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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

22. März 2019
Seite 1/2
„Molekulare Diagnostik muss im Gesamtzusammenhang gesehen werden“

Statement von Prof. Dr. med. Wilko Weichert, Institut f. Allgemeine Pathologie u. Pathologische Anatomie der TU München.

Auf wenigen Gebieten der Biomedizin wurden in den letzten Jahren derart spektakuläre Fortschritte -gemacht wie in der Molekulardiagnostik – dementsprechend hoch sind die Erwartungen, so Prof. Dr. Wilko Weichert, Direktor des Instituts für Allgemeine Pathologie und Pathologische Anatomie der Technischen Universität München und Beirat im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Pathologie e.V. (DGP), in seinem Statement.
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Wilko Weichert
„Grundsätzlich gilt: Molekulare Diagnostik an sich hat isoliert – egal welche Modalität betrachtet wird – nur einen eingeschränkten Wert zur Behandlung von Krebspatienten. Eine einzelne Methode in der Diagnostik, egal wie leistungsfähig sie ist, ist immer nur sinnvoll in der Integration im Gesamtzusammenhang unter Betrachtung von Parametern wie Tumortyp, Erkrankungsstadium, Patienten-/Patientinnenstatus, Nebenerkrankungen usw. Das Ergebnis der molekulardiagnostischen Untersuchung muss daher immer integral interpretiert werden; so kann das Vorhandensein einer Mutation wie z.B. BRAF beim malignen Melanom auf die Wirksamkeit eines BRAF-Inhibitors hindeuten, während dieser Zusammenhang beim BRAF-mutierten Kolorektalkarzinom in der Regel nicht gegeben ist.

Zudem ist molekulare Diagnostik nur da klinisch wirklich zielführend, wo sie Informationen liefert bezüglich einer sinnvollen Therapie für den einzelnen Patienten. Zwar bieten sich heute enorme Möglichkeiten in der insbesondere molekulargenetischen Charakterisierung von Tumoren, leider haben wir aber für viele genetische Veränderungen noch keine passenden zielgerichteten Medikamente. In der Wahrnehmung der Patienten und auch der Politik – gelenkt auch durch teilweise überoptimistische Berichterstattung in den Medien – herrscht oft die Meinung vor, dass der Krebs erfolgreich therapiert werden kann, sobald das molekulare Profil des Tumors bekannt ist. Diese Annahme führt immer wieder zu Enttäuschungen, da sich viele Genveränderungen noch nicht vollständig einordnen oder als Targets nutzen lassen. Hier ist noch viel Arbeit nötig, aber es gibt auch schon einigen Grund zum Optimismus.

Bei Lungenkarzinomen, hämatologischen Neoplasien oder z.B. einem CUP-Syndrom (Karzinom mit unbekanntem Primärtumor) sind molekulare Verfahren bereits heute eine wichtige Option, ebenso bei Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung, die keine weiteren evidenzbasierten therapeutischen Möglichkeiten mehr haben. Bei diesen Patienten kann eine breite molekulare Charakterisierung zur Therapiefindung eingesetzt werden und dies sollte auch regelmäßiger geschehen, als das heute der Fall ist.

Bei einem neu diagnostizierten Karzinom mit sehr gut etablierten und häufig zur Heilung führenden ersten Behandlungslinien dagegen – z.B. Brustkrebs mit Operation und adjuvanter/neoadjuvanter Chemotherapie/Strahlentherapie bzw. etablierter medikamentös-therapeutischer Behandlung – macht eine breite molekulargenetische Diagnostik zur Therapieplanung im Initial-stadium momentan noch keinen Sinn, da die zu wählenden Therapien zunächst völlig unabhängig vom Vorliegen etwaiger Mutationen sind. Die Methodik kann bei der gleichen Brustkrebspatientin jedoch dann sinnvoll werden, wenn später ein Rezidiv auftritt und die etablierten Therapien ausgeschöpft sind. Da sich Tumoren häufig unter Therapie verändern, ist eine Analyse von Tumormaterial unmittelbar vor der geplanten Therapie der Goldstandard, ein Rückgriff auf „alte“ molekulare Ergebnisse sollte nur erfolgen, wenn es absolut unmöglich ist, frisches Gewebe zu gewinnen.
 
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