Montag, 21. September 2020
Navigation öffnen
Anzeige:

JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

16. Dezember 2019
Seite 1/4
Nebenwirkungen der Tumortherapie im Mund – was könnte noch helfen?

Komplementäre Behandlungsansätze vor und während der Tumortherapie

J. Büntzel1, C. Bauer2, J. Büntzel3, O. Micke4. 1Klinik für HNO-Erkrankungen, Kopf-Hals-Chirurgie, Südharz-Klinikum Nordhausen, 2Medizinische Klinik III, Klinikum Fulda, 3Klinik für Hämatologie, medizinische Onkologie, Universitätsklinikum Göttingen, 4Klinik für Strahlentherapie, Franziskus-Hospital Bielefeld.

Chirurgie, Bestrahlung und systemische Tumortherapie führen bei vielen Patienten zu einer Dysphagie. Ursache hierfür sind entzündliche Schleimhautveränderungen im oberen Aerodigestivtrakt sowie eine oft langanhaltende Mundtrockenheit. In Ergänzung zur aktuellen Leitlinie Supportivmedizin beschreiben wir die etablierten Verfahren der Komplementärmedizin. Wir ergänzen diese durch phytotherapeutische Hinweise aus der traditionellen europäischen Medizin. Honig und Mundspülungen mit Kamille haben einen gesicherten positiven Einfluss auf die oropharyngeale Mukositis/Stomatitis. Akupunktur kann zur Behandlung einer Xerostomie nach Bestrahlung angewendet werden. Zink, Selen und Alpha-Liponsäure gelten als Substanzen, die man zur Behandlung des Geschmacksverlustes probieren sollte. Ayurveda und Aloe vera haben in der komplementären Zahnbehandlung eine gewisse Bedeutung erlangt. In der Behandlung der radiogenen Ösophagitis liegen positive Ergebnisse aus kontrollierten Untersuchungen zu Javanica-Ölemulsionen und Kushen vor. Beispiele für phytotherapeutische Ergänzungen sind: Salbeitee bei Mukositis, Ingwerscheiben bei Xerostomie, Schafgarbe-Zubereitungen bei Schmeckstörungen, Blutwurz-Myrrhentinktur bei Aphthen und frisch gepresster Kartoffelsaft bei Ösophagitis. Zu all diesen Heilmitteln gibt es aber keine ausreichenden Studien, sondern meist nur Rezepte aus der Erfahrungsheilkunde. Neben der aktuellen S3-Leitlinie gibt es eine Reihe geprüfter Behandlungsansätze für oropharyngeale Nebenwirkungen im Rahmen der Tumortherapie. Ergänzende phytomedizinische Maßnahmen öffnen auch Möglichkeiten zur Integration des Patienten und seiner Angehörigen.
Chirurgie, Strahlentherapie, Chemo- und Immuntherapie hinterlassen oft Nebenwirkungen im Mund. Diese sind für Patienten sehr belastend, da sie andauernd präsent sind. Nicht nur die Nahrungsaufnahme ist gestört, auch das Schlucken von Speichel oder die normale Atmung können beeinträchtigt sein. Die vorliegende Arbeit widmet sich den komplementären Behandlungsansätzen für einzelne Symptome. Wir verstehen dieses Manuskript dabei als Ergänzung zu den schulmedizinischen Angeboten, die für den deutschen Sprachraum in der umfassenden S3-Leitlinie zur Supportivmedizin seit 2017 zusammengefasst vorliegen (1). Diesen Basisdaten fügen wir phytotherapeutische Ansätze hinzu, die oft noch nicht geprüft sind, vielfach aber in der langen Tradition der Heilkunde Anwendung gefunden haben und eigentlich eines modernen Wirksamkeitsnachweises bedürfen.
 

Mukositis/Stomatitis
 
Auftreten, klassische Behandlungsansätze
 
50-80% aller Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren entwickeln während ihrer Bestrahlung eine Entzündung der mitbestrahlten Schleimhäute. Im Rahmen einer simultanen Radiochemotherapie wird dieser Effekt noch verstärkt. Eine besondere Schleimhauttoxizität ist von 5-Fluorouracil und seinen Derivaten bekannt. Aber auch die Nutzung von Cetuximab als Therapeutikum geht mit einer häufigeren und intensiveren Stomatitis einher.
 
Zur Prophylaxe der Mukositis wird von den Strahlentherapeuten immer versucht, die betroffenen Anteile der Schleimhaut so begrenzt wie möglich zu halten. Im Rahmen moderner Techniken sind hierbei in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte gemacht worden.

Für die Patienten ist unter der Bestrahlung eine effektive Analgesie sehr wichtig. Eine gezielte Antibiose und antimykotische Therapie, sobald Keime entsprechend nachgewiesen werden, hilft bei der effektiven Behandlung der eigentlichen Entzündung.
 

Geprüfte komplementäre Behandlungsansätze
 
Zur Prophylaxe und Therapie einer oralen Mukositis hat sich die Applikation von Laserlicht aus dem Infrarotbereich als effektiv erwiesen. Bisher konnte sich diese Low-laser-level-Therapie (LLLT) trotz guter Ergebnisse in kontrollierten Studien im Bereich der Radioonkologie wegen des apparativen Aufwands nicht durchsetzen. Auch von Blaulichtlasern sind bakterizide Wirkungen bekannt (2).
 
Amifostin hatte in den späten 90er Jahren die Zulassung als Radioprotektor für den Kopf-Hals-Bereich erhalten, gekoppelt an die Erwartung, dass insbesondere die Mundtrockenheit nach Strahlentherapie sich durch diesen selektiven Radikalfänger reduzieren ließe. In einigen kontrollierten Untersuchungen war auch ein positiver Einfluss auf die radiogene Mukositis beschrieben worden. Auch dieser Ansatz hat sich wegen des erheblichen technischen und finanziellen Aufwands (tägliche Applikation i.v. oder s.c.) bisher nicht durchgesetzt (3).
 
Das Lutschen von Eiswürfeln hat in einer kleinen kontrollierten Untersuchung zu einer Verbesserung der Mukositis geführt. Bei genauer Betrachtung dürfte es sich im Wesentlichen um einen lokal analgetischen Effekt und die zusätzliche Befeuchtung im Sinne von Mundspülung handeln. Die Nutzung von Eiswürfeln ist in der Praxis leicht möglich und wird von den Patienten gerne angenommen (4). Diese Kryotherapie lässt sich leicht mit dem Lutschen von gefrorenem Ananas-Saft kombinieren. In diesem sind proteolytische Enzyme, die einen zusätzlichen reinigenden und antiödematösen Effekt auf die Mundschleimhaut haben (5).
 
Die Spurenelemente Zink und Selen werden immer wieder als mögliche Behandlungsansätze diskutiert. In einer kleinen Untersuchung mit 500 µg Selenit konnten wir während der Bestrahlung im HNO-Bereich keinen positiven Einfluss auf die Mukositis feststellen (6). Kontrovers ist die Datenlage zur Zinksubstitution, die zumindest bei Nichtrauchern eine Verbesserung der Mukositis bewirkt (7).
 
Gute Evidenz gibt es, dass die Nutzung von Honig zu einer Prävention der Mukositis ebenso sinnvoll ist wie für eine möglichst frühzeitige Intervention bei Auftreten von entzündlichen Veränderungen. Lediglich für reinen Manukahonig konnten sich keine positiven Studienergebnisse erzielen lassen (8).
 
Einzelne Untersuchungen gibt es zu Curcumin, Aloe-vera-Produkten, Sanddornsaft und Glutamin als Mundspüllösungen, die alle einen gewissen Effekt gezeigt haben. Dennoch muss man die geringe Anzahl der betrachteten Patienten sowie das Studiendesign im Hinterkopf haben, bevor man diese Ansätze wirklich Patienten empfiehlt. Des Weiteren muss man sich bei jedem Radikalfänger darüber im Klaren sein, dass man bei paralleler Applikation zur Strahlentherapie damit rechnen muss, dass deren Effektivität beeinflusst wird. Jede Bestrahlung wirkt an sich über freie Radikale (9).
 

Phytotherapie
 
Es gibt insbesondere zur Kamille mehrere kontrollierte Untersuchungen, die einen präventiven Effekt gegenüber der radiogenen Mukositis zeigen. Deren Ergebnisse sind gut auf die Mukositis/Stomatitis nach einer Chemo- oder Immuntherapie übertragbar. Einzelne, ebenfalls kontrollierte Studien sind auch zu Salbei, Ringelblume sowie Thymian bekannt (10).
 
Aus der traditionellen europäischen Phytomedizin sei weiterhin auf Blutwurz, Bibernelle, Eibischkraut (Abb. 1), Isländisch Moos oder Myrrhe hingewiesen, für die jedoch i.d.R. keine Studien im Sinne heutiger Arzneimittelforschung vorliegen.
 
Abb. 1: Eibischkraut (Botanischer Garten Mainz).
Abb. 1: Eibischkraut

 
 
Vorherige Seite

Anzeige:

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Nebenwirkungen der Tumortherapie im Mund – was könnte noch helfen?"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


ESMO Virtual Congress 2020
  • Neuer Anti-ILT4-Antikörper zeigt in Kombination mit Pembrolizumab erste vielversprechende Ergebnisse bei fortgeschrittenen Tumoren
  • Adjuvante Therapie mit Pembrolizumab verlängert auch das fernmetastasenfreie Überleben bei komplett resezierten Hochrisiko-Melanomen im Stadium III
  • HIF-2α-Inhibitor MK-6482 beim Von-Hippel-Lindau-Syndrom: Vielversprechende Wirksamkeit auch bei Nicht-RCC-Läsionen
  • Neuer Checkpoint-Inhibitor: Vielversprechende erste Studiendaten für Anti-TIGIT-Antikörper Vibostolimab in Kombination mit Pembrolizumab