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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel
25. Januar 2021
Seite 1/4

Interview: Personalisierte Therapie beim fortgeschrittenen Mammakarzinom

Interview mit Prof. Dr. med. Volkmar Müller, Hamburg.
Bei einer Vielzahl von Krebserkankungen gibt es durch Medikamente mit neuen Wirkprinzipien inzwischen sehr gute Behandlungsfortschritte. So hat sich in den vergangenen Jahren auch die Therapie des Mammakarzinoms grundlegend gewandelt. Die Fortschritte in der Brustkrebsforschung und -therapie ermöglichen auch eine verbesserte Früherkennung und haben dazu beigetragen, die Sterberate zu reduzieren. Vor allem die individualisierte, zielgerichtete Behandlung bedeutet eine verminderte Belastung für Patientinnen sowie verbesserte Heilungsergebnisse und ein längeres Überleben. Prof. Dr. Volkmar Müller, stellvertretender Klinikdirektor und Leiter konservative gynäkologische Onkologie, Klinik und Poliklinik für Gynäkologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, erläutert, welche Ergebnisse mit der personalisierten Medizin bei Brustkrebs erzielt werden können und gibt einen Überblick über die Therapiestrategien.
Volkmar Müller
Prof. Dr. Volkmar Müller, Hamburg
In Deutschland erkranken jährlich über 70.000 Frauen an Brustkrebs. Bei wie vielen Patientinnen wird die Erkrankung erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt? Wie hoch sind die Heilungschancen im Vergleich zu vor 20 Jahren?
 
Jede 8. Frau erkrankt im Verlauf ihres Lebens an Brustkrebs. Bei der Erstdiagnose Mammakarzinom liegen bei etwa 3-5% der betroffenen Frauen Metastasen vor, wobei eher bei jüngeren Frauen aggressivere Tumoren auftreten. Ein kleiner Teil der Erkrankungen bei diesen jüngeren Patientinnen geht auch auf eine erbliche Veranlagung zurück.
 
Es ist nicht ganz einfach, eine genaue Aussage zu den Überlebensraten zu machen, aber man kann sagen, dass inzwischen die weit überwiegende Mehrheit der Frauen dauerhaft von der Erkrankung geheilt werden kann, wenn auch nicht alle. Internationale Studien zeigen, dass die Heilungsraten in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen sind: Aus Untersuchungen in Ländern mit einem flächendeckenden Krebsregister ist hervorgegangen, dass die Heilungsraten wahrscheinlich verdoppelt werden konnten. Wir nehmen an, dass das 2 Gründe hat: Zum einen ist das auf die verbesserte multimodale Therapie zurückzuführen, zum anderen gibt es heute in vielen Ländern Programme zur Früherkennung, sodass die Tumoren im Schnitt viel früher erkannt und somit bessere Heilungschancen erzielt werden können. Dies zeigt sich auch an der Rate der brusterhaltenden Operationen, die in Deutschland traditionell sehr hoch ist. Hier ist das Konzept, brusterhaltend zu operieren und anschließend zu bestrahlen, wenn die Tumorgröße es zulässt, sehr früh eingeführt worden. Die Rate der brusterhaltenden Operationen liegt in allen größeren Zentren durchschnittlich bei über 80%.
 
Beim metastasierten Mamakarzinom liegt natürlich eine grundlegend andere Situation vor, da keine Heilung mehr möglich ist. Der Therapieansatz ist in diesem Fall somit auch ein anderer. Doch auch mit einer metastasierten Erkrankung ist bei vielen Frauen eine Verlängerung des Überlebens möglich. Das kann aber nicht in allen Subgruppen beobachtet werden. Der Fortschritt ist beispielsweise bei Hormonrezeptor-positiven Tumoren größer. Ein weiteres Beispiel für große Fortschritte ist das HER2-positive Mammakarzinom – 15% der Karzinome haben eine Überexpression des Wachstumsfaktors HER2. Schon vor 20 Jahren ist dafür ein monoklonaler Antikörper entwickelt worden, und inzwischen gibt es mehrere Therapieansätze, die gegen HER2 gerichtet sind. Das hat dazu geführt, dass sowohl in der frühen als auch in der metastasierten Situation das Überleben dieser Patientinnen deutlich verlängert ist.
 
Es gibt daher Patientinnen mit metastasiertem Brustkrebs, die lange und nahezu unbeeinträchtigt sozusagen mit einer chronischen Krankheit leben, wie z.B. Frauen mit HER2-positivem Brustkrebs, die seit 15 Jahren Antikörper bekommen und keine sichtbaren Metastasen mehr haben. Ich würde sagen, dass Heilung in der metastasierten Situation zwar noch kein realistisches Ziel ist, aber es kann erreicht werden, dass das metastasierte Mammakarzinom zumindest für einen Teil der Frauen eine chronische Erkrankung mit nahezu unbeeinträchtigter Lebensqualität ist.
 
Ist die personalisierte Krebstherapie beim Mammakarzinom aufgrund der Häufigkeit der Erkrankung im Vergleich zu anderen Entitäten besser erforscht?
 
Ja, das könnte man schon sagen. Beim Brustkrebs gab es tatsächlich bereits so etwas wie eine personalisierte Medizin, lange bevor man dieses Wort überhaupt kannte. So wurde schon sehr früh der Zusammenhang zwischen Östrogen und dem Wachstum von Brustkrebszellen beschrieben, Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts wurden Antiöstrogene entdeckt, und der Nachweis von Hormonrezeptoren ist in den 1980er Jahren in die klinische Routine etabliert worden. Sogar noch viel früher, im 19. Jahrhundert, wurde die Ovariektomie bei prämenopausalen Frauen als eine Therapiemöglichkeit beschrieben. Das Mammakarzinom ist somit ganz sicher die Tumorerkrankung, in der das erste Mal personalisierte Medizin angewendet wurde. Die Antihormontherapie hat sich als Baustein in der Therapie sowohl des frühen als auch des metastasierten Mammakarzinoms weiterentwickelt und sicherlich zu vielen Fortschritten beigetragen. Zusätzlich wurden Ansätze entdeckt, die die Wirksamkeit der Antihormontherapie verbessern oder die Resistenzentwicklung verzögern. Hier sind zahlreiche Medikamente in der Entwicklung sowie bereits mehrere Medikamente zugelassen, die auch als zielgerichtete Therapien bezeichnet werden können, s.u..
 
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