Zurück ins Leben – Onkologische Rehabilitation
Prof. Dr. med. Oliver RickNach einer Krebserkrankung kämpfen viele Betroffene mit langfristigen Folgen der Behandlung – körperlich, psychisch und sozial. Die onkologische Rehabilitation setzt hier an und hilft, Lebensqualität zurückzugewinnen, Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen und Pflegebedürftigkeit zu vermeiden. Prof. Dr. Oliver Rick, Leiter der Klinik Reinhardshöhe in Bad Wildungen, erläutert im Podcast-Gespräch, was onkologische Reha leisten kann, wer sie nutzen sollte und wie der Weg dorthin gelingt.
Rund 500.000 Menschen erkranken jährlich in Deutschland an Krebs, davon stehen etwa 30-40% im Erwerbsleben. Während die Akuttherapie heute vielfach erfolgreich verläuft, kämpfen Betroffene danach häufig mit den Langzeitfolgen von Operation, Chemotherapie oder Bestrahlung: chronische Erschöpfung, Polyneuropathien, eingeschränkte Lungenfunktion und psychische Belastungen können auftreten. Hier setzt die onkologische Rehabilitation an – als individualisierte Maßnahme, die weit mehr bietet als Erholung. „Rehabilitation ist ein Angebot unseres Gesundheitssystems, um Menschen wieder in die Lage zu versetzen, am Sozial- und Erwerbsleben teilzuhaben”, erklärt Rick.
„Wir haben es mit sehr vielen verschiedenen Tumorerkrankungen zu tun, die sehr individuell behandelt werden und sehr unterschiedliche Folgen nach sich ziehen”, so Rick. Während bei anderen Erkrankungen oft mit modularen Strukturen gearbeitet wird, muss die onkologische Reha personalisiert auf die Patient:innen zugeschnitten werden. Das Spektrum reicht von jungen Brustkrebs-Patientinnen, die nach Chemotherapie unter Fatigue und Polyneuropathie leiden, bis zu älteren Lungenkrebs-Patient:innen mit eingeschränkter Atemfunktion oder Patient:innen mit Multiplem Myelom und Osteolysen, die nur eingeschränkt belastbar sind. Die Bewegungstherapie wird in verschiedenen Leistungsstufen angeboten, psychoonkologische Betreuung erfolgt bedarfsgerecht, und auch sozialmedizinische Aspekte wie die berufliche Wiedereingliederung werden individuell begleitet.
Der richtige Zeitpunkt: Nach Abschluss der Akuttherapie
Als optimalen Zeitpunkt für eine onkologische Reha empfiehlt Rick: „Wenn die akutmedizinische Behandlung abgeschlossen ist oder eine Unterbrechung einer laufenden Erhaltungstherapie eingesetzt wird.“ Besonders nach Beendigung der Akuttherapie, wenn der Gedanke an die Rückkehr in die Normalität und in das Erwerbsleben wieder präsent wird, sei der ideale Moment. Zu unterscheiden sind 2 Formen der onkologischen Rehabilitation: Die Anschlussrehabilitation (AHB), die unmittelbar nach der Akutbehandlung erfolgt, und die stationäre Nachsorge etwa ein Jahr später. Die AHB ist im Sozialgesetzbuch verankert – jeder, der in die Deutsche Rentenversicherung eingezahlt hat, hat einen Rechtsanspruch darauf. Die stationäre Nachsorge hingegen ist eine fakultative Leistung, die begründet werden muss. 2023 bewilligte die Deutsche Rentenversicherung für 130.000 Patient:innen onkologische Reha-Leistungen, wobei der größere Teil auf die AHB entfällt. Während 70% der Brustkrebs-Patientinnen eine Rehabilitationsleistung nutzen, sind es bei Lungenkrebs-Patient:innen nur 20-30%.
Antragstellung: Initiative liegt bei der betroffenen Person
Für beide Reha-Formen muss ein Antrag gestellt werden – die Initiative soll von den Patient:innen ausgehen, auch wenn behandelnde Ärzt:innen oder Kliniken dies anregen können. „Ich empfehle, den Antrag bei der Deutschen Rentenversicherung zu stellen, da die meisten Menschen dort versichert sind“, rät Rick. Für die AHB genügt ein einfacher Antrag mit Arztbrief und Versicherungsnummer. Die Fristen für die AHB sind flexibel: Je nach Rentenversicherung gelten 2-5 Wochen nach Ende der Akutbehandlung als Richtschnur, bei medizinischen Gründen können diese jedoch verlängert werden. Was die Wahl der Reha-Einrichtung angeht, plädiert Rick dafür, „gerade im AHB-Verfahren frühzeitig eine Maßnahme in Anspruch zu nehmen, auch wenn die Klinik nicht an der See oder im Allgäu liegt“. Denn Wartezeiten von 6-9 Monaten bei solchen besonders beliebten Kliniken seien kontraproduktiv, da Einschränkungen oder Schmerzen in dieser Zeit chronifizieren können. Hilfe bei der Antragstellung bieten Krebsberatungsstellen der Landeskrebsgesellschaften, Selbsthilfegruppen oder zunehmend auch Onkolots:innen in spezialisierten Kliniken. Auch Sozialdienste in Krankenhäusern unterstützen, solange Patient:innen dort behandelt werden.
Was kann Reha in 3 Wochen leisten?
„Wir können viele Beschwerden ansprechen und anbehandeln, aber die Mehrzahl nicht innerhalb der Kürze der Zeit ausreichend behandeln”, gibt Rick zu. Das Ziel der Reha liege vielmehr darin, aufzuzeigen, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und wie Betroffene selbst aktiv werden können. „Das Lernen von Möglichkeiten, die man selbst in der Hand hat, ist entscheidend“, betont er. Konkret bedeutet das: Patient:innen erhalten ein individuelles Bewegungsprogramm, das sie zu Hause fortsetzen können, lernen Strategien im Umgang mit Fatigue, erhalten bei Bedarf psychoonkologische Unterstützung und werden über ambulante Therapiemöglichkeiten informiert. Instrumente wie Reha-Sport oder funktionelles Training (T-Rena) können von der Rentenversicherung auch nach der Reha weiter finanziert werden. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Prävention des chronischen Fatigue-Syndroms. „25-30% der Patient:innen erleiden ein chronisches Fatigue-Syndrom ein halbes bis dreiviertel Jahr nach der Krebserkrankung“, so Rick. „Das muss unbedingt verhindert werden, und das gelingt am besten durch ein konsequentes, aktives Sportprogramm.“ Studien zeigen: Körperliche Aktivität ist die entscheidende Maßnahme, um den Übergang von akuter zu chronischer Erschöpfung zu verhindern.
Stufenweise Wiedereingliederung als Schlüssel
Besonders für Menschen im erwerbsfähigen Alter ist die berufliche Wiedereingliederung ein zentrales Reha-Ziel. Etwa 70% der Reha-Patient:innen, die noch im Erwerbsleben stehen, nehmen ihre berufliche Tätigkeit nach der Reha wieder auf. Die anderen 30% gehen in Altersrente oder beziehen danach eine Erwerbsminderungsrente. „Die stufenweise Wiedereingliederung ist ein sehr wirksames Instrument”, betont Rick. „Unsere Daten zeigen ganz klar, dass sie zu einer erheblichen Verbesserung der Rückkehr ins Erwerbsleben führt.“ Darüber hinaus gibt es Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben: Umschulungen, Weiterbildungen, Umbaumaßnahmen im Betrieb oder spezielle Arbeitshilfen. „Wenn jemand ins Erwerbsleben zurück möchte, aber nicht weiß wie, sollte er unbedingt eine Reha machen“, rät Rick. Der Sozialdienst der Reha-Klinik entwickelt gemeinsam mit den Patient:innen einen individuellen Plan und nimmt bei Bedarf auch Kontakt zum Arbeitgeber auf, um notwendige Anpassungen am Arbeitsplatz vorzubereiten. Dies erleichtert das spätere betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) erheblich.
Erfolgsmessung und langfristige Perspektive
Die Reha-Kliniken nutzen standardisierte Instrumente zur Erfolgsmessung: Leistungsdiagnostik zu Beginn und Ende der Maßnahme dokumentiert Verbesserungen bei Kondition und Kraft, spezifische Tests erfassen Veränderungen bei einzelnen Funktionsstörungen. „Für viele Störungen haben wir validierte Instrumente, um Verläufe zu objektivieren“, erklärt Rick. Trotz der langjährigen Praxis fehlen noch belastbare Daten zur Effektivität der AHB. Belegt ist jedoch: Reha führt zu einer hohen Rate an Rückkehrern ins Erwerbsleben und verbessert nachweislich die Fähigkeit zur Eigenversorgung, was Pflegebedürftigkeit vermindert. Rick versteht die onkologische Rehabilitation auch als Startpunkt für eine längerfristige Betreuung im Sinne des Cancer Survivorship: „Reha bietet sich sehr gut an, um hier einen ersten Aufschlag zu tun.”
Praktische Tipps für Betroffene
Was sollten Patient:innen vor der Reha beachten? „Genau überlegen, was behandelt werden soll“, rät Rick. „Wir behandeln die Langzeitfolgen, nicht das, was kurzfristig von selbst verschwindet.” Seine Empfehlung: Eine Liste mit allen Beschwerden und Einschränkungen schreiben und mitbringen. Wichtig sei auch die richtige Erwartungshaltung: „Reha ist eine aktive Maßnahme und lebt vom Miteinander zwischen Therapeut und Patient. Der Patient ist Teil des therapeutischen Teams und muss viel selbst tun.“ Wer mit Motivation und dem Willen, etwas zu verändern, in die Reha kommt, hat die besten Chancen auf Erfolg. Sollte die Reha aus medizinischen Gründen abgebrochen werden müssen, kann nach Behebung des akuten Problems eine neue Maßnahme beantragt werden. Nach der stationären Nachsorge gilt eine 4-Jahres-Frist für weitere Maßnahmen, bei Rezidiven oder schwerwiegenden beruflichen Gefährdungen sind jedoch auch frühere Wiederholungen möglich.
Zukunftsperspektive
Angesichts steigender Krebsneuerkrankungen und der demografischen Entwicklung wird die Bedeutung der onkologischen Rehabilitation weiter zunehmen. „Das politische Bekenntnis ist unverändert hoch“, stellt Rick fest. „Wenn Menschen länger arbeiten sollen und nach Krankheit wieder ins Erwerbsleben kommen sollen, muss das finanziell entsprechend ausgestattet werden.“ Die Deutsche Rentenversicherung hat erkannt, dass Rehabilitation eine lohnende Investition ist – sie verhindert Frühverrentung, vermindert Pflegebedürftigkeit und ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe. „Ich glaube, wir können ganz gut zeigen, dass uns das gelingen kann“, so Ricks optimistische Einschätzung.
Antje Blum