopfschmerzen. Eine interessante Metaanalyse zur Pharmakokinetik von Psilocybin findet sich etwa hier im Fachjournal pharmaceutics.
Seit den frühen 200ern wird die Substanz als möglicher Wirkstoff gegen Depressionen diskutiert. In Deutschland wurde die Wirksamkeit von Psilocybin bei behandlungsresistenten Depressionen in der EPIsoDE-Studie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim untersucht.
Wie schätzen Experten die Studie ein?
„Sollten sich diese Ergebnisse bei Menschen bestätigen, wäre dies die erste erfolgreiche Prävention einer Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN)“, sagte Prof. Dr. Wolfgang Löschel, Leiter der Arbeitsgruppe Neuromuskuläre Erkrankungen an der Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Innsbruck, dem deutschen Science Media Center (SMC), „Neu und überraschend ist, dass Psilocybin nicht nur zentral, sondern direkt an peripheren sensorischen Nerven wirkt und dort über die Verteilung von Mitochondrien die lokale Energieversorgung stabilisiert. Damit wurde auch ein bislang unbekannter, neuer neuroprotektiver Mechanismus gegen CIPN entdeckt.“
„Dagegen wurde die spontane Aktivität von peripheren Nervenzellen durch das Psilocybin nicht reduziert, was gegen eine Wirkung auf spontane neuropathische Schmerzen spricht“, gibt Prof. Dr. Martin Schmelz, Leiter der Arbeitsgruppe „Experimental Pain Research“, Universitätsmedizin Mannheim, zu bedenken.
„Das Überraschende dieser neuen Studie ist, dass Psilocybin bei Mäusen nicht nur Schmerzen verringerte, sondern die Entstehung von Nervenschäden durch eine Chemotherapie verhindern konnte. Bereits zwei Behandlungen vor der Chemotherapie reichten aus“, teilte Dr. Marcus Meinhardt, Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Psychopharmakologie am Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim, dem SMC mit, "Sollte sich die Wirkung übertragen lassen, könnten Patienten seltener unter Schmerzen, Taubheitsgefühlen und Kribbeln leiden und müssten ihre Chemotherapie möglicherweise seltener wegen solcher Nebenwirkungen reduzieren oder abbrechen.“
Welche Einschränkungen gibt es bei der Übertragbarkeit auf den Menschen?
Die Ergebnisse seien vielversprechend, könnten aber nicht unmittelbar auf Krebspatient:innen übertragen werden, so Meinhardt: „Dafür spricht zwar, dass die Wirkung bei mehreren Chemotherapie-Medikamenten beobachtet und der zugrunde liegende Mechanismus auch an menschlichen Nervenzellen und menschlichem Nervengewebe im Labor bestätigt wurde; die bei Mäusen verwendeten Tests bilden Schmerzen, Taubheitsgefühle und Einschränkungen im Alltag jedoch nur teilweise ab.“
Wichtig ist auch, wie Schmerz und Überempfindlichkeit bei den Mäusen gemessen wurden. „Bei der postulierten Wirkung auf die zentrale Überempfindlichkeit setzen die Autoren mit EEG-Ableitungen einen sehr unspezifischen Parameter für Schmerz ein. Auch die Wegziehschwellen auf mechanische Reize können bei Mäusen nur schwer zwischen schmerzhaften und durch die Neuropathie verzerrten Empfindungen unterscheiden. Insofern bleibt unklar, inwieweit die Verbesserung der Neuropathie auch eine Abschwächung von neuropathischen Schmerzen erwarten lässt“, so Schmelz.
Ein Vorteil ist, dass Psilocybin schon vereinzelt bei der Behandlung von Menschen eingesetzt wird. Dadurch liegen bereits Erfahrungen vor, etwa in Hinsicht auf Dosierungen und erwünschten und unerwünschten Wirkungen, so Meinhardt: „Diese Erfahrungen sind eine wichtige Grundlage, beantworten aber noch nicht, welche Dosis zusammen mit einer Chemotherapie sicher und wirksam ist oder ob eine wiederholte Gabe vor mehreren Chemotherapiezyklen besondere Risiken mit sich bringt. Deshalb sollte Psilocybin auch für diesen Anwendungsbereich nach den üblichen drei Phasen der klinischen Prüfung untersucht werden.“
Quelle:S3-Leitlinie “Supportive Therapie bei onkologischen PatientInnen”, PAIN, Cambridge University Press, pharmaceutics, Giftzentrale Bonn, SMC
Literatur:
- (1)
Heles M. et al. (2026) Psilocybin prevents chemotherapy-induced peripheral neuropathy through mitochondrial trafficking preservation, Science, DOI: 10.1126/science.aec6116.