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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

07. Dezember 2017
Seite 1/4
Besondere Herausforderung für eine ganzheitliche Onkologie: Junge Erwachsene mit Krebs

M. Freund, Deutsche Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs.

Was ist ein „junger Erwachsener“? Über die Definition dieser Altersgruppe lässt sich trefflich streiten. Geht man von international gängigen Definitionen für die Adoleszenten und jungen Erwachsenen aus, so beginnt die untere Altersgrenze meist bei 15 Jahren. Das Kinderkrebsregister in Mainz schwankt in seinem Jahrbuch zwischen einer unteren Altersgrenze von 15 bis 18 Jahren (1). Für die obere Altersgrenze der „jungen Erwachsenen“ werden in der Literatur sehr unterschiedliche Grenzen aufgeführt. Rein pragmatisch haben wir von der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs uns für einen Altersbereich zwischen 18 und 39 Jahren entschieden. An einigen Stellen ist zur Verwertung vorliegender statistischer Daten allerdings ein Altersbereich von 15 bis 39 Jahren erforderlich. Auf diese Weise wird eine Gruppe von jungen Krebspatienten zusammengefasst, denen einige wichtige medizinische Probleme, psychische und soziale Besonderheiten gemein sind. Wie wir unten sehen werden, gilt es allerdings auch die bestehenden Inhomogenitäten in dieser Altersgruppe zu berücksichtigen.
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Fachinformation
Epidemiologie
 
Jedes Jahr erkranken etwa eine halbe Million Menschen in Deutschland an Krebs. Im Alter zwischen 18 und 39 Jahren liegen die Fallzahlen bei etwa 15.000 pro Jahr (Angaben gestützt auf Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V (GEKID (2)). Damit machen die jungen Erwachsenen mit Krebs einen Anteil von etwa 3% aller Neudiagnosen an Krebs aus. Zum Vergleich: das Kinderkrebsregister Mainz berichtete für das Jahr 2015 über 2.169 Krebs-Meldungen für das Alter zwischen 0 und 18 Jahren, entsprechend etwa 0,4% aller Neudiagnosen.
 

Diagnosen
 
Bei den verschiedenen Tumordiagnosen bzw. der Lokalisation der Tumoren ist es wichtig, beide Geschlechter getrennt zu betrachten. Die Gesamtzahl der Fälle und die jeweils 10 häufigsten Tumordiagnosen sind in Tabelle 1 aufgeführt.
 
Die nach Geschlechtern getrennte Betrachtung ist sinnvoll, weil bei den Frauen mit Brustkrebs und Tumoren in Gebärmutter und Ovarien und bei jungen Männern mit Hodenkarzinomen wichtige geschlechtsspezifische Tumordiagnosen auftreten. Es bestehen darüber hinaus aber auch wichtige Unterschiede in der generellen Inzidenz zwischen den Geschlechtern. Im Gegensatz zu Kinderkrebs und zum Krebs der älteren Menschen sind Tumordiagnosen bei jungen Frauen weit häufiger als bei jungen Männern.
 
Bezüglich der spezifischen Diagnosen und ihrer Häufigkeiten bestehen des Weiteren wichtige Unterschiede zwischen Männern und Frauen bei der Häufigkeit von Tumoren im Bereich der Schilddrüse, bei den Leukämien, den Non-Hodgkin-Lymphomen und dem malignen Melanom der Haut.
 
Tabelle 1 führt die Häufigkeiten für Tumoren in der Altersgruppe zwischen 15 und 39 Jahren global an. Wichtig ist jedoch auch, die Entwicklung der Häufigkeiten über den ausgewählten Altersbereich hinweg zu betrachten. Eine entsprechende Darstellung ist auf der Grundlage der Zahlen von GEKID (2) in der Abbildung 1 vorgenommen worden.
 
Tab. 1: Die zehn häufigsten Krebsdiagnosen zwischen 15 und 39 Jahren in Fällen/Jahr getrennt nach Geschlechtern. Eigene Zusammenstellung basierend auf Zahlen der GEKID (2).
Frauen Männer
Diagnose/
Tumorlokalisation
Fälle % % Fälle Diagnose/
Tumorlokalisation
Brust 2.547 29 35 2.398 Hoden
Malignes Melanom
der Haut
1.263 14 10 680 Malignes Melanom
der Haut
Schilddrüse 977 11 8 519 Hodgkin-Lymphom
Gebärmutterhals 846 10 6 430 Non-Hodgkin-
Lymphome
Darm 424 5 6 386 Darm
Hodgkin-Lymphom 444 5 6 378 Leukämien
Non-Hodgkin-
Lymphome
302 3 5 349 Schilddrüse
Gehirn und zentrales
Nervensystem
295 3 5 330 Gehirn und zentrales
Nervensystem
Leukämien 240 3 3 182 Niere
Eierstöcke 207 2 2 155 Mund und Rachen
Alle Krebsarten ohne
„Sonstige Tumoren
der Haut”
8.764     6.873 Alle Krebsarten ohne
„Sonstige Tumoren
der Haut”
 

Auffällig ist unter anderem die altersabhängige Zunahme der Mammakarzinome und der Tumoren des Gebärmutterhalses bei den Frauen, das Häufigkeitsmaximum für die Hodenkarzinome bei den jungen Männern vor dem 30. Lebensjahr und die starke Abnahme der Häufigkeit für das Hodgkin-Lymphom bei jungen Frauen mit zunehmendem Alter; sie ist bei den jungen Männern weit weniger ausgeprägt. Die altersabhängige Häufigkeit für maligne Melanome der Haut ist zwischen Frauen und Männern unterschiedlich.


Langfristige Entwicklung der Inzidenzen
 
Über die langfristige Entwicklung der Inzidenz von Krebserkrankungen bei jungen Erwachsenen gibt es aus Deutschland keine verlässlichen Daten. Das Kinderkrebsregister kann für Kinder zwischen 0 und 15 Jahren eine Zunahme der standardisierten jährlichen Inzidenzrate für Kinderkrebserkrankungen von etwa 130/Mio. in der Mitte der 80er Jahre auf etwa 170/Mio. in 2016 zeigen (1). Steigerungen sind bei den Leukämien einschließlich der myeloproliferativen und myelodysplastischen Syndrome, bei den Tumoren des Gehirns und Zentralnervensystems, bei Hepatoblastomen, Melanomen und Schilddrüsenkarzinomen erkennbar.
 
Eine kürzlich veröffentlichte Studie aus den USA untersuchte den langfristigen Trend für Tumorerkrankungen bei Teenagern zwischen 15 und 19 Jahren für den Zeitraum von 1975 bis 2012 auf der Grundlage der SEER-Daten. Sie zeigte eine Zunahme der Inzidenz um 25% über den gesamten Zeitraum von 38 Jahren. Die ausgeprägtesten Zunahmen fanden sich bei den Non-Hodgkin-Lymphomen und Schilddrüsenkarzinomen für Frauen und Männer, der akuten myeloischen Leukämie für Frauen und den Hodenkarzinomen bei den Männern (3).
 
Welchen Einfluss die Verbesserung der diagnostischen Möglichkeiten auf die Inzidenz-Raten haben, muss offen bleiben. Auf jeden Fall wird die Notwendigkeit einer intensiven epidemiologischen Forschung deutlich.
 
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