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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

26. Juni 2020 Update "Corona"-App

Nach langen Diskussionen um die Umsetzung ist es nun so weit: Mit Startdatum 15. Juni 2020 soll die „Corona“-App Smartphone-Nutzern in ganz Deutschland zur Verfügung stehen. Welche Technik zum Einsatz kommt und mit welchen ethisch-juristischen und datenschutzrechtlichen Problemen das Vorhaben behaftet ist, hat JOURNAL ONKOLOGIE für Sie zusammengefasst – außerdem werfen wir erneut einen Blick auf unsere europäischen Nachbarn.
Funktionsweise und Umsetzung
Ziel ist eine möglichst zeitnahe Information über den Kontakt mit einem SARS-CoV-2-Infizierten, wodurch Infektionsketten nachvollziehbar werden und damit leichter zu unterbrechen sind.

Die „Corona“-App ist eine Tracing-App, die Listen über Smartphones erstellt, die in der Nähe des eigenen Gerätes aufgetaucht sind. Befindet sich darunter ein an COVID-19 Erkrankter, wird der Nutzer gewarnt und kann sich auf SARS-CoV-2 testen lassen bzw. sich prophylaktisch in Quarantäne begeben.

Das Nachverfolgen der Kontakte wird auf der Basis von Proximity-Tracing ermöglicht, das keine Auskunft über den Ort des Kontaktes gibt – dafür wäre Tracking notwendig, was bei der „Corona“-App aber nicht zum Einsatz kommt.

Mittels der Funktechnik bluetooth low energy wird über die Signalstärke die räumliche Nähe zweier Smartphones geschätzt. Der durch die Nierencharakteristik bedingte nicht-optimale Einfallswinkel der Abstrahlung ist mit hoher Ungenauigkeit behaftet und damit der Hauptkritikpunkt an der App aus technischer Sicht.

Nach langen Diskussionen, die durch berechtigte Einwände von Datenschutzexperten angestoßen wurden, hat sich die Deutsche Bundesregierung für eine dezentrale Speicherung der Daten entschieden. Der dezentrale Ansatz fußt auf dem decentralized privacy preserving proximity tracing (DP-3T)-Konzept. Diese Lösung bietet gegenüber dem zentralen Ansatz den Vorteil, dass der Backend-Server keine Daten enthält, die Aufschluss über die Kontakte von Infizierten geben könnten; auch Daten von Nicht-Infizierten werden nicht übertragen. Dennoch bleibt auch hierbei die Gefahr des Abschöpfens von Informationen durch die Hersteller der Telefon-Betriebssysteme bestehen.

Die ausführliche Darstellung zu Funktionsweise und Umsetzung finden Sie in JOURNAL ONKOLOGIE, Ausgabe 5/2020, auch online unter: www.med4u.org/17248

Bestehende Schwierigkeiten

1. Technik
Die Bluetooth-low-energy-Technik geht mit hoher Ungenauigkeit einher.
2. Datenleck
Das Abschöpfen von Informationen durch die Hersteller der Smartphone-Betriebssysteme ist technisch nicht zu unterbinden.
3. Anonymisierung
Trotz aller Bemühungen ist eine vollständige Anonymiserung der Nutzer nicht möglich. Tatsächlich sind die Hürden, die Daten wieder einer realen Person zuzuordnen, nicht sehr hoch. Hinzu kommt, dass eine Meldung, positiv getestet worden zu sein, über eine Hotline erfolgen muss – es kann daher nur von einer Pseudonymisierung gesprochen werden.
4. Gefahr des Zwangs
Obgleich die 4 Justizminister und -senatoren der Grünen auf eine gesetzliche Regelung der Nutzung pochen, hat sich die Bundesregierung dagegen entschieden. Die Gefahr einer versteckten Nutzungspflicht durch Arbeitgeber, Geschäfte und Freizeitveranstalter ist hoch, da kein Gesetz verabschiedet wurde, das Anreize für die Nutzung oder eine Verpflichtung, die sich auf das Hausrecht beruft, unterbindet.
5. Beteiligung
Nach mehreren Simulationen ist davonauszugehen, dass eine mindestens 60%-ige Beteiligung notwendig ist, um das Infektionsgeschehen einzudämmen. Auf einen so hohen Prozentsatz kommt in Deutschland aber nur der Nachrichtendienst „Whatsapp“. Befürworter der App gehen aber davon aus, dass auch eine geringe Beteiligung von Nutzen wäre.
6. Fehlende internationale Vernetzung
Die Idee einer gesamteuropäischen App musste in der zerstrittenen Europäischen Union schnell verworfen werden. Mit Blick auf die schon bestehenden bzw. baldigen Grenzöffnungen können viele Kontakte gar nicht erfasst werden, selbst wenn beide Kontakte die App ihres Heimatlandes nutzen.

Fazit

Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Nutzer mit der Installation der „Corona“-App auch Daten preisgibt, die er nicht freigegeben hat. Realistischerweise muss aber gesagt werden, dass dies auf praktisch jede App zutrifft und allein dem Besitz eines Smartphones die partielle Aufgabe der Privatsphäre inhärent ist. Die technischen Herausforderungen wiederum sind enorm, sodass der Nutzen grundsätzlich in Frage steht, auch wenn mit Sicherheit ein kleiner Nutzen gegeben sein wird – wie groß dieser tatsächlich ist, wird sich zeigen und hängt maßgeblich von der Zahl der Downloads ab. Letzten Endes bedeutet die Installation der „Corona“-App oder eben die Verweigerung eine persönliche Güterabwägung des Einzelnen. Die Einhaltung der Hygienemaßnahmen und das „social distancing“ bieten aber sicherlich einen effektiveren Schutz vor Ansteckung.
 

Blick in die Nachbarländer

Frankreich
Die Datenschutzbehörde Commission Nationale de l‘Informatique et des Libertés (CNIL) hat grünes Licht für die „Corona“-App „StopCovid“ gegeben. Experten monieren, dass die französische App nicht von den neuen Schnittstellen unterstützt werde, die Apple und Google für iOS und Android bereitgestellt haben. Frankreich hatte sich, im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, gegen eine Zusammenarbeit mit den beiden großen Firmen entschieden.

Das habe insbesondere beim iPhone zur Folge, dass die App nicht im Hintergrund laufen könne, kritisieren Experten. Sie müsse hingegen im Vordergrund geöffnet sein, um ständig Bluetooth-Signale senden und empfangen zu können – damit ist sie unter dem Apple-Betriebssystem iOS nach Experteneinschätzung quasi unbrauchbar. Gegen die französische App gab es auch datenschutzrechtliche Bedenken. Ein zentraler Unterschied zwischen den Lösungen der US-Konzerne und der Franzosen ist, wo der Abgleich der Daten dafür stattfinden soll. Bei Apple und Google soll das nur auf den Smartphones geschehen, die dafür regelmäßig Listen der Schlüssel von Infizierten herunterladen. Datenschützer befürworten dieses Modell. Beim Konzept der Franzosen dagegen werden die Daten auf einem zentralen Server abgeglichen.
Lettland
Lettland führte am 29. Mai 2020 „Apturi Covid“ (Stop Covid) ein. Die Installation der App erfolgt auf freiwilliger Basis. Die App zeichnet Kontakte auf, die sich mehr als 15 Minuten in einem Abstand von ungefähr 2 Metern ergeben haben. Infiziert sich einer der Kontakte mit SARS-CoV-2, wird der Nutzer umgehend benachrichtigt und gebeten, sich in Selbstisolation zu begeben. Die Angaben werden verschlüsselt auf dem Gerät gespeichert und nach 14 Tagen automatisch gelöscht. Sie sind für dessen Besitzer oder andere Benutzer der App nicht zugänglich. Darauf zugegriffen werde nur, wenn ein neuer Infektionsfall erkannt wird. Dazu muss die infizierte Person in ihrem Telefon einen Code eingeben, den sie von der Gesundheitsbehörde erhält. Die App informiert dann alle Benutzer, mit denen der -Infizierte in Kontakt stand – ohne dessen Identität preiszugeben. Die lettischen Medien sind dennoch skeptisch, entsprechend schwach sind die bisherigen Nutzerzahlen.
Italien
Seit dem 8. Juni steht auch den Italienern eine „Corona“-App zur Verfügung – „Immuni“ läuft zunächst nur in den Abruzzen, Ligurien, den Marken und Apulien, später sollen andere Regionen hinzukommen. Die italienische Regierung setzte die App trotz massiver Proteste von Datenschützern durch, da sie „in Einklang mit italienischen und europäischen Gesetzen zum Schutz der Privatsphäre entwickelt worden“ sei.

 
Veranstaltungskalender eHealth & Co.
Aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie werden Veranstaltungen abgesagt, virtuell durchgeführt oder verschoben, bitte informieren Sie sich tagesaktuell.
 
EMBT 46. Annual Meeting – virtuell
29. Aug.-01. Sept. 2020

Der 46. Jahreskongress der European Society for Blood and Marrow Transplantation (EBMT) findet aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie dieses Jahr digital statt.

Weitere Informationen, das Programm sowie den Link zur Anmeldung finden Sie unter: www.med4u.org/17265
 
7. Immunotherapy of Cancer Conference
03.-05. Okt. 2020

Die 7. Immunotherapy of Cancer Conference wurde auf den Herbst verschoben: Voraussichtlich findet sie vom 03.-05. Okt. 2020 statt. Geplant ist weiterhin eine Präsenzveranstaltung.

Weitere Informationen finden Sie unter: www.med4u.org/17266
 
Jahrestreffen der CML-Allianz 2020
30.-31. Okt. 2020

Auch das ursprünglich für Ende März geplante Jahrestreffen der CML-Allianz wurde aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie verschoben. Der neue Termin wurde für den 30.-31. Okt. 2020 angesetzt. Veranstaltungsort bleibt wie geplant Weimar.

(sm)


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