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Medizin
22. Juli 2021
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Krebs: Ernährung – Herausforderungen und Empfehlungen

Mangelernährung ist ein häufiges Problem bei onkologischen Patienten und Patientinnen (7). Im Rahmen eines Symposiums auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) diskutierten Prof. Dr. med. Hans Hauner, TU München, und Nicole Erickson, LMU Klinikum, praxisnah Herausforderungen und Empfehlungen in der optimalen Ernährung von Tumorpatienten und -patientinnen.

Krebs: Übergewichtige besonders häufig von Mangelernährung betroffen

Die Ergebnisse einer multizentrische Querschnittsstudie in onkologischen Schwerpunktpraxen von Prof. Hauner zeigen: Etwa 30% der Befragten zeigten Hinweise auf eine Mangelernährung. Bei Tumoren des Verdauungssystems waren es insgesamt ca. 50%, bei Mammakarzinom lediglich etwa 20%. Demgegenüber hatte lediglich etwa jeder dritte der Befragten in der Vergangenheit eine Ernährungsberatung erhalten (8). Erickson wies zudem darauf hin, dass auch übergewichtige Patienten und Patientinnen von einer Mangelernährung und Sarkopenie betroffen sein können. Ergebnisse einer multizentrischen Studie aus Frankreich zeigen für diese Patientengruppe sogar eine höhere Prävalenz von Mangelernährung als bei Normalgewichtigen (9). Karzinom-Patienten und -Patientinnen mit sarkopenischer Adipositas weisen generell eine besonders ungünstige Prognose auf (10).
 
 

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Frühe Intervention bei Mangelernährung wichtig

„Infolge von Mangelernährung kann es zu Verschlechterung der Lebensqualität, reduzierter Leistungsfähigkeit, erhöhter Morbidität, Wundheilungsstörungen und erhöhter Komplikationsrate nach Chemotherapie, Tumorchirurgie und Strahlentherapie kommen“, so Prof. Hauner. „Darüber hinaus droht das Risiko der Tumorkachexie“, warnte der Experte. Typisch für die Tumorkachexie sind ein Gewichtsverlust von > 5%, ein BMI < 20 kg/m2 bzw. eine Sarkopenie mit Gewichtsverlust von > 2%. Häufig kommen eine reduzierte Nahrungsaufnahme und eine systemische Entzündung hinzu (11). „Wir wissen, je früher wir intervenieren, umso größer sind die Chancen, eine Kachexie aufzuhalten (12). Bei refraktärer Kachexie ist eine Intervention meist nicht mehr sinnvoll“, betonte Prof. Hauner.

Ernährungstherapie bereits bei drohender Mangelernährung indiziert

Die Indikation zur Ernährungstherapie bei onkologischen Patienten und Patientinnen ist weit gefasst. Prof. Hauner rät bereits ab einer drohenden Mangelernährung mit ungenügender Nahrungsaufnahme, anhaltenden Diarrhoen und Polychemotherapie zur Ernährungstherapie. Als Kriterien für eine manifeste Mangelernährung führte er einen Body Mass Index (BMI) < 18,5 kg/m2, Gewichtsverlust > 5% in 3 bzw. 10% in 6 Monaten, Serumalbumin < 35 g/dl sowie den Nachweis von Nährstoffdefiziten (Vitamine, Spurenelemente, Mineralstoffe) an. „Eine angemessene Ernährungstherapie sollte immer Teil der Supportivbehandlung von Tumorpatienten und -patientinnen sein“, sagte Prof. Hauner. Wichtig sei ein Ernährungsplan, der die individuellen Bedürfnisse sowie den Zustand der Patienten und Patientinnen berücksichtigt.

Mortalitätsrisiko durch Ernährungstherapie senken

Ergebnisse eines Reviews bzw. einer Metaanalyse zeigen anhand von 27 Studien mit 6.308 Teilnehmenden bei Patienten und Patientinnen, die eine Ernährungsunterstützung erhalten hatten, eine niedrigere Mortalität als in der Kontrollgruppe (8,3% vs. 11,0%) (13). Eine aktuelle Studie aus der Schweiz mit 23.580 eingeschlossenen Patienten und Patientinnen zeigte, dass eine Ernährungstherapie bei Tumorpatienten und -patientinnen mit einem geringeren Mortalitätsrisiko assoziiert ist (15,4 vs. 19,4%) (14). „Mit moderner Ernährungsunterstützung ist eine Senkung der Sterblichkeit möglich. Der klinische Benefit der Ernährungstherapie ist heute besser denn je gesichert“, resümierte Prof. Hauner.
 
 

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Eiweißzufuhr für Wundheilung besonders wichtig

„Bei Patienten und Patientinnen mit Wunden ist zudem besonders auf die Eiweißzufuhr zu achten: Bei einer verminderten Nahrungszufuhr kann der Eiweißbedarf nicht ausreichend gedeckt werden“, ergänzte Erickson.

Präparate mit Olivenöl bei parenteraler Ernährung zu bevorzugen

Erickson gab den Teilnehmenden abschließend noch praxisrelevante Tipps für die Ernährungstherapie bei Tumorpatienten und -patientinnen mit auf den Weg: Demnach sei bei Betroffenen mit fehlender oder geringer Nahrungsaufnahme an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen und /oder mit kritischer Erkrankung bzw. nach großem operativem Eingriff ein erhöhtes Risiko für das Refeeding-Syndrom zu beachten (15). Die Ernährung sollte bei diesen schrittweise angepasst werden. Bei Patienten und Patientinnen mit Insulinresistenz und /oder akuter Behandlung (nach chirurgischen Eingriffen bzw. mit inflammatorischen Erkrankungen) könnte darüber hinaus eine erhöhte Fettzufuhr bei gleichzeitig reduzierter Glukosezufuhr den Verlauf verbessern (16). Ganz allgemein sei zudem die parenterale Ernährung mit Olivenöl-basierten Fettemulsionen im Vergleich zu Präparaten auf Sojaölbasis mit weniger Infektionen assoziiert (5, 6). Präparate mit Olivenöl-basierten Fettemulsionen seien demnach in der Praxis zu bevorzugen, so Erickson. Nicht zuletzt sollte auf die Zufuhr von Mikronährstoffen geachtet werden. Klinische Leitlinien empfehlen die tägliche parenterale Substitution von Vitamin und Spurenelementen (6).

ESMO Leitlinie zur Ernährungstherapie der Tumorkachexie

Hauner wies auf die neue klinische Leitlinie der ESMO zur Ernährungstherapie der Tumorkachexie hin. Die ESMO empfiehlt, dass aufgrund des Vorhandenseins einer anabolen Resistenz bei älteren Menschen und bei chronischen Erkrankungen eine höhere Eiweißzufuhr (mindestens 1,2 und möglicherweise bis zu 2 g/kg KG/Tag) erforderlich ist, um die Proteinsynthese auszugleichen (17).

Quelle: Baxter

Literatur:

(1) Muscaritoli M et al. Prevalence of malnutrition in patients at first medical oncology visit: thePreMiO study. Oncotarget 2017; 8(45): 79884-79896.
(2) Prado CMM et al. Overweight and obese patients with solid tumors may have sarcopenia, poor prognosis and early features of cachexia. Int J Body Compos Res 2010;8:7-15.
(3) Laviano A et al. Nutrition support and clinical outcome in advanced cancer patients. Proc NutrSoc 2018; 77(4): 388-393.
(4) Norman G et al. Negative pressure wound therapy for surgical wounds healing by primary closure. Cochrane Database Syst Rev 2020; 6(6):CD009261.
(5) Cai W et al. Biological and Clinical Aspects of an Olive Oil-Based Lipid Emulsion-A Review. Nutrients 2018; 10(6): 776.
(6) Arends J et al. Klinische Ernährung in der Onkologi eS3-Guideline of the German Society for Nutritional Medicine (DGEM) in Cooperation with the DGHO, the ASORS and the AKE. Clinical Nutrition in Oncology. Aktuel Ernahrungsmed 2015; 40: e1–e74
(7) Pirlich M et al. The German hospital malnutrition study. Clin Nutr 2006; 25(4): 563–572
(8) Hauner H et al. Prevalence of malnutrition risk in patients of cancer outpatient clinics - a cross-sectional survey. Dtsch Med Wochenschr 2020; 145(1):e1-e9.
(9) Pressoir M et al. Prevalence, risk factors and clinical implications of malnutrition in French Comprehensive Cancer Centres. Br J Cancer 2010; 102(6) :966-971.
(10) Martin L et al. Cancer cachexia in the age of obesity: skeletal muscle depletion is a powerful prognostic factor, independent of body mass index. J Clin Oncol 2013; 31(12): 1539-1547.
(11) Fearon K et al. Definition and classification of cancer cachexia: an international consensus. Lancet Oncology 2011; 12(5): 489-495.
(12) Ruggeri E et al. Home artificial nutrition in palliative care cancer patients: Impact on survival and performance status. Clin Nutr 2020; 39(11): 3346-3353.
(13) Gomes F et al. Association of Nutritional Support With Clinical Outcomes Among Medical Inpatients Who Are Malnourished or at Nutritional Risk. JAMA Netw Open 2019; 2: e1915138.
(14) Kaegi-Braun N et al. Association of Nutritional Support With Clinical Outcomes in Malnourished Cancer Patients: A Population-Based Matched Cohort Study. Front Nutr 2020; 7: 603370.
(15) McKnight CL et al. Refeeding Syndrome in the Critically Ill: a Literature Review and Clinician's Guide. Curr Gastroenterol Rep 2019; 21(11): 58.
(16) Barazzoni R et al. Carbohydrates and insulin resistance in clinical nutrition: Recommendations from the ESPEN expert group. Clin Nutr 2017; 36(2): 355-363.
(17) Arends J et al. Cancer cachexia in adult patients: ESMO Clinical Practice Guidelines. ESMO open 2021; 6(3): 1-18.


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