Gemischte Bilanz der Krebsfrüherkennung in Deutschland
Anika Mifka M.Sc.Auf dem Deutschen Krebskongress 2026 zogen Expert:innen eine gemischte Bilanz der Krebsfrüherkennung in Deutschland. Während das Darmkrebsscreening als europäisches Erfolgsprogramm mit über 30% Inzidenzrückgang Erfolge zeigt, zeigen sich bei anderen Tumorentitäten erhebliche Defizite. Das ab April 2026 startende Lungenkrebsscreening und neue risikoadaptierte Ansätze beim Prostatakarzinom bieten jedoch vielversprechende Perspektiven. Einigkeit herrschte über die Notwendigkeit organisierter Programme mit systematischen Einladungsverfahren.
Darmkrebs-Mortalität seit 2002 um 46% gesunken
Prof. Dr. Hermann Brenner vom DKFZ Heidelberg bezeichnete die Darmkrebsfrüherkennung als klares „Erfolgsprogramm“. Seit Einführung der Vorsorgekoloskopie 2002 sank die Inzidenz bei über 50-Jährigen um mehr als 30%, die Mortalität sogar um 46% - ein europäischer Spitzenwert [1]. „Wir haben einen erheblichen Rückgang trotz ungünstiger Entwicklung einiger Risikofaktoren wie Übergewicht“, betonte Prof. Brenner.
Seine Modellierungsstudien mit dem COSIMO-Simulationsmodell zeigen erhebliche Präventionspotenziale [2]: Bei vollständiger Compliance könnten durch das Screening mit dem fäkalen immunchemischen Test (FIT) allein 71%, durch Koloskopie 78% und durch die Kombination beider Verfahren sogar 82% der Darmkrebsfälle verhindert werden. Kritisch sieht er jedoch die noch immer suboptimale Organisation ohne systematische Einladungen nach dem Vorbild der europäischen Nachbarländer.
Zervixkarzinom-Inzidenz doppelt so hoch wie WHO-Zielwert
Prof. Dr. Stefanie Klug, TU München, erklärte, dass Deutschland vom WHO-Eliminationsziel 2030 noch weit entfernt ist. Mit 8,5 pro 100.000 Fällen liegt die Inzidenz doppelt so hoch wie das angestrebte Ziel von unter 4 pro 100.000 [1]. Besonders problematisch: „50% der Todesfälle sind bei Frauen über 65 Jahre“, erklärte Prof. Klug, da die Krankheitslast auch in höheren Altersgruppen relevant bleibt.
Sie kritisierte das deutsche „semi-organisierte“ Programm: „Was wir leider nicht haben, ist dieses gezielte Call-and-Recall-System.“ Während andere europäische Länder wie Schweden bereits ein primäres HPV-Screening mit systematischen Wiedereinladungen implementiert haben, plädierte Prof. Klug für eine Umsetzung der neuen EU-Leitlinie und höhere Impfraten bei 15-jährigen Mädchen, die aktuell nur bei 55% liegen.
Lungenkrebsscreening für Hochrisikogruppen startet ab April 2026
Prof. Dr. Torsten-Gerriet Blum vom Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin berichtete über den bevorstehenden Start des GKV-finanzierten Lungenkrebsscreenings ab April 2026. Die Low-Dose-CT-Untersuchung für Hochrisikogruppen soll eine „signifikante Verbesserung der Langzeitprognose“ ermöglichen und den dringend benötigten „Stadium-Shift“ bewirken, da noch immer die Mehrzahl der Patient:innen im fernmetastasierten Stadium diagnostiziert wird.
Prof. Blum verwies auf internationale Erfolge: „Mittlerweile können wir diese Risiken sehr gut beherrschen“ - falsch-positive Raten seien in Implementierungsstudien auf 2% gesunken. Als zusätzlichen Nutzen hob er die „signifikant höheren Rauchentwöhnungsraten“ bei Screening-Teilnehmer:innen hervor.
Brustkrebsvorsorge: Stagnierende Teilnahmerate von 50% mindert Präventionspotenzial
Prof. Dr. Olaf Ortmann von der Universität Regensburg bestätigte die Wirksamkeit des seit 2005 etablierten Mammografie-Screenings. Eine aktuelle Studie des Bundesamts für Strahlenschutz belegt eine 30%ige Risikoreduktion bei Programmteilnehmerinnen [3], was einer Mortalitätsreduktion von 20-30% entspricht [1]. Konkret bedeute dies: Das Programm verhindere bei 1.000 teilnehmenden Frauen über 25 Jahre drei bis acht Todesfälle.
Problematisch bleibe jedoch die stagnierende Teilnahmerate von nur 50%. Besonders bei Ersteinladungen liege die Rate sogar unter 50%. Prof. Ortmann erklärte: „Frauen, die das in Anspruch nehmen, sind dann bei der Folgeeinladung relativ adhärent. Frauen, die das nicht tun, kommen kaum wieder.“ Diese niedrige Erstbeteiligung mindere das Präventionspotenzial erheblich.
Prostatakrebs: Risikoadaptiertes Screening könnte Überdiagnosen halbieren
Prof. Dr. Peter Albers vom Universitätsklinikum Düsseldorf berichtete über vielversprechende Entwicklungen beim Prostatakarzinom. Neue risikoadaptierte Ansätze könnten die problematische Überdiagnoserate von 50% auf unter 30% senken. Seine umfassende ProBase-Studie mit fast 50.000 Teilnehmern zeigt: „Mit einem PSA-Wert unter 1,5 im Alter von 50 Jahren scheint man ein sehr geringes Risiko zu haben, in den nächsten Jahrzehnten ein Prostatakarzinom zu entwickeln.“
Entscheidend sei der frühe Screening-Beginn: „50 bis 54 Jahre ist das ideale Zeitfenster“, betonte Prof. Albers. Durch sequenzielle Risikoevaluationen inklusive MRT-Diagnostik könne die Überdiagnose halbiert werden, ohne signifikante Karzinome zu übersehen. Der Gemeinsame Bundesausschuss prüft derzeit die Evidenz für ein deutsches Screening-Programm.
Die Expert:innen waren sich einig: Organisierte Programme mit systematischen Einladungen, qualitätsgesicherter Durchführung und risikoadaptierten Ansätzen sind der Schlüssel für erfolgreiche Krebsprävention. Deutschland könne von internationalen Best-Practice-Beispielen lernen, um bestehende Lücken zu schließen.
Quelle:„Status quo Früherkennungsprogramme“ auf dem Deutschen Krebskongress 2026 in Berlin am 19. Februar 2026.
Literatur:
- (1)
RKI „Krebs in Deutschland“ 2025. Abrufbar unter: https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/krebs_in_deutschland_node.html (letzter Aufruf: 26.02.26)
- (2)
Sergeev D et al. Koloskopie versus Test auf Blut im Stuhl versus keine Vorsorgeuntersuchung. Dtsch Arztebl Int. 2026;123:40-45. DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0208
- (3)
Bundesamt für Strahlenschutz, „Mammographie-Screening verringert Brustkrebssterblichkeit deutlich“. Abrufbar unter: https://www.bfs.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/BfS/DE/2025/010.html (letzter Aufruf: 26.02.26)