Journal Onkologie
Kolorektales Karzinom
Inhaltsverzeichnis

Epidemiologie

CRC zählen weltweit zu den 3 häufigsten malignen Tumorerkrankungen bei beiden Geschlechtern. In Deutschland erkranken jährlich rund 33.000 Männer und 28.000 Frauen an Darmkrebs. Ab dem 50. Lebensjahr tritt diese Krebserkrankung vermehrt auf [1]. Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei Anfang bzw. Mitte 70 Jahren. Histologisch handelt es sich in über 95% der Fälle um Adenokarzinome. Während die altersstandardisierte Inzidenzrate insgesamt leicht rückläufig ist – u.a. durch präventive Maßnahmen wie die Vorsorgekoloskopie –, nimmt die Inzidenz bei jüngeren Patient:innen unter 50 Jahren leicht zu [1]. Diese demografische Verschiebung erfordert neue diagnostische und therapeutische Strategien, die insbesondere auch die Lebensqualität jüngerer Patient:innen berücksichtigen.

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Die Früherkennung spielt eine zentrale Rolle, da CRC bei rechtzeitiger Diagnose in einem kurativ behandelbaren Stadium reseziert werden können. Die 5-Jahres-Überlebensrate liegt in den Stadien I und II bei bis zu 90% [1].

Klinik

Die klinische Präsentation kolorektaler Tumoren ist oft unspezifisch und variiert je nach anatomischer Lage des Tumors. Rechte Kolonkarzinome bleiben aufgrund ihrer Lage im Dünndarm-nahen Kolon häufig lange asymp­tomatisch und manifestieren sich nicht selten erst durch eine Eisenmangel­anämie oder allgemeine Leistungsminderung. Linkskolonische und insbesondere rektale Tumoren führen dagegen häufiger zu sichtbaren Symp­tomen wie Hämatochezie, Tenesmen oder veränderten Stuhlgewohnheiten.

Etwa 10% der Patient:innen stellen sich mit akuten Komplikationen wie Ileus, Perforation oder signifikanter Blutung vor, was in der Regel eine primäre Notfalloperation erforderlich macht. Diese Szenarien stellen besondere Herausforderungen an die minimal-invasive Chirurgie, da sie mit einer erhöhten Komplikationsrate und technisch komplexeren intraoperativen Bedingungen verbunden sind.

Die Erhebung einer ausführlichen Anamnese, einschließlich familiärer Vorbelastung, sowie die strukturierte klinische Untersuchung und Basisdiagnostik sind daher essenziell, um eine möglichst frühzeitige Diagnose und Einleitung der stadiengerechten Therapie zu gewährleisten.

Koloskopie

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Diagnostik

Die Diagnostik kolorektaler Tumoren erfolgt multimodal und basiert auf klinischer Einschätzung, endoskopischer Abklärung sowie bildgebender Verfahren zur Festlegung des Tumorstadiums. Die primäre Maßnahme ist die vollständige Koloskopie mit Entnahme repräsentativer Biopsien aus der sus­pekten Läsion. Hierdurch kann die histopathologische Sicherung der Diagnose erfolgen und die genaue Tumorlokalisation bestimmt werden.

Für das Staging ist eine kontrastmittelgestützte Computertomographie (CT) von Thorax und Abdomen essenziell, um das Vorliegen von Fernmetastasen auszuschließen. Beim Rektumkarzinom wird ergänzend ein hochauflösendes pelvines Magnetresonanztomogramm (MRT) durchgeführt. Dieses ist Standard zur Beurteilung der lokalen Tumorausdehnung, insbesondere der mesorektalen Infiltration und des Abstandes zur mesorektalen Faszie (circumferential resection margin, CRM). Die Genauigkeit der Lymphknotenbeurteilung mittels Bildgebung ist nach wie vor begrenzt, wiewohl auch Studien zufolge der Abstand zur mesorektalen Faszie (CRM negativ) prognostisch in Bezug auf die Lokalrezidivrate mehr Gewicht hat als ein suspekter Lymphknotenstatus [2]. Die Entscheidung zur neoadjuvanten Therapie sollte nach standardisiertem MR-Staging und unter der Voraussetzung eines chirurgisch adäquaten Operationspräparates getroffen werden. Die endorektale Sonographie hat vor allem bei der Differenzierung von frühen Stadien des Rektumkarzinoms (T1/T2) und daher auch bei der Wahl der entsprechenden OP-Technik (lokale Exzision vs. totaler mesorektaler Exzision (TME)) einen hohen Stellenwert.

Zunehmend gewinnen molekulare Marker wie KRAS/NRAS-Mutationen, der Mikrosatelliten-Status (instabil (MSI)/stabil (MSS)) sowie BRAF-Mutationen an Bedeutung. Diese Marker liefern wichtige prognostische und prädiktive Informationen und beeinflussen zunehmend auch operative und systemtherapeutische Entscheidungen – insbesondere im metastasierten Stadium. Auch im Rahmen klinischer Studien zur Organerhaltungsstrategie („Watch & Wait“) oder für individuelle Rezidivrisikoprofile könnten molekulare Daten in Zukunft eine noch größere Rolle spielen.

Techniken der minimal-invasiven kolorektalen Chirurgie

Die minimal-invasive Chirurgie hat sich in der CRC-Behandlung als gleichwertige Alternative zur offenen Operation etabliert. Laparoskopische Resektionen bieten bei ausgewählten Patient:innen vergleichbare onkologische Ergebnisse hinsichtlich R0-Resektion, Lymphknotenausbeute und Langzeitüberleben wie die offene Chirurgie. Studien wie COLOR II, CLASICC sowie die koreanische COREAN-Studie haben dies umfassend belegt [3]. Vorteile der Laparoskopie sind u.a. reduzierte postoperative Schmerzen, kürzere Hospitalisationsdauer und schnellere Rückkehr in den Alltag. Die Konversionsrate zum offenen Verfahren liegt heute, abhängig von Tumorlokalisation und Expertise, unter 10%.

Den heutigen Standard der onkologischen Kolon- oder Rektumchirurgie stellt unabhängig vom OP-Verfahren (offen, laparoskopisch, robotisch) die komplette mesokolische Exzision (CME) oder die TME nach anatomisch-embryologischen Landmarken dar. Dabei gilt das Prinzip:

• Berücksichtigung der Unversehrtheit der mesokolischen/mesorektalen Faszie

• zentrale Gefäßligatur

• Mitnahme der zentralen Lymphknoten (D3-Lymphknotendissektion)

Durch die Einführung der CME konnte über eine erhöhte Lymphknotenausbeute eine Verringerung des Lokalrezidivrisikos und somit eine Verbesserung des 5-Jahres-Überlebens erzielt werden [4].

Die neuesten Entwicklungen in der laparoskopischen Chirurgie ermöglichen zudem kleinere Schnitte, reduzierte postoperative Schmerzen und eine schnellere Genesung. Insbesondere die Roboter-assistierte Chirurgie hat sich als vielversprechende Option etabliert. Roboterarme bieten eine präzise Steuerung und eine bessere Sicht für die Chirurg:innen, was zu verbesserten Ergebnissen führt (Abb. 1).

© Prof. Felix Aigner

Abb. 1: Operationsroboter am OP-Tisch, die Chirurg:innen steuern die Roboterarme über eine Konsole.

Die Evidenzlage zeigt konsistent längere Operationszeiten und höhere direkte Kosten für robotische Verfahren, bei tendenziell geringeren Konversionsraten zum offenen Verfahren und geringerem Blutverlust sowie einer höheren Rate intrakorporaler Anastomosen; onkologische Surrogatparameter (R0‑Rate, Lymphknoten) und kurzzeitige Komplikationen sind überwiegend vergleichbar (Tab. 1) [5].

Tab. 1: Vergleich robotische vs. konventionell laparoskopische rechtsseitige Hemikolektomie (RHC) (mod. nach [5]). ↑=höher/besser, ↓=niedriger/schlechter, <->=vergleichbar

Ein weiterer bedeutender Schritt in der Therapie des Kolonkarzinoms ist die Integration der Chirurgie in den multimodalen Behandlungsansatz. Die neoadjuvante Chemotherapie vor Kolonresektionen hat sich in Bezug auf das Downsizing sowie die Rezidivrate bei fortgeschrittenen Tumoren als vorteilhaft erwiesen [6].

Anatomische Limitationen wie das enge, adipöse, männliche Becken oder fibrotische Veränderungen als Folge der neoadjuvanten Bestrahlung mit Problemen bei der Schichtfindung (Stichwort TME) haben in den letzten Jahrzehnten die Industrie und die Chirurg:innen gefordert, neue Zugangswege und entsprechendes Instrumentarium (Stichwort: 3-D Optiken, spezielle Portsysteme, gewinkelte Instrumente bzw. robotisch-assistierte Verfahren) zu entwickeln, um den onkologischen Kriterien einer TME gerecht zu werden.

Robotisch-assistierte Verfahren

Der Einsatz robotischer Assistenz­sys­teme, insbesondere bei tiefen Rektumkarzinomen, zeigt in mehreren Metaanalysen funktionelle Vorteile, etwa im Erhalt der Kontinenz und Sexualfunktion, sowie geringere Komplikationsraten durch präzisere Dissektion im kleinen Becken [7]. Trotz längerer Operationsdauer und höherer Kosten ist der Nutzen in technisch anspruchsvollen Fällen besonders ausgeprägt. Die ROLARR-Studie konnte zwar als erste vergleichende Studie zwischen der robotisch-assistierten und der konventionell laparoskopischen Rektumresektion keinen signifikanten Unterschied zur Laparoskopie nachweisen [8]. Bei dieser Studie wurden jedoch auch Tumoren im oberen Rektumdrittel, die keine TME erfordern, und abdomino-perineale Rektumamputationen eingeschlossen, was einem gewissen Bias bei der Deutung der Ergebnisse unterliegt. Jedoch sprechen neuere Arbeiten für Vorteile der Robotik bei Männern mit engem Becken oder adipösen Patient:innen [7] sowie in Bezug auf die Blasen- und Sexualfunktion. In einer multizentrischen (11 Zentren) und prospektiv-randomisierten Superioritätsstudie aus China konnte anhand einer großen Patientenkohorte (n=1.240) mit Rektumkarzinomen ausschließlich des mittleren und unteren Rektumdrittels (≤ 12 cm vom Analrand) im Tumorstadium cT1-T3, N0-N1 oder ycT1-T3 Nx ein signifikanter Vorteil der robotischen gegenüber der konventionell laparoskopischen Technik der TME in Hinblick auf den primären Endpunkt 3-Jahres-Lokalrezidivrate nachgewiesen werden (1,6% (95%-KI: 0,6-2,6) vs. 4,0% (95%-KI: 2,4-5,6); HR=0,45 (95%-KI: 0,22-0,92); p=0,03), nicht jedoch in Bezug auf das 3-Jahres-Gesamtüberleben [9].

Der Zugang zum Rektum ist heutzutage von abdominell (anteriorer Zugang), von perineal/transanal (posteriorer Zugang) oder durch Kombination (Hybridverfahren) von beiden Seiten möglich. Die minimal-invasiven Methoden liefern dementsprechend im Vergleich zum konventionellen, offenen Vorgehen gleichwertige Ergebnisse in Bezug auf das onkologische und funktionelle Outcome [3]. Der transanale Zugang ebenso wie die robotisch-assistierte Rektum­chirurgie sind mittlerweile in großen Kohortenstudien international erprobt und werden, gemessen an den oben genannten onkologischen Kriterien, in prospektiv-randomisierten Studien mit den konventionellen Methoden ver­glichen. Eine adäquate TME ist der Kardinalanspruch für die Behandlung von lokal begrenzten Rektumkarzinomen an jedwede Technik und jedweden Zugang. Anders verhält es sich bei lokal fortgeschrittenen, die klassische Organgrenze überschreitenden und die Umgebung infiltrierenden Rektumkarzinomen (T4-Karzinome), die eine erweiterte Resektion über die TME hinaus erfordern (bis hin zur partiellen oder kompletten Beckenexenteration). Daher stellt sich in diesem Zusammenhang vielmehr die Frage nach einem tailored approach anstelle von one fits all [10].

Transanale Verfahren

Transanale Verfahren wie TAMIS (transanal minimal-invasive surgery) oder TEM (transanale endoskopische Mikrochirurgie) ermöglichen die organerhaltende Behandlung früher Rektumkarzinome. Dabei können von der klassischen endoskopischen Submukosadissektion (ESD) über intermuskuläre Dissektionen ohne Eröffnung des mesorektalen Kompartimentes (nicht unwesentlich bei späteren Komplettierungsoperationen) bis hin zur Vollwandexzision rektaler Neoplasien vom Adenom bis zum Low-grade-Rektumkarzinom in toto entfernt werden. Dies spielt bei der Histologiegewinnung unklarer Tumorentitäten, aber auch bei der definitiven Therapie präoperativ als T1 klassifizierter Tumoren eine entscheidende Rolle und konnte auch – in Studien belegt – vergleichbare Ergebnisse in Hinblick auf R0-Rate und En-bloc-Resektionsrate zu den klassischen endoskopischen Dissektionstechniken (ESD) erzielen [11]. Während TEM/TAMIS insbesondere für T1-N0-Tumoren indiziert ist, bietet die trans­anale TME-Technik (TaTME) Vorteile bei tiefliegenden Rektumkarzinomen durch Zugang von kaudal.

Der transanale Zugang per se besticht unumstritten durch die bessere Sicht auf den distalen Tumorrand bei Karzinomen im unteren Rektumdrittel. Ein zusätzlicher Vorteil der trans­analen Transsektion des Rektums ist die Möglichkeit einer Anastomose mit nur einer Klammernaht (single-stapled anastomosis), was das Risiko der Anastomoseninsuffizienz durch Vermeidung von Klammernahtkreuzungen sowohl an der zirkulären Anastomose per se als auch am Rektumstumpf durch die oft im tiefen Becken notwendige Verwendung von mehreren Linearstaplermagazinen (multifiring) reduziert. Die transanale Transsektion mit anschließender single-stapled Anastomose (TTSS) des Rektums kann v.a. unabhängig von der Strategie der TME (von abdominell oder transanal) nach Einstellen des distalen Rektums mittels einer breiten Vielfalt an Anoskopen und Analspreizern durchgeführt werden [12]. In einer retrospektiven Vergleichsstudie zwischen der doublestapling, TTSS- und TaTME-Methode aus Mailand konnte bei der TTSS die geringste Anastomosenleckage-Rate verzeichnet werden. Immerhin sind die Insuffizienzrate und daraus resultierende septische Komplikationen in der Rektumchirurgie unabhängige Risikofaktoren für schlechtes onkologisches Outcome gemessen an der Lokalrezidivrate, dem Gesamtüberleben und dem krankheitsfreien Überleben [13].

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Die Vorteile des transanalen Zuganges zur TME – wie oben dargestellt – und aber auch die Nachteile wie flache Lernkurve und erhöhter Personalaufwand beim sog. two-team approach (abdominell und transanal simultan) berücksichtigend, hat sich die europäische Gesellschaft für endoskopische Chirurgie (EAES) gemeinsam mit der europäischen Gastroenterologengesellschaft (UEG) zu einer schwachen Empfehlung für die Wahl des trans­analen Zuganges vor dem robotischen und konventionell laparoskopischen beim Rektumkarzinom im unteren Rektumdrittel (< 6 cm) durchgerungen [14].

Der transanale Zugang eignet sich aber auch für die Behandlung von frühen Tumorstadien unter Erhalt des Rektums. Das TAMIS-Verfahren unter Verwendung von Gelports (Abb. 2) richtet sich auf Läsionen ab einer Höhe von ca. 4 cm ab ano und gehört zu den flexiblen Verfahren in Abgrenzung zu den rigiden wie TEM. TAMIS kann demnach nicht nur für benigne Befunde oder zur Histologiegewinnung eingesetzt werden, sondern auch für die Exzision niedriggradiger Karzinome bis zu 3 cm Durchmesser ohne Risikofaktoren. Dabei hat die endorektale Sonographie als Staginguntersuchung einen hohen Stellenwert. In den aktuellen S3-Leitlinien zur Behandlung des CRCs ist die lokale Exzision bei günstigen T1-Karzinomen ohne lymphovaskuläre Invasion (T1, G1/G2, L0 V0) auch als primäre Therapie empfohlen [15]. High-risk-T1-Tumoren hingegen, d.h. mit lymphovaskulärer und/oder schlechter Differenzierung, sollten konventionell mittels TME therapiert werden. Bei unklaren T1/T2-Stadien kann eine TAMIS auch als potenziell kurative Exzisionsbiopsie genutzt werden. Patient:innen müssen jedoch darüber aufgeklärt werden, dass je nach histologischem Befund eine radikale Operation und zusätzlich eine Radiochemotherapie vonnöten sein können, um der Radikalität gerecht zu werden [16].

© Prof. Felix Aigner

Abb. 2: Transanale lokale Exzision (TAMIS) eines tubulovillösen Adenoms bei einem 89-jährigen Patienten, 8 cm ab ano. A) analer Gelport bereits in den Analkanal eingeführt; B) rektaler Polyp (nativ); C) mit Methylenblau unterspritzt und Resektionsgrenzen markiert; D) intermuskuläre Dissektion mit monopolarer Schere; E) Adenom auf Kork aufgespannt.

Bei der Differenzierung von unklaren rektalen Tumoren läuft zurzeit eine europaweite klinische Validierung einer neuwertigen Technologie auf Basis der künstlichen Intelligenz (KI) (www.classicaproject.eu) (Abb. 3). Die KI-basierte Technologie hilft den Chirurg:innen, in Echtzeit während der Operation von großen Polypen im Mastdarm zwischen gut- und bösartigem Gewebe zu unterscheiden. Dabei erkennt die im Rahmen dieses EU-Projektes neu entwickelte Software (Classica OR®) Unterschiede im Färbeverhalten von unterschiedlichen Geweben nach Gabe von Fluoreszenzfarbstoffen (Indocyaningrün, ICG), die in der kolorektalen Chirurgie regelmäßig derzeit v.a. zur Überprüfung der Perfusion vor Anlage von kolorektalen Anas­tomosen eingesetzt werden. Diese Technik, kombiniert mit der Expertise der anwendenden Chirurg:innen, wird postoperative Komplikationen durch übermäßige Entfernung von vermeintlich erkranktem Gewebe einerseits und das Rezidivrisiko eines Tumors durch bessere Einschätzung der Resektionsgrenzen andererseits reduzieren.

© Prof. Felix Aigner

Abb. 3: Klinische Validierung einer neuwertigen Technologie auf Basis der künstlichen Intelligenz (KI). A) intraoperative Injektion von Indocyaningrün (ICG) zur besseren Visualisierung der abzutragenden rektalen Läsion; B) die KI-Software (Classica OR®) erkennt Unterschiede im Färbeverhalten innerhalb des Tumors und errechnet Malignitätswahrscheinlichkeiten (weitere Infos unter www.classicaproject.eu).

Fasst man nun die beiden Zugänge (robotisch und transanal) aufgrund ihres Vorteils bei anatomischen Limitationen wie enges, männliches und adipöses Becken sowie tiefer Tumorsitz (< 6 cm) zusammen, dann drängt sich selbstverständlich der Vergleich beider Techniken auf. Aufgrund der bis dato fehlenden prospektiv-randomisierten Daten konnten in einer aktuellen Metaanalyse lediglich Daten aus 5 nicht-randomisierten prospektiven Studien (n=1.941) zusammengefasst werden. Hierbei erwies sich ein limitiert signifikanter Vorteil für die TaTME hinsichtlich des Sphinkter­erhaltes (OR=0,44; 95%-KI: 0,17-1,16; p<0,0001), der Konversionsrate und einer für die robotische TME hinsichtlich R0-Rate (OR=1,70; 95%-KI: 0,92-3,16; p=0,02), jedoch kein Unterschied bei OP-Dauer, Krankenhausaufenthalt und Komplikationsrate (z.B. Anastomoseninsuffizienz) [17].

Hier wird deutlich, dass gerade bei anatomisch schwierigen Situationen der transanale Zugang in erfahrenen Zentren unabhängig vom Einsatz eines robotischen Assistenzsystems eine Verbesserung der Operationsqualität darstellt. Vergleicht man nun alle 3 minimal-invasiven Verfahren zur TME zeigen robotische Verfahren Vorteile beim Nervenerhalt während die TaTME insbesondere bei tiefsitzenden Tumoren Vorteile bei der distalen Resektionssicherheit bietet, allerdings mit einer spezifischen Lernkurve und potenziellen Risiken wie Urethraverletzungen (Tab. 2).

Tab. 2: Vergleich laparoskopische TME vs. robotisch-assistierte TME vs. transanale TME (mod. nach [17-19]). TME=totale mesorektale Exzision,↑=höher/besser, ↓=niedriger/schlechter, <->=vergleichbar

Ergänzt wird das Spektrum durch multimodale Therapiekonzepte wie die totale neoadjuvante Therapie (TNT), die präoperativ sowohl Radiochemotherapie als auch systemische Therapie kombiniert. Diese Strategie verbessert pathologische Komplett­remissionsraten und ermöglicht in Einzelfällen ein nicht-operatives Vorgehen im Rahmen von „Watch & Wait“-Protokollen [20].

Die Auswahl des geeigneten chirurgischen Verfahrens erfolgt im interdisziplinären Tumorboard unter Berücksichtigung von Tumorstadium, Lokalisation, Risikofaktoren und Patient:innenpräferenz. Neben onko­logischer Sicherheit stehen heute zunehmend Lebensqualität und funktionelle Ergebnisse im Fokus der Therapieplanung.

Kasuistik

Im folgenden Fallbeispiel wird die Anwendung der minimal-invasiven Chirurgie bei einer Patientin mit einem mittel-tief gelegenen Rektumkarzinom illustriert. Eine 62-jährige ansonsten gesunde Patientin stellte sich zur routinemäßigen Vorsorgekoloskopie vor. Dabei wurde ein etwa 3 cm großes Rektumkarzinom, 5 cm ab Analkanal, entdeckt. Die weiterführende Magentresonanztomographie (MRT)-Untersuchung ergab ein uT2 uN0-Stadium ohne mesorektale Infiltration oder Fernmetastasen. Nach Diskussion im interdisziplinären Tumorboard wurde primär eine robotisch-assistierte totale mesorektale Exzision (TME) empfohlen.

Der Eingriff wurde komplikationslos durchgeführt. Die Operationszeit betrug 210 Minuten bei einem geschätzten Blutverlust von unter 100 ml. Es kam weder intraoperativ noch postoperativ zu Komplikationen. Die histopathologische Aufarbeitung ergab ein pT2 pN0-Stadium (0/18 Lymphknoten), R0-Resektion mit negativen Resektionsrändern (CRM-frei), ohne lymphovaskuläre oder perineurale Invasion (L0, V0, Pn0). Die Patientin konnte am 5. post­operativen Tag mit regelrechter gastrointestinaler Passage und guter Mobilität entlassen werden.

Die Kontinenz war bereits 3 Wochen nach dem Eingriff wiederhergestellt. Aufgrund des frühen Tumorstadiums und der vollständigen R0-Resektion wurde nach interdisziplinärem Tumorkonferenzbeschluss auf eine adjuvante Therapie verzichtet. Die bisherigen Nachsorgeuntersuchungen über 18 Monate zeigten keinen Hinweis auf ein Lokalrezidiv oder Fernmetastasen.

Zusammenfassung & Ausblick

Minimal-invasive Techniken sind heute aus der kolorektalen Onkochirurgie nicht mehr wegzudenken. Die Laparoskopie gilt als Standardverfahren mit hoher Evidenzbasis, während robotisch-assistierte und transanale Verfahren zunehmend Anwendung bei technisch anspruchsvollen Eingriffen, insbesondere im kleinen Becken, finden. Transanale lokale Exzisionsmethoden mittels TAMIS ermöglichen bei entsprechender Indikation einen organerhaltenden Zugang, insbesondere bei distalen, frühen Rektumkarzinomen. Die Auswahl des operativen Verfahrens sollte stets individuell erfolgen und Tumorstadium, Lokalisation, Begleiterkrankungen sowie Patientenpräferenzen berücksichtigen.

Die Weiterentwicklung minimal-invasiver Techniken eröffnet neue Perspektiven: Dazu gehören die Integration digitaler Hilfsmittel wie intraoperative Bildgebung, ICG-Fluo­reszenz zur Perfusionsbewertung sowie die Navigation mit künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an standardisierte Aus- und Weiterbildung sowie Qualitätssicherung in zertifizierten Zentren.

Zukünftig sind insbesondere randomisierte Studien mit Fokus auf funktionellen Ergebnissen und Lebensqualität erforderlich, ebenso wie die weitere Erforschung rektum­erhaltender Therapiestrategien wie„Watch & Wait“ nach kompletter Remission durch die TNT. Die Rolle molekularer Marker zur besseren Therapieindividualisierung gewinnt hierbei ebenfalls an Bedeutung.

Fazit

Die minimal-invasive Chirurgie bietet heute ein breites Spektrum an Möglichkeiten zur CRC-Behandlung. Der Einsatz sollte stets patientenindividuell, leitliniengerecht und interdisziplinär erfolgen. Technik ist Mittel zum Zweck – der Therapieerfolg bemisst sich weiterhin an onkologischer Radikalität, funktionellem Ergebnis und Lebensqualität.

Es besteht kein Interessenkonflikt.

Prof. Dr. med. Felix Aigner

Vorstand der Chirurgischen Abteilung, Barmherzige Brüder Krankenhaus Graz

felix.aigner@bbgraz.at

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