Fehlinvestitionen: Krankenkassen machen Millionenverluste
Wiebke PfohlMindestens 170 Millionen Euro haben Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen durch Investments in einen fragwürdigen Immobilienfonds verloren. Das haben Recherchen von NDR, WDR und SZ ergeben.
Verluste durch riskante Investments
Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen verzeichnen Multimillionen-Verluste durch Investitionen in den Verius-Immobilienfinanzierungsfonds. Der milliardenschwere Fonds wurde bereits 2022 eingefroren. Die Anleger rechnen damit, dass mindestens 96% des Fondsvermögens (mindestens 1,2 Milliarden Euro) verloren sein könnten, wie das Handelsblatt kürzlich berichtete. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Baden-Württemberg allein habe dabei Verluste von bis zu 44 Millionen Euro zu befürchten.
Die KV hat daher gegen die Initiatoren des Fonds eine Schadensersatzklage am Landgericht Frankfurt eingereicht, so das Handelsblatt. Und sie ist nicht die Einzige: Laut dem Handelsblatt klagen unter anderem auch die Kaufmännische Krankenkasse aus Hannover, die Pronova BKK, die Kassenärztliche Vereinigung Hessen und die BKK Gildemeister Seidensticker.
Laut aktuellen Recherchen von NDR, WDR und SZ haben mindestens 17 Krankenkassen und KVen in Verius-Fonds-Produkte investiert. Dabei haben sie mehr als 170 Millionen Euro verloren, so die Tagesschau. Weiter heißt es sogar: „Aus Kreisen der Finanzfirmen ist zu hören, dass insgesamt 28 Krankenkassen und KVen Geld über Umwege in die Verius-Fonds investiert haben sollen, und sich die Fehlinvestitionen auf mehr als 500 Millionen Euro summieren würden.”
Welche Krankenkassen und KVen sind betroffen?
Folgende Kassenärztliche Vereinigungen haben laut Recherchen von NDR, WDR und SZ in die Verius-Fonds-Produkte investiert. Nicht alle KVen haben Angaben über die Höhe ihrer Investitionen gemacht.
| Fehlinvestments der Kassenärztlichen Vereinigungen | |
|---|---|
Kassenärztliche Vereinigung | Investitionen in Verius-Fonds-Produkt |
KV Baden Württemberg | 50 Millionen |
KV Hessen | 30 Millionen |
KV Schleswig-Holstein | 16 Millionen |
KV Berlin | keine Angabe |
KV Bremen | keine Angabe |
KV Westfalen-Lippe | keine Angabe |
Quelle: Tagesschau
Folgende Krankenkassen haben laut Recherchen von NDR, WDR und SZ in die Verius-Fonds-Produkte investiert. Nicht alle Krankenkassen haben Angaben über die Höhe ihrer Investitionen gemacht.
| Fehlinvestments der Krankenkassen | |
|---|---|
Krankenkasse | Investitionen in Verius-Fonds-Produkt |
KKH | 47,4 Millionen |
Pronova BKK | 10 Millionen |
BKK Gildemeister Seidensticker | 7,9 Millionen |
Novitas BKK | 5 Millionen |
MKK Meine Krankenkasse | 5 Millionen |
IKK Südwest | 2 Millionen |
AOK Bremen | keine Angaben |
Bahn BKK | keine Angaben |
BKK Pfalz | keine Angaben |
Siemens BKK | keine Angaben |
Viactiv Krankenkasse | keine Angaben |
Quelle: Tagesschau
Dürfen Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen Geld anlegen?
Prinzipiell ist es gesetzlichen Krankenkassen und KVen erlaubt, Kapital anzulegen. Allerdings dürfen sie dabei nur risikoscheu investieren. Das SGB IV § 80 gibt vor: „Die Mittel der Versicherungsträger umfassen die Betriebsmittel, die Rücklage und das Verwaltungsvermögen. Sie sind so anzulegen und zu verwalten, dass ein Verlust ausgeschlossen erscheint, ein angemessener Ertrag erzielt wird und eine ausreichende Liquidität gewährleistet ist.”
Fehlinvestition: Verzockt oder getäuscht?
Was in dem vorliegenden Fall nicht klar ist: Haben die Kassen und KVen sich verzockt – oder wurden sie getäuscht? Genau darum soll es in Zukunft am Landgericht Frankfurt gehen. Dort haben einige Krankenkassen und KVen eine Klage auf Schadensersatz gegen die Initiatoren des Verius-Fonds eingereicht, wie das Handelsblatt berichtet.
Der Verius-Fonds ist auf Nachrangfinanzierungen spezialisiert. Nachrangige Geldanlagen bringen ein hohes Risiko mit sich, da die Anleger im Insolvenzfall nachrangig nach den anderen Gläubigern bedient werden und so meist leer ausgehen. Oft locken sie dafür mit hohen Zinsen. Der Fonds hätte für Krankenkassen und KVen eigentlich Tabu sein müssen, wie das Handelsblatt schreibt. Und weiter: „Eine komplexe Verbriefungsstruktur, die zusätzliche Sicherheiten versprach, öffnete den riskanten Fonds jedoch für die risikoscheue Investorengruppe.”
Die Tagesschau zitiert den unabhängigen Finanzanalysten Stefan Loipfinger zu dem Fall. Stelle ein Produkt in einer Phase mit niedrigen Zinsen eine hohe Rendite in Aussicht, „muss jeder wissen, der ein bisschen was von Kapitalanlagen versteht, dass hier entsprechende Risiken drin stecken“, so Loipfinger.
Nicht der erste Fall von Fehlinvestitionen im Gesundheitswesen
Der vorliegende Fall ist längst nicht der erste Fall von Fehlinvestitionen im Gesundheitswesen. So hat etwa das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin (VZB) mehr als eine Milliarde Euro verloren, unter anderem durch riskante Investments. Das VZB investierte dabei wohl unter anderem in Start-Ups, Hotels und sogar in eine Garnelenzucht in Glückstadt. „Mehr als die Hälfte des Vermögens der Zahnärzteschaft von einst 2,2 Milliarden Euro ist Stand heute verloren; weitere Verluste könnten folgen”, schrieb das VZB im Mai 2026 auf ihrer Webseite.
Literatur:
- (1)
Tagesschau (17. Juli 2026) Krankenkassen verlieren mindestens 170 Millionen Euro, abrufbar unter: https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/krankenkassen-immobilienfonds-100.html
- (2)
Handelsblatt (13. Juni 2026) Gesetzliche Kassen erleiden Millionen-Verluste mit Fondsanlagen, abrufbar unter: https://www.handelsblatt.com/finanzen/immobilien/immobilien-gesetzliche-kassen-erleiden-millionen-verluste-mit-fondsanlagen-01/100239195.html
- (3)
Handelsblatt (23. Juni 2026) Verluste beim Verius-Fonds treffen Investoren aus dem Gesundheitswesen, abrufbar unter: https://www.handelsblatt.com/finanzen/immobilien/immobilien-verluste-beim-verius-fonds-treffen-investoren-aus-dem-gesundheitswesen/100233155.html
- (4)
Webseite der VZB, abrufbar unter: https://www.vzberlin.org/ (zuletzt abgerufen am 22. Juli 2026)
- (5)
Handelsblatt (12. Dezember 2025) Renten in Gefahr – Milliardenskandal bei Berlins Zahnärzten, abrufbar unter: https://www.handelsblatt.com/unternehmen/dienstleister/geldanlage-renten-in-gefahr-milliardenskandal-bei-berlins-zahnaerzten/100183056.html
- (6)
Hörtipp: Handelsblatt Crime (Podcastfolge vom 31. Mai 2026) Berliner Zahnärzte-Versorgung hat mehr als eine Milliarde verloren, abrufbar unter: https://www.handelsblatt.com/audio/crime/crime-berliner-zahnaerzte-versorgung-hat-mehr-als-eine-milliarde-verloren/100229186.html