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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

24. Februar 2020 Gastrointestinale Stromatumoren: Therapie bei disseminierter Erkrankung

P. Reichardt, Helios Klinikum Berlin-Buch, Sarkomzentrum Berlin-Brandenburg.

Gastrointestinale Stromatumoren (GIST) sind seltene Tumoren, die im gesamten Magen-Darm-Trakt auftreten können und zur Gruppe der Weichteilsarkome gehören. Bei fortgeschrittenen GIST ist Imatinib in einer Dosierung von 400 mg pro Tag als Therapie der Wahl etabliert. Patienten mit Exon-9-Mutation sollten mit 800 mg Imatinib pro Tag behandelt werden. Bei Auftreten einer Imatinib-Resistenz oder Unverträglichkeit ist aktuell die Therapie mit Sunitinib der empfohlene Zweitlinienstandard. Mit Regorafenib steht eine wirksame Drittlinientherapie zur Verfügung. Weitere Substanzen wie Nilotinib, Pazopanib, Ponatinib und Cabozantinib wurden in Studien untersucht. Große vielversprechende Zulassungsstudien laufen mit Ripretinib und Avapritinib.
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Erstlinientherapie mit Imatinib
 
Imatinib ist die empfohlene Therapie der Wahl in der Erstlinienbehandlung bei metastasierten GIST. Bereits die ersten klinischen Studien bestätigten mit objektiven Ansprechraten von 50-60% und einer klinischen Tumorkontrolle bei über 80% der Patienten eindrucksvoll die Wirksamkeit von Imatinib (1). Das mediane progressionsfreie Überleben (mPFS) liegt unter Imatinib bei 24 Monaten und das mediane Gesamtüberleben (mOS) bei knapp 5 Jahren (2). Aktuelle Langzeitdaten aus der amerikanischen SWOG S0033-Studie und der EORTC 62005-Studie zeigen eine 10-Jahres-OS-Rate von über 20% (3, 4). Auf Grundlage der beiden großen Phase-III-Studien EORTC-62005 und S0033, die 400 mg mit 800 mg Imatinib verglichen haben, beträgt bei fortgeschrittenen GIST die Standarddosierung von Imatinib 400 mg pro Tag. Für Patienten mit der weniger sensitiven Exon-9-Mutation wird eine Dosiserhöhung auf + empfohlen, da dieser Genotyp gemäß einer Metaanalyse der beiden Phase-III-Studien unter der höheren Dosierung eine höhere Remissionsrate und ein längeres rezidivfreies Überleben erreicht (5). Zur besseren Verträglichkeit soll die Dosissteigerung auf 800 mg in mehreren Schritten erfolgen. Eine Therapie mit Imatinib sollte kontinuierlich bis zum Auftreten einer Progression oder Unverträglichkeit erfolgen. Eine Unterbrechung der Therapie bei Erreichen eines Ansprechens ist zu vermeiden, da es in den meisten Fällen schon nach relativ kurzer Zeit zur Progression kommt. In der französischen BFR14-Studie erlitten 81% der GIST-Patienten, die nach initialem Ansprechen auf Imatinib die Therapie nach einem Jahr beendet hatten, einen Progress; die Hälfte bereits innerhalb von 6 Monaten nach Imatinib-Beendigung (6). Obschon die meisten dieser Patienten auf eine Imatinib-Reinduktion ansprachen, wird eine Therapieunterbrechung in der klinischen Praxis nicht empfohlen; auch nicht bei kompletter Remission oder nach vollständiger Resektion eines Resttumorgewebes.
 

Therapieoptionen bei Progress unter Imatinib
 
Bei einer Tumorprogression unter TKI-Therapie ist zwischen einem lokalisierten Progress aufgrund einer fokalen Resistenz (Größenzunahme einzelner Herde, Phänomen der „Läsion in einer Läsion“ oder Neuauftreten einer Metastase) und einem generalisierten Progress aufgrund einer multifokalen Resistenz vieler oder aller Manifestationen zu unterscheiden. Die häufigste Ursache für eine Imatinib-Resistenz bei GIST sind aktivierende Sekundärmutationen im c-KIT. Zudem können auch zu niedrige Imatinib-Spiegel aufgrund einer schlechten Adhärenz oder Arzneimittelinteraktion mit einer Begleitmedikation zum Progress führen. Dies muss deshalb vor einer eventuellen Therapieumstellung abgeklärt werden.

Bei fokaler Resistenz können die einzelnen Läsionen ggf. reseziert oder durch lokale Verfahren wie Radiofrequenzablation oder Embolisation kurativ behandelt werden, wobei die Imatinib-Therapie nach dem Eingriff unbedingt fortgesetzt werden sollte, da der größere Teil der Tumorläsionen weiter durch Imatinib kontrolliert wird. Im Falle einer generalisierten oder nicht lokal behandelbaren Progression kann eine schrittweise Dosissteigerung von 400 mg auf 800 mg Imatinib pro Tag versucht werden. Bei etwa einem Drittel der Patienten kann damit eine zeitweilige Krankheitsstabilisierung erreicht werden (7). Allerdings profitieren nur 7% der Patienten mit der häufigsten GIST-Mutation im Exon 11 von einer Imatinib-Dosissteigerung (8). Kommt es darunter zu keinem raschen Ansprechen bzw. zu weiterem Tumorwachstum, sollte eine Umstellung auf Sunitinib erfolgen.

 
Zweitlinientherapie mit Sunitinib
 
Sunitinib ist seit Juli 2006 auf Basis der SUN 1004-Studie (9) für Patienten mit fortgeschrittenen oder metastasierten GIST nach Resistenz oder Unverträglichkeit gegenüber Imatinib in Europa verfügbar und stellt den von den Leitlinien empfohlenen Zweitlinienstandard dar. Der Multikinase-Inhibitor hemmt die Aktivität der Rezeptorkinasen c-KIT, PDGFRA und PDGFRB, VEGFR 1-3, FLT-3, CSF sowie RET, und damit das Tumorwachstum, die Tumorangiogenese und die Metastasenbildung. Als Hauptwirkung von Sunitinib bei GIST wird die Apoptose-Induktion der Tumorzelle über den c-KIT-Signalweg postuliert. In der internationalen Zulassungsstudie SUN 1004 mit 312 Patienten bestand bereits in der ersten geplanten Zwischenanalyse eine signifikante Überlegenheit von Sunitinib, was sich in einer signifikanten Verlängerung der medianen Zeit bis zur Progression um ca. 4,8 Monate gegenüber Placebo (27,3 vs. 6,4 Wochen; HR=0,33; p<0,0001) und einer signifikant höheren Remissionsrate (7% vs. 0%; p=0,006) niederschlug (9). Die Studie wurde somit frühzeitig entblindet und alle Patienten im Placebo-Arm konnten zu Sunitinib wechseln, was bei 80% der Patienten erfolgte. Trotz der hohen Crossover-Rate ergab sich in der finalen Überlebenszeitanalyse ein numerischer Vorteil von Sunitinib (72,7 vs. 64,9 Wochen, HR=0,876; p=0,306). Wenn man den Crossover-Effekt mit Hilfe der RPSFT-Methode berücksichtigt, dann ergibt sich in der bereinigten finalen Überlebenszeitanalyse ein noch deutlicherer numerischer Vorteil für Sunitinib (16,7 vs. 9 Monate; HR=0,505; p=0,306) (10).
 
Die in der Zulassungsstudie nachgewiesene Wirksamkeit von Sunitinib wurde durch die weltweite Treatment-use-Studie (11) mit 1.124 Imatinib-refraktären GIST-Patienten im Versorgungsalltag bestätigt. Hier betrug für Sunitinib das PFS 8,3 Monate und das mOS 16,6 Monate. Die mediane Behandlungsdauer lag bei 7 Monaten, 32% der Patienten wurden über ein Jahr mit Sunitinib behandelt. Im Rahmen der Studie wurde auch eine weitere OS-Verbesserung erreicht, sowohl durch eine flexible, patientenindividuelle Dosierung bei Unverträglichkeit als auch durch eine Fortführung der Sunitinib-Therapie bei dokumentierter Progression, solange der Patient weiterhin klinisch profitiert. Gegenüber strikt im 4/2-Schema ohne Dosisanpassung behandelten Patienten war bei Patienten mit flexiblem Dosierungsregime aufgrund der besseren Verträglichkeit eine längere Behandlungsdauer möglich, wodurch eine deutlich längere mediane Zeit bis zum Progress (12,7 vs. 5,2 Monate) und ein mehr als verdoppeltes mOS (23,5 vs. 11,1 Monate) resultierte (11). Unter Fortführung der Therapie trotz radiologisch bestätigten Progresses betrug das mOS 22,8 Monate gegenüber 13,2 Monaten bei Beendigung der Therapie (11).

Bezüglich des Genotyps profitieren Patienten mit allen häufigen Primärmutationen von Sunitinib, wobei Patienten mit Exon-9-Mutation und Wildtyp besser auf Sunitinib ansprechen als Patienten mit Exon-11-Mutation (11,13). In einer Phase-I/II-Studie betrug das mPFS bei Mutation in Exon 9 und Wildtyp 19,4 Monate (p=0,0005) bzw. 19 Monate (p=0,035) vs. 5,1 Monate bei Exon-11-Mutation; das entsprechende mOS lag bei 26,9 Monaten (p=0,012) bzw. 30,5 Monaten (p=0,013) vs. 12,3 Monaten (12). Auch in der Treatment-use-Studie waren das PFS und OS bei mutiertem Exon 9 sig-nifikant länger als bei mutiertem Exon 11 (PFS: 12,3 vs. 7 Monate; OS: 26,3 vs. 16,3 Monate) (13). Bei den unter Imatinib entstandenen Sekundärmutationen zeigte Sunitinib eine Wirksamkeit bei Mutationen in Exon 13 oder 14 (ATP-Bindungsdomäne). Dagegen sind Mutationen in Exon 17 oder 18 (Aktivierungsdomäne) gegenüber Sunitinib resistent, da Sunitinib nur an die inaktive Form von c-KIT bindet (12). Analog zu Imatinib gilt die PDGFR D842V-Mutation als Sunitinib-resistent.
 

Drittlinientherapie mit Regorafenib
 
Seit Juli 2014 ist auch Regorafenib auf Grundlage der GRID-Studie nach Versagen oder Unverträglichkeit gegenüber Imatinib und Sunitinib in Europa zugelassen. Der Wirkstoff wurde allerdings im April 2016 vom Hersteller vom deutschen Markt genommen, kann aber zur Versorgung der GIST-Patienten über das europäische Ausland bezogen werden. Regorafenib ist ein Multikinase-Inhibitor mit einem hemmenden Effekt auf das Tumorwachstum (c-KIT, RET, RAF-1, BRAF, BRAFV600E), die Tumorangiogenese (VEGFR 1-3, TIE2) und die Metastasenbildung (PDGFR-B, FGFR). In der Zulassungsstudie mit 199 Patienten war das mPFS durch Regorafenib signifikant auf 4,8 Monate gegenüber 0,9 Monaten unter Placebo verlängert (HR=0,27; p<0,0001) (14). Nach 3 bzw. 6 Monaten waren im Regorafenib-Arm noch 60% bzw. 38% der Patienten ohne Progress gegenüber 11% bzw. 0% im Placebo-Arm. Für die Gesamtüberlebenszeit zeigte sich aufgrund der hohen Crossover-Rate von 84,8% im Placebo-Arm kein signifikanter Unterschied.
 

Rechallenge mit Imatinib
 
In einer südkoreanischen Phase-III-Studie (RIGHT-Studie) konnte im Drittliniensetting durch die erneute Therapie mit Imatinib bei 32% der Patienten wiederum eine Stabilisierung ≥ 12 Wochen erreicht werden (15). Das progressionsfreie Intervall betrug im Median 1,8 Monate vs. 0,9 Monate unter Placebo (HR=0,46; p=0,005). Im OS ergab sich aufgrund eines Crossovers von 93% kein Unterschied. Somit dürften auch bei therapierefraktären GIST noch Imatinib-sensitive Tumorzellklone vorhanden sein.
 

Nilotinib
 
In einer großen internationalen Phase-III-Studie wurde der BCR-ABL-Tyrosinkinase-Inhibitor (TKI) Nilotinib in der Drittlinie nach Imatinib- und Sunitinib-Versagen oder bei Intoleranz untersucht. Die Patienten wurden 2:1 randomisiert in einen Nilotinib-Arm vs. einen Kontroll-Arm, in dem Imatinib, Sunitinib oder „best supportive care“ nach Entscheidung des behandelnden Arztes möglich waren. Primärer Endpunkt war das PFS nach RECIST gemäß einem unabhängigen Review. 248 Patienten wurden in die Studie eingeschlossen. Das Ergebnis der Studie war negativ. Das PFS zeigte keinen signifikanten Unterschied zwischen beiden Armen. Auch der OS-Unterschied war mit 332 Tagen vs. 280 Tage im Nilotinib- bzw. Kontroll-Arm nicht signifikant (p=0,29) (16).
 
In einer weiteren Phase-III-Studie wurden Nilotinib und Imatinib in einer 1:1-Randomisierung in der Erstlinientherapie fortgeschrittener oder metastasierter GIST verglichen. Aufgrund des Ergebnisses der geplanten Interimsanalyse wurde die Studie bei 647 eingeschlossenen Patienten vorzeitig beendet, da sich sowohl für das PFS, als auch für das OS eine Überlegenheit von Imatinib ergab (17).

 
Pazopanib
 
Der Multikinase-Inhibitor Pazopanib (KIT, PDGFR und VEGF 1-3) ist für die Rezidivtherapie von fortgeschrittenen Weichteilsarkomen (außer Liposarkomen) zugelassen. Als KIT-Inhibitor wurde Pazopanib auch in zwei Studien bei fortgeschrittenen, therapierefraktären GIST untersucht. In der skandinavisch-deutschen Phase-II-Studie PAGIST wurde bei 72 Patienten, die mit Imatinib und Sunitinib vorbehandelt waren eine Disease-control-Rate (DCR) von 50% nach 12 Wochen erreicht. Zwei Patienten erreichten eine partielle Remission, das mediane progressionsfreie Überleben lag bei 19,6 Wochen (18).
 
Die französische randomisierte Phase-II-Studie PAZOGIST verglich Pazopanib mit Placebo bei 81 Patienten, die mindestens Imatinib und Sunitinib erhalten hatten. Regorafenib war zu diesem Zeitpunkt noch nicht verfügbar. Die PFS-Rate nach 4 Monaten lag für Pazopanib bei 44,3% und für Placebo bei 17,6% (HR=0,70; p=0,12). Eine wichtige Beobachtung war die Tatsache, dass Patienten, die eine Gastrektomie erhalten hatten, relevant niedrigere Pazopanib-Blutspiegel erreichten. In der Post-hoc-Analyse zeigte sich für Patienten ohne vorausgegangene Gastrektomie ein signifikanter Vorteil für Pazopanib im PFS (HR=0,38) (19).
 

Ponatinib
 
Ponatinib, ein Multikinase-Inhibitor, der als BCR-ABL-Hemmer bei vorbehandelter CML zugelassen ist, zeigte auch als c-KIT-Inhibitor in einer präklinischen Studie bei GIST mit primärer Exon-11-Mutation sowie bei der bislang therapierefraktären c-KIT-D816H-Sekundärmutation in Exon 17 eine hohe Wirksamkeit (20). Dies bestätigte sich in einer Phase-II-Studie, in der 45 stark vorbehandelte GIST-Patienten mit 45 mg/d Ponatinib behandelt wurden (21). In der Gruppe mit Exon-11-Mutation (n=30) zeigten 37% der Patienten einen klinischen Nutzen und 7% ein objektives Ansprechen. Das mPFS und OS lagen bei 4,3 Monaten und 15 Monaten. In der Gruppe mit anderen c-KIT-Mutationen (n=15) bestand eine geringere Wirksamkeit (klinischer Nutzen: 14%; objektives Ansprechen 0%; mPFS und mOS: 2 bzw. 13,5 Monate). Infolge der besseren Verträglichkeit von 30 mg/d bei Patienten mit chronischer myeloischer Leukämie prüft derzeit die POETIG-Studie die Wirksamkeit von Ponatinib in dieser Dosierung bei metastasierten GIST in der Zweitlinie (nach Imatinib) und Viertline (nach Imatinib, Sunitinib, Regorafenib) (22).


Cabozantinib
 
Cabozantinib, ein oraler Inhibitor von KIT, MET, AXL und VEGFR2 wurde in einer EORTC-Studie mit 50 Patienten untersucht. Alle Patienten hatten vorab Imatinib und Sunitinib erhalten, weitere TKIs waren in der Vorbehandlung nicht erlaubt. Die Ansprechrate lag bei 14%. Nach 12 Wochen waren 58,5% der Patienten progressionsfrei, das mPFS lag bei 6 Monaten. Das mOS wurde mit 14,4 Monaten angegeben (23).
 

Ripretinib
 
Ripretinib (DCC-2618) ist ein neuartiger Tyrosinkinase-Switch-Control-Inhibitor, der als pan-KIT/PDGFRA-Inhibitor unabhängig von der Art der jeweiligen Mutation wirkt und somit auch bei Resistenzmutationen wirksam ist. In einer Phase-I-Studie bei stark vorbehandelten GIST-Patienten mit einer Reihe von TKI-resistenten Mutationen zeigte sich bei einer Dosis > 100 mg pro Tag eine beachtliche Aktivität mit einer DCR von 76% nach 12 Wochen und 57% nach 24 Wochen. Das mPFS war zum Zeitpunkt der Analyse noch nicht erreicht (24). Aufgrund dieser ermutigenden Daten wurde eine internationale, randomisierte, Placebo-kontrollierte Phase-III-Studie (INVICTUS) in der vierten oder späteren Therapielinie durchgeführt. 120 Patienten wurden 2:1 randomisiert und erhielten 150 mg Ripretinib oder Placebo. Ein Crossover bei Progress unter Placebo war erlaubt. Der primäre Endpunkt war das PFS. Am 13. August 2019 wurde in einer Pressemitteilung ein positives Studienergebnis bekanntgegeben und die detaillierten Daten auf dem ESMO-Kongress 2019 vorgestellt: Das PFS war unter Ripretinib mit 6,3 Monaten gegenüber 1,0 Monaten unter Placebo hochsignifikant verlängert (p<0,0001) (25). Die Ansprechrate betrug 9,4% unter Ripretinib bzw. 0% bei Placebo. Das mOS lag bei 15,1 Monaten unter Ripretinib, 11,6 Monaten für die Patienten, bei denen ein Crossover erfolgt war und 1,8 Monaten für Patienten ohne Crossover. Die Verträglichkeit war insgesamt gut und die Rate an Grad-3/4-Nebenwirkungen gering. Aktuell läuft eine randomisierte Phase-III-Studie zum Vergleich von Ripretinib mit Sunitinib in der Zweitlinientherapie (INTRIGUE) (26).
 

Crenolanib
 
Crenolanib ist ein potenter Inhibitor des PDGFRA, einschließlich der bei GIST beobachteten Imatinib-resistenten D842V-Mutation. Aufgrund einer sehr hohen inhibitorischen Aktivität im Zellkulturmodell (27) wurde eine Phase-I/II-Studie bei vorbehandelten Patienten mit D842V-Mutation durchgeführt, die einen klinischen Benefit bei 5 von 16 auswertbaren Patienten zeigte (28). Aktuell läuft eine internationale, randomisierte, Placebo-kontrollierte Phase-III-Studie (CrenoGIST) (29).


Avapritinib
 
Avapritinib (BLU-285) ist ein hochpotenter, selektiver c-KIT/PDGFRA-Inhibitor, der speziell für den Einsatz bei Exon-17/18-Mutationen entwickelt wurde. In der ersten Phase-I-Studie (NAVIGATOR) zeigte sich mit 86% Ansprechrate eine exorbitant hohe Aktivität bei der multiresistenten PDGFRA-Exon-18-D842V-Mutation. 95% der Patienten zeigten eine Tumorverkleinerung. In der Erstlinie lag die Rate an kompletten Remissionen bei 40%. Die PFS-Rate nach 12 Monaten lag bei 74%, das OS nach 12 Monaten bei 90%. In der Studie wurden auch Patienten mit anderen Mutationen in der Viertlinientherapie (und später) untersucht. Hier lag die Ansprechrate bei 22%, das mPFS bei 3,7 Monaten und das OS bei 12,3 Monaten (30). Aufgrund dieser Ergebnisse wurde eine randomisierte Phase-III-Studie mit 460 Patienten zum Vergleich von Avapritinib mit Regorafenib in der Drittlinientherapie durchgeführt (VOYAGER) (31). Die Rekrutierung ist abgeschlossen, Ergebnisse stehen noch aus.
 

Zusammenfassung
 
Imatinib bleibt auch weiterhin die Therapie der ersten Wahl bei fortgeschrittenen und metastasierten GIST. Die Dosierung liegt bei 400 mg pro Tag für alle Mutationen außer Exon 9, wo 800 mg pro Tag empfohlen wird. Die Therapie erfolgt bis zum nachgewiesenen Progress oder – sehr selten – Intoleranz gegenüber Imatinib. In der Zweitlinie ist derzeit noch Sunitinib der etablierte Standard. Wichtig ist hier eine individualisierte Therapiesteuerung. In der Drittlinie ist Regorafenib als einzige Therapie zugelassen.
 
Weitere Substanzen wie Pazopanib und Cabozantinib wurden nach Versagen von Imatinib und Sunitinib untersucht und zeigten eine mit Regorafenib vergleichbare Aktivität.
 
Von besonderem Interesse sind Ripretinib und Avapritinib, die beide in großen Phase-III-Studien untersucht wurden. In der INVICTUS-Studie zeigte Ripretinib eine hochsignifikante Verbesserung des progressionsfreien Überlebens gegenüber Placebo bei intensiv vorbehandelten Patienten. Das Ergebnis war mit 6,3 Monaten vergleichbar mit der Aktivität von Sunitinib in der Zweitlinie und besser als Regorafenib in der Drittlinie. Aktuell läuft eine randomisierte Studie in der Zweitlinie. Avapritinib zeigte mit 95% Tumorverkleinerung eine exorbitante Aktivität bei der multiresistenten PDGFRA-D842V-Mutation. Auch in der Viertlinie wurde eine gute Aktivität beschrieben. Eine randomisierte Studie in der Drittlinie ist abgeschlossen.
 
Die ausstehenden Ergebnisse der laufenden oder abgeschlossenen Studien in der Zweit- und Drittlinie lassen eine Änderung der aktuell noch geltenden Therapiesequenz erwarten.
 
Bei GIST insgesamt sehr selten, jedoch etwas häufiger bei quadrupel-negativen GIST (kein Nachweis einer Mutation in KIT, PDGFRA und BRAF, kein Nachweis einer SDH-Defizienz) finden sich NTRK-Fusionen. Entsprechende Tumoren zeigen eine sehr hohe Ansprechrate auf selektive NTRK-Inhibitoren wie Larotrectinib und Entrectinib.
 
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Peter Reichardt PD Dr. med. Peter Reichardt
 
Helios Klinikum Berlin-Buch
Klinik für Onkologie und Palliativmedizin
Sarkomzentrum Berlin-Brandenburg
Schwanebecker Chaussee 50
13125 Berlin
 
E-Mail: peter.reichardt@helios-gesundheit.de





 
ABSTRACT

P. Reichardt, Helios Klinikum Berlin-Buch, Sarkomzentrum Berlin-Brandenburg.
 

Gastrointestinal stromal tumors (GIST) are rare gastrointestinal tumors that belong to the group of soft tissue sarcomas. Imatinib at a dose of 400 mg per day is the gold standard for advanced disease. In case of an exon 9 mutation, the recommended dose is 800 mg per day. In imatinib refractory disease or intolerance to imatinib, sunitinib is currently the treatment of choice. Regorafenib is available for third-line therapy. Nilotinib, pazopanib, ponatinib and cabozantinib have been evaluated in clinical trials. Large international randomized phase-III-studies are under way for ripretinib and avapritinib.
 

Keywords: GIST, soft tissue sarcomas, imatinib refractory disease, trials

Literatur:

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  • Pembrolizumab + Lenvatinib: Vielversprechende Ansprechraten bei vorbehandelten fortgeschrittenen Tumoren
  • HNSCC: Pembrolizumab als Monotherapie und als Partner einer Platin-basierten Chemotherapie erfolgreich in der Erstlinie
  • Ösophaguskarzinom: Relevante OS- und PFS-Verlängerung durch Pembrolizumab + Chemotherapie in der Erstlinie
  • 5-Jahres-Daten der KEYNOTE-024-Studie bestätigen deutliche Überlegenheit für Pembrolizumab mono vs. Chemotherapie beim NSCLC mit hoher PD-L1-Expression
  • Neuer Anti-ILT4-Antikörper zeigt in Kombination mit Pembrolizumab erste vielversprechende Ergebnisse bei fortgeschrittenen Tumoren
  • Adjuvante Therapie mit Pembrolizumab verlängert auch das fernmetastasenfreie Überleben bei komplett resezierten Hochrisiko-Melanomen im Stadium III
  • HIF-2α-Inhibitor MK-6482 beim Von-Hippel-Lindau-Syndrom: Vielversprechende Wirksamkeit auch bei Nicht-RCC-Läsionen
  • Neuer Checkpoint-Inhibitor: Vielversprechende erste Studiendaten für Anti-TIGIT-Antikörper Vibostolimab in Kombination mit Pembrolizumab