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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

23. April 2019 Fasten unter Chemotherapie: „Allein schon der Verzicht auf Zucker und tierisches Eiweiß hat einen positiven Effekt“

Interview mit Prof. Dr. med. Andreas Michalsen, Charité Berlin.

Intervallfasten, eine 13-16 Stunden andauernde Nahrungskarenz, wird als leicht umzusetzende Maßnahme angesehen, insgesamt weniger Kalorien aufzunehmen. Eine interessante Hypothese ist, dass mit einer längeren Fastenperiode von 24-48 Stunden sogar die Elimination von Krebszellen herbeigeführt werden kann. Eine weitere Hypothese ist, dass Fasten als Supportivmaßnahme die Nebenwirkungen einer Chemotherapie mildern oder verhindern kann. Dazu gibt es – allerdings mit geringer Fallzahl – erste Studienergebnisse, die ein 60-72-stündiges Fasten vor, während und nach der Gabe einer Chemotherapie untersucht haben. JOURNAL ONKOLOGIE sprach mit Prof. Dr. Andreas Michalsen, Chefarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin und Inhaber der Stiftungsprofessur für klinische Naturheilkunde an der Charité.
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JOURNAL ONKOLOGIE: Herr Prof. Michalsen, jahrelang diskutierte man über die ketogene Diät für Krebspatienten. Inzwischen ist man eher der Auffassung, dass es keine spezielle Krebs-Diät gibt, sondern dass den Patienten eine ausgewogene, vorzugsweise mediterrane Ernährungsweise am ehesten anzuraten ist. Gibt es aus ärztlicher Sicht stichhaltige Argumente für das Fasten bei Krebs?

Michalsen: Vorsicht ist natürlich angebracht; die beobachteten günstigen Effekte stammen aus Labor- und Tierstudien. Dort konnte man zeigen, dass es nach 12-16 Stunden Fasten einen „metabolic switch“ gibt, wonach die Energiebereitstellung über Fettabbau mit der Produktion von Ketonkörpern, der Lipolyse, beginnt. Die Krebszelle ist zu diesem Switch nicht in der Lage und bekommt Probleme. Soweit klingt das alles sehr gut – allerdings muss die translationale Forschung erst in größeren randomisierten Studien zeigen, dass diese Effekte zum einen auf den Menschen übertragbar sind und sich diese positive Wirkung zum anderen tatsächlich bei Patienten unter Chemotherapie zeigt.

Die ketogene Diät mit dem Komplettverzicht auf Kohlenhydrate erlebt insofern auch eine Renaissance, da sie ebenfalls über die Lipolyse mit Ketonköpern wirkt. Eine kleine Studie hat bei Gehirntumoren positive Effekte gesehen. Das Gehirn nimmt Ketonkörper besonders gut auf. Allerdings sollte nicht tierisches Protein die Grundlage dieser Ernährungsform sein, da sonst im Übermaß entzündungsfördernde Botenstoffe ausgeschüttet werden. Das wiederum bedeutet, dass außer Olivenöl, Nüssen und Avocados nicht mehr viel übrigbleibt, was man essen darf. Die ketogene Diät ist deswegen in der Praxis schlecht durchführbar.

Den Patienten vor, während und nach der Verabreichung einer Chemotherapie fasten zu lassen, während er ansonsten normal weiter isst, ist dagegen deutlich leichter durchzuführen und eben keine Diät im normalen Sinne.
 

JOURNAL ONKOLOGIE: Sie waren an einer Studie (1) beteiligt, in der Patientinnen mit Brustkrebs oder Ovarialkarzinom insgesamt 60 Stunden fasteten – 36 Stunden vor bis 24 Stunden nach der Chemotherapie. In der Kontrollgruppe wurde eine mediterrane Ernährung weitergeführt. Wie lief das Fasten konkret ab und worüber haben die Patientinnen berichtet?

Michalsen: Eingeschlossen waren solche Frauen, die 4-6 Chemotherapiezyklen bekamen und eher übergewichtig waren. Die meisten konnten gut fasten – es gibt sowieso nur wenige Patienten, die während der Chemotherapie Heißhunger entwickeln. Nebenwirkungen und Lebensqualität wurden vorher und hinterher mit Fragebögen evaluiert. Die Frauen berichteten in der Zeit, in der sie fasteten, über eine höhere Lebensqualität und weniger Fatigue. Allerdings hatte die Studie eine kleine Fallzahl von nur 34 Patientinnen, es gab ein Crossover, d.h. erst hat die eine Hälfte der Teilnehmerinnen gefastet, dann die andere, und es gab kein Follow-up.


JOURNAL ONKOLOGIE: Könnte es sich nicht auch um einen Placebo-Effekt handeln?

Michalsen:
Natürlich ist immer auch ein gewisser Placebo-Effekt dabei. Ein Patient oder eine Patientin hat mit dem 60-Stunden-Fasten die Möglichkeit, selbst etwas für sich zu tun. Er oder sie kann die Situation damit ein Stück weit kontrollieren. Wenn gefastet wird, erwarten die Patienten dementsprechend, dass sich weniger Nebenwirkungen einstellen werden – und entwickeln dann tatsächlich weniger.

Experten führen die positive Wirkung des Fastens sogar zu 70% allein auf den Verzicht auf Zucker und tierisches Eiweiß zurück. Schon diese Karenz könnte also bereits eine Rolle spielen, dass sich die Patienten unter dem Fasten wohler fühlen.


JOURNAL ONKOLOGIE: Gibt es weitere Studien, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen?

Michalsen:
Ja, es gibt Tierstudien zum protektiven Effekt des Fastens unter einer Strahlentherapie sowie unter Antikörpertherapien. Die Studien beim Menschen laufen jetzt ebenfalls an. Zwei kleine Pilotstudien haben ebenfalls weniger Fatigue und sogar weniger hämatologische Toxizität unter Chemotherapie gezeigt (2, 3). In eine niederländische Studie (4) sollten ursprünglich 250 Brustkrebs-Patientinnen eingeschlossen werden, wegen zu langsamer Rekrutierung wurde die Studie jedoch abgebrochen. Dennoch erwarten wir in Kürze interessante Ergebnisse zu den bis zum Abbruch erhobenen Daten. In der Nurses Health-Beobachtungsstudie hat man bei 2.400 Brustkrebs-Patientinnen diejenigen untersucht, die natürlicherweise eine mindestens 13-stündige Essenspause über Nacht einhielten, und gesehen, dass bei diesen weniger Rezidive auftraten (5).

Wir haben jetzt in Zusammenarbeit mit der Charité in Berlin zwei randomisierte Folgestudien initiiert, eine in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Kurt Miller mit Patienten mit metastasiertem kastrationsresistenten Prostatakarzinom (mCRPC, n=60), und eine mit Prof. Dr. Jalid Sehouli mit Ovarialkarzinom-Patientinnen (n=150). Diese Studien werden auch ein Follow-up haben (NCT 03162289 und NCT 02710721).
 

JOURNAL ONKOLOGIE: Würden Sie nach diesen ersten Ergebnissen bereits eine Empfehlung abgeben, dass Patienten fasten sollen, um potentielle Nebenwirkungen der Chemotherapie zu minimieren?
 
Michalsen:
Nein, das würde ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht generell tun. Natürlich mache ich solchen, von mir selbst betreuten Patienten, die meiner Ansicht nach problemlos fasten könnten, diesen Vorschlag – aber erst, nachdem ich mich zuvor mit ihren Onkologen abgestimmt habe. Für Patienten, die ich nicht persönlich kenne, würde ich auch keine generelle Empfehlung aussprechen; zum einen ist Fasten grundsätzlich keine Option bei untergewichtigen Krebspatienten, d.h. solchen mit einem BMI < 20. Zum anderen muss der behandelnde Onkologe immer eingeweiht sein; viele Ärzte haben sich mit dem Thema allerdings selbst noch nicht beschäftigt.

Ich selbst bin ein großer Befürworter des Fastens. Allerdings gibt es immer wieder Patienten, die mit Fasten die Hoffnung verbinden, den Krebs „aushungern“ zu können – und die wollen dann 40 Tage lang fasten. Das geht nicht – dann lieber eine höher-kalorische Variante mit functional food wählen, wie die in den USA entwickelte „fasting mimicking diet“ (6). Angesichts unserer aktuellen Studie mit älteren mCRPC-Patienten zeigt sich außerdem, dass sich Männer mit dem Fasten oft deutlich schwerer tun als Frauen. Fasten ist also nicht für jeden Patienten geeignet. Diejenigen, die dafür in Frage kommen, können es – in Absprache mit ihrem Arzt – einfach mal ausprobieren.


Vielen Dank für das Gespräch!

 
Veranstaltungshinweis:
18. Internationaler Fastenärztekongress der ÄGHE
29.-30.6.2019, Überlingen (https://aerztegesellschaft-heilfasten.de/)

Themenauswahl: „A Time to Fast: Current Perspectives in Fasting“ (Andreas Michalsen), „Fasten und fastenmimikierende Substanzen zur Erhaltung der Gesundheit“ (Frank Madeo) und „The Impact of Fasting Diet and Lifestyle on the Human Gut Microbiome“ (Robin Mesnage)

ab

Literatur:

(1) Sehouli J et al. BMC Cancer 2018;18(1):476.
(2) Bauersfeld S et al. BMC Cancer 2015;15:652.
(3) Dorff T et al. BMC Cancer 2016 Jun 10;16:360.
(4) https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT01304251?cond=Short+term+fasting&rank=1
(5) Marinac CR et al. JAMA Oncol 2016; doi:10.1001/jamaoncol.2016.0164.
(6) www.L-nutra.com


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