Bonbons für die Wissenschaft
Dr. rer. nat. Karin Greulich-BodeMein Poster und ich, wir hatten eine klare Abmachung: Ich liefere die Daten, es liefert die Aufmerksamkeit. Dass diese Abmachung an einem einzigen Nachmittag gleich dreimal auf die Probe gestellt würde, ahnte ich nicht, als ich die Posterrolle unterm Arm zum Kongress trug.
Erste Hürde: das Format
Mein Poster war, wie sich das für ordentliche Ergebnisse gehört und in der Ausschreibung gefordert war, im Querformat gedruckt. Die Posterwand vor Ort war, wie sich das für Posterwände eigentlich auch gehört, im Hochformat gebaut. Ich stand davor wie jemand, der ein Bettlaken über einen zu schmalen Wäscheständer hängen will: An den Seiten blieb Stoff übrig, in der Mitte spannte sich alles. Am Ende hing meine Abbildung 3 in einer Höhe, die nur Menschen über 1,90 Meter oder mit sehr gutem Fernblick würdigen konnten. Ich habe mich damit getröstet, dass wenigstens die Klebestreifen hielten, was die Ausschreibung nicht versprochen hatte.
Zweite Hürde: die Wendeltreppe der Wissenschaft
Der eigentliche Postersaal – ich nenne ihn bewusst nicht beim Namen der Institution, aber jede und jeder, die schon mal dort war, wird ihn erkennen – bestand aus einem für Posterpräsentationen viel zu engen, spiralförmigen Gang, in dem die Poster wie Zeitungsseiten in einer Altpapiertonne aneinanderklebten. Als das Gutachterpanel für den Posterpreis kam, passte es nicht einmal vollständig vor die Poster, die es bewerten sollte. Drei honorige Kolleginnen und Kollegen kamen im Gänsemarsch an. Die drei versammelten sich eng aneinandergedrückt, einer davon mit dem Rücken fast an der gegenüberliegenden Wand, vor meinem Poster und versuchten, aus zwanzig Zentimetern Entfernung ein Balkendiagramm zu würdigen, das für die Betrachtung aus zwei Metern konzipiert war. Das riss auch Abbildung 3 nicht raus. Wissenschaftliche Exzellenz, bewertet im Format einer überfüllten U-Bahn zur Stoßzeit.
Dritte Hürde: die Konkurrenz
Manche Kolleginnen und Kollegen heften unten an ihr Poster kleine DIN-A4-Kopien – zum Mitnehmen, für die Nachhaltigkeit der eigenen Botschaft, sagen sie. Ich nenne das eher: eine Guten-Abend-Karte für Leute, die schon wieder weitergehen. Wer wirklich bleiben soll, braucht andere Mittel. Und hier kommt das Geständnis, das ich niemandem in der Fachwelt bislang gemacht habe: Ich habe einmal eine Schachtel Bonbons an meine Posterwand geheftet. Keine Studie, keine Statistik. Süßigkeiten. Und es hat funktioniert. Menschen, die an dreißig Postern mit p-Werten vorbeigelaufen waren, blieben bei mir stehen, griffen in die Schachtel, und manche lasen dabei sogar die Überschrift. Zwei oder drei haben sich am Ende tatsächlich für die Methodik interessiert. Ich werde nie erfahren, ob es an der Fragestellung lag oder an den Fruchtgummis.
Fazit einer Nachmittagsschicht
Nach zwei Stunden ging mein Poster zurück in die Rolle, unversehrt bis auf ein paar Eselsohren vom Hochformat-Kompromiss. Zurück blieb keine bahnbrechende Diskussion über Studiendesign, sondern die Erinnerung an eine Jury im Gänsemarsch und eine leere Bonbonschachtel. Vielleicht ist das die eigentliche, unausgesprochene Erkenntnis jedes Kongresses: Die besten Daten der Welt konkurrieren nicht mit den Daten am Nachbarposter. Sie konkurrieren mit dessen Süßigkeiten.