Samstag, 15. Mai 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
CAR T Prelaunch
CAR T Prelaunch
 
Gesundheitspolitik von JOURNALMED.DE
06. Dezember 2012

Patientenrisiko Chefarzt-Boni - Unnötige OPs in der Kritik

Kann man Ärzten trauen, wenn sie zur Operation raten? Reihenweise sollen Menschen unters Messer kommen, damit Ärzte und Kliniken Einnahmen machen. Hinter den Kulissen tobt ein Kampf darüber.

Anzeige:
Blenrep
Blenrep

Der Arzt jagte Henning Giggel einen gehörigen Schreck ein. Giggel war bei Dacharbeiten von der Leiter gefallen und mit Blaulicht ins Krankenhaus Gardelegen in Sachsen-Anhalt gekommen. Diagnose: Lendenwirbelbruch. Sofort teilte ihm der zuständige Mediziner mit: Er müsse operiert werden. Und zwar gleich am nächsten Morgen. Doch im letzten Moment entging Giggel dem Messer - anders als viele andere Patienten in Deutschland.

In Giggels Fall zeigte ein Chefarzt Rückgrat. Eine Stunde vor dem Eingriff stürmte er in sein Zimmer: Der Eingriff sei doch unnötig. „Ich hatte schon richtig Angst vor einer Operation“, erzählte Giggel der örtlichen „Altmark Zeitung“. In Gardelegen ermittelt mittlerweile die Staatsanwaltschaft. Ärzte der Klinik hatten in einem Brief von angeblich völlig unnötigen Bandscheiben-OPs an vielen Patienten berichtet.

Doch Eingriffe ohne ausreichende medizinische Begründung sind wohl kein Einzelfall. Alarm schlagen nun Deutschlands Chirurgen. „Führen falsche Anreize zu unnötigen Operationen?“, fragt der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Hans-Joachim Meyer. Es ist eher eine rhetorische Frage. Indikationen würden aus ökonomischen Gründen ausgeweitet, also medizinische Maßnahmen wegen des Geldes ergriffen.

Hinter den Kulissen tobt besonders ein Kampf um Chefarztverträge. Viele sehen Boni für die Mediziner vor nach dem Motto: Ab einer bestimmten Menge von Eingriffen winken zusätzliche Euro. Nach einer Studie der Personalberatung Kienbaum haben Bonusvereinbarungen in solchen Verträgen von 5% 1995 auf heute 45 % zugenommen. Zwar sank im Gegenzug das Grundgehalt, doch die Risiken für die Patienten werden dadurch eher noch größer.

Im Zuge des jüngsten Organspendeskandals wandte sich auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft im Sommer gegen finanzielle Anreize für viele Transplantationen. Seither machten die Ärzteorganisationen wie Marburger Bund und Ärztekammer verstärkt Front gegen Chefarzt-Boni - und stoßen bei den Krankenhäusern auf Granit.

Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery plädiert für eine Offenlegung von Bonusvereinbarungen. „Noch besser wäre es, wenn Kliniken ihren leitenden Mitarbeitern ökonomisch ausgerichtete Zielvereinbarungen erst gar nicht anbieten würden.“ Als die Ärztekammer eine Kontaktstelle einrichtete, bei denen man Verträge prüfen lassen kann, ging die Krankenhausgesellschaft in Kampfstellung.

In einem offenen Brief griff ihr Präsident Alfred Dänzer Montgomery an: Mit der Unterstellung medizinischen Fehlverhaltens von Ärzten diskreditiere sich die Ärztekammer selbst. Montgomery antwortete nicht öffentlich: Die Kliniken sollten kooperieren, es solle Boni nur noch geben, wenn sie steigender Qualität dienen.

Niemand weiß, wie oft ohne Not operiert wird. Doch eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung im Auftrag der Krankenkassen legt den Schluss nahe: oft. Bei den orthopädischen Behandlungen gab es demnach binnen vier Jahren einen Anstieg von gut 14%, bei den kardiologischen Fällen sogar von 17%. Fast zwei Drittel des Anstiegs sei nicht mit zunehmendem Alter der Menschen in Deutschland erklärbar. Man müsse aufpassen, dass man nicht unters Messer komme, folgert der Krankenkassenverband.

Der drastischen Warnung wollen sich Deutschlands Chirurgen zwar nicht anschließen, doch auch sie lüften den Mundschutz für klare Worte. „Wir haben ein Überangebot oder ein Überversorgungsproblem“, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Stefan Post.

Beispiel Leistenbruch: Bundesweit sind laut Post OP-Termine innerhalb einer Woche zu haben. Dabei handele es sich um lange planbare Eingriffe. „Hätten wir eine Wartezeit von zwei oder drei Monaten, würde das passieren, was sinnvoll ist“, sagt der Chirurg, „es würden weniger Leistenbrüche operiert“.

Vor allem in Großstädten reißen sich die Kliniken um Patienten. „Das ist ein Haifischbecken“, sagt der Generalsekretär der Chirurgie-Gesellschaft, Meyer. Wenn in einer Stadt wie Hannover etwa zehn bis zwölf Kliniken säßen, könne es schon mal an medizinischer Zurückhaltung mangeln. „Das ist echte Konkurrenz.“

Der Patienten aus Gardelegen kam nach einer Woche aus der Klinik. Nicht einmal in die Reha musste er. Ein ungutes Gefühl wegen der für ihn undurchschaubaren Vorgänge im Krankenhaus bleibt, wie er der „Altmark Zeitung“ sagte: „Dieses Hickhack macht einen als Patienten nachdenklich.“


Anzeige:
Digital Gesamt 2021
Digital Gesamt 2021
 
Das könnte Sie auch interessieren
Helfen und sich helfen lassen - neues Informationsblatt vom Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsfoschungszentrums
Helfen+und+sich+helfen+lassen+-+neues+Informationsblatt+vom+Krebsinformationsdienst+des+Deutschen+Krebsfoschungszentrums
Alexander Raths / Fotolia.com

Die Diagnose Krebs ist für die meisten Menschen ein Schock. Das gilt auch für Partner, Familienangehörige und Freunde von Krebspatienten. Neben der Sorge und dem Impuls, den anderen zu unterstützen, fühlen sich viele in dieser Situation zunächst unsicher und überfordert. Die Angst, im Miteinander etwas falsch zu machen, ist groß. Zur Unterstützung von Angehörigen und Freunden hat der...

Schmerzmittel Methadon ist kein Krebsheilmittel - keine falschen Hoffnungen wecken
Schmerzmittel+Methadon+ist+kein+Krebsheilmittel+-+keine+falschen+Hoffnungen+wecken
@ efmukel / Fotolia.com

Das Opioid Methadon sollte nicht zur Tumortherapie eingesetzt werden. Die derzeit vorliegenden Daten aus Labor- und Tierversuchen sowie einer Studie mit 27 Krebspatienten reichen nicht aus, um eine Behandlung zu rechtfertigen. Einige Medienberichte wecken dennoch bei an Leukämie oder Hirntumor erkrankten Patienten die falsche Hoffnung auf Heilung. Methadon ist zur Behandlung starker Schmerzen zugelassen und ein etabliertes Medikament in...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Patientenrisiko Chefarzt-Boni - Unnötige OPs in der Kritik"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.