Ausländische Ärzt:innen für die medizinische Versorgung unverzichtbar
Ohne ausländische Fachkräfte kann die medizinische Versorgung in Sachsen-Anhalt nicht sichergestellt werden. Darauf weisen die Ärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung des Bundeslandes hin. Und eine Recherche zeigt: Besonders in den Kliniken und auf dem Land sind ausländische Ärzt:innen essenziell.
Am 6. September 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt, zwei Wochen später, am 20. September folgt die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern. Die AfD macht den Ärztemangel insbesondere auf dem Land zum Wahlkampfthema. In ihrem Wahlprogramm schreibt die AfD unter anderem, dass sie alles dafür tun werde, nicht mehr auf ausländische Ärzt:innen angewiesen zu sein. Die Umsetzung dieser Forderung hätte negative Folgen für Ärzt:innen und Patient:innen, wie eine Recherche des Mediendienstes Integration und Einschätzungen der Ärztekammer und der KV Sachsen-Anhalt zeigt.
Ärztekammer und KV: Sicherstellung der Versorgung ohne internationale Fachkräfte nicht erfüllbar
Sollten politische Entscheidungen in Zukunft die Anerkennung ausländischer Abschlüsse erschweren, die Einwanderung qualifizierter Fachkräfte begrenzen oder „ein gesellschaftliches Klima schaffen, das internationale Kolleginnen und Kollegen abschreckt“, hätte das Folgen für die Versorgung. Das schreiben die Ärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Es käme dann zu längeren Wartezeiten, Schließungen oder Einschränkungen medizinischer Einrichtungen, zu einer zusätzlichen Belastung für das Personal und einer Verschärfung des Nachwuchsmangels. Die flächendeckende Versorgung kann ohne internationale Fachkräfte nicht sichergestellt werden, so die Körperschaften.
Die Ärztekammer und KV schreiben außerdem: „Die Ärztekammer Sachsen-Anhalt und die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt nehmen die wahlprogrammatischen Aussagen, die sich gegen eine Tätigkeit ausländischer Fachkräfte richten, mit großer Sorge zur Kenntnis. Angesichts der bevorstehenden Landtagswahl im September weisen beide Körperschaften darauf hin, dass die medizinische Versorgung in Sachsen-Anhalt bereits heute in hohem Maße von qualifizierten Ärztinnen, Ärzten und anderen Gesundheitsfachkräften aus dem Ausland abhängt.“
Knapp jede fünfte Ärztin und jeder fünfte Arzt in Sachsen-Anhalt ohne deutschen Pass
Dass ausländische Ärzt:innen für die Gesundheitsversorgung essenziell sind und immer wichtiger werden, zeigt auch eine Recherche des Mediendienst Integration. Insgesamt liegt der Anteil ausländischer Ärzt:innen in Sachsen-Anhalt bei 18,7%. Damit liegt Sachsen-Anhalt über dem bundesweiten Durchschnitt von 16%, wie der Vergleich mit einer weiteren Recherche des Mediendienstes zeigt. Der Großteil der ausländischen Ärzt:innen in Sachsen-Anhalt arbeitet in Krankenhäusern. Dort besitzen 27,1% der Ärzt:innen keine deutsche Staatsbürgerschaft. Die Recherche stützt sich primär auf Daten der Ärztekammer Sachsen-Anhalt.
Besonders relevant für Gesundheitsversorgung in ländlichen Gebieten
Besonders hoch ist der Anteil der ausländischen Ärzt:innen auch in ländlichen Regionen, so der Mediendienst. Im Altmarkkreis Salzwedel etwa, einem der am dünnsten besiedelten Kreise Deutschlands, liegt der Anteil der nicht-deutschen Ärzt:innen bei 29%. „Insbesondere in dünn besiedelten Regionen sind die Fachkräfte ohne deutschen Pass für die medizinische Versorgung relevant“, schreibt der Mediendienst.
Ausländische Ärzt:innen sind jünger
Die Recherche zeigt außerdem, dass ausländische Ärzt:innen in Sachsen-Anhalt durchschnittlich etwa zehn Jahre jünger sind als ihre deutschen Kolleg:innen. Ausländische Ärzt:innen dürften daher für die medizinische Versorgung immer wichtiger werden, so der Mediendienst: „Im Jahr 2024 waren bundesweit 31 Prozent aller Ärztinnen und Ärzte 55 Jahre und älter, viele werden in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen.“
Ärztepräsident Reinhardt warnt vor politischer Instrumentalisierung des Ärztemangels
Ausländische Ärzt:innen sind für Deutschland unverzichtbar, sagt auch Ärztepräsident Reinhardt, und stellt sich damit gegen die Forderungen der AfD. Reinhardt warnt vor einer politischen Instrumentalisierung des Ärztemangels im ländlichen Raum. „Ärzte und Patienten in diesen Regionen haben sinnvolle und realistische Lösungsansätze verdient“, sagte der Chef der Bundesärztekammer der Funke Mediengruppe. „Verunsicherung und politische Instrumentalisierung machen es nicht besser, sondern schlimmer, egal aus welcher politischen Richtung sie kommen.“ Ausländische Ärzt:innen seien bereits heute unverzichtbar, so Reinhardt. Zudem gebe es viele hoch qualifizierte ausländische Ärztinnen und Ärzte in Spitzenpositionen. „Als globale Wissenschaft verbindet die Medizin Fachleute auf der ganzen Welt. Es ist gut, wenn wir über Grenzen hinweg voneinander profitieren“, sagte Reinhardt.
Vielfalt und Respekt wichtig für Fachkräftegewinnung
Auch die Heilberufsvertretungen, -verbände und gesetzlichen Krankenkassen in Sachsen-Anhalt betonten in einer gemeinsamen Erklärung: „Das Gesundheitswesen in Sachsen-Anhalt wird geprägt von Vielfalt, gegenseitigem Respekt und der Gewinnung qualifizierter Fachkräfte aus dem In- und Ausland. Eine offene und vielfältige Gesellschaft ist eine wichtige Voraussetzung dafür, Menschen für Berufe im Gesundheitswesen zu gewinnen und dauerhaft zu halten.“
Quelle:Mediendienst Integration, dpa, Ärztekammer und Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt