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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

17. Februar 2016 Bleiben moderne Immuntherapien zukünftig finanzierbar?

Gesundheitspolitik

Moderne immuntherapeutische Behandlungskonzepte mit Checkpoint-Inhibitoren gelten als Durchbruch in der Behandlung solider und hämatologischer Malignome. Aber steht der Nutzen immunonkologischer Therapien in einem angemessenen Verhältnis zu ihren Kosten? Diese Frage diskutierten Experten bei einem „Politischen Forum“ im Rahmen der Jahrestagung der Arbeitsgruppe Internistische Onkologie (AIO) der Deutschen Krebsgesellschaft in Berlin.

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Fachinformation

Der Nutzen der wichtigsten therapeutisch relevanten Inhibitoren, die sich gegen die Immuncheckpoints CTLA-4 und vor allem PD-1/PD-L1 richten, ist unstrittig, betonte Prof. Angela Krackhardt, München, im Rahmen der Veranstaltung. Die Immuntherapie wecke völlig zu Recht große Hoffnungen auf weitere therapeutische Fortschritte in der klinischen Onkologie. Die Anwendung sei nach derzeitigem Wissensstand indikationsübergreifend möglich. Beim malignen Melanom und beim Lungenkarzinom, wo die meisten Studiendaten vorliegen, gibt es bereits erste Zulassungen entsprechender Medikamente.

Erfolgversprechende Studiendaten gibt es laut Krackhardt aber auch beim Mammakarzinom, Blasenkarzinom, Nierenzellkarzinom, bei Kopf-Hals-Tumoren oder beim Morbus Hodgkin. Hier seien für die nächsten Jahre noch therapeutische Durchbrüche zu erwarten – insbesondere im Hinblick auf eine Verlängerung des Gesamtüberlebens.

Allerdings gelte es auch, Unterschiede bei den Krankheitsentitäten zu beachten. Nach aktuellem Kenntnisstand seien Immuntherapeutika etwa bei Patienten mit kolorektalen Karzinomen nicht so wirksam wie bei anderen Malignomen. 

 

Größter Wachstumsmarkt

Dr. Johannes Bruns, Berlin, widmete sich in seinem Vortrag der Frage, wie sich die Kosten von Immuntherapien in der Breite der onkologischen Versorgung entwickeln werden. Bruns erinnerte daran, dass unser solidarisches Gesundheitssystem, das den unbeschränkten Zugang zu allen im Einzelfall medizinisch notwendigen Therapien ermöglicht, dennoch bezahlbar bleiben müsse und nicht überfordert werden dürfe.

Derzeit belaufen sich die jährlichen Kosten für das Gesundheitswesen auf 314 Mrd. Euro, wobei die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung mit 33,38 Mrd. Euro zu Buche schlagen. Zwar gehören onkologische Erkrankungen momentan nicht zu den 4 Krankheitsklassen, die die höchsten Kosten verursachen. Allerdings weisen antineoplastische Arzneimittel den größten Kostenanstieg auf, zwischen 2005 und 2014 um 177%.

Laut Bruns ist die Onkologie der weltweit größte Umsatzmarkt für Arzneimittel. Das weltweite Wachstum liegt bei 11,8%. 2015 machten zielgerichtete Therapien den weitaus größten Anteil der Kosten für onkologische Therapien aus. Von den Immuntherapeutika seien in den nächsten Jahren weitere Kostensteigerungen zu erwarten. Schätzungen zufolge würden allein immunonkologische Medikamente in etwa 10 Jahren jährliche Kosten von 31 Mrd. Euro verursachen.

Es stelle sich die Frage, ob das System bezahlbar bleibe, wenn in Zukunft alles, was möglich sei, auch eingesetzt werde, gab Bruns zu bedenken. Nach seiner Ansicht werde in den kommenden Jahren zunehmend diskutiert werden, ob etwa zugelassene Medikamente grundsätzlich für jeden zugänglich bleiben könnten – was Bruns sich wünschen würde. Diese Privilegien habe der Rest Europas jedoch nicht. Zur Diskussion stehe zukünftig sicher auch, ob ein Produkt unmittelbar nach der Zulassung zugänglich sein müsse und ob die Preisfreiheit des Unternehmers in den ersten 12 Monaten erhalten bleiben könne. 

 

„Choosing Wisely“

Prof. Wolff Schmiegel, Bochum, erinnerte daran, dass die Kostenträger im Jahr 1995 noch rund 54.00 US $ aufwenden mussten, um einem Krebspatienten ein weiteres Lebensjahr zu ermöglichen. Diese Kosten hätten sich inzwischen vervierfacht. Im Sinne der Finanzierbarkeit des solidarischen Gesundheitssystems, aber auch im Sinne der Patienten selbst, gelte es zukünftig, die Indikation für eine bestimmte Krebstherapie noch sorgfältiger zu wählen, den Patientenwunsch und die Auswirkungen auf die Lebensqualität zu berücksichtigen und primär Medikamente einzusetzen, deren Datenlage im Hinblick auf ihre Wirksamkeit und Sicherheit wirklich robust sei („Choosing Wisely“-Initiative der ASCO).

Schmiegel unterstrich gemeinsam mit Bruns die Bedeutung von Postzulassungsstudien für die Bewertung der Wirksamkeit und Sicherheit eines Medikaments und damit letztlich für dessen Nutzen. „Wir brauchen einen evidenzbasierten Prozess nach der Zulassung“, betonte Bruns. Ideal seien Head-to-Head-Vergleiche zwischen verschiedenen Medikamenten, die beispielsweise durch Krankenkassenbeiträge finanziert werden könnten. 

Dr. Claudia Schöllmann, Grasbrunn

Quelle: Politisches Forum, im Rahmen der AIO-Herbsttagung, 20.11.2015, Berlin


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