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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

24. Juni 2019 Was muss eine digitale Technologie können? Fragen Sie den Arzt!

Mit mehr als 10.000 Besuchern und 570 Ausstellern war der Digitalkongress DMEA in Berlin, Nachfolger der conhIT (Connecting Healthcare IT), auch 2019 wieder eine zentrale Plattform für die digitale Gesundheitsversorgung. Ärzte haben eine Schlüsselstellung, wenn es um die Praxistauglichkeit digitaler Angebote geht. Am Beispiel der elektronischen Fallakte zeigte sich, dass auch sinnvolle Lösungen problematisch sein können, wenn sie nebeneinander existieren. Wie wichtig die ärztliche Expertise für den Erfolg einer Technologie ist, wurde anhand eines digitalen Werkzeugs zur effektiveren Vorbereitung von Tumorboards deutlich.
Wie sinnvoll ist die elektronische Fallakte?

Das Thema Gesundheitsakte wird meist aus Patientenperspektive diskutiert. Aber auch Leistungserbringer haben ein Interesse daran, Daten untereinander auszutauschen. Für diesen Zweck wurde die elektronische Fallakte (eFA) entwickelt. Was kann sie leisten und wie passt sie zu anderen Aktensystemen? Ingo Meyer, Referent für Telematik im Gesundheitswesen und Sicherheitsinfrastruktur der Deutschen Krankenhausgesellschaft, brachte zunächst etwas Ordnung in den Aktendschungel, indem er die Unterschiede zwischen elektronischer Gesundheitsakte (eGA), Patientenakte (ePA) und eFA erläuterte (Tab. 1).

 
Tab. 1: Digitale Aktenlösungen im Vergleich.
  Fallakte (eFA) Patientenakte (ePA) Gesundheitsakte (eGA)
Gesetzliche
Grundlage
eFA-Verein § 291a SGB V § 68 SGB V
Umfang alle relevanten Daten
eines Behandlungsfalls
Daten mehrerer/
aller Behandlungsfälle
ausgewählte Behandlungsfälle,
weitere Gesundheitsdaten
Zweck Austausch unter
Leistungserbringern
Informationen für
Leistungserbringer
und gesetzlich Versicherte
für die Versicherten
Verwaltung vom Leistungs-
erbringer geführt
Versicherter kann
Leistungserbringer berechtigen
vom Versicherten geführt
Flexibilität beschränkte Gültigkeitsdauer
mit Verlängerungsoption
lebenslange Akte ohne
Beschränkung eines Zwecks
wird individuell vom
Versicherten bestimmt


Die eGA ist für Leistungserbringer nicht relevant, da derzeit kein einheitliches Modell zur Verfügung steht. Die ePA muss gemäß gesetzlicher Vorgaben auch den Austausch von Daten unter den Leistungserbringern ermöglichen, jedoch wird sie vor 2021 nicht flächendeckend zur Verfügung stehen. Da jedem Bürger freigestellt bleibt, ob und wie er die eGA nutzen möchte, ist sie unter Umständen unvollständig und enthält Daten von unterschiedlicher Qualität und Relevanz.


Bessere Kooperation von Leistungserbringern

Die eFA wurde gezielt für die Kommunikation zwischen ambulant und stationär tätigen Ärzten sowie zwischen Kliniken konzipiert. Erste Ansätze wurden bereits 2006 entwickelt. Ziel war es, eine digitale Lösung zu schaffen, um Zeit bei der Beschaffung von Befunden zu sparen und Doppeluntersuchungen zu vermeiden.

Die eFA ermöglicht fallbezogen den Austausch von medizinischen Informationen zu gemeinsam behandelten Patienten. Auf Basis einer Diagnose stehen Arztbriefe, Befunde, OP-Berichte und Verordnungen in Form eines strukturierten Verzeichnisses zur Verfügung. Insbesondere bei komplexen Behandlungsverläufen wie bei krebskranken Patienten soll sie die Kooperation von Ärzten über Einrichtungs- und Sektorengrenzen erleichtern. Wenn die Behandlung beendet ist, wird die eFA geschlossen. Sie kann nur mit Zustimmung des Patienten angelegt werden und dieser kann die Zugriffsrechte bestimmen.

Technisch verfügt die eFA über standardisierte Schnittstellen, damit ein Informationsfluss unabhängig von dem verwendeten IT-System möglich ist. Die Akte wird von den beteiligten Ärzten gleichberechtigt und in gemeinsamer Verantwortung geführt. Die Daten bleiben dezentral in der Einrichtung gespeichert, in der sie erstellt oder erhoben wurden.


Praxistest im Modellprojekt

Die eFA wird u.a. in einem Modellprojekt in Nordrhein-Westfalen im Bereich der onkologischen Vor- und Nachsorge von Haus- und Fachärzten sowie Medizinischen Versorgungszentren getestet. Wie Klaus Kalkreuter, einer der Projektleiter und Referent für Qualitätsmanagement, IT und Datenanalysen der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen, ausführte, erhofft man sich positive Effekte auf die Behandlungsplanung und das Entlassmanagement. Der Patient als „Kommunikationsbrücke“ werde entlastet. Da die jeweilige eFA nur so lange besteht, wie sie benötigt wird, sei sie zudem datensparsam. „Aus unserer Erfahrung wünschen sich die Leistungserbringer die eFA lieber heute als morgen“, so Kalkreuters Fazit.

„Um die seit Jahren andauernde Diskussion zu beenden, ist es sinnvoll, Lösungen zu nutzen, die von der Industrie oder anderen Anbietern schon entwickelt wurden“, unterstrich Volker Lowitsch, Vorstandsvorsitzender des eFA e.V. und IT-Leiter am Universitätsklinikum Aachen, den Nutzen der eFA.

Dem widersprach Prof. Dr. Wolfgang Deiters, der an der Hochschule für Gesundheit in Bochum als Professor für Gesundheitstechnologie tätig ist. Anknüpfend an die Einschränkung, dass eFA und ePA komplementäre Angebote sind, die aneinander angebunden werden müssen, forderte er eine Systemlösung. „Beim Thema Akten liegen Lust und Frust dicht beieinander“, konstatierte er. Die Konzeptunterschiede der 3 verschiedenen Akten seien verständlich, aber „nicht vermittelbar“.


Präzisionsmedizin: Dokumentation als Voraussetzung

Die Zusammenführung von Daten ist auch Voraussetzung für die personalisierte Medizin. Mehrfach wurde auf der DMEA darauf hingewiesen, dass die Behandlung von Lungenkrebs-Patienten in molekulardiagnostischen Netzwerken ein Erfolgsmodell ist. Aber wie kann die Datenbasis für solche Projekte geschaffen werden? Prof. Dr. Ulrich Sax, Leiter und Koordinator des Medizinischen Instituts für Informatik der Universitätsmedizin Göttingen, machte deutlich, dass dabei auch die Dokumentation eine wichtige Rolle spielt. Derzeit herrsche eine „bunte Systemvielfalt“ mit heterogenen Daten aus unterschiedlichen Quellen wie Krankenhäusern und Arztpraxen, der Gensequenzierung und Bildgebung. Hinzu kommen Vitalwerte, die von den Patienten selbst erfasst werden.

Erfahrungen aus den USA zeigen, dass selbst der Einsatz von gleichen technischen Systemen noch keinen Erfolg garantiert. Hierzu wurden Routinedaten aus 5 nephrologische Zentren ausgewertet, die alle die gleiche Dokumentationssoftware benutzten. Allerdings waren die standardisierten Formulare so unterschiedlich ausgefüllt worden, dass die Daten nicht genutzt werden konnten. Dies lag daran, dass verschiedene Bezeichnungen, Definitionen oder Einheiten verwendet wurden (z.B. Haemoglobin vs. Hemoglobin; mmol/l vs. mg/dl) (1).

Auch die Krebsregister dokumentieren Sax zufolge unterschiedlich. Er forderte daher, dass die entsprechenden Erfassungssysteme von den Berufsgruppen gestaltet werden, die sich am besten damit auskennen, also Pflegekräfte und Ärzte. Wie er weiter ausführte, werden durch den Einzug von Big Data in die Medizin neue Berufe etabliert. Dazu gehören Data Stewards, die als Datenmanager eine Mittlerrolle zwischen den Betreibern von Informationssystemen und der Klinik einnehmen und die erforderliche Datenqualität sichern sollen. Für diesen Beruf werden sowohl Kenntnisse in der Programmierung von Apps, von Datenbankmodellen sowie ein Studium der Informatik, Wirtschaftsinformatik oder Mathematik vorausgesetzt.


Klinische Entscheidungsunterstützung im Tumorboard

Welche Rolle die ärztliche Expertise bei der Entwicklung digitaler Technologien spielt, zeigt das Clinical Decision Support Systems (CDSS) Arezzo. CDSS für Patienten mit komplexen Erkrankungen waren im Rahmen der Entscheiderfabrik (www.entscheiderfabrik.com) 2018 eines der 5 IT-Schlüsselthemen in der deutschen Gesundheitswirtschaft. Wie ein solches digitales Werkzeug beschaffen sein muss, um es sinnvoll in den Praxisalltag zu implementieren, wurde im Johanniter Krankenhaus Bonn ausgearbeitet. Das Team um Prof. Dr. Yon-Dschun Ko und Dr. Christoph Sippel entwickelte einen Prototyp des CDSS Arezzo für die Vorbereitung von Tumorkonferenzen für Patienten mit einem Kolonkarzinom.

Die Anwendung unterstützt Ärzte auf der Basis von Leitlinien, Expertenwissen und patientenindividuellen Daten. Arezzo generiert daraus einen zusammenfassenden Bericht für das Tumorboard mit einem Therapievorschlag. Das Besondere: Es handelt sich um ein flexibles System, das die Anforderungen patientenindividuell anpasst. Neben der Empfehlung für das Tumorboard werden auch Alternativen vorgeschlagen, jeweils mit Pro- und Contra-Argumenten. Die Lösungswege sind nicht algorithmisch vorgegeben.

„Assistenzärzte, die ein Tumorboard vorbereiten, stehen häufig vor dem Problem, dass wichtige Informationen fehlen“, so Sippel. „Mit Arezzo können wir strukturiert alle entscheidungsrelevanten Parameter für den individuellen Fall erfassen. Dadurch wird die Tumorkonferenz entlastet und die Therapieentscheidung kann schneller getroffen werden.“ Insbesondere die Erfassung von Komorbiditäten sei bei den − häufig älteren − Patienten relevant, so der Onkologe. „Die Ärzte im Tumorboard kennen den vorgestellten Patienten nicht immer gut, sodass Entscheidungen am „grünen Tisch“ fallen. Arezzo wirkt dem entgegen und ermöglicht eine Therapiewahl, die sich noch individueller und genauer am einzelnen Patienten orientiert“, sagte Sippel.

Anne Krampe-Scheidler

Quelle: DMEA-Kongress, 09.-11.04.2019, Berlin

Literatur:

(1) Kesztüs T et al. BMJ Open 2017;7(11): e017423.


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