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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

14. November 2020 Supportive Psychotherapie in der Onkologie

Interview mit Dr. med. Pia Heußner, Klinikum Garmisch-Partenkirchen.

Eine Krebserkrankung hat auf das Leben der Betroffenen und Angehörigen weitreichende Auswirkungen, vor allem auch im psychischen und sozialen Bereich. Wenn diese Situation von den Patienten nicht selbst bewältigt werden kann, wird eine spezialisierte psychoonkologische Betreuung erforderlich. Die Erfassung der unterschiedlichen Bedürfnisse des einzelnen Patienten ist von wesentlicher Bedeutung für die Verbesserung der psychosozialen Versorgungssituation von Krebspatienten. Die Psycho-Onkologie beschäftigt sich mit der Erkrankung und deren Auswirkungen und bietet den Betroffenen und Angehörigen zielgerichtete Unterstützung bei der Bewältigung der veränderten Lebenssituation. JOURNAL ONKOLOGIE sprach mit Frau Dr. Pia Heußner, leitende Oberärztin Psycho-Onkologie, Onkologisches Zentrum Oberland, Klinikum Garmisch-Partenkirchen, über verschiedene Aspekte der supportiven Psychotherapie in der Onkologie.
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Pia Heußner
Dr. Pia Heußner, Klinikum Garmisch-Partenkirchen
Wie wird man psychoonkologischer Therapeut oder Psycho-Onkologe?

Für die Psycho-Onkologie-Ausbildung gibt es in Deutschland Akademien, die von der Deutschen Krebsgesellschaft anerkannt sind.

Die Deutsche Krebsgesellschaft hat in ihren Zertifizierungsrichtlinien festgelegt, dass nur ausgebildete Psycho­Onkologen tätig sein dürfen. Darunter versteht man Psychologen oder Ärzte mit einer Ausbildung und Approbation als Psychotherapeut und einer Zusatzausbildung in Psycho-Onkologie. Es kann folglich nicht jeder Arzt oder Psychologe von sich behaupten, er sei Psycho-Onkologe, sondern es muss ein Arzt sein mit einer Facharzt-, einer Psychotherapie- und einer Psycho-Onkologie-Ausbildung – oder ein Psychologe mit einer Psychotherapie- und einer Psycho-Onkologie-Ausbildung. Grundsätzlich ist es hierbei wichtig, dass sich die Therapeuten selbst mit den Themen Krankheit, Sterben und Tod und ihren Ängsten auseinandersetzen. Darüber hinaus ist erforderlich, dass ein Psycho-Onkologe sich ebenfalls mit den Bedingungen und der Situation der onkologischen Patienten auskennt, um den Patienten an den entscheidenden Stellen auch Hinweise zu geben, wo sie weitere Unterstützung und Hilfe erhalten können. Deshalb braucht es auf diesem Gebiet Spezialkenntnisse. Für die Psychotherapie-Ausbildung werden durchschnittlich 3-5 Jahre benötigt, das ist die Basisausbildung, und dazu kommt die Psycho-Onkologie-Ausbildung, die alles in allem noch einmal ein Jahr dauert.

Wie kann man sich den Ablauf der supportiven Psychotherapie in der Onkologie vorstellen?

Dazu gibt es keinen Standardablauf, sondern ein individualisiertes Arbeiten vor allem im Hier und Jetzt. Die Psycho-Onkologen orientieren sich an der Erlebniswirklichkeit der Patienten und holen den Patienten dort ab, wo er steht. Wenn ein Patient beispielsweise benennt, dass er Todesangst aufgrund seiner Krebserkrankung hat, ist dies ein anderer Ausgangspunkt, als wenn ein Patient sagt, dass er Schwierigkeiten hat zu akzeptieren, dass er sich einer Chemotherapie unterziehen muss oder sehr stark unter den Nebenwirkungen leidet. Ebenso ist es eine andere Basis, wenn sich ein Patient in erster Linie dadurch belastet fühlt, dass er wegen der Erkrankung nicht mehr arbeiten kann, sodass er und seine Familie mit 3 kleinen Kindern, die er versorgen muss, nun vom Krankengeld leben müssen, was 30% weniger Einkommen bedeutet. Wieder andere Patienten sind unter der Behandlung so beeinträchtigt, dass sie kaum in der Lage sind, den Haushalt zu bewältigen.

Es sind also ganz unterschiedliche Situationen, wie sich ein Patient präsentiert, und Psycho-Onkologen müssen aus dieser jeweils individuellen, persönlichen Situation heraus entscheiden, was der Patient braucht. Vielfach arbeiten Psycho-Onkologen unterstützend und klärend und suchen gemeinsam mit dem Patienten nach Lösungsmodellen für die aktuelle Problematik. Psycho-Onkologen arbeiten überwiegend an der akuten Erkrankung bzw. der Lebenssituation und weniger an Verhaltensmustern oder an Konflikten im Rahmen der Lebensgeschichte – das spielt eher sekundär eine Rolle.

Ist der Bedarf für psychoonkologische Betreuung prinzipiell hoch?

Generell gehen wir davon aus, dass etwa 30% der Patienten Bedarf haben; die Inanspruchnahme ist jedoch unterschiedlich. Wir wissen beispielsweise, dass bei manchen Diagnosen ca. 50% eine psychoonkologische Betreuung in Anspruch nehmen; bei anderen Erkrankungen wird dieses Angebot wiederum nur von 12-15% der Patienten angenommen. Es gibt entsprechend Erkrankungen, bei denen häufiger ein Bedarf an psychoonkologischer Betreuung nachgewiesen wird. Generell kommt es hier auch auf die Persönlichkeit und die Faktoren an, welche die Menschen, die mit einer Krebserkrankung konfrontiert werden, selbst mitbringen. So gibt es Menschen, die für sich im Leben die Erfahrung gemacht haben, dass sie Probleme bewältigen können, dass sie in der Lage sind, Lösungen zu finden und sich gut an die sich verändernden Lebensumstände anpassen können. Es gibt Patienten, die prinzipiell eine eher optimistische Lebenseinstellung haben und andererseits Patienten, die sehr pessimistisch aufgestellt sind, für die das Glas Wasser immer halb leer und nie halb voll ist, und die die Erfahrung gemacht haben, dass sich nie eine gute Lösung finden wird, egal, was sie versuchen. Dieses Erfahrungswissen unserer Patienten und die Persönlichkeit haben natürlich einen großen Einfluss darauf, wie sich Menschen mit einer existenziell bedrohlichen Erkrankung anpassen können. Das heißt, dass die grundlegende Persönlichkeit auch einen Einfluss auf die Möglichkeiten des einzelnen Menschen hat, eine Psychotherapie für sich nutzbar zu machen. So führen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale beispielsweise dazu, dass ein Mensch sagt, er brauche keine Hilfe, er lasse sich nicht helfen oder ihm sei sowieso nicht zu helfen – dieser Mensch kann dann auch keine Hilfe in Anspruch nehmen.

Das heißt also letztendlich, dass unabhängig von der Erkrankung auch die Persönlichkeitsstruktur ein wesentlicher Faktor hinsichtlich des Bedarfs an psychoonkologischer Betreuung ist.

Gibt es qualifizierte Unterstützungs-angebote für Krebspatienten wie z.B. Rehabilitationsmaßnahmen? Spielt dabei evtl. auch die familiäre Situation eine Rolle – wie entscheidet sich z.B. eine Mutter mit 2 schulpflichtigen Kindern, die an Brustkrebs erkrankt ist?

Grundsätzlich hat jeder onkologische Patient in der gesetzlichen Versicherung Anspruch auf eine onkologische Rehabilitation. Ich würde meinen, dass sich vielleicht 50% der Patienten für eine Rehabilitation entscheiden, das ist aber nur eine Schätzung.

Gerade für Brustkrebs-Patientinnen existieren Spezialangebote und Kliniken, in denen nur diese Frauen behandelt werden, und wo auch Kinder mitgebracht und auch sogar unterrichtet werden können. Das gibt es in dieser speziellen Form aber tatsächlich nur für diese Patientinnen und für alle anderen fast gar nicht.

Welche Form der psychoonkologischen Unterstützung wird den Patienten angeboten?

Die Psycho-Onkologie umfasst ein breites Methodenspektrum. Generell arbeiten wir in den psychotherapeutischen Gesprächsangeboten vor allem supportiv, also unterstützend. Außerdem leiten wir die Patienten zu körperlicher Aktivität an, wobei der Psychotherapeut in aller Regel nicht selbst Sport anbietet, sondern die Patienten eher darin unterstützt, solche Angebote wahrzunehmen. Es gibt auch kreative Methoden wie Musik- oder Kunsttherapie ebenso wie Entspannungstechniken, die hilfreich sind. Auch hier werden die Patienten angeleitet, für sich das passende Entspannungsverfahren herauszufinden und für sich verfügbar zu machen; zum Teil werden diese Techniken aber auch von den Psycho-Onkologen selbst vermittelt.

Werden die Patienten in der Regel eher in Gruppen oder einzeln betreut, und wie lange dauert ein psychotherapeutisches Gespräch?

Prinzipiell gibt es auch gruppentherapeutische Angebote, das ist aber eher selten in der Akut-Onkologie, und diese erfolgen wiederum häufiger in den erwähnten Rehabilitationskliniken. Auch in COVID-19-Zeiten kann man nun wieder – unter Auflagen – gruppentherapeutische Angebote machen. Häufiger findet aber eine Einzelbetreuung statt. Ein Einzelgespräch dauert durchschnittlich 50 Minuten, es sei denn, ein Patient ist körperlich so stark beeinträchtigt, dass man aufgrund dessen den Termin sozusagen „halbiert“ und die Gesprächsdauer auf 25 Minuten reduziert, da es sonst für den Patienten zu anstrengend wäre.

Gibt es für Eltern krebskranker Kinder bzw. Kinder krebskranker Eltern spezielle Betreuungsprogramme?

In der pädiatrischen Onkologie gibt es eigene Betreuungsprogramme für Eltern. Für die Kinder krebskranker Eltern gibt es leider wenige Angebote in den Regelleistungen der Krankenkassen, aber häufiger über Spendengelder finanzierte spezialisierte Angebote und Programme an den größeren Kliniken. So haben z.B. München-Großhadern oder die Uniklinik Regensburg Spezialangebote für Kinder krebskranker Eltern, ebenso z.B. Kliniken in Heidelberg und Hamburg.

Welche Maßnahmen eignen sich zur Bewältigung der psychischen Belas­tung nach einer Krebsdiagnose Ihrer Meinung nach am besten?

Auch hier muss man die unterschiedlichen Bedürfnisse der Patienten berücksichtigen. Deshalb lässt es sich nicht pauschal sagen, dass z.B. die Kunsttherapie besser ist als die Gesprächstherapie. Aber das, was alle Patienten, wenn sie etwas in Anspruch nehmen, zunächst benötigen, ist in der Regel das unterstützende, klärende und Ressourcen-aktivierende Gespräch. Auf diese Weise wird ersichtlich, was der Einzelne überhaupt braucht. Das können Psycho-Onkologen anhand des Gesprächs gut einschätzen und gemeinsam mit dem Patienten erarbeiten, wovon dieser am ehesten profitiert – ob von Entspannung, Beratung, Kunsttherapie etc.

Hat die Psycho-Onkologie Einfluss auf Outcome bzw. Prognose?

Dazu existieren keine belastbaren wissenschaftlichen Daten. Ich persönlich sage zu meinen Patienten immer, dass ich ihnen eine positive Beeinflussung des Krankheitsverlaufs nicht versprechen kann, sondern dass es uns in der Psycho-Onkologie um das Ziel der Verbesserung der Lebensqualität geht.


Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Dr. Astrid Heinl

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