Freitag, 30. Juli 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
Darzalex
Darzalex
 
JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
15. Dezember 2020
Seite 1/3

Palliativmedizin – Achtsame Behandlung der Patienten sowie Begleitung ihrer Angehörigen

Interview mit Dr. med. Moritz Peill-Meininghaus, Helios Klinikum Berlin-Buch.
Bei schweren und unheilbaren Erkrankungen und auch in Anbetracht einer immer älter werdenden Gesellschaft gewinnt die Palliativmedizin zunehmend an Bedeutung. In dieser letzten Lebensphase spielen vor allem die Betreuung und die Lebensqualität der Patienten, aber auch die Unterstützung der ihnen nahestehenden Bezugspersonen eine wesentliche Rolle. Mit einer achtsamen Behandlung sollen die letzten Lebensmonate weitgehend schmerzfrei erlebt werden, und die Patientinnen und Patienten* sollen keine Angst vor unerträglichen Schmerzen haben, sondern ihr Leben so aktiv wie möglich bis zum Tode leben. Dr. Moritz Peill-Meininghaus, Oberarzt an der Klinik für Onkologie und Palliativmedizin, Helios Klinikum Berlin-Buch, berichtet im Interview mit JOURNAL ONKOLOGIE u.a. vom Alltag und dem Betreuungsangebot auf der Palliativstation.

* Im Beitrag sind mit den Begriffen „Patienten, Ärzte, Mitarbeiter, Therapeuten, Hospizhelfer und Seelsorger“ gleichermaßen Frauen und Männer zusammengefasst.
Anzeige:
Zavicefta
Zavicefta
 
Moritz Peil-Meininghaus
Dr. Moritz
Peill-Meininghaus, Berlin-Buch
(© Thomas Oberländer)
Wie viele Patienten versorgen Sie jährlich auf der Palliativstation, und wie lange bleiben diese im Durchschnitt dort?

In den Jahren 2012 bis 2016 hatten wir eine Station mit 10 Betten und im Schnitt 300 Patienten pro Jahr betreut. Seit 2017 haben wir 2 Stationen und sind inzwischen die zweitgrößte Palliativeinheit Deutschlands mit 21 Betten, die jederzeit belegbar sind. Durchschnittlich betreuen wir nun 400 Patienten im Jahr.

Die Liegezeit beträgt bei unseren Patienten normalerweise etwa 12 Tage – dann haben wir die Symptome meist kontrolliert, und es erfolgt die Verlegung entweder in ein Hospiz oder nach Hause, aber die Patienten dürfen natürlich auch bei uns sterben.

Durch die Pandemie sind diese Prozesse allerdings etwas verlangsamt, was z.B. bedeutet, dass die Hospize nicht mehr so schnell übernehmen können, sodass die Patienten oft wochen- oder sogar monatelang bei uns liegen. Dadurch haben wir auch nicht die Möglichkeit, alle, die bei uns anfragen, immer bei uns aufzunehmen.

Tatsächlich aber könnten wir mit unseren beiden Palliativstationen 500 bis 600 nicht heilbar erkrankte Menschen pro Jahr qualitativ hochwertig versorgen. Das bedeutet einen hohen Durchlauf, und das ist eine enorme Herausforderung, vor allem für den Pflegedienst. Es sind ja die Pflegefachkräfte, die nachts, also gerade dann, wenn viele Patienten sterben, alleine sind und daher möglicherweise mit 2 bis 3 Todesfällen in der Nacht konfrontiert werden. Daher ist es bei dieser hohen Anzahl von Patienten sehr wichtig, die besonders belasteten Pflegekräfte zu schützen – das heißt, wir müssen auch „die Pflege pflegen“.


Handelt es sich auf Ihrer Station zum Großteil um onkologische Patienten? Wie ist die Altersstruktur der Patienten?

Der Anteil der onkologischen Patienten liegt bei 97,5% und ist damit extrem hoch. Im palliativen Bereich gibt es außerdem noch den kardialen und pulmologischen Formenkreis.

Das Alter unserer Patienten liegt zwischen 18 Jahren bis ins höchste Alter. Das Durchschnittsalter liegt etwa bei 60 Jahren.

Aufgrund einer Spezialisierung unserer Klinik auf Sarkom-Patienten sowie das Vorhandensein einer großen gynäkologischen Onkologie, haben wir nicht selten 4 bis 5 etwa 30- bis 40-jährige Patienten. Dies ist dann natürlich eine große Belastung für das Team, gerade, wenn es sich um junge Patienten, junge Väter und Mütter handelt.


Gibt es bei Ihnen auch eine ambulante Palliativbetreuung?

Es gibt bei uns und bei vielen Palliativstationen keine eigene ambulante Betreuung, da dies ein ganz eigener Sektor ist. Hierfür bräuchte man zusätzliches Personal, das in unserer Klinik momentan nicht zur Verfügung steht.

Eine eigene Palliativsprechstunde befindet sich im Aufbau, sodass künftig Menschen vorbeikommen und sich vorab beraten lassen können.


Wer ist in die Palliativversorgung neben den Pflegern und Ärzten eingebunden – unter anderem auch Sozialarbeiter, Psychologen und ehrenamtlich tätige Menschen? Haben Sie ein spezielles Palliative-Care-Team?

Neben dem spezialisierten Pflegepersonal und den spezialisierten Ärzten ist die Physiotherapie sehr wichtig, da dies eine sehr gute Mischung aus adjuvanter Schmerztherapie, aber auch körperlicher Nähe ist, was gerade für Menschen ohne Angehörige eine große Rolle spielt. So sagen uns viele Patienten, dass das Schönste am Tag die Physiotherapie war, denn es war ein Mensch da, der sich Zeit genommen und den Patienten auch berührt hat. Daher befürworten wir die Physiotherapie auch am Wochenende. Denn gerade diese Tage sind für einen palliativen, einsamen Patienten oft nicht leicht und dann können „kleine Dinge“ sehr viel bewirken.

Wir haben auch einen sehr liebevollen Psychoonkologen, der für alle Patienten zuständig ist. Es gibt aber auch Patienten, die keine psychoonkologische Betreuung möchten.

Sehr wichtig sind für uns ebenfalls die kompetenten Sozialarbeiterinnen. Sie erledigen die Dinge, die für eine Verlegung noch zu klären sind, beispielsweise, was für die Verlegung nach Hause gebraucht wird, wie ein Pflegebett o.ä.

Zu unserem Team gehören zudem kreative Therapeutinnen für die Bereiche Kunst und Musik. Ehrenamtliche Mitarbeiter, wie die Hospizhelfer, werden zunehmend häufiger integriert. Sie kommen von den Einrichtungen, die Hospize betreiben und helfen, indem sie z.B. Wäsche der Patienten holen oder Organisatorisches bei den Patienten zuhause erledigen. Das ist eine große Erleichterung für viele Patienten, die nur wenige oder keine Angehörigen haben. All diese Angebote sind auch in COVID-19-Zeiten möglich.

Ein spezielles Palliative-Care-Team gibt es nicht, aber es ist eine Verbesserung der Patientenversorgung im Konsiliardienst durch ein spezialisiertes Pflege- und Ärzteteam geplant.

 
Vorherige Seite

Anzeige:
Sarclisa
Sarclisa
Das könnte Sie auch interessieren

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Palliativmedizin – Achtsame Behandlung der Patienten sowie Begleitung ihrer Angehörigen"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EHA 2021
  • SCD: Häufigere und längere VOC-bedingte Krankenhausaufenthalte nach Vorgeschichte von VOC-Hospitalisierungen – Ergebnisse einer Beobachtungsstudie
  • Real-World-Daten des ERNEST-Registers untermauern Überlebensvorteil unter Ruxolitinib bei primärer und sekundärer Myelofibrose
  • I-WISh-Studie: Ärzte sehen TPO-RAs als beste Option, um anhaltende Remissionen bei ITP-Patienten zu erzielen
  • Phase-III-Studie REACH2 bei steroidrefraktärer akuter GvHD: Hohes Ansprechen auf Ruxolitinib auch nach Crossover
  • SCD: Neues digitales Schmerztagebuch zur tagesaktuellen Erfassung von VOCs wird in Beobachtungsstudie geprüft
  • Französische Real-World-Studie: Eltrombopag meist frühzeitig nach ITP-Diagnose im Rahmen eines Off-label-Use eingesetzt
  • Fortgeschrittene systemische Mastozytose: Französische Real-World-Studie bestätigt klinische Studiendaten zur Wirksamkeit von Midostaurin
  • CML-Management weitgehend leitliniengerecht, aber verbesserungsfähig – Ergebnisse einer Querschnittsbefragung bei britischen Hämatologen
  • Britische Real-World-Studie: Kardiovaskuläres Risikomanagement bei MPN-Patienten in der Primärversorgung nicht optimal
  • Myelofibrose: Früher Einsatz von Ruxolitinib unabhängig vom Ausmaß der Knochenmarkfibrose