Robust wie ein dänischer Küchentisch
Dr. rer. nat. Karin Greulich-BodeEs gibt Wörter, die man als Biologin erst lernt, wenn man den Tisch mit einer anderen Disziplin teilt. Meines hieß „robust“. Bei mir zu Hause bedeutete das: Eiche massiv. Bei den Mathematikern um Ray Sachs bedeutete es etwas ganz anderes …
24 Farben auf dem Küchentisch
Ich hatte damals quantitative Daten zu Chromosomenaberrationen nach ionisierender Bestrahlung. Mit der noch jungen mFISH-Technik leuchtete jedes Chromosomenpaar in einer eigenen Farbe, 24 Farbtöne für ein ganzes Genom. Wo die Strahlung Stücke zwischen Chromosomen vertauscht hat, liegt plötzlich Gelb an Blau, wo Gelb an Blau nichts zu suchen hat. Genau solche Austausche nimmt jede Strahlentherapie in Kauf, und als Translokation treiben sie manche Leukämie an. Hunderte Metaphasen haben wir so ausgezählt: eine farbenprächtige Mammutaufgabe im Dunkeln, denn Fluoreszenz ist lichtscheu. Abends, wenn meine kleine Tochter schlief, saß ich am dänischen Küchentisch, auf dem mein Zweitmikroskop Wohnrecht hatte. Der Tisch hielt tagsüber Brei und Bauklötze aus und nachts die Chromosomen.
Präzise aneinander vorbei
Die Mathematiker um Ray Sachs hatten Rechenmodelle, die genau solche Austausche vorhersagen sollten, aber kaum Daten, die fein genug aufgelöst waren, um sie daran zu prüfen. Endlich sollte sich meine Mikroskopierbräune auszahlen, jene vornehme Blässe, die man sich nur in unzähligen Stunden Dunkelheit erarbeitet. Ein gemeinsames Paper? Wie schwer konnte das schon sein?
Es folgten unfassbar viele E-Mails. Ich beschrieb, welches Stück von Chromosom 3 nun an Chromosom 4 hing, welcher Austausch komplex war und welcher nur so aussah. Ich hatte die Bilder vor Augen. Meine Gesprächspartner wollten wissen, was sich daraus ableiten ließ. Und unter welchen Bedingungen.
Also legte ich nach: noch ein Befund, noch eine Besonderheit, noch eine Beschreibung. Dazu meine bewährten Adjektive: „auffällig“, „merkwürdig“, „interessant“. Man konnte sich die Chromosomen inzwischen vermutlich recht gut vorstellen. Nur rechnen konnte man mit meiner Begeisterung noch immer nicht.
Wir hatten also beste Voraussetzungen für interdisziplinäre Forschung: Beide Seiten wussten genau, wovon sie sprachen. Nur nicht immer, wovon die andere sprach. Ich wollte keine Besonderheit unterschlagen. Die Mathematiker wollten nicht für jede Besonderheit eine neue Regel.
Eine Frage der Verbindung
Irgendwann kam die fast schon verzweifelte Bitte: Können wir nicht einfach mal telefonieren? Wir konnten. Über eine Stunde, zu einer Uhrzeit, die nur auf einer Seite des Atlantiks zivil war. Mittendrin erwähnte ich beiläufig Muster, die ich längst als Artefakte abgetan hatte. Am anderen Ende wurde es still. Dann kamen Nachfragen. Nicht zu den Befunden, die ich so sorgfältig beschrieben hatte. Ausgerechnet zu dem, was ich aussortiert hatte. Ich hatte es erwähnt, damit wir darüber hinweggehen konnten. Nun blieben wir genau dort hängen. Was in meinem Laborbuch unter „Dreck“ lief, war plötzlich eine Frage wert – und bald eine Formel. Das Modell dazu, hieß es, sei „robust“.
Robust? Ich dachte an meinen dänischen Küchentisch. Dabei lagen wir gar nicht so weit auseinander: Beides hält etwas aus. Der Tisch ein Kleinkind mit Löffel, das Modell ein paar widerspenstige Datenpunkte.
Ein zweifelhaftes Kompliment
Dann kam die Begutachtung. Einer der Reviewer bescheinigte dem Paper sinngemäß, es sei für den durchschnittlichen Mathematiker ebenso lesbar wie für Biologen. Ich war zunächst pikiert. Lesbar? Für den Durchschnitt? Das klang nach Proseminar. Erst später verstand ich: Das war kein Tadel, das war ein Ritterschlag. Lesbar von beiden Seiten des Tisches. Robuster wird ein Paper nicht.