Dienstag, 18. Mai 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
CAR T Prelaunch
CAR T Prelaunch
 
JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
26. April 2021

„Zielgerichtete Molekulardiagnostik umfasst Therapie, Prävention und Diagnosesicherung“

Interview mit Prof. Dr. med. Carsten Bokemeyer, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Prof. Dr. Carsten Bokemeyer hat sich als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) bereits Anfang 2019 angesichts des demographischen Wandels dafür ausgesprochen, die zu erwartende hohe Anzahl von Krebserkrankungen sowie die im gleichen Zusammenhang zu erwartenden Komorbiditäten gerade bei den zunehmend älteren Krebspatienten in den Blick zu nehmen. Parallel zu dem prognostizierten Anstieg der Krebs­erkrankungen werden ab 2025 verstärkt viele Onkologen und Palliativmediziner in den Ruhestand gehen, was die Versorgungslage weiter verschärfen kann. Gleichzeitig entwickelt sich die innovative Krebstherapie in rasanter Geschwindigkeit weiter und wird zunehmend individualisierter. Um das beste Therapiekonzept für den einzelnen Patienten auswählen zu können, muss neben der Standard- auch die Molekulardiagnostik für viele Tumorerkrankungen in den klinischen Alltag integriert werden. Ein wichtiger Baustein in der Umsetzung dieser Herangehensweise ist das interdisziplinäre, überregionale und zunehmend digitale Tumorboard. Im Gespräch mit JOURNAL ONKOLOGIE geht Prof. Bokemeyer auf den gegenwärtigen Stand personalisierter Medizin und aktuelle Herausforderungen ein.
Anzeige:
Tukysa
Tukysa
 
Prof. Dr. Carsten Bokemeyer
Prof. Dr. Carsten Bokemeyer,
Hamburg
Herr Prof. Bokemeyer, ist personalisierte Medizin heute schon der Standard?

Ärztliches Therapieren ist von jeher ein personalisiertes Vorgehen, z.B. indem man Therapien an Gewicht, Körpergröße und an Nieren- und Leberfunktion des Patienten adaptiert und relevante Komorbiditäten in der Therapieauswahl berücksichtigt hat. Neu dazugekommen sind die Erkenntnisse zur Tumorbiologie: Eine vormals als einzelne Entität betrachtete Krebs­erkrankung stellt sich heute als heterogene Gruppe von Erkrankungen mit unterschiedlicher Tumorbiologie dar. So gibt es mittlerweile nicht mehr „das“ Bronchialkarzinom, sondern zahlreiche molekular definierte Subgruppen, von denen jede nur wenige Prozent der Gesamterkrankten umfasst. Daher spielt die Molekulardiagnostik eine immer größere Rolle, weil per NGS (Next Generation Sequencing)-Panel-Diagnostik Mutationen und weitere genetische Alterationen erfasst werden, die potenziell therapeutisch adressierbar sind. Personalisierte Therapie ist damit in manchen Bereichen schon heute der Leitlinien-gerechte Standard, in anderen Entitäten noch hoch experimentell. Zudem sind bestimmte Aberrationen gleichzeitig bei völlig verschiedenen Tumorentitäten vorhanden und behandelbar – Beispiele sind NTRK oder ein MSI-Status – was dann als tumoragnostische Therapie bezeichnet wird. Natürlich entwickelt sich dieses ganze Feld seit Jahren rasant weiter. Wir haben daher 2019 in einem DGHO-Positionspapier gesundheitspolitische Handlungsfelder der molekular basierten Krebstherapie identifiziert: Flächendeckende Verfügbarkeit, qualitätsgesicherte Durchführung, ärztliche Fort- und Weiterbildung, umfassende Patienteninformation, notwendige Kostenerstattung und Umgang mit Angeboten zentralisierter, kommerzieller Anbieter waren die Stichworte. Wichtiger war uns aber ganz besonders die Auswertung derartiger Therapien im Sinne einer wissensgenerierenden Versorgung (1). Dazu müssen die individuellen Daten geschützt werden, aber zugleich in anonymisierter oder pseudonymisierter Form für Grundlagen- und Versorgungsforschung zur Verfügung stehen.

Sie forschen selbst – was leistet die translationale Forschung Ihrer Ansicht nach?

Es geht einerseits darum, von einer möglicherweise tumorbiologisch relevanten Beobachtung im Labor rasch zu einer klinischen Anwendung am Patienten zu kommen, von der er deutlich profitiert. Andererseits werden dem Patienten im Rahmen seiner Behandlung viele Angebote gemacht, die in seinem individuellen Fall sinnvoll erscheinen. Diese Angebote sollten von wissenschaftlichen Untersuchungen begleitet werden. So werden versorgungsrelevante Ergebnisse gefunden, z.B. dass auch Patienten mit Autoimmunerkrankungen Checkpoint-Inhibitoren erhalten können, oder dass unter Checkpoint-Inhibition auch gegen Grippe geimpft werden kann und soll. Aus Real-world-Registern werden wir Antworten bekommen, die in randomisierten Studien nicht gegeben werden, weil die Studienpopulation oft zu vielen Ausschlusskriterien unterliegt. Beispielsweise unterstützt das Netzwerk für personalisierte Medizin (ZPM) dieses Vorgehen für Tübingen, Freiburg, Heidelberg und Ulm (2) und wird zukünftig als gemeinsame Struktur aller onkologischen Spitzenzentren der Deutschen Krebshilfe (DKH) deutschlandweit angeboten.

Welche Anstrengungen werden unternommen, um neben der immer spezialisierteren Therapie auch Prävention und Nachsorge in die Behandlungskonzepte zu integrieren?

In unserem Positionspapier weisen wir explizit darauf hin, dass die zielgerichtete Molekulardiagnostik Maßnahmen zur Prävention, zum Screening, zur Diagnosesicherung und/oder zur Therapie insgesamt einschließt (1). Wir müssen in Deutschland bis 2030 mit ca. 600.000 Krebsneuerkrankungen jährlich rechnen. Daraus ist für die Funktionalität des Gesundheitssystems ein klarer Schluss zu ziehen: Prävention ist extrem wichtig. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) geht von 40% vermeidbaren Krebserkrankungen aus, die in erster Linie – verkürzt dargestellt – auf Rauchen, Adipositas, Bewegungsmangel, onkogene Viren (Humanes Papillomavirus und Epstein-Barr-Virus) und erhöhte Radonbelastung zurückgeht. Somit hat sich auch die Nationale Dekade gegen Krebs auf die Fahne geschrieben, Prävention zu verbessern: Lieber Krebs verhindern, als stets noch mehr Behandlungsstrukturen schaffen zu müssen (3).

Gibt es eine regionale Komponente der Versorgung Krebskranker?

Die Zunahme von Krebserkrankungen insbesondere im ländlichen Raum wird eine flächendeckende Versorgung weiter erschweren. Daher wird die Interaktion zwischen onkologischen Spitzenzentren in den größeren Städten und den Fach-, Land- und Hausärzten der ländlichen Region benötigt. Instrumente dafür sind das Tumorboard (auch digital, mit externen Kollegen) und der vollständige (digitale) Austausch der Ergebnisse mit allen Beteiligten, auch das Pflegepersonal und/oder Betreuer im Sinne von Onko-Lotsen müssen eingebunden werden. Lösungsbeispiele können dafür der über Land fahrende Onko-Bus oder die Videosprechstunden/Telemedizin-Anwendungen sein, mit denen sich Präsenzbesuche in Praxis oder Zentrum hinauszögern lassen. Es muss nicht jeder Patient in einem Zentrum behandelt werden, aber die Expertise des Zentums im Sinne der Out­reach-Funktion sollte in der Peripherie umgesetzt werden.

Was folgt aus den zunehmenden Therapieerfolgen für die Patienten?

Für das Thema Nachsorge gilt: je besser die Therapieergebnisse sind, umso mehr Patienten werden langfristig nachbetreut werden. Dabei geht es nicht nur um das Erkennen von Tumorrezidiven, sondern um die Wiedereingliederung in den Beruf, um Fertilitätsprobleme und Partnerschaft, ganz generell um die Spättoxizitäten der Krebstherapie und um gesunde Lebensführung. So wurde z.B. am UCCH in Hamburg das Programm „Care for Caya“ für Patienten zwischen 16 und 40 Jahren aufgelegt, das u.a. kardiovaskuläre Nebenwirkungen managt, sich aber auch um psychologische Probleme, Ernährung, Sport, Rehabilitation und den Neustart im Beruf kümmert (4).

Im Klinikum Eppendorf trat gleich zu Beginn der Pandemie ein SARS-CoV-2-Ausbruch auf. Wie haben Sie das erlebt?

Die Situation hat Patienten und Mitarbeiter vor große medizinische Herausforderungen gestellt und emotional belastet. Trotz zahlreicher vorbeugender Präventionsmaßnahmen kam es zu einem Zeitpunkt, als noch sehr wenig über das Virus bekannt war, zur Infektion von Krebspatienten und Mitarbeitern. Diese einschneidende Erfahrung hat bei uns innerhalb kürzester Zeit und nachfolgend mit der wachsenden Erkenntnis kontinuierlich angepasst so viele Schutzmaßnahmen hervorgebracht und Erfahrungen gefördert, dass wir danach ohne weitere große Komplikationen durch diese bedrohliche Pandemiezeit gekommen sind. Gleichzeitig haben wir als Tumorzentrum umfangreiche Programme aufgelegt, um im Netzwerk Informationen auszutauschen, Kapazitäten zu schaffen und betroffene Patienten in einer Registerstudie zu erfassen. Leider waren – trotz entsprechender Gegenmaßnahmen – überall in Deutschland in den Wellen der Corona-Pandemie viele Angebote der Krebsmedizin vorübergehend eingeschränkt, denn Kapazitäten auf Intensivstationen mussten für Corona-Patienten vorgehalten werden, OPs wurden entsprechend verschoben, wenn dies als klinisch möglich angesehen war und Präventionsangebote und Nachsorgetermine waren eingeschränkt verfügbar. Und natürlich kamen einige Patienten aus Angst vor Ansteckung im Krankenhaus in dieser Zeit nicht zur Diagnostik oder haben ihre Therapie verschoben. Die Folge war eine „Krebswelle“ zwischen den Corona-Wellen 1 und 2, und das erwarten wir nach dem aktuellen Lockdown der 3. Welle leider auch wieder in einem gewissen Maße – auch wenn vieles jetzt deutlich geordneter abläuft als vor einem Jahr, als man mit dem Virus noch keinerlei Erfahrungen hatte.


Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Antje Blum
Literatur:

(1) https://dgho.de/publikationen/stellungnahmen/gute-aerztliche-praxis/molekulare-diagnostik/molekulare-diagnostik-positionspapier-2019-1.pdf
(2) https://zpm-verbund.de
(3) https://www.dekade-gegen-krebs.de
(4) www.med4u.org/19385


Anzeige:
Blenrep
Blenrep
Das könnte Sie auch interessieren
Sonnensünden kommen erst nach Jahrzehnten ans Tageslicht
Sonnens%C3%BCnden+kommen+erst+nach+Jahrzehnten+ans+Tageslicht
© Peter Atkins / Fotolia.com

Die moderne Krebsmedizin hat bei der Behandlung von Tumorerkrankungen in den letzten Jahren beachtliche Erfolge erzielt. Das gilt insbesondere auch für Hautkrebs, der durch ein Übermaß an UV-Strahlung ausgelöst wird. Die Hautkrebszahlen steigen. Auch das Dresdner Hauttumorzentrum am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Dresden (NCT/UCC) verzeichnet kontinuierlich mehr Hautkrebspatienten – darunter viele...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"„Zielgerichtete Molekulardiagnostik umfasst Therapie, Prävention und Diagnosesicherung“"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.