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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

15. Oktober 2019
Seite 1/5
Ernährungstherapeutische Maßnahmen bei Tumorkachexie

C. Decker-Baumann, Nationales Centrum für Tumorerkrankungen, Heidelberg.

Mangelernährung und Tumorkachexie werden bei ca. 40% der onkologischen Patienten diagnostiziert. Die Prävalenz ist abhängig von der Tumorlokalisation sowie dem Stadium der Erkrankung und kommt bei Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren, Ösophagus-, Pankreas-, Magen- und Lungentumoren mit 60-85% am häufigsten vor (1, 2). Ein krankheitsbedingter, ungewollter Gewichtsverlust ist nicht nur mit körperlicher Schwäche, höherer Infektanfälligkeit und häufigeren Klinikaufenthalten assoziiert, sondern auch mit verminderter Therapietoleranz – und ist damit ein limitierender Faktor bei der Durchführung onkologischer Therapien. Die Tumorkachexie führt nicht nur zu einer Verschlechterung der Lebensqualität, sondern nimmt als prognosebestimmender Faktor einen entscheidenden Einfluss auf den weiteren Krankheitsverlauf (Abb. 1). Bei 50% der an einer Tumorerkrankung versterbenden Patienten liegt eine Kachexie vor, bei mind. 20% ist die Tumorkachexie die Todesursache (3-5).
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Fachinformation
Mangelernährung = Tumorkachexie?
 
In der Literatur werden Mangelernährung und Tumorkachexie oft synonym verwendet, dennoch muss zwischen beiden differenziert werden, da eine Mangelernährung bei frühzeitiger Diagnose sehr gut zu therapieren, eine ausgeprägte Tumorkachexie jedoch i.d.R. therapierefraktär ist (4). Das Leitsymptom einer Mangelernährung ist ein krankheitsbedingter, ungewollter Gewichtsverlust, dessen Ausprägung das Risiko einer Mangelernährung determiniert (2, 6). Die Hauptursache der tumorassoziierten Mangelernährung ist eine reduzierte Nahrungsaufnahme – häufig aufgrund eines Appetitverlustes, der durch die Erkrankung, Obstruktionen und Therapienebenwirkungen wie Geschmacksveränderungen, Mukositis, Übelkeit, Erbrechen und Diarrhoe ausgelöst wird. Aber auch psychogene Faktoren (Angst, Depression), Schmerzen, Medikamente und verminderte körperliche Aktivität reduzieren den Appetit und damit die Nahrungsaufnahme. Die Tumorkachexie (griech.: „schlechter Zustand, Auszehrung”) ist ein komplexes multifaktorielles Syndrom, welches auch als Multi-organsyndrom bezeichnet werden kann (Abb. 2). Klinisch äußert sie sich nicht nur durch einen progressiven Gewichtsverlust, sondern v.a. durch einen Verlust an Muskelkraft, Anorexie und Fatigue. Pathophysiologisch stellt sich die Kachexie als chronische Inflammation dar, die laborchemisch mit einer Erhöhung des CRP-Wertes und einer Hypalbumin-ämie einhergeht. Induziert werden diese metabolischen Veränderungen durch verschiedene, von Tumor- und Immunzellen freigesetzte prokachektische Mediatoren wie z.B. TNF-α, IL-1 oder IL-6, die eine weitere Kaskade proinflammatorischer Reaktionen hervorrufen. Es kommt zu einer Erhöhung des Ruheenergieumsatzes (REE). Gleichzeitig wird durch TNF-α, IL-1 und IL-6 die Lipolyse und Oxidation der freigesetzten Fettsäuren gesteigert. Ebenso kommt es zu einem vermehrten Abbau von Muskelprotein, indem durch Induktion des Transkriptionsfaktors NF-ĸB das Ubiquitin-Proteasom-System aktiviert und damit die Proteolyse eingeleitet wird. Gleichzeitig kommt es zur Hemmung der Muskelproteinsynthese und zur gesteigerten Produktion von Akut-Phase-Proteinen. Bei diesen katabolen Prozessen agieren die von den Tumorzellen freigesetzten Faktoren LMF (Lipid Mobilizing Factor) und PIF (Proteolysis Inducing Factor) gemeinsam mit den o.g. Zytokinen und verstärken so die Lipid- und Proteindepletion. Neben diesen Veränderungen im Lipid- und Proteinstoffwechsel wird auch der Kohlenhydratstoffwechsel beeinflusst. So führt die chronische Inflammation unabhängig von der Tumorentität zu einer Insulinresistenz und eingeschränkten Glucosetoleranz (2, 6-8).
 
Abb. 1: Folgen der Mangelernährung und Tumorkachexie bei onkologischen Patienten (mod. nach (5-8)).
Abb. 1: Folgen der Mangelernährung und Tumorkachexie

 
Anorexie, ein frühzeitiges Sättigungsgefühl sowie Fatigue sind weitere Charakteristika der Tumorkachexie. Multiple Mediatoren verantworten die tumorassoziierte Anorexie. Es kommt u.a. zu Veränderungen der Leptin- und Ghrelin-Wirkung und damit des physiologischen Feedbacks und konsekutiv zu einer Deregulation von Hunger und Sättigung. Das Ausmaß der Inflammation ist nicht bei allen Tumorerkrankungen gleich, korreliert jedoch stark mit der Prognose (2, 6-8). Auch wenn zwischen einer krankheitsbedingten Mangelernährung und Tumorkachexie unterschieden werden muss, lassen sich beide nicht immer voneinander abgrenzen, da der Übergang fließend ist (2). Ebenso können die durch eine Kachexie induzierten, metabolischen Veränderungen aufgrund des Ansprechens der onkologischen Therapie reversibel sein, und dennoch kann eine Mangelernährung vorliegen.
 
 
Abb. 2: Tumorkachexie – ein Multiorgansyndrom (mod. nach (4, 5, 7, 8)). PIF=Proteolysis Inducing Factor, LMF=Lipid Mobilizing Factor
Abb. 2: Tumorkachexie

 
 
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