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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

03. August 2016 Im Fokus: Molekulare Tumordiagnostik bei Lungenkrebs

„Nur wer testet, kann auch spezifisch behandeln“, betonte Prof. Dr. Frank Griesinger, Oldenburg. Er ist Sprecher des Lungennetzwerks NOWEL, das eine qualitätsgesicherte, umfassende molekulare Tumordiagnostik an Blutproben (Liquid Biopsy) anbietet, um den Lungenkrebspatienten die bestmögliche personalisierte und zielgerichtete Therapie zukommen zu lassen. PD Dr. Lukas C. Heukamp, NEO New Oncology AG, sprach auch über den Stellenwert der NEOliquid-Technologie in der Tumordiagnostik und informierte über die seit dem 01.04.2016 beschlossene Kostenübernahme des Tests zur Analyse zirkulierender Tumorzellen im Blut durch die Barmer GEK.
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Fachinformation

Das nicht-kleinzellige Lungenkarzinom (NSCLC) gilt nach wie vor als eine der gefürchtetsten, häufig tödlich verlaufenden Erkrankungen, so Griesinger. Doch stehen aktuell wirksame zielgerichtete Medikamente zur Verfügung, die genau an das durch Mutationen veränderte Erbgut im Tumor angreifen und so unkontrolliertes Zellwachstum stoppen können. Die Ansprechraten dieser Medikamente sind hoch und die Patienten leiden wesentlich weniger an Nebenwirkungen. Den „Traum eines jeden Onkologen“ demonstrierte Giesinger anhand von CT-Bildern eines Lungenkrebspatienten vor und nach einer zielgerichteten Therapie. Die im CT zahlreich vorhandenen Metastasen in der Lunge verschwanden komplett nach 8-wöchiger Behandlung, wie  Griesinger aufzeigte. Diese „Super-Response“ sei derzeit nur unter Therapie mit den neuen zielgerichteten Therapeutika beobachtbar.

Qualitätsgesicherte molekulare Diagnostik wichtig

Therapieentscheidungen bei Patienten mit NSCLC werden in der Regel durch Gewebeentnahmen für histologische und molekulargenetische Untersuchungen des Tumors zum Nachweis von spezifischen genomischen Veränderungen wie Mutationen sowie auch Genfusionen und Amplifikationen erhoben, um eine individualisierte Therapie einzuleiten. Durch die umfangreiche, zeitaufwändige sequentielle Untersuchung ist das Gewebematerial oft limitiert. Bei 30% der Patienten kann so keine umfassende Diagnose erfolgen. Zudem ist eine Gewebeentnahme oft sehr belastend für den Patienten. Besonders in der Rezidivsituation, wenn Zweitbiopsien notwendig werden, kann es durch den invasiven Eingriff zu Komplikationen wie Pneumothorax, Infekten und Blutungen kommen, gab Griesinger zu bedenken. Die Rebiopsie ist auch momentan noch nicht erstattungsfähig.
 
„Die neuen Medikamente wirken“, sagte Griesinger, „aber nicht ein Leben lang“. Das Problem sind hier Resistenzmechanismen, die im Verlauf der Behandlung mit zielgerichteten Therapien auftreten. Häufig ist die Resistenzmutation T790M zu beobachten. Patienten, bei denen die Behandlung mit einem EGFR-Inhibitor anfänglich erfolgreich war, sprechen dann nicht mehr auf die spezifischen Medikamente an. Daher ist hier eine weitere Biopsie vonnöten. Dies kann nun gewebeschonend durch das Liquid-Biopsy-Verfahren an einer Blutprobe sicher und effizient vorgenommen werden. Die Tumorheterogenität spielt bei der Diagnose und Therapie eine wichtige Rolle. Griesinger schilderte den Fall eines Patienten mit metastasiertem Adenokarzinom der Lunge, bei dem eine Doppelmutation vorlag. Nach der Erstdiagnose mit EGFR-Mutation und Resistenzentwicklung konnte mit Hilfe der NEOliquid-Technologie eine zusätzliche KRAS-Mutation detektiert werden. Diese Genveränderung wäre mit einer klassischen Gewebediagnostik nicht nachweisbar gewesen.

Gerade bei EGFR-Mutationen stellt sich in der Rezidivsituation die Frage: „Was ist die Veränderung, die wir therapeutisch angehen können?“, sagte Heukamp. Die traditionelle Analytik basiert auf unterschiedlichen Methoden, meist wird das Next Generation Sequencing (NGS)-basierte Multiplexverfahren zur Detektion von Genveränderungen angewendet, erklärte Heukamp. Standard ist hier die Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH). Dieses Verfahren ist sehr zeitintensiv und verbraucht viel Tumormaterial. Die Liquid-Biopsy-Technologie NEOliquid dagegen erfasst alle genetischen Veränderungen der DNA in Tumorzellen, die frei im Blut des Patienten zirkulieren, in einem einzigen Assay und benötigt somit deutlich weniger Probenmaterial als das herkömmliche Verfahren, erläuterte Heukamp. Ergebnisse sind schon nach 10-15 Arbeitstagen verfügbar. „Das große Highlight“ sieht er aber in dem aktuellen Abkommen mit der Barmer GEK, in der erstmals eine Kostenerstattung für die innovative Analytik vorgesehen ist. „Damit können wir die Versorgungssituation unserer Patienten enorm verbessern“, sagte er.
 

Abb. 1: Zielgerichtete Therapien verlängern Gesamtüberleben (OS) bei Patienten mit Adenokarzinom der Lunge (NSCLC) und Treibermutationen.
Abb. 1: Zielgerichtete Therapien verlängern Gesamtüberleben (OS) bei Patienten mit Adenokarzinom der Lunge (NSCLC) und Treibermutationen.


Lungennetzwerk verbessert Versorgung

Das Lungennetzwerk NOWEL, ein Zusammenschluss von Experten der Onkologie, Pneumologie und Pathologie, das die flächendeckende Versorgung von Lungenkrebspatienten sicherstellt, plant eine Ausweitung der diagnostischen Untersuchungen auf 5.400 Patienten pro Jahr. Die verbesserte Versorgung kommt den Patienten zugute, indem eine Stratifizierung für zielgerichtete Therapien möglich wird und der Patient in klinische Studien einbezogen werden kann, kommentierte Heukamp das Vorhaben. Auch wenn der NEOliquid-Bluttest die Erkennung aller therapeutisch relevanten genetischen Veränderungen einer Krebserkrankung in nur einer Blutprobe ermöglicht, ist das Verfahren nicht für eine Primärdiagnose von Krebserkrankungen geeignet, so Heukamp. „Es ist ein wichtiges und innovatives Instrument für Therapieentscheidungen bei einer vorliegenden und nachgewiesenen Krebsdiagnose“, waren sich beide Mediziner einig.

ghk

Quelle: Pressekonferenz Lungennetzwerk NOWEL „Wichtiger Fortschritt zur Verbesserung der Versorgung von Lungenkrebspatienten – Liquid Biopsy erstmals erstattungsfähig“, 20.05.2016, Berlin; Veranstalter: NEO New Oncology AG


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