„Berührungsräume öffnen – Dialog und Verständnis in der Survivorship-Phase“
Dr. Antje Petershagen, Monika Hesse-Haake und Antje Blum M.A.Krebs ist kein abgeschlossenes Kapitel: Für viele Betroffene bleibt die Erkrankung ein lebenslanger Begleiter, der körperlich, emotional und sozial nachwirkt. In der Zeit nach der Akutbehandlung – dem sog. Survivorship – verändert sich die Beziehung zwischen Patient:innen und Behandler:innen. Patient:innen wollen informiert sein, ihre Erfahrungen einbringen und aktiv an Entscheidungen teilnehmen. Sie suchen Dialog auf Augenhöhe, Wahrnehmung, Anerkennung mit ihren Ängsten und Unsicherheiten, in dem medizinische Fakten und persönliche Bedürfnisse gleichermaßen Raum finden. Damit Patient:innen langfristig handlungsfähig und selbstbestimmt bleiben, ist es entscheidend, dass die Krebserkrankung bewusst in die eigene Lebensgeschichte eingearbeitet wird. Sie soll nicht als isoliertes Ereignis verstanden werden, sondern als Teil der Biografie, der das Leben prägt und neue Perspektiven eröffnet. Psychoonkologin und Cancer Survivor Dr. Antje Petershagen hat das Buch „Berührungsräume öffnen – Dialog und Verständnis in der Survivorship-Phase“ geschrieben. Im Interview mit JOURNAL ONKOLOGIE beantwortet sie gemeinsam mit Monika Hesse-Haake, Arbeitsrechtlerin, Mediatorin und MHFA-Ersthelfende, Fragen zum Thema „Cancer Survivorship“.
Liebe Frau Petershagen, worum geht es in Ihrem Buch?
AP: In meinem Buch „Berührungsräume“ erzähle ich Geschichten von Menschen mit Krebs – über das Sterben, das Tragen einer genetischen Mutation, den Verlust eines Körperteils – und lade Leser:innen dazu ein, ihre eigenen Erfahrungen zu reflektieren. Das Buch gibt Impulse und Ideen, wie sich Erlebnisse im eigenen Tempo verarbeiten lassen, und öffnet einen Raum für Selbstbeobachtung, Reflexion und Bewusstsein über die eigene Lebensgeschichte.
Liebe Frau Hesse-Haake, was ist aus Ihrer Sicht wichtig im Hinblick auf dieses Thema?
MHH: Aus arbeitsrechtlicher Sicht zeige ich, wie Patient:innen in dieser Phase ihre Rechte wahrnehmen und die Rückkehr in Beruf und Alltag erleichtern können, ohne überfordert zu werden. Gemeinsam beleuchten wir, wie Patient:innen und Onkolog:innen den Dialog gestalten, um Verständnis, Sicherheit und Selbstwirksamkeit zu fördern.
Frau Petershagen, welche Erfahrungen machen Patient:innen heute, und wie kann die Krebserkrankung in die eigene Lebensgeschichte eingearbeitet werden?
AP: Patient:innen erleben Krebs oft als Einschnitt, der ihre Identität und Lebensplanung stark verändert. Sie möchten nicht länger nur Empfänger:innen medizinischer Informationen sein, sondern verstehen, was passiert, welche Optionen es gibt und wie sie selbst Einfluss nehmen können.
In „Berührungsräume“ beschreibe ich, wie Patient:innen diesen Raum erleben: Ein Ort, an dem sie gehört werden, Fragen stellen dürfen und auch über Ängste, Hoffnungen oder alltägliche Herausforderungen sprechen – von Schlafproblemen bis zur Rückkehr in den Beruf.
Damit die Erkrankung aktiv in die Biografie eingearbeitet werden kann, ist es wichtig, dass Patient:innen ihre Erfahrungen reflektieren, Prioritäten setzen und Ressourcen erkennen. Sie wollen aktiv mitentscheiden, Risiken und Nutzen abwägen und verstehen, welche Entscheidungen bevorstehen. Ein solcher Berührungsraum stärkt Selbstwirksamkeit, erleichtert den Umgang mit langfristigen körperlichen, psychischen und sozialen Folgen und unterstützt die Teilhabe an der eigenen Lebensplanung – zentrale Aspekte des Survivorship.
Frau Hesse-Haake, wie können Patient:innen unterstützt werden, damit sie in der Survivorship-Phase rechtlich und organisatorisch handlungsfähig bleiben?
MHH: Viele Patient:innen sind nach der Behandlung mit Anträgen, Übergangsgeld, Reha-Maßnahmen und der Rückkehr in den Beruf schlichtweg überfordert. Häufig sind und werden sie alleine gelassen. Entscheidend ist, frühzeitig zu informieren, welche Rechte und Ansprüche bestehen, welche Fristen relevant sind und welche Schritte geplant werden sollten. Dazu rege ich an, dass sie frühzeitig Kontakt zu einer Rechtsanwältin oder einem Rechtsanwalt für Arbeits- und Sozialrecht aufnehmen.
Onkolog:innen können Patient:innen auf diese Unterstützung hinweisen, ohne selbst die Rolle der Sozialberatung zu übernehmen. Das Ziel ist, den Raum für Entscheidungen zu öffnen: Wer weiß, dass Übergangsgeld beantragt werden kann, welche Reha-Möglichkeiten bestehen oder welche Fristen zu beachten sind, kann sich stärker auf Behandlung und Lebensqualität konzentrieren. So wird der Berührungsraum nicht nur emotional sicher, sondern auch praktisch handhabbar. Patient:innen fühlen sich begleitet, verstanden und befähigt, die nächsten Schritte selbstbestimmt zu gestalten.
Welche konkreten Impulse können Onkolog:innen geben, um diesen Berührungsraum zu öffnen und Patient:innen in der Survivorship-Phase zu stärken?
AP: Ermöglichen Sie Patient:innen, ihre Geschichte zu erzählen – über Veränderungen, Ressourcen und Sorgen, die die Erkrankung mit sich bringt. Reflexionsfragen wie „Was gibt Ihnen Kraft?“, „Welche Entscheidungen fallen Ihnen schwer?“ oder „Welche Unterstützung wünschen Sie sich?“ helfen, den Raum zu öffnen. Erinnern Sie daran, dass Survivorship nicht nur körperliche Gesundheit umfasst, sondern auch soziale Rollen, Identität und Lebensqualität. Psychoonkologische Begleitung, Gruppenangebote oder kleine Rituale im Alltag können helfen, Erfahrungen zu ordnen, Selbstwirksamkeit zu stärken und den Übergang zurück in den Alltag zu erleichtern.
MHH: Informieren Sie Patient:innen über Rechte und Unterstützungsmöglichkeiten: Übergangsgeld, flexible Arbeitszeiten, Reha-Maßnahmen. Verweisen Sie rechtzeitig an Rechtsanwält:innen. Aus haftungsrechtlichen Gründen sind Sie nicht befugt, juristisch zu beraten. Geben Sie Orientierung, ohne dass Patient:innen den Eindruck haben, alles allein bewältigen zu müssen. Fördern Sie den Dialog zwischen medizinischem Team, Patient:innen und Sozialdiensten. So entsteht ein stabiler Berührungsraum, der medizinische und menschliche Perspektiven verbindet und langfristig Sicherheit und Selbstwirksamkeit stärkt.
AP: Ein Berührungsraum entsteht dort, wo Patient:innen gehört, medizinische Informationen transparent vermittelt und Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Onkolog:innen können diesen Raum bewusst gestalten und Patient:innen in der Survivorship-Phase stärken – körperlich, emotional und sozial. Die Verbindung von psychoonkologischer Begleitung, organisatorischer Orientierung und offenem Dialog ermöglicht es, dass Patient:innen ihre Erkrankung aktiv in die Biografie einarbeiten, ohne überfordert zu sein. Survivorship bedeutet, dass Krebs langfristig die Biografie begleitet – und der Raum, in dem medizinisches und rechtliches Wissen und menschliche Erfahrung zusammenkommen, entscheidet maßgeblich über die Lebensqualität der Patient:innen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Antje Blum
Buchcover „Berührungsräume“
Dr. Antje Petershagen
Berührungsräume – Hoffnung für Menschen mit Krebs
Herausgeber: tredition; 2025. 212 Seiten, 24,98 € UVP
ISBN 978-3-384-63359-0