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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

22. Juni 2016 Ovarialkarzinom – Highlights vom ASCO

Interview mit Prof. Dr. Barbara Schmalfeldt, Frauenklinik, UKE Hamburg.

Frau Prof. Schmalfeldt, Direktorin der Frauenklinik des UKE, sprach mit JOURNAL ONKOLOGIE über die Highlights zum Ovarialkarzinom, die auf dem diesjährigen ASCO-Kongress präsentiert wurden.
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Prof. Dr. Barbara Schmalfeldt
JOURNAL ONKOLOGIE: Frau Prof. Schmalfeldt, was waren die aus Ihrer Sicht interessantesten Studien zum Ovarialkarzinom?

Schmalfeldt:
Ein Highlight war sicher die Bestätigung der Daten der Studie 19 zur Erhaltungstherapie mit dem PARP-Inhibitor Olaparib nach platinbasierter Chemotherapie: die 3. Interimsanalyse konnte jetzt bei Patientinnen mit platinsensitivem Ovarialkarzinom zeigen, dass auch das Gesamtüberleben verbessert wird (1). Die Daten sind sensationell gut und zeigen, dass PARP-Inhibitoren in der Erhaltungstherapie einen Vorteil für die Gesamtüberlebenszeit bringen. Somit sind die Ergebnisse eine Bestätigung für den Einsatz von Olaparib in der Erhaltungstherapie bei Patientinnen mit einer BRCA1- oder BRCA2-Mutation.


JOURNAL ONKOLOGIE: Welche Gruppe von Patientinnen profitiert besonders von der Erhaltungstherapie mit Olaparib?

Schmalfeldt:
In der gesamten Studiengruppe der Patientinnen mit einem platinsensitiven Ovarialkarzinom betrug die Reduktion des Mortalitätsrisikos 27%, mit einer medianen Verlängerung des Gesamtüberlebens von 2 Monaten, bei Patientinnen mit einer Mutation in BRCA1 oder 2 war das Mortalitätsrisiko um 38% im Vergleich zu Placebo reduziert, hier betrug der Überlebensbenefit sogar 4,7 Monate.

Eine Mutation in BRCA1/2 betrifft mehr Frauen als erwartet. Bisher sind wir von einer Häufigkeit von 10-15% ausgegangen. Auf dem ASCO-Kongress wurden nun zwei Poster der AGO-Studiengruppe vorgestellt (2, 3), die im Rahmen der AGO-TR 1-Studie auf 25 für das Ovarialkarzinom relevante Risikogene, einschließlich BRCA1/2-Mutationen, getestet haben: In der Untersuchung zu Keimbahnmutationen (Harter et al.), in der bislang über 500 Patientinnen mit Erstdiagnose eines Ovarialkarzinoms oder einem platinsensitiven Rezidiv analysiert wurden, hatten 21% eine BRCA1- oder BRCA2-Mutation und 27% hatten eine Mutation in mindestens einem Risikogen. Weder die Familienanamnese, das Alter noch der histologische Subtyp waren prädiktiv.

Hahnen et al. konnten nachweisen, dass es sich in der Mehrzahl der BRCA1/2-Mutationen um Keimbahnmutationen handelt und rein somatische Mutationen mit 4,4% selten sind.


JOURNAL ONKOLOGIE: Wie viele der Patientinnen mit Mutationen hatten eine positive Familienanamnese?

Schmalfeldt:
In der Studie von Harter et al. hatten insgesamt 42% der Frauen eine positive Familienanamnese. Von den Frauen mit BRCA1/2-Mutation hatten 69% eine positive Familienanamnese. Das heißt: Wenn man nur Patientinnen mit Familienanamnese genetisch testet, wird etwa die Hälfte der mutierten Ovarialkarzinome und etwa ein Drittel der BRCA1/2-Mutationen nicht entdeckt. Es bedeutet, dass wir eigentlich alle Patientinnen mit Ovarialkarzinom testen müssten und nicht nur Patientinnen mit einer positiven Familienanamnese.


JOURNAL ONKOLOGIE: Was gab es Neues zur Rezidivtherapie?

Schmalfeldt:
Eine sehr wichtige Studie war hier die NOGGO-AGO Intergroup-Studie TRIAS von Sehouli, in der Sorafenib plus Topotecan versus Topotecan allein beim platinresistenten Ovarialkarzinom getestet wurde (4). Die Addition von Sorafenib und eine anschließende Erhaltungstherapie mit Sorafenib hat einen Überlebensvorteil in dieser Gruppe zeigen können. Das Gesamtüberleben verlängerte sich mit Sorafenib von 10,1 auf 17,1 Monate, das progressionsfreie Überleben von 4,4 auf 6,7 Monate. Das ist ein sensationelles Ergebnis für eine Phase-II-Studie mit 172 Patientinnen. Damit konnte erstmals eine Studie beim platinresistenten Ovarialkarzinom eine statistisch und klinisch relevante Verlängerung des progressionsfreien und Gesamtüberlebens mit einem oralen Multikinaseinhibitor nachweisen; die Aurelia-Studie hatte nur eine Verlängerung des progressionsfreien Überlebens gezeigt.

In die MITO8-Studie von Pignata waren Patientinnen mit partiell platinsensitivem Ovarialkarzinom eingeschlossen, bei denen ein Rezidiv innerhalb von 6-12 Monaten aufgetreten war (5). Hier wurde untersucht, ob eine Verlängerung des platinfreien Intervalls einen Vorteil bringt – wenn also zuerst eine platinfreie Kombination und erst später das Platin eingesetzt wird. Es hat sich ganz klar gezeigt, dass dies nicht der Fall ist und man bei der klassischen Leitlinienfolge bleiben sollte: Beim platinsensitiven Rezidiv erhält die Patientin eine platinbasierte Kombinationstherapie.

Interessante Daten einer retrospektiven Studie zu den low-grade Karzinomen hat Gershenson vorgestellt (6). Es zeigte sich, dass durch eine endokrine Therapie mit Tamoxifen oder einem Aromatasehemmer eine signifikante Verlängerung des rezidivfreien Überlebens erzielt werden kann. Es handelt sich zwar um retrospektive Daten, dennoch sind sie beachtlich und wir sollten diesen Ansatz unbedingt überprüfen. Für die Gruppe der low-grade Karzinome existiert bisher nämlich kein guter Therapieansatz: Die Patientinnen bekommen eine klassische Chemotherapie, obwohl wir wissen, dass sie weniger gut darauf ansprechen. Wenn diese Patienten anschließend eine endokrine Erhaltungstherapie bekommen, haben sie ein signifikant besseres Überleben.


JOURNAL ONKOLOGIE: Welche Ansätze gab es zur operativen und supportiven Therapie?

Schmalfeldt:
Mackay hat die Phase-II-Studie OV21/PETROC zur intraperitonealen Chemotherapie vorgestellt, in der Patientinnen nach neoadjuvanter Chemotherapie operiert wurden und nach der Operation eine intraperitoneale Chemotherapie durchgeführt wurde (7). Sie konnte keinen Vorteil einer intraperitonealen Chemotherapie im progressionsfreien Überleben im Vergleich zur intravenösen Chemotherapie zeigen.

Eine japanische Studie wies wiederum einen Überlebensvorteil mit dosisdichtem Paclitaxel wöchentlich plus Platin intraperitoneal nach, doch konnten frühere Studien aus Japan, die ebenfalls einen Vorteil gezeigt hatten, im europäischen und amerikanischen Kollektiv nicht nachvollzogen werden. Ich werte das so, dass die intraperitoneale Chemotherapie außerhalb von Studien nicht verfolgt werden sollte.

Eine Symptom-Benefit-Studie erfasste die Lebensqualität von Patientinnen mit platinresistentem Ovarialkarzinom (8). Hier konnte gezeigt werden, dass allgemeine Parameter wie schlechter Allgemeinzustand und eine schwere Bauchsymptomatik das Überleben ebenso gut wie klinische Parameter vorhersagen können, so dass man bei diesen Patientinnen sehr gut abwägen muss, ob sie von einer Therapie wirklich noch profitieren.


JOURNAL ONKOLOGIE: Bewegt sich etwas in Richtung Früherkennung?

Schmalfeldt:
Menon hat die UK Top Screening-Studie vorgestellt, in der im Screening mit Ultraschall untersucht wurde: es konnte keine Reduktion der Mortalität gezeigt werden (9). Es handelte sich um bereits publizierte Daten und es wurde noch einmal dargestellt, dass man mit Ultraschall mehr frühe Stadien erkennen kann, doch dass aufgrund vieler Intervallkarzinome keine Überlebenszeitverlängerung erreicht wird, so dass sich dieser Vorteil in keinen klinischen Benefit übersetzt hat. Es bleibt dabei, dass wir aktuell keine Früherkennungsmethode für das Ovarialkarzinom haben.


Vielen Dank für das Gespräch!

Literatur:

(1) Ledermann J et al. ASCO 2016; Abstract 5501.
(2) Harter P et al. ASCO 2016; Abstract 5538.
(3) Hahnen E et al. ASCO 2016; Abstract 367.
(4) Sehouli J et al. ASCO 2016; Abstract 5522.
(5) Pignata S et al. ASCO 2016; Abstract 5505.
(6) Gershenson DM. ASCO 2016; Abstract 5502.
(7) Mackay H et al. ASCO 2016; Abstract 5503.
(8) Roncolato F et al. ASCO 2016; Abstract 5508.
(9) Menon U et al. ASCO 2016; Abstract 5507.


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