Sonntag, 26. Januar 2020
Navigation öffnen
Anzeige:

JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

17. Dezember 2019
Seite 1/4
Lebensqualität als Zielparameter in der onkologischen Forschung und Praxis

F. Fischer1, K. Fischer1,2, C. Hartmann1,2, J. v. Bebber1, M. Rose1,3. 1Charité – Universitätsmedizin Berlin, corporate member of Freie Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, and Berlin Institute of Health, Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik, 2Charité – Universitätsmedizin Berlin, corporate member of Freie Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin, and Berlin Institute of Health, Abteilung Value-Based Healthcare im Geschäftsbereich Strategische Unternehmensentwicklung, 3Department of Quantitative Health Sciences, University of Massachusetts Medical School, Worcester, MA 01605, USA.

Die Erfassung der Lebensqualität aus der Patientenperspektive hat in der Onkologie eine lange Tradition. Unter dem Begriff der gesundheitsbezogenen Lebensqualität werden allerdings eine ganze Reihe verschiedener Aspekte körperlicher, psychischer und sozialer Gesundheit subsummiert. Neben einem konzeptuellen Modell, das die Zusammenhänge zwischen diesen Aspekten erklärt, stellen wir die Haupteinsatzgebiete der Lebensqualitätsmessung in wissenschaftlichen Studien und klinischer Praxis vor. Darüber hinaus berichten wir von internationalen Initiativen, die krebsspezifische (EORTC) und generische (PROMIS) Lebensqualitätsmaße entwickeln sowie Kernzielparameter für verschiedene Krebserkrankungen definieren (ICHOM). Abschließend wird am Fallbeispiel des Brustzentrums der Charité – Universitätsmedizin Berlin die Implementierung der Lebensqualitätsmessung in der klinischen Praxis beschrieben.
Anzeige:
Die Verbesserung des Gesundheitszustands ist eines der zentralen Ziele ärztlichen Handelns. Um überprüfen zu können, inwieweit dieses Ziel in der medizinischen Behandlung erreicht wird, ist es notwendig, die Effekte von Krankheit und Therapie auf den Menschen zu quantifizieren. Klassische Maße, die sowohl in der medizinischen Forschung als auch in der klinischen Praxis angewendet werden, sind Mortalität und Morbidität. In den letzten Jahren werden häufig zusätzlich von den Patienten selbstberichtete Einschätzungen der Symptomschwere und Funktionseinschränkungen zur Beschreibung des Gesundheitszustands genutzt. Diese Maße werden unter dem Oberbegriff der „gesundheitsbezogenen Lebensqualität” zusammengefasst.
 
Die Hinwendung zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität als Zielparameter ärztlichen Handelns hat in der Onkologie schon früh stattgefunden und erste Instrumente zur standardisierten Erfassung der Lebensqualität wurden bereits in den 1980er Jahren entwickelt (1, 2). Dies kann auf die Erfahrung zurückgeführt werden, dass traditionelle Endpunkte wie progressionsfreies Überleben nicht immer die Erfahrungen der Patienten widerspiegeln und nicht nur das Ob, sondern auch das Wie des Überlebens für Therapieentscheidungen relevant ist (3).


Definitionen
 
Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Lebensqualität: „...as individual´s perception of their position in life in the context of the culture and value systems in which they live and in relation to their goals, expectations, standards and concerns. It is a broad ranging concept affected in a complex way by the person’s physical health, psychological state, level of independence, social relationships, personal beliefs and their relationship to salient features of their environment” (4).
 
Die gesundheitsbezogene Lebensqualität umfasst lediglich die Aspekte der Lebensqualität, die mit der Gesundheit zu tun haben – das ist im Allgemeinen der Einfluss von Krankheit und Therapie auf die individuelle Funktionsfähigkeit und die Fähigkeit, ein erfülltes Leben zu leben (5).
 
Personen, die unter der gleichen Erkrankung leiden, können ihre persönliche Lebensqualität unterschiedlich bewerten. So kennt wahrscheinlich jeder Kliniker aus der Praxis Patienten, bei denen erlebte Lebensqualität und objektiver Befund sich zu widersprechen scheinen – sei es der schwerkranke Patient, der eine große Symptomlast bewältigt oder der Patient, den scheinbar kleine Einschränkungen übermäßig belasten. Wilson und Cleary (6) operationalisieren (gesundheitsbezogene) Lebensqualität als Konstrukt, in dem die pathophysiologischen Befunde Symptome verursachen, welche zu Funktionseinschränkungen führen. Diese Symptome und Funktionseinschränkungen werden individuell unterschiedlich wahrgenommen und haben demnach unterschiedlichen Einfluss auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität. Persönliche Faktoren wie Einstellungen und Motive sowie Umgebungsvariablen wie soziale Unterstützung oder Erreichbarkeit des Gesundheitssystems beeinflussen die individuelle Wahrnehmung des Gesundheitszustands. Anders als Mortalität und Morbidität ist die gesundheitsbezogene Lebensqualität somit ein subjektives Maß für die Belastung eines Menschen durch Krankheit.
 
Die Operationalisierung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität als Konstrukt erfolgt in vielen Fällen über die Erhebung von Teilkonstrukten, die körperliche (z.B. Schmerzen, körperliche Funktionsfähigkeit), psychische (z.B. Angst, Depressivität) und soziale (z.B. Teilhabe) Aspekte der Gesundheit umfassen können. In der Praxis wird häufig schon die Erfassung solcher Teilkonstrukte unter dem Label der Erfassung von Lebensqualität subsumiert, obwohl diese nur einen Ausschnitt der tatsächlichen Lebensqualität abbilden. Eine umfassende Operationalisierung von gesundheitsbezogener Lebensqualität wird meist über die Aggregation solcher Teilkonstrukte zu Skalen erreicht. Beispielhaft seien hier die Summenscores für körperliche und mentale Gesundheit des SF-36 erwähnt (7).
 
Die Erfassung dieser Konstrukte sollte aus der Patientenperspektive erfolgen. Patientenberichtete Endpunkte (patient-reported outcomes, PROs) zeichnen sich dadurch aus, dass sie direkt vom Patienten ohne Interpretation durch Dritte erhoben werden. Um diese PROs zu messen, nutzt man üblicherweise standardisierte Fragebögen, sog. patient-reported outcomes measures (PROMs). Meist gibt es für ein PRO mehrere PROMs, zudem kann ein PROM mehrere PROs abdecken.
 
 
Vorherige Seite

Das könnte Sie auch interessieren

Personalisierte Medizin in der Onkologie: Behandlung bestmöglich auf den Patienten zuschneiden

Medikamente möglichst maßgeschneidert auf die spezifischen Merkmale einer Krankheit zuzuschneiden und diese gezielt bei jenen Patienten einzusetzen, denen sie am besten helfen, lautet das Credo der Personalisierten Medizin. Dank vertiefter Kenntnisse über die molekularbiologischen Ursachen von Krankheiten gibt es heute bereits eine Reihe von innovativen diagnostischen Tests, durch die Patienten identifiziert werden können, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine...

Bayern gegen Darmkrebs: Das Modellprojekt „Sprich drüber!“ will junge Menschen im Freistaat vor einer Erkrankung bewahren.

Bayern gegen Darmkrebs: Das Modellprojekt „Sprich drüber!“ will junge Menschen im Freistaat vor einer Erkrankung bewahren.
FARKOR: Werbe-Anzeige Frau / © Felix Burda Stiftung

Auf Initiative der Felix Burda Stiftung haben sich die bayerischen Krankenkassen und die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) zum Modellprojekt „Sprich drüber!“ zusammengeschlossen. Ziel des Projekts ist es, ein vorhandenes familiäres Darmkrebsrisiko bei Versicherten im Alter von 25 bis 49 Jahren möglichst so früh zu identifizieren, dass diese vor einer Darmkrebserkrankung bewahrt werden können. Jede Bayerin und jeder Bayer in dieser...

Hautkrebsreport: Nur jeder Sechste geht zur Früherkennung

Hautkrebsreport: Nur jeder Sechste geht zur Früherkennung
© Alexander Raths / fotolia.com

Hautkrebs ist mit 270.000 Neuerkrankungen pro Jahr die häufigste Krebserkrankung in Deutschland. Bei jeder siebten Erkrankung handelt es sich um ein sogenanntes malignes Melanom, den gefährlichen schwarzen Hautkrebs. Allein in Rheinland-Pfalz waren im Jahr 2017 9.907 gesetzlich Krankenversicherte vom schwarzen Hautkrebs betroffen. Die häufigsten Erkrankungsfälle wurden in Hessen, Niedersachsen und Thüringen registriert. Das zeigt der aktuelle Hautkrebsreport der...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Lebensqualität als Zielparameter in der onkologischen Forschung und Praxis"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


ASH 2019
  • Erhöhte Knochendichte ist ein ungünstiger prognostischer Faktor bei aggressiver systemischer Mastozytose
  • Neue ITP-Leitlinien der ASH unterstreichen die Bedeutung von Thrombopoetinrezeptor-Agonisten für die Zweitlinientherapie der ITP
  • Registerdaten aus dem klinischen Alltag zur CAR-T-Zell-Therapie bei DLBCL-Patienten
  • CML: Real-world-Daten zeigen besseres zytogenetisches und molekulares Ansprechen durch Zweitgenerations-TKI
  • Polycythaemia Vera: Post-hoc-Analyse des Langzeitansprechens auf Ruxolitinib
  • Transfusionspflichtige Myelodysplastische Syndrome: Ansprechen auf Eisenchelation geht im klinischen Alltag mit Überlebensverbesserung einher
  • Fortgeschrittene systemische Mastozytose: Verhältnis von RNA- und DNA-basierten quantitativen KIT D816V-Mutationsanalysen prognostisch relevant
  • Ruxolitinib moduliert Mikroenvironment des Knochenmarks bei der Myelofibrose
  • CML: TIGER-Studie bestätigt tiefes und anhaltendes molekulares Ansprechen unter Nilotinib-basierter Therapie
  • Sichelzellanämie: Reduktion schmerzhafter vaso-okklusiver Krisen verringert Organschädigungen und verbessert Lebensqualität