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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

17. Oktober 2020
Seite 1/5
Supportiv-komplementäre Beziehungsgestaltung in der Interaktion mit Krebspatienten

R. Weierstall-Pust, Medical School Hamburg, G. Pust, Universität Konstanz.

Die Diagnostik und Behandlung ihrer Krebserkrankung wird von den Betroffenen mitunter als traumatisch wahrgenommen. Die Patienten benötigen einen stützenden „Rahmen“, der ihnen den Umgang mit den oft lebensverändernden Einschnitten erleichtert. Eine komplementäre Beziehungsgestaltung kann hierfür einen wichtigen Wirkfaktor darstellen und die psychische Gesundheit stärken. Der vorliegende Artikel beschreibt zunächst den Traumabegriff und leitet von diesem ausgehend her, worin die spezifische Belastung beim Patienten liegen kann. Der Fokus liegt auf der negativen Beeinflussung (Frustration) fundamentaler menschlicher Bedürfnisse nach Bindung, Selbstwert, Kontrolle und Wohlbefinden als Grundlage psychischer und indirekt auch körperlicher Gesundheit. Anhand von 5 Schritten wird versucht, eine (niedrigschwellige) Handlungsempfehlung zu geben, wie der Onkologe eine an den Grundbedürfnissen ausgerichtete komplementäre Beziehungsgestaltung vornehmen könnte.
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Niedrigschwellige Handlungsempfehlungen für Gestaltung der Arzt-Patienten-Beziehung

Fachärzte und Hausärzte sehen sich gleichermaßen mit stetig wachsenden Vorgaben und Anforderungen hinsichtlich Dokumentationspflichten, rechtlicher Verordnungen, der Weiterentwicklung von technischen und apparativen Verfahren sowie Schnittstellenwissen konfrontiert. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass sich in Folge der steigenden Arbeitsanforderungen auch die Kontaktzeiten mit den Patienten reduzieren (1, 2), was mitunter eine wesentliche Herausforderung darstellen kann: In der Onkologie wird einerseits eine hohe Untersuchungs- und Behandlungsqualität vorausgesetzt, sodass den primären medizinischen Aufgaben eine besondere Bedeutung zuteil wird. Zeitgleich rückt aber auf der anderen Seite die patientenzentrierte Versorgung unter Einbezug von Elementen wie der partizipativen Entscheidungsfindung auch in der Onkologie zunehmend in den Vordergrund, welche ebenfalls entsprechende zeitliche Ressourcen auf Seiten des Arztes voraussetzt. Vor allem die qualitative Gestaltung der Arzt-Patienten-Beziehung besitzt hierbei eine besondere Bedeutung (3), da eine Krebserkrankung für die Betroffenen auf unterschiedlichen Ebenen eine entscheidende und oftmals traumatische Erfahrung darstellen kann und entsprechende Anforderungen an den Onkologen stellt. Wissenschaftler und Praktiker empfehlen daher gleichermaßen, dass grundsätzlich auch Erkenntnisse aus der Psychotraumatologie Einzug in die Onkologie haben sollten (4). Zahlreiche Aus- und Weiterbildungsangebote sind darauf ausgerichtet, den Ärzten Hilfestellungen dabei zu geben, sich auch in psychologisch/psychotherapeutischen Handlungsfeldern wie der Gesprächsführung oder der Beziehungsgestaltung orientieren zu können und die daraus resultierenden Erkenntnisse für ihre Arbeit zu nutzen (z.B. (5)). Die Herausforderung besteht darin, niedrigschwellige Handlungsempfehlungen für Onkologen zu schaffen, um diesen eine Anwendung von psychotherapeutischen Prinzipien auch außerhalb von aufwendigen und ressourcenintensiven Schulungen und einem psychoonkologischen Schwerpunkt zu ermöglichen. Der vorliegende Artikel zielt daher darauf ab, eine auf wesentliche Kernelemente beschränkte Handlungsempfehlung anzubieten, wie eine supportiv-komplementäre Beziehungsgestaltung in der Onkologie gestaltet werden kann. Der Fokus dieser stützenden und entlas-tenden Form der Beziehungsgestaltung ist dabei an den Grundbedürfnissen des Patienten ausgerichtet. Sie zielt darauf ab, eine Basis in der Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient zu legen, welche sich positiv auf die psychische Gesundheit und damit indirekt auch auf die körperliche Gesundheit auswirken kann. Hierfür werden etablierte und evidenzbasierte psychologische Theorien hinzugezogen, um einen fundierten theoretischen Rahmen zu schaffen. Dies ist insbesondere unter dem Aspekt relevant, dass stützende Techniken in der Literatur häufig als intuitive Maßnahmen beschrieben werden, während verkannt wird, dass der Einsatz supportiver Techniken ebenfalls einer Systematik über Störungs- und Veränderungswissen folgen sollte (6).

Die Krebserkrankung als traumatisches Lebensereignis

Um stützend und begrenzt versorgend auf den Patienten eingehen zu können, ist es zunächst relevant, die psychische Belastung im Rahmen einer Krebserkrankung treffend zu erfassen. Das Risiko für die Entwicklung einer Traumafolgestörung ist bei Krebspatienten signifikant erhöht. Aktuelle Metaanalysen berichten ein odds ratio von 1,66 für die Entwicklung einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) bei Krebspatienten (7). Sie unterstreichen somit die hohe Bedeutung von Krebserkrankungen in Bezug auf gravierende Folgen für die psychische Gesundheit. Sowohl die Diagnostik als auch die Therapie von Krebserkrankungen kann mit einer Reihe belastender und bisweilen traumatischer Stressoren einhergehen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass rund die Hälfte aller Krebspatienten die Mitteilung einer gesicherten Diagnose bereits traumatisch verarbeiten (z.B. (8, 9)). Im angloamerikanischen Raum haben mit der Einführung eines neuen Diagnosesystems (DSM-5; (10)) aktuell Änderungen in den Diagnosekriterien von Traumafolgestörungen Einzug gehalten. Die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit ist demnach nicht mehr notwendigerweise als traumatisch zu bewerten. In Deutschland hat jedoch nach wie vor die Klassifikation gemäß der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10-GM, (11)) Bestand. Gemäß diesem muss für die Einstufung eines Ereignisses als traumatisch einerseits objektiv eine „außergewöhnliche Bedrohung“ vorliegen oder ein Ereignis ein „katastrophenartiges Ausmaß“ besitzen. Viel entscheidender ist aber nach Einschätzung der Autoren die subjektive Bedrohung, das heißt, dass das Ereignis „bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde“ oder mit „starker Angst, Hilflosigkeit oder Grauen“ erlebt wurde. Das bedeutet, dass Onkologen in der direkten und tagtäglichen Arbeit mit ihren Patienten mit einer Vielzahl intensivster emotionaler Zustände konfrontiert sind. Diese sind jedoch nicht auf die Diagnosestellung begrenzt: Von einer erhöhten Angst im Verlauf der diagnostischen Phase und den histologischen Untersuchungen (12), Überforderungserleben im Zuge der Entscheidungsfindung für die Art der Behandlung (13), bis hin zu existenziellen Ängsten bei bevorstehenden invasiven und risikohaften Therapiemethoden (14) und einer gesteigerten Sorge vor Rezidiven (15), finden sich zahlreiche Situationen, welche Patienten in emotionale Ausnahmezustände versetzen. Entsprechend vielfältig sind die möglichen subklinischen und psychopathologischen Stress- und Traumafolgen und Behandlungsempfehlungen.
 
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