Journal Onkologie
Entitätsübergreifend

Ernährung und Mikrobiom beeinflussen Darmgesundheit entscheidend

Prof. Ockenga verdeutlichte die enormen Dimensionen der Nahrungsaufnahme: „Wenn Sie 80 Jahre alt werden, sind das ungefähr 30.000 Kilogramm Lebensmittel und fast 50.000 Liter Flüssigkeit.“ Diese Mengen passieren eine Darmoberfläche von 60-300 Quadratmetern – ein vielfach größerer Kontakt zur Außenwelt als über die Haut. Seine Analyse der Datenlage zum kolorektalen Karzinom, basierend auf Empfehlungen des World Cancer Research Fund, zeigt klare Zusammenhänge: Vollkornprodukte und Ballaststoffe reduzieren das Risiko um 7-8% pro 10 Gramm zusätzlicher Aufnahme, Gemüse und Obst um etwa 16% bei 200 gegenüber 22 Gramm täglicher Zufuhr.

Besonders kritisch bewertete Prof. Ockenga hochprozessierte Lebensmittel, die das Darmkrebsrisiko erhöhen und auch chronisch-entzündliche Darmerkrankungen fördern können. Eine in Nature publizierte Studie mit Leberzirrhose-Patient:innen demonstrierte den Wirkmechanismus [1]: Patient:innen, die fermentierte Hafergrütze mit Laktobazillen-Metaboliten erhielten, zeigten reduzierte Inflammation und verbesserte Darmpermeabilität. „Sie brauchen das große Ganze“, betonte Prof. Ockenga. „Eine bestimmte Nahrung und die Darmbakterien, die daraus nicht nur Abfallprodukte, sondern auch viele gesundheitsfördernde Metabolite herstellen.“

50% aller Tumoren durch Lebensstil-Interventionen vermeidbar

Dr. Velleuer eröffnete mit einer ernüchternden Statistik: „50% der Menschen hier im Raum werden Krebs bekommen.“ Gleichzeitig verwies sie auf die lange Entstehungszeit von Tumoren – durchschnittlich 15 Jahre – als Zeitfenster für präventive Maßnahmen. Krebs entstehe nicht nur durch genetische Schäden, sondern maßgeblich durch epigenetische Fehlregulierung, Mikrobiom-Veränderungen und Immunsystem-Dysfunktion.

Am Beispiel von Vitamin D zeigte Dr. Velleuer die Komplexität der Nutrigenomik auf. Vitamin D reguliert über 400 Gene und beeinflusst das Immunsystem sowie Zellwachstum. Eine Studie identifizierte jedoch drei Responder-Gruppen: High-, Mid- und Low-Responder, die völlig unterschiedlich auf eine Vitamin-D-Supplementierung reagieren. „Die High-Responder machen mit geringen Veränderungen des Vitamin-D-Spiegels eine beeindruckende Genexpressionsveränderung, während Low-Responder dazu nicht in der Lage sind“, erklärte Dr. Velleuer. Dies erkläre möglicherweise, warum die große VITAL-Studie mit über 25.000 Teilnehmer:innen keinen signifikanten Effekt auf die Krebsinzidenz zeigte – die unterschiedlichen Responder-Typen könnten sich statistisch aufgehoben haben [2].

Dr. Velleuer plädierte für einen Paradigmenwechsel hin zu individualisierten Studiendesigns: „Wir sind heute in der Lage, durch epigenetische, Transkriptom- und Mikrobiom-Daten wirkliche Messungen zu haben. Wir haben keine vagen Empfehlungen mehr, sondern können sogar für individuelle Patienten Vorhersagen machen.“ Ihre Schlussbotschaft: „Die genetische Ausstattung ist unveränderbar, aber wir können massiv unser Epigenom verändern und beeinflussen, wie unser Mikrobiom reagiert. 50% aller Tumoren sind vermeidbar, wenn wir uns entsprechend den Empfehlungen verhalten.“

Nahrungsergänzungsmittel zeigen keine Evidenz in der Krebsnachsorge

Prof. Hübner analysierte die mangelnde wissenschaftliche Basis vieler Nahrungsergänzungsmittel in der Krebsnachsorge. Etwa die Hälfte aller Deutschen nimmt solche Präparate ein, bei Krebspatient:innen liegt der Anteil ähnlich hoch. Ihre systematische Analyse der Vitamin-D-Forschung für die S3-Leitlinie „Komplementäre Onkologie“ offenbarte ein ernüchterndes Ergebnis: „Von über 100 Studien blieben nur fünf übrig, die methodisch sinnvoll waren – mit Spiegelmessungen vor und nach Intervention bei Patienten mit nachgewiesenem Mangel.“

Besonders kritisch sieht Prof. Hübner Kombinationen von Antioxidantien. Eine Studie bei nicht-muskelinvasivem Harnblasenkarzinom zeigte sogar möglicherweise schlechtere Ergebnisse in der Rezidivrate [3]. „Auch Immunzellen arbeiten mit oxidativen Prozessen, wenn sie Bakterien, Viren oder Tumorzellen angreifen wollen“, warnte sie vor der simplen Logik.

Prof. Hübner betonte das U-Kurven-Prinzip: „Ein Mangel ist nie gut, zu viel ist aber auch nicht gut. Es gibt immer ein gesundes Gleichgewicht.“ Selbst eine methodisch hochwertige randomisierte Studie von Prof. Seufferlein mit fast 900 Patient:innen nach Adenom-Entfernung und 150mg EGCG-Extrakt über drei Jahre zeigte keinerlei Effekt auf die Rezidivrate [4]. Prof. Hübners Fazit: „Obst, Gemüse und Salat – fünf am Tag ist eine gute Idee, aber nicht in Tablettenform.“

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Quelle:

„Ernährung, Micronutrients und Nahrungsergänzungsmittel ‒ effektiv für die Prävention von Krebserkrankungen?“ auf dem Deutschen Krebskongress 2026 in Berlin am 19. Februar 2026.

Literatur:

(1)

Hansen J K et al. The postbiotic ReFerm® versus standard nutritional support in advanced alcohol-related liver disease (GALA-POSTBIO): a randomized controlled phase 2 trial. Nat Commun. 2025;16(1):5969. DOI: 10.1038/s41467-025-60755-9

(2)

Manson J E et al. Vitamin D Supplements and Prevention of Cancer and Cardiovascular Disease. N Engl J Med. 2019;380:33-44. DOI: 10.1056/NEJMoa1809944

(3)

Bryan R T et al. Selenium and Vitamin E for Prevention of Non–Muscle-Invasive Bladder Cancer Recurrence and Progression: A Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2023;6(10): e2337494. DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2023.37494

(4)

Seufferlein T et al. Green Tea Extract to Prevent Colorectal Adenomas, Results of a Randomized, Placebo-Controlled Clinical Trial. Am J Gastroenterol. 2022;117(6):884-894. DOI: 10.14309/ajg.0000000000001706

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