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JOURNAL ONKOLOGIE – Artikel

16. Dezember 2019
Seite 1/4
Musik, Musiktherapie und Krebs

O. Micke1, U. Radke2, J. Büntzel3. 1Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie, Franziskus Hospital, Bielefeld, 2Lungenfachklinik, Immenhausen, 3Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Südharz Klinikum Nordhausen gGmbH, Nordhausen.

Musik ist eine Dimension für sich, die die Entwicklung der Menschheit immer begleitet hat (Abb. 1). Das gesamte Leben des Menschen wird von der Wiege bis zur Bahre mit Musik unterlegt (1, 2), sie ist der Soundtrack des Lebens. Der Mensch wird von ihr in seinem Innersten berührt. Für die mittelalterliche Mystikerin Hildegard von Bingen „hat Gott in der Musik den Menschen die Erinnerung an das verlorene Paradies hinterlassen“ (3). Musik löst Emotionen aus, weckt Erinnerungen, lässt mit den Fingern im Takt klopfen, mit den Füßen wippen und bringt uns zum Tanzen. Musik beeinflusst Körper und Geist und löst eine Vielzahl eng verknüpfter komplexer neurobiologischer Vorgänge aus (Abb. 2). Schon die alten Ägypter versuchten, mit der Wirkung der Musik heilende Effekte für den Menschen zu erzielen. V.a. auch in der Krebsmedizin ist  dieser Ansatz heutzutage weiterhin sehr aktuell.
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Ursprünge und Geschichte
 
Der heilsame Effekt von Musik auf die psychische und physische Gesundheit ist seit Jahrtausenden bekannt. Musik, Gesänge, Klänge und Rhythmen dienten in frühen Kulturen zur Vertreibung von Krankheiten bzw. deren Dämonen (4, 5). Die alten Ägypter und Chinesen erkannten um ca. 1500 v. Chr. die Wirkung von Musik auf Körper und Psyche des Menschen und deren Beeinflussung durch die Musik (4, 5). Im Alten Testament ist zu lesen, dass ein „böser Geist“ von Saul wich, als er Zithermusik hörte (1. Samuel 16,14-23). Im alten Griechenland um 500 v. Chr. bemühte man sich, den Zusammenhang zwischen Musik und Gesundheit rational zu beschreiben. Für Pythagoras (ca. 570-500 v. Chr.) beeinflusste Musik unmittelbar Gedanken, Gefühle und körperliche Gesundheit (4, 6). Die Pythagoreer unternahmen den ersten, historisch weitreichenden Versuch, die Wirkung von Klängen rational zu erklären (6). In der klassischen Antike sahen viele Denker die Musik als Abbild der kosmischen Ordnung. Folgerichtig konnte Musik das durch Krankheit gestörte Verhältnis zwischen Geist und Körper wiederherstellen und harmonisieren (4-7). So schrieb Aristoteles der musikbedingten „Katharsis“ zu, dass durch Musik und Tanz krankmachende und krankheitsfördernde Verspannungen gelöst und der Körper gereinigt werden (8). Dieser Denkansatz setzte sich in den nächsten Jahrhunderten fort. So schlug der römische Arzt Aulus Cornelius Celsus (um 25 v. Chr. bis um 50 n. Chr.) „Musikstücke, das Getön von Becken und Getöse“ vor, um Kranke von traurigen Grübeleien abzubringen (9).
 
Abb. 1: Seit frühester Urzeit entwickelte der Mensch Interesse an der Musik und am Musizieren. Das sicherlich älteste Instrument war die menschliche Stimme. In der Kunst finden sich unzählige Darstellungen des Gesangs (Bronzemedaille: „Der Gesang“ von Prof. Karl Ulrich Nuss (Sammlung OM)).
Abb. 1: Seit frühester Urzeit

 
Seit dem 9. Jh. gibt es Berichte aus der arabischen Welt über die Wirkung der Musik auf den Menschen und die Möglichkeiten der Heilung durch Musik (4, 7). Für Ibn Hindu, Arzt und Philosoph im 10. Jh., gehörte der Musiker sogar zu den medizinischen Heilberufen (4-7). In dem vom Mamelucken-Sultan Qalawun as-Salihi (1222-1290) gestifteten Krankenhaus in Kairo waren Musiker angestellt, um die Kranken in schlaflosen Nächten zu trös-ten (10). Außerdem wurden in der Blütezeit des Osmanischen Reiches als Heilmethode auch Makame, kunstvolle arabische Stegreifdichtungen, genutzt. Für insgesamt 12 Makame sind die genaue Indikation und Anwendung beschrieben (11). Mit der Übersetzung arabischer Medizin-Lehrbücher seit dem 11. Jh. fanden die Erkenntnisse über die therapeutische Wirkung von Musik den Weg ins Abendland (3). Im europäischen Mittelalter war es üblich, dass sich Mediziner auch mit Musik beschäftigten. Denn da die Musik zu den 7 freien Künsten (septem artes liberales) gehörte, mussten die angehenden Ärzte auch diese lernen (4, 6, 7). So war die Musik so etwas wie die „alte Schwester der Medizin“ (12). Auch in der Neuzeit galt der Zusammenhang zwischen Musik und Gesundheit als wichtig, es wurden allerdings neue Konzepte etabliert: Die Musik wird wie ein Medikament bei der Behandlung eingesetzt. Komponisten der Klassik wie Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) arbeiteten u.a. für Menschen aus reichem Hause – die öfter auch an Depressionen oder Migräne litten. Seine Musik wird bis heute bei verschiedenen vegetativen Störungen empfohlen (13).
 
Abb. 2: Neurobiologische Verarbeitung von Musik und ihre positiven Auswirkungen und Wechselwirkungen auf Schmerz, Stimmung, Entspannung und Angst (mod. nach (57)).
Lupe
Abb. 2: Neurobiologische Verarbeitung

 
In der Romantik wandelte sich das klassische medizinische Bezugssystem der Musik hin zum psychologisch ausgerichteten Schwerpunkt. Diese Denkweise findet sich auch bei Novalis (1772-1802): „Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem, die Heilung eine musikalische Auflösung“ (14).
 
Im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jh. wird die Bedeutung der Musik in der Therapie immer geringer, da ihr Nutzen und ihr Einfluss zwar immer wieder diskutiert werden, aber mit den aufkommenden naturwissenschaftlichen Methoden nicht nachgewiesen werden konnten, sondern eher dem Bereich des Individuellen und Emotionalen zugewiesen werden (15). Erst mit der Behandlung von traumatisierten Kriegsveteranen in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg gerät die therapeutische Wirkung von Musik wieder mehr in den Blickpunkt. In Deutschland nutzt als erste medizinische Einrichtung 1960 die Psychiatrische Klinik Leipzig die Musik als therapeutisches Behandlungskonzept. Es schließen sich im Laufe der Zeit viele Kur- und Rehakliniken an, die die Musik zur psychischen Unterstützung ihrer Patienten heranziehen (5). Daneben folgt der Einsatz von Musik in Ambulanzen und Arztpraxen als Teil eines integrativen Behandlungskonzepts, das auf den Gebieten Neurologie, Onkologie, Palliativmedizin, Strahlentherapie und Innere Medizin angewendet wird (16). Verdeutlicht wird dies auch in der offiziellen Definition von „Musiktherapie“ der Deutschen Gesellschaft für Musiktherapie (DGMT), die 1979 gegründet wurde: „Musiktherapie ist der gezielte Einsatz von Musik im Rahmen der therapeutischen Beziehung zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit.“ (DGMT 2016, http://www.musiktherapie.de/musiktherapie/definition.html). Der Musik als Therapeutikum wird dabei grundlegend eine gesundheitsfördernde Funktion bescheinigt (17). Gleichwohl kann die therapeutische Wirkung von Musik bei manchen Gruppen eingeschränkt sein, wie etwa bei Personen mit negativer Einstellung zu (einer bestimmten) Musik. Bei Berufsmusikern ist die therapeutische Anwendung durch mögliche Gewöhnungseffekte oder beruflich vorgefasste Denkmuster ebenfalls oft erschwert (18). Insgesamt lässt sich sagen, obwohl Musiktherapie offensichtlich gut tut und sich die positive Wirkung bei Krankheiten inzwischen durch Erkenntnisse aus der Hirnforschung auch wissenschaftlich nachweisen lässt, kämpft die Musiktherapie immer noch, besonders in der Medizin, um eine angemessene Stellung (4, 5).
 
 
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