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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

23. April 2019
Seite 1/5
Lebensqualität beim kolorektalen Karzinom – Was wir noch lernen können

M. Schuler, Helios Klinikum Emil von Behring, Berlin, L. Hentschel, Universitäts KrebsCentrum – UCC Dresden.

Insbesondere nach mehrjähriger Berufserfahrung entwickeln wir ein geschultes Bewusstsein für das Befinden unserer Patienten mit Kolorektalkarzinom (CRC). Wir wissen, ob sie Schmerzen haben, kennen ihre seelische Verfassung, Präferenzen bei der Wahl einer Behandlung und ihre Entscheidungskompetenz in Bezug auf das Therapiemanagement. Zudem steht uns bei Therapieentscheidungen mit dem ECOG-Performance-Status (ECOG-PS) ein etabliertes und einfach anzuwendendes Werkzeug zur Einschätzung der körperlichen Verfassung und Belastbarkeit zur Verfügung. Wir sind überzeugt, während einer Chemotherapie auftretende Nebenwirkungen treffsicher einschätzen zu können. Was aber, wenn wir einen Patienten erst seit kurzem kennen oder im Verlauf der Behandlung nur in größeren Abständen sehen? Wenn Kollegen über weniger klinische Erfahrung verfügen? Und wissen wir wirklich besser als der Patient selbst, wie es ihm geht? Fragen wir immer und in allen Bereichen nach Stärke, Häufigkeit von und Belastung durch Symptome und Begleiterscheinungen einer Therapie? Haben wir im ärztlichen Gespräch ausreichend Zeit dafür? Und kennen wir bei neuen Medikamenten deren neue und substanzspezifischen Auswirkungen? Was, wenn wir erkennen müssten, dass unsere Einschätzung hinsichtlich der Lebensqualität unserer Patienten so treffsicher ist wie ein Münzwurf? Dieser Artikel will Ihnen etwas mehr Einblick darin geben, was neben Gesamtüberleben und Therapieansprechen der Patienten für unser tägliches Handeln von ebenso hoher Relevanz ist.
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Patient Reported Outcomes

In der Literatur und im aktuellen Sprachgebrauch werden 4 Begriffe mehr oder weniger synonym verwendet: Gesundheitszustand (health status), Lebensqualität (QoL), gesundheitsbezogene Lebensqualität (HRQoL) und Patient Reported Outcomes (PRO). Sie unterscheiden sich jedoch inhaltlich stark und bedürfen daher einer kurzen Erläuterung (1). Lebensqualität und Gesundheitszustand wurden erstmals in den 60er Jahren in der Literatur erwähnt, während der Begriff der gesundheitsbezogenen Lebensqualität erst einige Jahre später geprägt wurde (2).

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert den Zustand des Gesundseins als „ein(en) Zustand völligen psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen“ (3). Neben somatischen Aspekten werden hier somit explizit auch psychische und soziale Belange berücksichtigt. Lebensqualität wird von der WHO ferner als „die subjektive Wahrnehmung einer Person über ihre Stellung im Leben in Relation zur Kultur und den Wertsystemen, in denen sie lebt, und in Bezug auf ihre Ziele, Erwartungen, Standards und Anliegen“ definiert (4). Das mag zunächst etwas sperrig und kompliziert klingen, enthält in seinem Kern aber ebenfalls das Subjektive und die eigene Wahrnehmung. Damit wird betont, dass die Einordnung immer individuell personenbezogen und im Kontext des subjektiven Erlebens erfolgen sollte. Es gibt folglich kein absolutes Maß oder eine normierte Zahl für QoL. Eine kurze, allgemein anerkannte, präzise und einfachere medizinische Beschreibung existiert leider nicht. Genauso wie die Inhalte von QoL im medizinischen Kontext bisher nicht verbindlich definiert wurden, gibt es auch keine strikte Definition für die HRQoL (1). Sie wird z.B. von Ebrahim und Kollegen definiert als diejenigen Bereiche des eigenen Wohlbefindens, die durch eine Erkrankung oder deren Behandlung betroffen sind bzw. mit diesen in Zusammenhang stehen (5). Diese Beschreibung verdeutlicht einerseits sehr gut die Vielschichtigkeit, die in dem Begriff HRQoL enthalten ist, und andererseits auch die Schwierigkeit, ein solches Erleben objektiv fassbar zu machen und zu beschreiben. PRO schließlich erfassen verschiedene Parameter in Form eines subjektiven Berichts, der direkt vom Patienten stammt und keine Interpretation durch Dritte erfährt (6). Häufig werden die HRQoL des Patienten oder Symptome als PRO erfasst. Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass PRO damit die Art und Weise einer Erfassung sind, während QoL und HRQoL mögliche Inhalte einer Erfassung darstellen.
 
Abb. 1: Anteil der von den Patienten berichteten unerwünschten Ereignisse (UE), die vom Behandler erkannt (dunkelblau) oder übersehen (hellblau) wurden (mod. nach (16)).
Abb. 1: Anteil der von den Patienten berichteten unerwünschten Ereignisse (UE), die vom Behandler erkannt (dunkelblau) oder übersehen (hellblau) wurden (mod. nach (16)).



Wo stehen wir heute?

Medizinische Innovationen haben in den letzten Jahren zu einer Verbesserung der Prognose bei vielen onkologischen Erkrankungen geführt. Dadurch rückte auch der Begriff HRQoL mehr und mehr in den Fokus, da viele der neuen Therapiemöglichkeiten auch mit Einschränkungen der HRQoL verbunden sind. Gleichzeitig gab es auch Innovationen, die primär v.a. zur Verbesserung der HRQoL ohne signifikante Verlängerung der Lebenszeit führten (7). Außerdem wurde die HRQoL in den vergangenen Jahren auch zunehmend von regulatorischer Seite berücksichtigt. Bereits 2009 veröffentlichte die Amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) eine Empfehlung zum Umgang mit PRO als relevantem Endpunkt im Rahmen von Zulassungsstudien (8). Seitdem steigt die Zahl der Studien, die auch oder ausschließlich PRO nutzen, kontinuierlich an (9). Auch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) empfiehlt die Erfassung von PRO als Endpunkt im Rahmen von Zulassungsstudien (10).

 
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