Mittwoch, 12. Mai 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
Vectibix
JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
25. Januar 2021

Goldschmidt: ASH-Highlights 2020 Multiples Myelom

Statement von Prof. Dr. med. Hartmut Goldschmidt, Leiter der Sektion Multiples Myelom, Medizinische Klinik V und Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg.
Das ASH-Meeting fand im Dezember 2020 erstmals vollständig virtuell statt. Die Vorträge und Poster-Präsentationen wurden intensiv durch ein breites Publikum verfolgt und diskutiert. Auf dem Gebiet der Myelomerkrankung wurde erneut vielfach über die Hochdosistherapie gefolgt von der autologen Blutstammzelltransplantation (HDT) berichtet. Dies überrascht ein wenig, da diese Form der Behandlung des Multiplen Myeloms (MM) fast 30 Jahre alt ist. Neue Medikamente verbessern zunehmend die Therapieresultate. Daher wurde in 3 Vorträgen über die Bedeutung der initialen HDT im Zeitalter der „new drugs“ informiert. In einem weiteren Vortrag wurde der Stellenwert einer zusätzlichen Therapie mit dem Anti-CD38-Antikörper Daratumumab im HDT-Setting betrachtet.
Anzeige:
Blenrep
Blenrep
Hartmut Goldschmidt
Hartmut
Goldschmidt
Aurore Perrot, Toulouse, Frankreich, präsentierte ein Update der Ergebnisse des IFM 2009 Trials der französischen Myelom-Studiengruppe (IFM) (1). In dieser Studie wurde eine frühe HDT gegenüber einer Transplantation im Rezidiv geprüft. Die Therapie mit Lenalidomid, Bortezomib und Dexamethason (RVd-Schema) + HDT zeigte mit 47,3 Monaten vs. 35 Monate ohne HDT einen signifikanten Benefit für die frühe Transplantation. 67,7% der Patienten ohne initiale HDT wurden im Rezidiv transplantiert. Bei einem Follow-up von 8 Jahren ist das mediane Gesamtüberleben (OS) noch nicht erreicht.

Michele Cavo, Bologna, Italien, berichtete über ein verlängertes OS durch eine frühe HDT innerhalb der randomisierten Phase-III-Studie EMN02/H095 (2). In dieser Studie wurde bei neudiagnostizierten Myelom-Patienten sowohl die frühe HDT als auch der Stellenwert der Konsolidierungstherapie untersucht. Das OS nach 5 Jahren betrug für die Patienten, welche mit früher HDT behandelt wurden, 75% vs. 69% ohne HDT (Abb. 1). Dies ist eine sehr wichtige Aussage, welche die Bedeutung der frühen HDT bestätigt. Aus der gleichen Studie berichtete Pieter Sonneveld, Rotterdam, Niederlande, über die Wertigkeit einer Konsolidierungstherapie mit VRD nach HDT. Die Konsolidierungstherapie verbesserte das progressionsfreie Überleben nach 5 Jahren (5-Jahres-PFS) (3). Die Toxizitätsraten dieser Therapieintensivierung wurden als akzeptabel eingeschätzt.
 
Abb. 1: Langzeit-Follow-up der EMN02/HO95-Studie: Hochdosistherapie mit anschließender autologer Stammzelltransplantation (ASCT) verbessert beim neudiagnostizierten MM gegenüber einer Bortezomib-basierten Konsolidierungstherapie (VMP) das Gesamtüberleben (mod. nach (2)).
Abb. 1: Langzeit-Follow-up der EMN02/HO95-Studie.


Francesca Gay, Turin, Italien, präsentierte die PFS-Überlebensanalyse einer Studie der GIMEMA, European Myeloma Network, welche die Kombination von Carfilzomib, Lenalidomid, Dexamethason (KRd) + HDT (KRd als Induktion und Konsolidierung) vs. Carfilzomib, Cyclophosphamid, Dexamethason + HDT (KCd ebenfalls Induktion und Konsolidierung) verglich (4). In einem dritten Therapiearm wurde eine Behandlung mit KRd ohne HDT analysiert. Das jetzige Update dieser Studie bestätigte die höchste Rate von MRD (minimale Resterkrankung)-Negativität nach KRd + HDT im Vergleich zu den beiden anderen Therapiearmen. Das PFS war in dem KRd + HDT-Arm am längsten. Das längere Follow-up dieser Studie zeigte hier einen positiven Zusammenhang einer hohen Rate von MRD-Negativität mit einem verlängerten PFS.

Gregory P. Kaufman, Houston, USA, berichtete über ein Update der GRIFFIN-Studie (5). In dieser Studie wurden die fitten Patienten mit RVd +/- Daratumumab behandelt. Nach dieser randomisierten Induktionstherapie folgte eine HDT. Anschließend wurde mit RVd +/- Daratumumab konsolidiert. In der Erhaltungstherapie verglich man die Standardbehandlung mit Lenalidomid vs. eine Therapie mit Lenalidomid + Daratumumab im experimentellen Arm. Es zeigte sich ein besseres Ansprechen durch die Zugabe des monoklonalen Antikörpers Daratumumab, welcher gegen das Zielantigen CD38 gerichtet ist. Die MRD-Negativität wurde durch die Addition des Antikörpers sowohl nach dem Ende der Konsolidierung und nach 12 Monaten Erhaltungstherapie signifikant erhöht. Ein weiteres Follow-up der Studie ist notwendig. Es wird erwartet, dass die MRD-Negativität zu einem längeren PFS führt.

Auf dem Gebiet der Rezidivtherapie wurden mit Spannung die Ergebnisse der APOLLO-Studie erwartet. Meletios A. Dimopoulos und Evangelos Terpos, Athen, Griechenland, stellten die Ergebnisse der randomisierten Phase-III-Studie vor, welche die subkutane Therapie mit Daratumumab + Pomalidomid und Dexamethason (D-Pd) mit einer Therapie aus Pd bei Patienten mit r/r MM verglich (6). In diese Studie wurden 304 Patienten aufgenommen und randomisiert. Das mediane PFS von 6,9 Monaten konnte durch die zusätzliche Therapie mit Daratumumab auf 12,4 Monate verlängert werden. Auch die Remissionsraten wurden durch die Zugabe des Antikörpers signifikant erhöht. Aussagen zum OS waren noch nicht möglich, da das Follow-up zu kurz ist. Die Therapie mit Pd ist ein neues, wichtiges Regime zur Behandlung von r/r MM-Patienten.

Alexandra M. Poos, Heidelberg, zeigte die Ergebnisse einer umfassenden Analyse von Myelomzellen von Patienten mit frühem Rückfall und fortgeschrittenem, refraktärem Myelom (7). Die Myelomzellen wurden u.a. hinsichtlich Mutationssignaturen, Genexpression und klonaler Strukturen analysiert. Patienten, die mit Hochdosis-Melphalan behandelt wurden, hatten eine typische Signatur. Vermutlich hat die HDT einen langfristigen Einfluss auf die Evolution des Myelomklons.

Über die Immunonkologie und personalisierte Therapie von MM-Patienten gab es viele interessante Vorträge. Niels van de Donk, Amsterdam, Niederlande, berichtete über erste Ergebnisse eines neuen CELMoD-Wirkstoffs, dem Iberdomid, in Kombination mit Dexamethason und Daratumumab oder Bortezomib (8). In dieser Phase-I/II-Studie wurde die Iberdomid-Dosis erhöht. In den beiden Patientenkohorten wurden 40 Patienten behandelt. Die häufigste Nebenwirkung war die hämatologische Toxizität, welche auch zu einer erhöhten Rate von Neutropenie-bedingten Infektionen führte. Eine Kontrolle der Krankheit wurde bei über 80% der Patienten erreicht. Diese vielversprechende klinische Aktivität, selbst nach Vorbehandlung mit IMiDs, Proteasom-Inhibitoren und Anti-CD38-Antikörpern, ist mit einer guten Verträglichkeit kombiniert.

Alfred L. Garfall, Philadelphia, USA, präsentierte Daten zu einem bispezifischen Antikörper, welcher gegen BCMA und CD3 gerichtet ist (9). So können Myelomzellen durch aktivierte T-Zellen abgetötet werden. In der Phase-I/II-Studie mit Teclistamab zeigte sich ein sehr gutes Ansprechen. Es wurden dauerhafte und MRD-negative Remissionen induziert. Wichtig ist, dass dieser bispezifische Antikörper subkutan appliziert werden kann und die Toxizität als akzeptabel eingeschätzt wird.

Marc S. Raab, Heidelberg, zeigte Ergebnisse der Phase-II-Therapiestudie BIRMA, welche die Sicherheit und Wirksamkeit einer kombinierten BRAF/MEK-Inhibition bei r/r MM-Patienten mit einer BRAF-V600E-Mutation untersuchte (10). 15 Patienten wurden in die Studie eingeschlossen und mit dem BRAF-Inhibitor Encorafenib und dem MEK-Inhibitor Binimetinib behandelt (Abb. 2). Die Myelomzellen der Patienten wurden ausführlich molekularbiologisch charakterisiert. Die Zahl der vorangegangenen Therapien war im Median 5. Das Ansprechen von mindestens partieller Remission war bei 9 von 11 Patienten gegeben. Die Remissionen traten überwiegend bereits nach dem 1. Zyklus auf. Bei den Nebenwirkungen dieser Medikamentenkombination waren Hämatotoxizität und Hypertonie führend. Dies war auch so erwartet worden. Es traten keine Sicherheitsbedenken bei hoher Effektivität auf.
 
Abb. 2: BIRMA-Studie (mod. nach (10)).
Abb. 2: BIRMA-Studie (mod. nach (10)).


Yi Lin, Rochester, USA, gab ein Update der CAR-T-Zell-Studie bb2121 (Idecaptagen-Vicleucel) (11). Ide-Cel wurde hinsichtlich Effektivität und Toxizität erneut analysiert. Erfreulicherweise zeigte sich bei einem längeren Follow-up weiterhin ein günstiges Nutzenprofil. Die hohen Remissionsraten bei der Therapie mit mehr als > 150 x 106 CAR-T-Zellen konnten bei schwer vorbehandelten Patienten erreicht werden.

Hua Jiang, Shanghai, China, stellte Erstergebnisse einer dualen CAR-T-Zell-Therapie, die gegen BCMA und CD19 gerichtet ist, vor (12). Durch diese Kombination sollen reife Myelomzellen und ihre Vorläufer, welche CD19-positiv sind, zeitgleich angegriffen werden. Bei einer noch kleinen Patientenzahl von 16 behandelten Patienten zeigt sich eine sehr hohe Ansprechrate. Ein längeres Follow-up dieser vielversprechenden Therapie ist notwendig.

Adam D. Cohen, Philadelphia, USA, berichtete über die klinische Aktivität eines neuen bispezifischen Antikörpers (13). Dieser Antikörper BFCR4350A ist gegen CD3 auf T-Zellen und gegen das Membranprotein FcRH5 (Fc-Rezeptor-Homolog 5), welches auf B-Zellen sowie Plasma-/Myelomzellen exprimiert wird, gerichtet. Durch diesen bispezifischen Antikörper werden T-Zellen an B-Zellen und Plasma-/Myelomzellen gebunden. Diese Interaktion führt zu einer Zerstörung der B-Zellen und Plasma-/Myelomzellen. Bisher wurden 51 Patienten in einer Phase-I/II-Studie behandelt. Vorangegangen waren im Median 6 Behandlungsregime. Dieser neue bispezifische Antikörper zeigte eine hohe klinische Aktivität. Besonders hervorzuheben ist, dass die Behandlung mit BFCR4350A bei schwer vorbehandelten Myelom-Patienten eine vielversprechende Therapieoption und tiefe und dauerhafte Antworten auch nach einer Therapie mit Wirkstoffen, die gegen das BCMA-Antigen gerichtet sind, darstellt.

Suzanne Trudel, Toronto, Kanada, zeigte vielversprechende Ergebnisse zur Therapie mit Belantamab-Mafodotin in Kombination mit Pomalidomid. In dieser Phase-I-Studie wurde Belantamab-Mafodotin gesteigert (14). Es zeigte sich eine vielversprechende Wirksamkeit und ein akzeptables Sicherheitsprofil.

Die Ergebnisse all dieser neuen immunonkologischen Therapien belegen übereinstimmend eine signifikante Zunahme von tiefen Remissionen. Das Monitoring von MRD-Negativität ist zu einem Standard in diesen Studien geworden. Trotz all dieser spannenden Entwicklungen sind neue Substanzen in Kombination mit der HDT immer noch die effektivste Therapie für neudiagnostizierte Myelom-Patienten.
Literatur:

(1) ASH-Vortrag 143 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper134538.html)
(2) ASH-Vortrag 142 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper137575.html)
(3) ASH-Vortrag 550 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper139337.html)
(4) ASH-Vortrag 141 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper136907.html)
(5) ASH-Vortrag 549 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper137109.html)
(6) ASH-Vortrag 412 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper135874.html)
(7) ASH-Vortrag 607 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper141611.html)
(8) ASH-Vortrag 724 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper137743.html)
(9) ASH-Vortrag 180 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper138831.html)
(10) ASH-Vortrag 294 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper142600.html)
(11) ASH-Vortrag 131 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper134324.html)
(12) ASH-Vortrag 178 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper138614.html)
(13) ASH-Vortrag 292 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper136985.html)
(14) ASH-Vortrag 725 (https://ash.confex.com/ash/2020/webprogram/Paper134836.html)


Das könnte Sie auch interessieren

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Goldschmidt: ASH-Highlights 2020 Multiples Myelom"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.