Journal Onkologie
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Hintergrund: Psychosoziale Belastung von Angehörigen und deren Versorgung

Partner:innen von Krebspatient:innen sind häufig massiv belastet und zeigen ähnlich hohe oder teils höhere Niveaus von Depressivität und Angst als die erkrankten Patient:innen selbst [1]. Sie übernehmen zudem Aufgaben im Haushalt der Patient:innen und leist­en finanzielle und emotionale Unterstützung im Alltag. Zugleich stellen Partner:innen sich und ihre eigenen Bedürfnisse und Ängste in den Hintergrund, um die erkrankten Patient:innen nicht zusätzlich zu belas­ten [2]. Trotz der hohen Belastungen nehmen Angehörige klassische psychosoziale Unterstützungsangebote, etwa psychoonkologische Sprechstunden, Gruppenangebote in Krebsberatungsstellen, psychoonkologische Dienste in Krankenhäusern und Rehabilitationseinrichtungen, nur selten in Anspruch, u.a. wegen Zeitmangel, Stigma und organisatorischen Hürden.

Der Nationale Krebsplan des Bundesministeriums sowie die S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung“ weist explizit darauf hin, dass psychosoziale Angebote nicht nur für Erkrankte, sondern auch für Angehörige, einschließlich Partner:innen und Kinder, verfügbar sein sollen [3]. Diese Angebote umfassen Beratungen zu psychischer Belastung, sozialrechtliche Fragen, Alltagsbewältigung, Kommunikation und Partnerschaftsdynamiken. Dennoch zeigen bundesweite Bestandsaufnahmen, dass die psychoonkologische Versorgung in der Praxis oft noch defizitär in der flächendeckenden, kontinuierlichen Bereitstellung ist – insbesondere wenn es um niedrigschwellige, zielgruppenspezifische Interventionen für Angehörige geht [4].

Junge Krebspatientin trägt ein rosafarbenes Tuch um den Kopf und einen weißen Rollkragenpullover.

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Vor allem berufstätige und männliche Angehörige sind schwer mit klassischen Angeboten zu erreichen. Hier setzen niedrigschwellige, flexible Online-Interventionen an, die zeit- und ortsunabhängig genutzt werden können und so sowohl strukturelle Barrieren als auch subjektive Hemmschwellen reduzieren können [5, 6].

Intervention: Struktur und Inhalte von PartnerCARE

PartnerCARE ist eine psychoonkologisch, kognitiv-verhaltenstherapeutisch basierte Online-Intervention, die speziell für Partner:innen von Krebspatient:innen entwickelt wurde [7, 8]. Das Programm wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts der Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Ulm, des Comprehensive Cancer Center Ulm sowie der Universität Ulm erarbeitet und basiert auf der Bedarfs­analyse dieser Zielgruppe mit Berücksichtigung klinischer und alltags­praktischer Aspekte. Das Programm umfasst 6 wöchentliche Hauptmodule, bis zu 4 optionale indikationsspezifische Zusatzmodule (Umgang mit Kindern, gesunder Schlaf, Sexualität, existenzielle Belastungen) sowie eine Auffrischungslektion 2 Wochen nach Abschluss der Hauptmodule (Abb. 1).

Abb. 1: Inhaltlicher Ablauf PartnerCARE.

Die Inhalte verbinden psychoedukative Elemente zu Belastungsfolgen der Krebserkrankung mit praktischen Übungen zur Emotionsregulation, zum Abbau von Grübeln und zur Verbesserung der partnerschaftlichen Kommunikation. Interaktive Inhalte wie Whiteboard-Videos, Beispieldialoge und alltagsnahe Fallvignetten sollen die Identifikation erleichtern und die Umsetzung in den eigenen Beziehungs- und Pflegealltag fördern. Jede Lektion wird durch ein individualisiertes, schriftliches Feedback von einem E-Coach (Psycholog:in) ergänzt. Zusätzlich steht ein SMS-Coach zur Verfügung, der alltagsnahe Impulse und Erinnerungen gibt [7].

Studiendesign: randomisiert-kontrollierte Machbarkeitsstudie

Die Wirksamkeit und Durchführbarkeit von PartnerCARE wurde in einer randomisiert-kontrollierten Machbarkeitsstudie mit 2 Armen untersucht [8]: eine Interventionsgruppe mit unmittelbarem Zugang zur Online-Intervention und eine Wartelistenkontrollgruppe, die nach einer Wartezeit von 4 Monaten Zugang zur Intervention erhielt. Insgesamt wurden 60 Partner:innen von Menschen mit einer Krebserkrankung eingeschlossen (Trainingsgruppe n=30, Warteliste n=30), welche per Zufall in die Gruppen eingeteilt wurden. Die Datenerhebung erfolgte an 3 Messzeitpunkten (Baseline, Post-Intervention (2 Monate nach Baseline), Follow-up (4 Monate nach Baseline)) mittels Online-Fragebögen.​

Das primäre Outcome „Machbarkeit und Akzeptanz“ wurde durch verschiedene Zielgrößen erhoben: Rekrutierungsrate, Adhärenz (absolvierte Module), Nutzungsverhalten (z.B. Anzahl der bearbeiteten Zusatzmodule, Nutzung des SMS-Coaches), Zufriedenheit mit der Intervention, Drop-outs und potenzielle Nebenwirkungen. Sekundäre Outcomes umfassten u.a. das psychische Wohlbefinden und die Lebensqualität der Partner:innen, operationalisiert über standardisierte Fragebögen zu Depressivität, Angst und gesundheitsbezogener Lebensqualität sowie partnerschaftliche Kommunikation, Selbstwirksamkeit, wahrgenommene Belastung und Inanspruchnahme anderer psychosozialer Angebote.

Zentrale Ergebnisse: Wirksamkeit und Akzeptanz und erste Wirksamkeitshinweise

Die Machbarkeitsstudie zeigte, dass PartnerCARE gut durchführbar ist und von den Teilnehmenden mit hoher Zufriedenheit bewertet wurde. Rund 73% der Teilnehmenden der Interventionsgruppe beendeten alle 6 Hauptmodule, was auf eine hohe Adhärenz und Passung des Formats mit dem belasteten Alltag von Angehörigen hinweist. Zudem verzeichnet die Studie geringe Drop-out-Raten von nur etwa 17% bei Post-Intervention und 29% beim Follow-up. Teilnehmende berichteten zudem, sich besser informiert, emotional stabiler und in der Kommunikation mit der erkrankten Partnerperson sicherer zu fühlen, was im quantitativen Design v.a. in der Verbesserung psychosozialer Funktionsparameter abgebildet wurde. Hinsichtlich der psychischen Symptomatik ergaben sich in der Interventionsgruppe relevante Verbesserungen insbesondere bei Depressivität und Angst, verbunden mit einem Anstieg der subjektiven Lebensqualität im Vergleich vor und nach der Intervention. Die Ergebnisse hinsichtlich der psychischen Symptomatik sind explorativ und können nur als erste Tendenzen interpretiert werden. Für belastbare Ergebnisse bezüglich der Wirksamkeit von PartnerCARE wird eine ausreichend gepowerte Wirksamkeitsuntersuchung benötigt [8].

Hier werden die verschiedenen Aspekte der Psychoonkologie abegbildet wie Kommunikation, Beziehungen Rehabilitation und Survivor.

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Niederschwellige Versorgung: Erreichen bisher unterversorgter Gruppen

Ein wesentlicher Gewinn von PartnerCARE liegt in der Niedrigschwelligkeit und Flexibilität des Angebots, die eine neue Zugangsform zur psychosozialen Versorgung von Angehörigen eröffnet. Durch die asynchrone Bearbeitung der Module und die Möglichkeit, Übungen in den Alltag zu integrieren, wird das Programm für Angehörige attraktiv, die Präsenzangebote aus beruflichen oder familiären Gründen nicht wahrnehmen können.

Die digitale, diskrete Nutzung im häuslichen Umfeld reduziert Stigmatisierungsängste und kann insbesondere männliche Partner ansprechen, die psychologische Unterstützung sonst selten aufsuchen. Damit adressiert PartnerCARE eine seit Jahren bekannte Versorgungslücke: Angehörige werden zwar als „Mitbetroffene“ anerkannt, erhalten aber nur punktuell und wenig strukturiert eigene psychoonkologische Angebote. Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie stützen die Annahme, dass eine strukturierte, spezifisch auf Partner:innen zugeschnittene Online-Intervention diese Lücke zumindest teilweise schließen kann.

Implikationen für die psychosoziale Regelversorgung

Aus Versorgungsperspektive zeigt PartnerCARE mehrere Ansatzpunkte zur Integration in bestehende onkologische Strukturen, etwa Tumorzentren, Krebsberatungsstellen und weitere psychoonkologische Dienste. Aufgrund des standardisierten, manualisierten Aufbaus kann die Intervention als ergänzendes Modul zu etablierten Face-to-Face-Angeboten eingesetzt werden, z.B. als Erstangebot nach Diagnosestellung oder zur Überbrückung von Wartezeiten auf persönliche Beratung.

Durch die digitale Verfügbarkeit ist es möglich, eine hohe Zahl von Angehörigen mit begrenzten personellen Ressourcen zu erreichen; die Rolle der Fachkräfte verlagert sich dabei stärker in die Funktionen Steuerung, Diagnostik, Kurzintervention und Indikationsstellung für intensivere Angebote. Insbesondere in ländlichen Regionen und bei eingeschränkter Mobilität kann PartnerCARE zu einer geographisch unabhängigen Versorgung beitragen und dadurch Ungleichheiten im Zugang zu psychoonkologischer Unterstützung reduzieren.

Ausblick: Weiterentwicklung und Forschungsperspektiven

Die bisherigen Daten aus der randomisiert-kontrollierten Machbarkeitsstudie sprechen für eine gute Durchführbarkeit und ermutigende Effekte im Bereich psychischer Belastung und Lebensqualität von Partner:innen. Aufbauend darauf ist eine größere, multizentrische Wirksamkeitsstudie sinnvoll, um Effekte differenziert nach Subgruppen (z.B. Geschlecht, Tumorentität der Partnerperson, Krankheitsphase) zu untersuchen und längerfristige Verläufe zu erfassen.​

Aktuell wird die Intervention aufgrund der Erkenntnisse und Rückmeldungen aus der Machbarkeitsstudie umfangreich optimiert. Die neue Version PartnerCARE 2.0 beinhaltet eine noch multimedialere Aufbereitung der Inhalte, z.B. durch ergänzende Whiteboard-Videos und zusätzliche Gesprächsvideos. Um der hohen Nachfrage an PartnerCARE nachzukommen, soll die Intervention wieder im Rahmen der wissenschaftlichen Wirksamkeitsstudie zur Verfügung stehen. Eine Veröffentlichung zum Start der geplanten Studie erfolgt auf der Homepage (https://www.uniklinik-ulm.de/psychosomatische-medizin-und-psychotherapie/partnercare.html) und allen weiteren Kanälen. Mittelfristig soll PartnerCARE 2.0 als dauerhaftes präventives Angebot für Partner:innen bereitgestellt werden. Vor dem Hintergrund der steigenden Bedeutung informeller Pflege und der bekannten Belastungen von Angehörigen ist die Weiterentwicklung und Implementierung solcher digitaler Unterstützungs­angebote von hoher Relevanz für die psychosoziale Versorgung in der Onkologie.

Interessenkonflikte:
H. Baumeister erhielt Beratungshonorare und Honorare für Vorträge und Workshops für klinische Einrichtungen, Unternehmen sowie wissenschaftliche und klinische Gesellschaften und Kammern. Er erhält Lizenzgebühren für eine digitale Gesundheitsintervention.

Literatur:

(1)

Girgis A, Lambert S, Johnson C et al. Physical, psychosocial, relationship, and economic burden of caring for people with cancer: a review. J Oncol Pract 2013;9:197-202.

(2)

Fergus KD, Gray RE. Relationship vulnerabilities during breast cancer: Patient and partner perspectives. Psychooncology 2009;18:1311-22.

(3)

S3-Leitlinie „Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatient:innen“, Langversion 2.1., August 2023; https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/psychoonkologie/ (Accessed 5 Jan 2026).

(4)

Schulz H, Bleich C, Bokemeyer C et al. Psychoonkologische Versorgung in Deutschland: Bundesweite Bestandsaufnahme und Analyse. 2018. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Gesundheit/Berichte/PsoViD_Gutachten_BMG_19_02_14_gender.pdf (Accessed 21 Oct 2025).

(5)

Heynsbergh N, Botti M, Heckel L et al. Caring for the person with cancer: Information and support needs and the role of technology. Psychooncology 2018;27:1650-5.

(6)

Köhle N, Drossaert CHC, Van Uden-Kraan CF et al. Intent to use a web-based psychological intervention for partners of cancer patients: Associated factors and preferences. J Psychosoc Oncol 2018;36:203-21.

(7)

Bodschwinna D, Lorenz I, Bauereiss N et al. PartnerCARE – a psycho-oncological online intervention for partners of patients with cancer: Study protocol for a randomized controlled feasibility trial. BMJ Open 2020;10:e035599.

(8)

Bodschwinna D, Lorenz I, Bauereiß N et al. A psycho-oncological online intervention supporting partners of patients with cancer (PartnerCARE): Results from a randomized controlled feasibility trial. Psychooncology 2022;31:1230-42.

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