Journal Onkologie
Entitätsübergreifend
Inhaltsverzeichnis

Geschlechtsspezifische Unterschiede in Tumorbiologie und Therapieansprechen

Dr. Kathrin Heinrich von der LMU München betonte die Notwendigkeit, in der personalisierten Medizin das Geschlecht zu berücksichtigen. Sie unterschied dabei zwischen „Sex“ als biologischer Grundlage und „Gender“ als soziokulturellem Einfluss. Dr. Heinrich erklärte, dass das biologische Geschlecht die Genexpression, Epigenetik und Tumorangiogenese beeinflusst. Am Beispiel des Kolonkarzinoms demonstrierte sie konkrete Unterschiede: Männer haben häufiger linkseitige Primärtumoren und RAS-Wildtyp Tumoren, Frauen leiden öfter unter ungünstigeren molekularen Subgruppen mit BRAF- und RAS-Mutationen sowie peritonealen Metastasierungen [1].

Beim Lungenkrebs haben Frauen bei gleicher Zigarettenzahl ein höheres Erkrankungsrisiko und entwickeln häufiger „Never-Smoker“-Lungenkrebserkrankungen [2, 3]. Geschlechtshormone beeinflussen zudem die PD-L1-Expression, was für Immuntherapien entscheidend ist [4]. Dr. Heinrich betonte auch Unterschiede in der Lebensqualität: Männer berichten nach Krebstherapien eher über soziale Beeinträchtigungen, Frauen leiden stärker unter kognitiven und physischen Einschränkungen [5].

Physiologische Unterschiede verursachen verschiedene Nebenwirkungsprofile

Dr. Annamaria Brioli (MHH Hannover) präsentierte Daten zur geschlechtsspezifischen Toxizität. Fundamentale physiologische Unterschiede – geringeres Körpergewicht, weniger Körperwasser, langsamere Peristaltik und renale Clearance bei Frauen – führen zu unterschiedlichen Nebenwirkungsprofilen [6]. Bei der Hochdosis-Melphalan-Therapie beim Multiplen Myelom erhalten Frauen durch eine Körperoberflächen-basierte Dosierung etwa 10% mehr Wirkstoff pro Kilogramm Körpergewicht. Dies korreliert mit signifikant häufigerer schwerer Mukositis [7]. Prospektive Daten von über 3.000 Patient:innen zeigten: Frauen leiden häufiger unter Durchfall, Übelkeit, Fatigue und Neutropenie, Männer eher unter Verstopfung und Myalgien [8]. In der soliden Onkologie haben Frauen eine geringere Clearance von 5-Fluorouracil, was zu höheren Plasmaspiegeln und vermehrten hämatologischen sowie gastrointestinalen Nebenwirkungen führt [9]. Paradoxerweise entwickeln Männer bei Immuntherapien ein deutlich höheres Risiko für eine Checkpoint-Inhibitor-induzierte Myokarditis [10]. Problematisch ist laut Dr. Brioli auch das Grading schwergradiger Anämien, das geschlechtsspezifische Referenzwerte ignoriert.

61% der Zulassungsstudien ohne geschlechtsspezifische Daten

Prof. Dr. Stefan Engeli von der Universitätsmedizin Greifswald deckte erhebliche Mängel in der Arzneimittelforschung auf. Seine Analyse von 137 zwischen 2017 und 2021 neu zugelassenen Wirkstoffen ergab: Nur 39% der Zulassungsstudien berichteten über geschlechtsspezifische Daten. „Bei 60 bis 70% wissen wir es gar nicht, weil es nicht berichtet wird“, kritisierte er. Dabei zeigen Frauen häufig eine 20-50% höhere Wirkstoffexposition, was mit verstärkten Nebenwirkungen korreliert.

Er wies auf einen weiteren kritischen Punkt hin: „Die Geschlechterrepräsentanz in Studien ist oft völlig anders als im klinischen Alltag." Besonders problematisch: In Phase-I-Studien liegt der Frauenanteil bei nur 20%, obwohl dort wichtige Untersuchungen zur Dosisfindung stattfinden. Prof. Engeli betonte zudem die Komplexität des Themas: Obwohl die Unterschiede zwischen einzelnen Patient:innen oft größer sind als die zwischen Männern und Frauen, gibt es dennoch Substanzen mit klinisch relevanten geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Wirkstoffexposition. Diese Variabilität macht pauschale Aussagen schwierig, unterstreicht aber umso mehr die Notwendigkeit gezielter Studien zu Geschlechtsunterschieden in der Onkologie.

Dringender Handlungsbedarf in Forschung und Klinik

Alle Referent:innen betonten: Die geschlechtersensible Onkologie steht noch am Anfang. Prof. Engeli forderte: „Wir brauchen mehr Studien, die gezielt Geschlechtsunterschiede untersuchen.“ Die Pharmaindustrie müsse verpflichtet werden, vorhandene Daten geschlechtsspezifisch auszuwerten. Dr. Heinrich betonte, dass sowohl biologische als auch soziokulturelle Faktoren berücksichtigt werden müssten: „Wir können Gender und Sex nicht immer trennen, besonders bei Behandlungszugang und Versorgungsgerechtigkeit.“

Die Lücke zwischen Forschung und Versorgung bleibt groß: Obwohl Geschlechtsunterschiede in Tumorbiologie, Pharmakologie und Toxizität wissenschaftlich belegt sind, finden sie in Leitlinien und klinischer Routine kaum Berücksichtigung. Die Vorträge verdeutlichten, dass geschlechtersensible Onkologie nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern medizinischer Qualität ist.

Gemischte Bilanz der Krebsfrüherkennung in Deutschland

Lesen Sie mehr zu diesem Thema:

Gemischte Bilanz der Krebsfrüherkennung in Deutschland

Jetzt lesen
Quelle:

„Geschlechtersensible Onkologie – Gap zwischen Forschung und Versorgung“ auf dem Deutschen Krebskongress 2026 in Berlin am 18. Februar 2026.

Literatur:

(1)

Dekker et al. Lancet. 2019;394(10207):1467-1480. DOI: 10.1016/S0140-6736(19)32319-0

(2)

Alberg et al. Am J Epidemiol. 2013;177(7):613-6. DOI: 10.1093/aje/kws444

(3)

Pelosof et al. J Natl Cancer Inst. 2017;109(7):djw295. DOI: 10.1093/jnci/djw295

(4)

Rodriguez-Lara et al. Front Oncol. 2023;13:1210297. DOI: 10.3389/fonc.2023.1210297

(5)

Oertelt-Prigione et al. Eur J Cancer. 2021;156:24-34. DOI: 10.1016/j.ejca.2021.07.019

(6)

Brioli & von Lilienfeld-Toal, Die Onkologie Ausgabe 6/2025.

(7)

Blijlevens et al. J Clin Oncol. 2008;26(9):1519-1525. DOI: 10.1200/JCO.2007.13.6028

(8)

Bird et al. Clin Lymphoma Myeloma Leuk. 2021;21(10):667-675. DOI: 10.1016/j.clml.2021.04.013

(9)

Wagner et al. J Natl Cancer Inst. 2021;113(4):400-407. DOI: 10.1093/jnci/djaa124

(10)

Sang et al. Eur J Pharmacol. 2026;015:178569. DOI: 10.1016/j.ejphar.2026.178569

Stichwörter